Demografiewoche

ResearchBlogging.orgNach dem ersten Blogpost zum doppelten demografischen Druck auf die Pflege, soll es im “Frischen Wind” mit einem zweiten Artikel weitergehen, der auf Rechercheergebnissen des erst kürzlich abgeschlossenen Projekts SEVIP&V (Sektorübergreifende Vernetzung in Pflege und Vorsorge) basiert. Diesmal wird die Frage im Vordergrund stehen, inwieweit Pflegekräfte überhaupt bereit sind, sich auf neue technologische Entwicklungen – etwa in den Bereichen AAL (Ambient Assisted Living) oder Telepflege – einzulassen.

Im Kontext der Arbeitswissenschaft ist die sogenannte Technikakzeptanz als „positive Annahme oder Übernahme einer Idee, eines Sachverhaltes oder eines Produktes […], und zwar im Sinne aktiver Bereitwilligkeit – und nicht nur im Sinne reaktiver Duldung“ definiert [Gaul et al. 2010, S. 1-2]. Ein akzeptiertes technisches Hilfsmittel ist demnach eines, das durch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur (ggf. sogar nur widerwillig) genutzt, sondern vielmehr begrüßt und aktiv eingefordert wird. Im Hinblick auf den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnik im beruflichen Umfeld finden Untersuchungen zu den Determinanten der Technikakzeptanz seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts statt, wobei insbesondere der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) und das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) maßgeblich zur Entwicklung dieses Forschungsfeldes beigetragen haben [vgl. Hübner et al. 2013, S. 21].

Hausnotrufsystem

Ein marktgängiges Hausnotrufsystem für die ambulante Pflege (in diesem Falle das der niedersächsischen Johanniter), präsentiert in der AAL-Musterwohnung der Wolfsburg AG (Foto: Christian Reinboth).

 

Das gegenwärtig meistgenutzte Akzeptanzmodell ist die im Jahr 2003 durch Ventatesh begründete und seitdem stetig weiterentwickelte Unified Theory of Acceptance and Use of Technology (UTAUT). Diese knüpft den zu erwartenden Grad der Akzeptanz neuer Technologien im beruflichen Umfeld an vier Determinanten: Die subjektive Nützlichkeit aus Sicht der Mitarbeiter (performance expectancy), die für diese zu erwartende Verminderung des Arbeitsaufwands (effort expectancy), die Erwartungen des sozialen Arbeitsumfelds (Arbeitskollegen, Kunden etc.) an die Nutzung der Technologie (social influence) und das Vorhandensein organisatorischer sowie technologischer Infrastrukturen, die eine Nutzung erst ermöglichen bzw. fördern (facilitating conditions). Je stärker diese Einflüsse ausgeprägt sind, umso größer ist die Bereitschaft von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, neue Technologien zu nutzen, wobei die individuelle Bedeutung der einzelnen Determinanten von Berufsfeld, Geschlecht, Alter, Technikerfahrung und zahlreichen anderen Faktoren bestimmt wird. Mit dem UTAUT-Modell lassen sich in der Praxis rund 70% der Varianz in der Nutzungsintention aufklären [vgl. Hübner et al. 2012, S. 21].

Im Hinblick auf die Technikakzeptanz in der Pflege hält sich seit vielen Jahren die falsche Vorstellung, Pflegekräfte seien wenig technikaffin (eine Annahme, die durchaus auch auf das Gesellschaftsbild von Frauen und Technik zurückzuführen ist) und hätten somit kein Interesse, sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen bzw. sich in diese einzuarbeiten. Tatsächlich sei sogar eine der wesentlichen Motivationen, überhaupt einen pflegerischen oder sozialen Beruf anzustreben der Wunsch, sich im späteren Berufsleben ausschließlich mit Menschen, nicht aber mit Technik beschäftigen zu müssen. Darüber hinaus werde die ablehnende Haltung zahlreicher Pflegekräfte von der Angst getrieben, perspektivisch durch Pflegerobotik verdrängt und zu reinen Kontrolleuren und Organisatoren einer weitgehend entmenschlichten Pflege degradiert zu werden.

