Ende Februar findet jedes Jahr der Spurenworkshop der Spurenkommission der DGRM statt.

Zur Erinnerung: Der historische Zweck des Spurenworkshops war, die Ergebnisse der beiden jährlichen GEDNAP-Ringversuche für forensisch-molekularbiologische Labore vorzustellen und zu diskutieren.  Inzwischen ist die Veranstaltung, die tatsächlich einmal als ganz kleiner Workshop ihren Anfang nahm, aber zu einer großen internationalen Tagung mit Hunderten Teilnehmern und zahlreichen Industrieausstellern geworden, auf der auch immer etliche wissenschaftliche Vorträge präsentiert und Fortbildungsveranstaltungen angeboten werden und seit 2024 steht nun auch ein „neuer“ Ringversuch und die Diskussion von dessen Ergebnissen im Zentrum.

Das letzte Mal waren wir in Salzburg wo meine Doktorandinnen Kathrin und (damals noch, inzwischen ist sie Dr.) Annica und der Masterstudent Felix zu ersten Erkenntnissen aus unserem DFG-geförderten Projekt zu DNA-Transfer, zur Depositionstageszeitbestimmung von Blutspuren anhand der mRNA-Expression und dazu, wie man mittels „shinyApp“ und rfu-tot-Methode DNA-Anteile von individuellen Beiträgern zu einer Mischspur quantifizieren kann.

Dieses Jahr ging es also nach Greifswald. Weiter weg in Deutschland geht es kaum. Selbst von Kiel aus braucht man, wie ich mich noch erinnere, viele Stunden, von Köln aus waren es mit der Deutschen Bahn (einschl. Verspätung) deutlich mehr als derer 8. Die Schweizer und Österreicher Kollegen waren meist erst nach Berlin geflogen und mussten von da aus noch stundenlang mit dem Zug fahren. Doch es hat sich gelohnt!

Die Greifswalder Rechtsmedizin und deren Gruppe für Forensische Genetik, geleitet von der geschätzten Kollegin A. Klann, ist eine der kleinsten in Deutschland und dennoch – und die ganze Community war sehr dankbar und voller Anerkennung dafür – haben sie sich bereit erklärt, den gewaltigen Aufwand, eine Tagung wie den Spurenworkshop zu organisieren, auf sich zu nehmen. Und, das nehme ich vorweg, sie haben es ganz toll gemacht!

Auch Greifswald als Städtchen – zumal wir mit dem Wetter Glück hatten – ist wirklich ganz charmant und einen Besuch wert, zumindest, wenn man dort in der Nähe unterwegs ist, z.B., weil man Urlaub auf Rügen oder dem Darß macht.

Ich hatte leider nicht viel Zeit, rumzulaufen und mir etwas anzusehen, immerhin für eine kleine private Führung durch einen Bootsbaubetrieb hat es gereicht:

das Ding, auf dem das Boot steht, ist übrigens eine Slipanlage B)

Nach den Fortbildungen am Donnerstag und den Hersteller-Symposien am Freitagmorgen (drei der für unsere Community besonders wichtigen Firmen veranstalten traditionell jeweils ein Symposium für Anwender, bei dem sie neue Produkte vorstellen, beim Troubleshooting helfen und wo aber auch Wissenschaftler auftreten und unabhängig von der Firma über Tests und Validierungen der Produkte berichten – die Teilnehmer teilen sich dann jeweils auf die Symposien auf) begann am Mittag das wissenschaftliche Programm.

Für eigentliche Wissenschaftsvorträge war am Freitag fast keine Zeit, denn zuerst wurden die Ergebnisse des TrACE-Ringversuchs vorgestellt, dann stellten sich alle Posterautoren (s.u.) und danach alle Herstellerfirmen, die jeweils ihren eigenen Stand hatten, mit Minivorträgen vor.

Anschließend gab es zwei interessante Vorträge zur DNA-Analyse aus Einzelzellen mit unterschiedlichen Schwerpunkten und yours truly sprach ein paar düstere Worte der Warnung (s.u.). Den Abschluß des Tages bildete ein neues „Format“, wie man heute wohl sagt, getestet, denn es gab erstmals einen monothematischen Block mit anschließender Podiumsdiskussion zum Thema: „Erfahrungsaustausch zur Auswahl und Priorisierung von Spuren“.

