ResearchBlogging.orgAnfang des Jahres hatte ich ja schon mal von den Plänen berichtet, am Wurmberg im nahegelegenen Braunlage (Niedersachsen) künstlich beschneite und beleuchtete Skipisten anzulegen, was mich – vor allem der Beleuchtung wegen – als Amateurastronom natürlich aktiviert hat. Inzwischen gibt es auch hier in Wernigerode bzw. Schierke (Sachsen-Anhalt) konkrete Planungen, den Winterberg an der Ostseite des Wurmbergs skitouristisch zu erschließen. Aber eignet sich der Harz überhaupt für den Einsatz von Kunstschnee?

Auf den von mir im Namen der Sternwarte Sankt Andreasberg verfassten Einspruch zu den Braunlager Beleuchtungsplänen wurde ich in den vergangenen Monaten mehr als einmal mit der Frage angesprochen, warum ich und andere Kritiker beider Projekte (wie etwa die Umweltschützer von BUND und NABU) uns eigentlich an Planungsaspekten wie etwa der Flutlichtbeleuchtung oder den geplanten Rodungen abarbeiten würden, anstatt uns mit dem auf beiden Seiten des Wurmbergs vorgesehenen Einsatz von Kunstschnee-Anlagen und deren Umweltauswirkungen zu befassen. Meine Antwort auf diese Frage war stets die gleiche: Weil ich von Kunstschnee und den damit verbundenen Umweltproblemen leider zu wenig verstehe.

Erfreulicherweise kam dann über den Journalisten Kai Rüsberg vom e:motion-Magazin (Themen: Elektromobilität und erneuerbare Energien) ein spannender Kontakt zum Gebirgszentrum der Universität in Savoyen zustande. Hier forscht die deutschsprachige (Promotion an der FU Berlin, Habilitation an der Uni Bonn) Wissenschaftlerin Prof. Dr. Carmen de Jong (man beachte die lange Liste an Veröffentlichungen zum Thema) seit 2006 zu den Auswirkungen künstlicher Beschneiung insbesondere auf den Wasserhaushalt sowie die Biodiversität in Skiregionen. Nachdem einige Gutachten und Planungsunterlagen ihr Interesse geweckt hatten, besuchte die Professorin auf Einladung von Dr. Friedhart Knolle (vom BUND Goslar) und mir vergangenen Monat den Harz und führte hier eine dreitägige Geländebegehung in beiden Ski-Planungsgebieten durch. Letzten Freitag präsentierte sie dann im vollbesetzten (das Thema interessiert deutlich mehr Leute, als ich zunächst vermutet hatte) Kurhaus von Sankt Andreasberg die ersten Ergebnisse dieser Begehung sowie der Analyse der bislang öffentlich zugänglich gemachten Planungsunterlagen.

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Prof. Dr. de Jong gemeinsam mit Mitgliedern des Wildfisch- und Gewässerschutzvereins Wernigerode e.V. sowie der Sternwarte Sankt Andreasberg e.V. auf dem Winterberg- Parkplatz, der Ausgangspunkt der neuen Piste zum Winterberg werden soll

Eine Zusammenfassung dieser Ergebnisse, die Prof. de Jong, Dr. Knolle und ich diese Woche gemeinsam für interessierte Wernigeröder Stadträte und Mitglieder des Kreistags Goslar verfasst haben, stelle ich heute – in leicht abgewandelter Form – auch hier im “Frischen Wind” ein. Es handelt sich dabei nicht – dies sei für alle mitlesenden Befürworter beider Projekte ganz ausdrücklich hervorgehoben – um den abschließenden Erkenntnisstand, vielmehr sind in den kommenden Monaten weitere Untersuchungen geplant, so etwa eine genaue Analyse der Pegelstände der Warmen und Kalten Bode aus den letzten 15 Jahren sowie der Schneehöhen auf dem Brocken seit 1990. Den einen oder anderen Aspekt dieser Untersuchungen werde ich – nachdem mich das ökologisch äußerst vielschichtige Thema Kunstschnee inzwischen schon sehr viel mehr interessiert als noch vor einigen Monaten – sicherlich auch noch hier im Blog beleuchten. Heute soll es aber erst mal um wesentliche offene Fragen zur Beschneiung sowie zu Auswirkungen auf den Wasserhaushalt im Harz gehen, die sich im Rahmen des Besuchs von Frau de Jong hier vor Ort ergeben haben…

Eignet sich der Harz klimatisch für die Produktion von Kunstschnee?