Im Gegensatz zu vereinfachten Darstellungen, wie sie teilweise in der populärwissenschaftlichen Literatur zu finden sind, sind Fachkräfte jedoch sowohl in der ambulanten wie in der stationären Pflege neuen Technologien gegenüber durchaus aufgeschlossen. So zeigte eine im Jahr 2011 durch die Martin Luther-Universität Halle-Wittenberg im Rahmen eines gemeinsamen Projekts mit der Hochschule Harz durchgeführte Befragung von Pflegedienstmitarbeitern ein großes positives Interesse an der Arbeit mit neuer Pflegetechnik [vgl. Fischer-Hirchert et al. 2012, S. 67]. Auch die ein Jahr zuvor durch die Universität Heidelberg durchgeführte Studie BETAGT gelangte zu dem Schluss, dass die Annahme, Pflegekräfte würden neuer Technik – insbesondere aus dem IuK-Bereich – grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen, als Legende zu verwerfen ist.

Bei einer im Jahr 2012 von Haubner und Nöst durchgeführten Erhebung in der ambulanten Pflege ergab sich sogar, dass sämtliche befragten Pflegekräfte den bisherigen Technikeinsatz in der Pflege als Gewinn bewerteten. Keine der befragten Pflegekräfte gab dagegen an, sich neuen technischen Systemen aus grundsätzlichen Überlegungen heraus verweigern zu wollen [vgl. Haubner und Nöst 2012, S. 11]. Diese positive Grundeinstellung findet sich ebenso bei vielen Pflegekräften, die in Krankenhäusern beschäftigt sind [vgl. Hülsken-Giesler 2011, S. 13]. Wie im Rahmen unseres SEVIP&V-Projekts festgestellt werden konnte, ist das Interesse an der Nutzung neuer Technologien sogar so groß, dass nicht einmal die Fehlerhaftigkeit von Systemen (ein von uns befragter ambulanter Pflegedienstleister nutzt bereits eine mobile Dokumentations-Applikation für Smartphones, die jedoch häufig abstürzt, wodurch zeitraubende Neueingaben erforderlich werden) dazu führt, dass Pflegekräfte sich entsprechenden Neuerungen verweigern.

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Kommentare (13)

  1. #1 Dr. Webbaer
    29. Mai 2015

    Nichts gegen betont wissenschaftlich gehaltene Texte in diesem wissenschaftsnahen WebLog-Verbund ‘ScienceBlogs’, nichts gegen “Telepräsenzroboter”, Sturzerkennung und “Pflegerobben”, abär, so die Sicht des Schreibers dieser Zeilen, der auch Personen kennt, die in der Altenpflege tätig sind und waren, schwierig bleiben derartige Unterfangen und Zuarbeiten, weil die Alterspflege nicht unbedingt zur Automatisierung einlädt, oder?

    Wie schaut’s denn so generell in der Altenpflege mit den sogenannten neuen Medien aus, verbessert sich dort die Akzeptanzlage und das KnowHow der Gepflegten bundesdeutsch?

    MFG
    Dr. W

  2. #2 Christian Reinboth
    4. Juni 2015

    @Webbär: Die eigentliche Pflegearbeit lädt in der Tat nicht zur Automatisierung ein – die wäre zwar möglich, ist in unserem Kulturkreis (im Gegensatz etwa zu Japan) jedoch keine besonders erfreuliche Vorstellung. Was allerdings zur Automatisierung einlädt, sind die sich wiederholenden pflegefremden Tätigkeiten (vor allem Dokumentation, Logistik und Administration), die recht viel Arbeitszeit von Pflegekräften binden und insofern zur Verschärfung der personellen Situation beitragen. Die Akzeptanz von neuen Medien steigt in der Tat sowohl unter den Gepflegten als auch unter den Pflegenden mit dem Nachrücken späterer Generationen an, die in der eigenen Jugend (Pflegende) sowie im frühen Alter durch Enkel und andere Bezugspersonen (Gepflegte) stärker mit entsprechenden Medien in Kontakt gekommen sind. Dies wird die Pflege zukünftig sicher entlasten – allerdings sicher nicht in einem Maße, das zu einem Wegfall der aktuellen Überlastungsprobleme führt. Mit neuen Medien bzw. auch mit Social Media kann man sicher manches vereinfachen, eine Allzweckwaffe sind sie aber (leider) nicht.

