Seit 2006 biete ich frei- und nebenberuflich statistische Beratungsleistungen an – und erhalte über diese Schiene immer wieder auch Anfragen von Studenten, die Unterstützung bei ihren Studien- oder Abschlussarbeiten brauchen. Wenn ich kann, helfe ich hier stets gerne weiter – habe aber immer wieder auch einen Grund, um mich so richtig zu ärgern…

Als ich vor sechs Jahren zusammen mit zwei Kollegen die HarzOptics GmbH ins Leben gerufen habe, waren unsere Forschungsaufträge noch so niedrig dotiert, dass ich mir über die Gründung der „Statistikberatung Reinboth” noch eine kleine Nebenverdienstmöglichkeit eingerichtet hatte (nicht wundern – die Webseite wurde seit Jahren nicht mehr angefasst). Übernommen habe ich damals vor allem Aufträge im Bereich der Medizin-Marktforschung und das Design von Fragebögen sowie Gutachten zur Repräsentativität von Erhebungen.

Da die Webseite bei Google nach wie vor gut gefunden wird, erhalte ich auch heute noch regelmäßig Anfragen, obwohl ich aufgrund meiner zahlreichen sonstigen Verpflichtungen kaum noch Aufträge übernehmen kann – bis auf die, die ich persönlich spannend finde, was wiederum eine äußerst angenehme Situation ist. Immer wieder fragen auch Studierende an, die Unterstützung bei Erhebungen und Auswertungen benötigen und denen ich – da es meist kaum Zeit kostet – gerne helfe; in aller Regel auch ohne dafür etwas in Rechnung zu stellen.

Aber – und das ist oft der Knackpunkt: Wenn es um Erhebungen für Seminararbeiten oder gar Abschlussarbeiten geht, erwarte ich selbstverständlich, dass der jeweilige Betreuer gefragt wird, ob er eine externe Hilfe gestattet. Das ist so gut wie niemals ein Problem, da etwa die statistische Auswertung von Erhebungen in vielen Studiengängen nicht oder nur am Rande thematisiert wird, Studenten und Betreuer sich aber trotzdem häufig vornehmen, Diplom- oder Bachelor-Arbeiten noch mit einer eigenen Erhebung „aufzupeppen”. Ich kann mich da etwa an eine Studentin der Kultur- und Musikwissenschaften erinnern, die für ihre Abschlussarbeit quasi zusätzlich zur eigentlich untersuchten Fragestellung noch Konzertgäste befragen wollte, und deren Professor keinerlei Probleme mit externer Unterstützung hatte.

Oft tauschen sich die Betreuer sogar direkt mit mir aus – derzeit habe ich etwa ein Projekt, bei dem der betreuende Professor sogar persönlich nach Wernigerode gefahren ist, um mit mir abzusprechen, wobei ich seinen Studenten unterstützen darf – und wobei nicht. Alles also überhaupt kein Problem, wenn alle Involvierten offen miteinander umgehen und ein gemeinsames Ziel verfolgen. Solche Projekte machen mir Spaß – man lernt interessante Leute kennen, befasst sich mit spannenden Fragestellungen und erweitert seinen Horizont. Obwohl ich aber noch nie erlebt habe, dass ein Professor eine objektiv wirklich sinnvolle Hilfestellung untersagt, mit der die Eigenständigkeit der Leistung (das ist natürlich wichtig) nicht untergraben wird, lässt sich nur etwa ein Drittel meiner Anfrager auf diese einfache Vorbedingung ein. In erschreckend vielen Fällen folgt auf meine Frage, ob der Betreuer mit der Hilfestellung einverstanden ist erst mal eine Schrecksekunde, an die sich dann eine der folgenden Fragen und/oder Vorschläge anschließt:

  • Muss denn der Betreuer wirklich gefragt werden? (Ja.)
  • Muss der Betreuer auch gefragt werden, wenn ich für die
    Beratung etwas bezahle?
    (Ja, dann natürlich erst recht.)
  • Wenn ich für die Beratung mehr als üblich bezahle – müsste
    dann der Betreuer trotzdem gefragt werden?
    (Oh ja.)
  • Wenn ich jetzt einfach am Telefon behaupten würde, dass mein Betreuer mit der Beratung einverstanden wäre – reicht Ihnen das dann nicht schon? (Wenn die Frage schon so gestellt wird, dann ganz sicher nicht…)
  • Wie viel müsste ich denn bezahlen, damit ich meinen Betreuer nicht fragen muss?
    (Mehr als dass es sich noch lohnen würde…)