Bei der Produktion von Kunstschnee wird (meist zuvor gekühltes) Wasser durch Düsen in feinste Tröpfchen in die Luft gesprüht. Bei diesem Vorgang verdunstet ein Teil des Wassers, wodurch der Umgebungsluft die Wärme entzogen wird. Der Wärmeverlust führt wiederum dazu, dass die verbliebenen Wassertröpfchen gefrieren und in Form von „Eiskügelchen” als Kunstschnee zu Boden fallen. Dieser Kunstschnee ist mit natürlichem, kristallinen Schnee nur sehr bedingt zu vergleichen – er ist bis zu 4 x dichter und bis zu 50 x härter als natürlicher Schnee und enthält zudem deutlich mehr Wasser (vgl. de Jong 2011).

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Kommentare (15)

  1. #1 Fliegenschubser
    3. August 2012

    Sehr interessante und detaillierte Aufstellung. Danke dafür. Mich würde interessieren, wie die Befürworter der Projekte auf diese Bedenken reagieren…

  2. #2 Dr. Webbaer
    4. August 2012

    Gerade wegen der unabwendbaren Klimaerwärmung sind Vorhaben wie diese strikt destruktiv zu bearbeiten. Entsprechende Anlagen im Schwarzwald, im Sauerland, in den deutschen Alpen und aderswo sind ebenfalls zurückzubauen. Es gibt in D keine Hochalpen und es wäre in Anbetracht der o.g. Entwicklung nur realistisch hier einen Schlussstrich zu ziehen. – Danke für diesen ausgezeichneten und tief analysierenden Diskussionsbeitrag!

    MFG
    Dr. Webbaer

  3. #3 DerSilstedter
    4. August 2012

    Endlich zeigt mal jemand ein paar Probleme auf, wobei mir das wichtigste Problem (die Bezahlbarkeit) hier noch fehlt. Ich warte ja schon lange darauf, dass sich bei den Linken oder bei den Sozis mal einer rührt, aber das scheint ja wohl nicht mehr zu passieren…

  4. #4 BreitSide
    4. August 2012

    @Fliegenschubser: Da brauchst Du sicher nicht lange warten. Im Fred über die Beleuchtungsanlagen am Wurmberg kannst Du nachlesen, was denen alles einfällt.

    Da hat sich Christian sehr wacker schlagen müssen.

  5. #5 Christian Reinboth
    6. August 2012

    @Fliegenschubser: Die Argumente der Projekt-Befürworter lassen sich (abgesehen von der Debatte unter meinem Januar-Blogpost zum gleichen Thema) unter anderem hier nachlesen.

  6. #6 Andreas
    7. August 2012

    @Christian Schöner Artikel. Die Risiken sind imho korrekt benannt. Schade das Du nicht die bisherige Kritik an Deiner Argumentationskette aufgenommen hast. So entsteht der Eindruck Du ignorierst Quellen, die nicht Deine Thesen unterstützen.

    Zum Temperatur-Diagramm Brocken/Braunlage: Sind die letzten 12 Jahre unter dem Einfluß der NAO zu sehen?

  7. #7 Christian Reinboth
    7. August 2012

    @Andreas: Vielen Dank – es freut mich, dass wir uns zumindest mal in einigen Punkten einig zu sein scheinen. Welche Quellen hätte ich denn zusätzlich noch aufnehmen müssen? (Wobei es hier ja um eine Zusammenfassung der Ergebnisse von Frau de Jong geht, da bin ich in der Quellenwahl eh beschränkt – aber das kann man ja in den Kommentaren ausgleichen.)