  3. #3 Dr. Webbaer
    5. Juni 2015

    Der Schreiber dieser Zeilen kennt Ältere, die sich regelrecht in die Neuen Medien hineinstürzen, ist vielleicht auch die geeignete Beschäftigung für Altvordere um herauszufinden, was alles falsch gemacht worden ist, zuvor; wobei “der Webbaer”, bitte ohne deutsche Umlaute, hier schon vglw. früh begonnen hat.
    Bei “Pflegerobben” und ähnlichem weiß Ihr Kommentatorenfreund nicht so recht.
    MFG + weiterhin viel Erfolg (vom direkten politischen Engagement, vom bundesdeutsch-parteipolitischen, einmal abgesehen)

  4. #4 Bullet
    5. Juni 2015

    wau … das Bärchen hat ja das Wort “deutsch” mal korrekt tippen können…

  5. #5 Wilhelm Leonhard Schuster
    9. Juni 2015

    Ohne den Bulletschen Kommentar gelesen zu haben, ist mir selbiges auch sofort aufgefallen.
    Jedenfalls positiv :Das Baerle ist nicht, wie von mir befürchtet, in Putinscher Pfotenfalle hängengeblieben.
    Hier zum Thema: Ich habe, ein Altersheim (ev.geführt) besuchen wollend, vor ca 2 Jahren , folgendes erlebt:
    Eine alte Dame, deren jugendliche Schönheit und Intelligenz man noch erahnen konnte, kroch, “auf allen Vieren” aus dem Hause, 1o Meter in den Vorhof. Ja wohin denn?, fragte ich .

    “ICH WILL HEIM, ICH WILL HEIM!”

    Die flehendlich, bittende Antwort.

    Ich habe selbstverständlich die Heimleitung (des von außen gesehen gut geführten Hauses), sofort benachrichtigt,und dieser, keinen Vorwurf gemacht.
    Nähere Umstände kenne ich nicht!
    Hier aber die Frage :Was ist besser: Die Dame im Zimmer einsperren , oder teure Technik anwenden, die das eigentliche Problem aber eher verschlimmert ?
    Grundsätzliches Problem: Die Heimkosten sind für
    “geldlich sozial schwache”, zu hoch.
    Die Dame, die ich besuchte, wollte “ähnlich heim” in ihr Anwesen. Ihre Tochter hatte, aus “gewissen Umständen” ,
    vor einiger Zeit, die Vormundschaft über ihre Mutter abgegeben.
    Sie hat nun, nach Erledigung dieser Umstände, die Vormundschaft zurückhaben wollen und ihre Mutter, in das dieser (ca 85 Jährigen) gehörende Anwesen zurückholen wollen.
    Der Gesetzgeber, hat dieses verweigert , da die Wohnverhältnisse in dem Hause der Mutter eine gebührende Pflege nicht gewährleiste.
    Folge: Das Heim belastet das Anwesen der Mutter mit den Heimkosten,
    so, daß sich ca 45000.- Euro Schuld für das Anwesen anhäufen.
    Die Tochter wird also ihr Erbe und ihre Existenzgrundlage wahrscheinlich verlieren.
    In solchem Falle fragt man sich, inwieweit sich der “Gesetzgeber” in urprivates einmischen sollte.
    Ich hätte, als Richter, die Zwei , “Mutter und Tochter” ,
    in IHREM Hause eben wuiseln lassen!
    Wenn bei den “Alten” was zu “holen” ist,
    so wird dieses eben getan.
    (Versteigerungswert des Anwesens ca 70 bis 80 Tausend.
    Tatsächlicher Wert, da mit Sicherheit in Kürze, mitten im Ort, “Bauland” in jener Lage, ca 500 bis 600 Tausend E.
    bei ca 6000 m2 !)

    NB. Die Vormundschaft hatte das Anwesen, ohne Benachrichtigung der erbberechtigten Tochter zwischenzeitlich bereits verkauft um die Heimkosten abzudecken .
    Es ist dies ein “laufendes Verfahren”!

  6. #6 Dr. Webbaer
    10. Juni 2015

    Keine schöne Geschichte, Herr Schuster, leider kann es in der Alterspflege zu Dramen kommen.
    Stichwort: Vormundschaftsproblematik

    Ansonsten, Herr Schuster, Sie sind doch geschätzt Bj, 1915, haben’S schon a Pflegerobb dahoam?

