Besonders wichtig fand ich den Vortrag aus Münster von M. Lienesch, die über die ziemlich untererforschte aber forensisch sehr relevante Körperflüssigkeit „Präejakulat“ sprach. Wenn es z.B. bei einem Sexualdelikt nicht zu einer Ejakulation kommt, können dennoch Spuren von Präejakulat vorhanden sein. Nach heutigem Verständnis enthält dieses keine Spermien und einige der verfügbaren Vortests auf Sperma reagieren negativ auf Präejakulat. Dennoch enthält es ausreichend DNA um einen Täter identifizieren zu können. In der Studie aus Münster wurde Präejakulat von 65 Männern systematisch untersucht, um besser zu verstehen, welche Methoden sich zu seinem Nachweis eignen; erste Untersuchungen des Proteoms (der Gesamtheit der Proteine) zeigten, daß sich Präejakulat hierin deutlich von Sperma unterscheidet, so daß sich dadurch ggf. Ansätze für eine eigene, spezifische Nachweismethode für Präejakulat ergeben können.

Nicht über RNA und Körperflüssigkeiten sondern über die skelettierten Überreste der Anna Maria Karolina (1696-1750) im Wittelsbacher Grabmal im Münchner Dom, das 2023 geöffnet wurde, sprach die Kollegin M. Diepenbroek aus München. Sie hatten einen Zahn, einen Mittelfußknochen, eine Rippe und ein Stück vom Oberschenkel mit modernsten Methoden untersucht, dabei auch die mitochondriale DNA einbezogen und herausgefunden, daß der Schädel im Grab zu einem Mann gehört hatte. Die Untersuchung des Fußknochen, der weiblich war, zeigte eine Verwandtschaft zu dem Schädel. Die Rippe und der Oberschenkel gehörten anscheinend zu einer dritten weiblichen Person.

Zum ersten Mal gab es übrigens, um das Programm etwas zu entzerren und mehr Raum für Diskussion zu schaffen, auch die Möglichkeit, Präsentationen im Posterformat darzubieten. Es waren fünf an der Zahl, die gut angenommen wurden und auf großes Interesse stießen. Folgerichtig wurden dieses Mal nicht nur einer sondern zwei gleichwertige Peter-Schneider-Young-Scientist-Awards für den besten Vortrag und das beste Poster vergeben:

Den Vortragspreis erhielt R. Wagner aus Berlin für „Identifizierung und Zuordnung von Körperflüssigkeiten in DNA-Mischspuren mittels MSRE-PCR und SNP-Analyse“, der Posterpreis ging an J. Schulte aus Basel für „Bewertung des Einflusses genetischer Variabilität auf den Cannabiskonsum im verkehrsrelevanten Kontext“.

Übrigens/natürlich war auch meine eigene Gruppe wissenschaftlich wieder im Programm vertreten. Felix, der Noch-Masterand, der nun kurz vor dem Abschluß seiner Arbeiten steht, erklärte, wie heterogen die Zusammensetzung von Hautabriebspuren, die im Zentrum der Forschung zu DNA-Transfer stehen, ist und demonstrierte, wie schwierig und aufwendig es ist, standardisierte, reproduzierbare Hautabriebspuren experimentell herzustellen, um Laborvergleiche, die Kathrin als Teil ihrer Arbeit organisiert, mit möglichst gleichen Startbedingungen zu ermöglichen.

Ich selbst hielt keinen im eigentlichen Sinne wissenschaftlichen Vortrag über aktuelle Forschung, sondern sprach aus gegebenem Anlass (später dazu vielleicht mehr) warnend über „Faking Science – Raubjournale, gefälschte Artikel und KI-Betrug“, die eine sehr ernste und wachsende Gefahr für die Wissenschaft und ihre Glaubwürdigkeit darstellen.

Außerdem war ich, zusammen mit Kathrin, die inzwischen wirklich zur Expertin geworden ist, einer der Referenten der Fortbildung „Indirekte DNA-Übertragungen und das „Activity Level“ in der Spureninterpretation“, zu der wir, neben der inzwischen sehr bewährten Richterin vom Münchner Landgericht M. Bogner, auch den Strafverteidiger F. Mello eingeladen hatten, um darzustellen, was Verteidiger zu diesem Aspekt wissen, wissen wollen, verstehen müssen, fragen werden und kritisch sehen. Eine, wie ich fand aber auch aus den Evaluationen hervorging, sehr gelungene und wichtige Veranstaltungen und Kathrin hat ihr Debut sehr gut gemacht.

Mit den üblichen Schlußworten ging dann am Samstagmittag der 46. Spurenworkshop in Greifswald, oder „Griffinwood“, wie ich zu sagen pflegte, zuende und ich kam nach langer Zugfahrt mit Umstieg in Berlin um ca. Mitternacht wieder in Köln an. Schön war’s und wie immer gab es viel Gelegenheit, Neues zu lernen, Bekanntes zu vertiefen und neue Ideen zum Ausprobieren zu entwickeln. Außerdem habe ich natürlich wieder viele nette Menschen, bekannte

“Er” war natürlich auch wieder da. Und hat immer noch einen Top-Shirtgeschmack;  v.l.n.r.: yours truly, mein alter Padawan Jan

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