Und so weiter und so fort. Meist kommt dann ein „Äääh….ja. Ich denke nochmal drüber nach und melde mich dann wieder.” Und das war es dann. Gestern hatte ich einen Anrufer, der von der Vorstellung, dass ich mit seinem Betreuer reden könnte so erschüttert war, dass er mich inständig bat, den Inhalt seiner Anfrage doch „bitte einfach zu vergessen”, mich vorsichtshalber noch daran erinnerte, dass solche Anfragen ja auch „rechtlich vertraulich” seien und ich somit zur Verschwiegenheit verpflichtet wäre – und dann schnell aufgelegt hat, bevor ich erwidern konnte, dass ich ja noch nicht mal genau weiß, an welcher Hochschule er eigentlich studiert. Ein typischer WTF-Moment, auf den ich gerne verzichtet hätte…

Solche Anrufe nerven. Sie kosten Zeit – vor allem dann, wenn man schon über das zu lösende Problem diskutiert hat. Und sie lassen mich immer wieder vermuten, dass es viel zu viele Studierende gibt, die im Internet nach irgendwelchen Abkürzungen suchen – schließlich kriege ich von den ganzen Anfragen ja nur einen Bruchteil ab und vermute außerdem mal, dass die, die bei mir abblitzen, sich direkt an den nächsten wenden. Und weil das verdammt schade ist und mir innerlich jedesmal weh tut, hier einige Hinweise für potentielle Anfrager:

  1. Die Planung, Durchführung und Auswertung einer statistischen Erhebung ist – auch wenn man die Thematik nicht im Studium behandelt hat – keine unüberwindbare Hürde. Vieles kann man sich anlesen – beispielsweise in den Foliensätzen aus meinen alten Statistik-Vorlesungen an der Hochschule Harz, die man sich hier kostenfrei herunterladen kann.
  2. Wenn ihr im Studium nie mit statistischen Fragestellungen konfrontiert wurdet, ihr (oder aber euer Professor) es aber dennoch für eine interessante Idee haltet, eine Abschlussarbeit noch durch eine empirische Untersuchung aufzuwerten (eigentlich nie verkehrt), habt ihr gute Chancen, dass euer Betreuer euch gestattet, dass ihr euch bei der Planung und Auswertung etwas unter die Arme greifen lässt. Entscheidend ist, dass ihr eurem Betreuer offen und ehrlich sagt, in welchen Bereichen ihr Defizite habt, wo ihr Unterstützung benötigt und worin eure Eigenleistung bei der Analyse besteht.
  3. Jede rechtlich saubere Betreuung setzt voraus, dass (a) die Betreuer informiert und einverstanden sind, (b) die Beratung in klaren Grenzen verläuft (Hilfe zur Selbsthilfe) und euch nicht so viel Arbeit abgenommen wird, dass die Hauptleistung nicht mehr bei euch liegt und (c) die Tatsache, dass eine Unterstützung stattfand, im Auswertungsteil der Arbeit vermerkt wird. Wenn diese Rahmenbedingungen eingehalten werden, ist alles in Ordnung. Jeder „Statistik-Berater”, der darauf keinen Wert legt oder euch anbietet, gegen ein höheres Entgelt mal über das eine oder andere „hinwegzusehen”, erweist euch und eurer Arbeit einen Bärendienst. Schlicht und ergreifend.

Zusammengefasst kann man sagen: Verhaltet euch bitte einfach anständig – dann könnt ihr auch ruhig schlafen und müsst euch nie irgendwelche Sorgen darüber machen, dass so eine „externe Beratungsnummer” doch irgendwann mal auffliegen könnte. Kernstück einer jeden wissenschaftlichen Abschlussarbeit ist die eigenständige Leistung – und die kann und darf man einfach nicht outsourcen. Ganz einfach. Vielen Dank.

Kommentare

  1. #1 cydonia
    27. April 2012

    :-))

  2. #2 ali
    27. April 2012

    Warum fragen diese StudentInnen bloss um Hilfe von der sie annehmen, dass sie sie nicht in Anspruch nehmen dürfen? Vielleicht bin ich einfach etwas seltsam, aber ich war an meinen Themen immer interessiert genug, dass ich auch den Ehrgeiz hatte, die Arbeit korrekt durchzuziehen. Spätestens nach dem Abitur war mir irgendwie klar, dass ich das alles aus Interesse mache (und es sonst wohl besser bleiben lassen sollte).

    P.S: Ich finde es übrigens sehr lobenswert, dass du solche Hilfe aus Spass an der Sache unentgeltlich leistest.

  3. #3 Christian Reinboth
    30. April 2012

    @ali: Tja – gute Frage, insbesondere da sie die Hilfe in praktisch allen Fällen ja sogar annehmen dürften – wenn es eben abgesprochen wäre. Aber warum suchen sich manche Leute einen windigen Promotionsberater oder kaufen eine Diplomarbeit im Internet…? Was die Unentgeltlichkeit der Hilfe anbelangt, muss ich übrigens ein wenig relativieren: Mal am Telefon ein Verfahren erklären oder sich mal eine Stunde Zeit nehmen um einen Fragebogen durchzugehen ist natürlich umsonst – wenn ich dann aber zig Stunden an Berechnungen sitze, lasse ich mir das schon bezahlen. Für so große Aufträge ist ja aber eh fast nie Zeit da…