    MFG + SCNR
    Dr. W

  7. #7 Wilhelm Leonhard Schuster
    10. Juni 2015

    @Dr. Webbaer , mein Corpus “wacklet” manchmal zwar gar mächtig, ich bin, bisher, aber noch nicht umgefallen .
    Dahoam, is bei mir, immer noch Dahoam: “aloan”, – auch wenn mir die “Hausordnung” die ich tätigen muß , in der Tat zunehmend , wegen des nicht mehr so stark pumprigen “Pumprorgans”, schwerer fällt!
    “Pflegeropp” möchte ich vermeiden.
    Ich habe immer, die verzweifelt, kriechende , herzzerreißend
    bittende Dame vor Augen.
    Derartiges möchte ich mir ersparen!
    Ich hatte mal einen “Pensionsnachbarn” der mir 3 Tage vor seinem Tode, durch die Mauer, anlastete, ich wäre Schuld an der Niederlage Deutschlands gewesen.(Ich, Jahrgang 32)!
    (Ich hatte nie mit dem Manne gesprochen).
    Der Mann (ich weiß nichts über seinen Lebensweg), lief, mitten in kalter Winternacht, auf den Friedhof, damit ihn keiner dort hat hintragen müssen.-!Um dort zu sterben!
    Ich, allein gelebt, allein gedacht, allein gelitten
    (wegen Deutschlands Niederlage)
    nicht allein geschuftet, ab 47 bei Hungerlohn, auf daß Deutschland wiedererstehe,
    möchte auch allein sterben.
    Was mich überraschte,: Der Dekan, der mich als Bub geohrfeigt hat,(vielleicht zu recht) weil ich nicht zur Kirche ging,
    bat mich, ca 25 Jahre später, ich möge IHM, in seiner Todesstunde helfen.
    Ob ich dem Wunsche nachkommen konnte, weiß ich nicht genau.
    Verdient hätte er ´s!
    Mir wird, wahrscheinlich, niemand nachweinen.
    Mein Grabstein, ein Millionen Jahre altes Stück versteinertes Holz, aus Heimaterde gewachsen ,schau ich jetzt vor mir stehend an.(ca 150 mm hoch und 70mm im Quadrat).
    Wunderschön und interessant daran ist:
    Oben ein kleines Kreuz, weiß, (Quarz?) eingelegt von Natur,
    deutlich sich abhebend vom Braun des übrigen Steines.

  8. #8 Dr. Webbaer
    14. Juni 2015

    Was Sie so schreiben, Herr Schuster, klingt so unweltlich und unweise nicht, ob früher alles besser war, bleibt natürlich eine Frage, auch belegen Anekdoten nur punktuell, zeigen Mögliches auf, stellen keine belastbare bereit Erfahrungslage dar.
    Halten Sie sich gerne weiterhin von Pflegerobben fern, alles Gute,
    MFG
    Dr. W

  9. #9 Dr. Webbaer
    14. Juni 2015

    *
    keine belastbare breite Erfahrungslage

  10. #10 Christian Reinboth
    20. Juni 2015

    @Webbär: Mit der negativen Einstellung zur Pflegerobbe ist der Webbär ja ausnahmsweise mal genau einer Meinung mit einer bekannten linken SPIEGEL-Kolumnistin:

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/sibylle-berg-ueber-den-umgang-mit-alten-menschen-a-1031528.html

    Persönlich empfinde ich die Robben ja als durchaus angenehm – und entgegen falscher Vorstellungen auch bei Frau Berg sollen sie ultimativ ja weder die Pflege ersetzen, noch den menschlichen Kontakt, der lediglich ergänzt werden muss, da das Idealbild einer 24-Stunden-Betreuung für jeden älteren Menschen in der Realität leider kaum umsetzbar sein wird. Vielleicht muss man Paro aber auch einfach mal im Arm gehabt haben, um sie zu mögen…

  11. #11 Dr. Webbaer
    21. Juni 2015

    Sibylle Berg gilt nicht als ‘links’, sondern als nonkonform bei erkennbar liberalem Hintergrund.
    Ansonsten sollte dem Einsatz von Anwendungen der Informationstechnologie in der Alterspflege auch nicht grundsätzlich gegengeredet werden.
    Die Pflegerobbe hat aber etwas unsympathisch Ersetzendes…

    MFG
    Dr. W (‘Webbaer’ – keine deutschen Umlaute bitte)

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