    Zum Temperatur-Diagramm Brocken/Braunlage: Sind die letzten 12 Jahre unter dem Einfluß der NAO zu sehen?

    Die Durchschnittstemperatur in Braunlage (sowie auf dem Brocken) steigt erkennbar seit den 70ern dauerhaft an, was ja eine allein durch die Nordatlantische Oszillation beeinflusste Temperaturentwicklung ausschließen würde (falls das die Frage gewesen sein sollte).

  8. #8 Aaron W.
    8. August 2012

    Es zeigt sich sehr schön, wie doch der Mensch dem Klimawandel immer noch recht ignorant gegenüber steht. Anstatt das auszubauen, was der Tendenz eher förderlich ist, also schöne Wanderwege fernab von Wirtschaftswegen und allgemein mehr “Natur” (Bannwälder z.B.), versucht man natürlich das auszubauen, was kurzfristig mehr Profit zu bringen scheint. Nämlich die Wintersportindustrie, welche ja doch nicht gerade klein ist. Ich wage vorsichtig zu sagen, dass wir für dieses Verhalten früher oder später noch einmal eine Rechnung bezahlen müssen. Sei es nun total zerstörte und unattraktive Gebiete (ich kann Wintersportorten abseits der Alpen nichts abgewinnen) sowie wohl möglich auch noch (schwer) geschädigte Ökosysteme, die Jahre wenn nicht Jahrzehnte brauchen, um sich zu regenerieren. Es ist wohl nicht schwer erkenntlich, dass die Rechnung hierfür nicht die Menschen zahlen müssen, welche hierfür verantwortlich waren.

  9. #9 Joana
    8. August 2012

    Ja, soweit ich informiert bin, sollen weitere Kunstschnee-Anlagen folgen.

    Es wird meiner Meinung nach jedoch nicht gemacht, um “kurzfristig mehr Profit” zu erwirtschaften, sondern eher, um die Saison für den Tourismus zu erweitern.

    Könnte man im Harz keinen Winterurlaub machen, würde es bestimmt schlecht für den ansässigen Tourismus aussehen.

    Grüße
    Joana

  10. #10 Christian Reinboth
    8. August 2012

    @Joana: Das stimmt, im Grunde geht es bei den kritisierten Projekten in der Tat primär darum, die kürzer werdende Wintersaison zu verlängern und vor allem schneesicherer zu machen. Aber ist das nicht kurzsichtig? Wenn jetzt schon klar ist, dass die Sommer länger und die Winter kürzer und weniger schneesicher werden, so dass ich eines Tages gar nicht mehr ohne den Aufwand einer technischen Beschneiung Skiangebote aufrechterhalten kann – sollte ich dann nicht jetzt schon damit anfangen, mich an diese Veränderungen anzupassen und mein ökonomisches Heil eher im Sommertourismus zu suchen, anstatt zu versuchen, den Wintertourismus durch massiven Technikeinsatz irgendwie über die Zeit zu retten…?

  11. #11 Andreas
    8. August 2012

    @Christian: Betonung liegt auf die letzten 12 Jahre. Ein Kieler Klimaforscher hat sich ja vor ein paar Jahren weit aus dem Fenster gelehnt und gemeint bis ca 2015 soll es keinen Temperaturanstieg aufgrund des NAO geben. Die Grafik scheint ihm zumindest bis 2012 recht zu geben.

  12. #12 Andreas
    8. August 2012

    @Christian 20 Jahre bezeichnet man für eine Investition als sehr langfristig.

    mach mal Urlaub vom Rechner, sonst hast Du kurzfristig einen Burnout…

  13. #13 CGB
    15. August 2012

    Herzlichen Dank Herr Reinboth für die gute Dokumentation der Veranstaltung! Leider hat der Rat in Braunlage ohne dieses Wissen entschieden. Was sehr anschaulich wurde, sind die Folgen dieser Art von Investition in einen Schneetourismus, die wir als Laien uns nur sehr schwer vorstellen können. Die Kosten des Aufwandes und der Energie müssen über die Tagekarte wieder hereinkommen, bleiben die anvisierten Kunden aufgrund dessen aus, ist der wirtschaftliche Misserfolg mit allen Konsequenzen da. Die klimabedingten Verschiebungen der Niederschläge (weitere Daten sollen noch folgen) erhöht das Risiko, dass noch mehr Wasser aus den Zuflüssen der Bode entnommen wird. Immer mit dem Argument, nach den getätigten Investionen das System zu erhalten.
    Johann Wolfgang von Goethe > Der Zauberlehrling
    …Herr und Meister! hör mich rufen! –
    Ach, da kommt der Meister!
    Herr, die Not ist groß!
    Die ich rief, die Geister
    werd ich nun nicht los.

  14. #14 CGB
    15. August 2012

    Noch eine Bitte, könnten die weiteren eindringlichen Fotos und Diagramme von Frau Prof. de Jong, die auf der Veranstaltung gezeigt wurden, ins Internet gestellt werden? Ohne großen zeitlichen Aufwand, denn sie sprechen für sich. Herzlichen Dank und Gruß

  15. #15 Christian Reinboth
    15. August 2012

    @CGB:

    Leider hat der Rat in Braunlage ohne dieses Wissen entschieden.

    Viel trauriger ist ja noch, dass dies gar nicht nötig gewesen wäre, immerhin waren bei der Abschlussveranstaltung mit Prof. de Jong Vertreter des Stadtrats von Wernigerode, des Ortschaftsrats von Schierke, des Goslarer Kreistags, der Stadtverwaltung von Wernigerode und sogar des Landtags von Sachsen-Anhalt zugegen, ganz zu schweigen von der Presse und den zahlreichen Vereinen und Bürgern. Lediglich die Braunlager Verwaltung und Kommunalpolitik war ein Totalausfall, obwohl dort – ebenso wie an den Seilbahn-Betreiber – fleißig Einladungen verteilt wurden. Offenbar ist man in Braunlage in keinster Weise mehr bereit, auch nur über einzelne Aspekte des Vorhabens zu diskutieren…

    Immer mit dem Argument, nach den getätigten Investionen das System zu erhalten.

    Das ist ein Grundproblem. Selbst wenn die Aufnahme des Betriebs ohne größere Probleme möglich sein sollte, dürften sich in den kommenden fünf bis zehn Jahren allein schon durch die Temperaturverschiebung und das Parallelprojekt auf Seiten der Stadt Wernigerode fast schon zwangsweise Änderungen an den Parametern ergeben. Weniger für die Beschneiung geeignete Tage, mehr benötigte Befüllungen des Speichersees, längere Betriebszeiten zur Aufrechterhaltung der Rentabilität etc. pp.

    Noch eine Bitte, könnten die weiteren eindringlichen Fotos und Diagramme von Frau Prof. de Jong, die auf der Veranstaltung gezeigt wurden, ins Internet gestellt werden?

    Der vollständige Vortrag von Prof. de Jong kann ebenso wie der Bericht mit den vorläufigen Begehungsbefunden bei issuu.com eingesehen und heruntergeladen werden. Hier dazu noch die beiden Links:

    http://issuu.com/wurmberg-winterberg/docs/kunstschnee-im-harz (Vortrag)
    http://issuu.com/wurmberg-winterberg/docs/kunstschnee_im_harz (Bericht)

    Für Lesefaule gibt es übrigens inzwischen dank meines Blogkollegen Thomas Wanhoff sogar noch eine Audio-Version:

    http://www.scienceblogs.de/wissenschaft-zum-mitnehmen/2012/08/scienceblogs-podcast-christian-reinboth-und-die-schneekanonen.php

    Bzw. hier als mp3-Direktlink:

    http://wanhoffs-wissenschaft.podspot.de/files/scienceblogspodcast-2012-08-10.mp3

    Auf Wunsch können die Folien natürlich auch jederzeit per E-Mail bei mir abgefordert werden.