Der Hintergrund hierzu ist, daß, einfach gesagt, an Tatorten durch die Polizei mehr Spuren gesichert werden, als mit der verfügbaren Laborkapazität durch die LKÄ abgearbeitet werden können. Vertreter verschiedener KÄ, einer Privatfirma und eines rechtsmedizinischen Instituts erläuterten in kurzen Vorträgen, wie sich das Spurenaufkommen zusammensetzt, wie häufig bestimmte Spurenarten erfolgreich bearbeitet werden können (so, daß ein auswertbares DNA-Profil erstellt werden kann), wie sie mit der hohen Spurenlast umgehen, z.B. in dem sie „Priorisierungsalgorithmen“ verwenden aber auch, in dem Polizisten und Spurensicherer geschult und dafür sensibilisiert werden, daß eine rationales Verfahren zur Reduzierung sehr wahrscheinlich unauswertbarer Spuren schon am Tatort umgesetzt wird. Als hilfreich hat sich auch die Rückmeldung an Spurensicherer erwiesen, wie gut/schlecht bestimmte Spuren, die sie gesichert hatten, auswertbar waren.

Das ist ein sehr relevantes Thema, das aber auch eine politische Note hat, denn während viele LKÄ ihre Arbeitslast nicht mehr bewältigen können, gibt es in vielen rechtsmedizinischen Instituten einen Mangel an Spuren zum Untersuchen – was Einkünfte für die Institute/Unikliniken erzeugt – aber auch, um daran nachwachsende forensische Genetiker auszubilden – eine besonders schlimme Folge dieser beklagenswerten Zustände haben wir vor ein paar Jahren in Berlin gesehen. Die LKÄ schreiben dann „Spurenpakete“ aus, wie es heißt, und externe Institute können sich darum „bewerben“, diese zu einem vereinbarten Preis „abzuarbeiten“. Leider sind in Deutschland auf diesem „Markt“ auch Privatlabore (mit ausschließlich kommerziellem Interesse an der Renditemaximierung) als Bewerber zugelassen und oft können rechtsmedizinische Institute, die ja auch Forschung und Lehre leisten (,die kein Geld bringen sondern kosten,) mit den Kampfpreisen der oft hochgradig automatisierten Privaten nicht mithalten. Hierzu zitiere ich nochmal einen Kommentar aus der SZ:

„Es ist zu befürchten, dass kommerzielle Anbieter, die im Unterschied zu einem Unilabor viel stärker auf den Preis achten müssen, sich diese Mühe nicht leisten können. Wer das billigste Angebot einhalten muss, könnte umso öfter zurückmelden, dass die Probe leider unauswertbar sei.“

Eine, wie ich persönlich finde, sehr unglückliche und im Interesse der Integrität der Strafverfolgung auch eigentlich untragbare Situation. An Dänemark, wo man die Idee, daß Privatlabore eine solch wichtige, hoheitliche Aufgabe durchführen, zurecht absurd findet, sieht man, daß es auch anders geht: da werden alle (!) Untersuchungen in der Forensischen Genetik der Rechtsmedizin Kopenhagen durchgeführt;  an der „Forensik-Katastrophe“ derzeit in Großbritannien sieht man hingegen, was passiert, wenn man den Prozess der Privatisierung nicht stoppt und am besten umkehrt

“Over 80% of external forensic services are now provided by a single large company Eurofins. This comes with risks: for the range and quality of service provision; for the stability of forensic science in the UK should Eurofins exit the market; and for the Forensic Science Regulator who may be unwilling to impose sanctions on a near-monopoly provider.”

(besagte Fa. hat sich vor einer Weile übrigens sogar hacken lassen und am Ende ein Lösegeld bezahlen müssen, um wieder an ihre Daten zu kommen, was damals unfassbarerweise nicht zu einem Umdenken geführt hat). Ich hoffe sehr und für uns alle, daß Deutschland nicht (weiter) diesen Weg geht und seine Institute für Rechtsmedizin und deren Bereiche für Forensische Molekularbiologie besser fördert, schützt und finanziert.

Mit diesem Themenblock endete der Freitag und am Samstag dann war ich ganz in meinem Element, denn es gab viele Vorträge zur Identifikation von Körperflüssigkeiten, einige davon mittels der forensischen RNA-Analyse.

Ein Vortrag von N. Clemens kam aus meiner alten Gruppe in Kiel, die ebenfalls forensische RNA-Analyse in der Fallarbeit nutzen. Hier stellten sie ihre Fortschritte bei der Entwicklung einer auf der Analyse von RNA-SNPs beruhenden Methode vor, um die Körperflüssigkeit „Speichel“ nicht nur in Mischungen von Körperflüssigkeiten identifizieren, sondern auch einer bestimmten Person zuordnen zu können (mit dem Standardverfahren, das auch wir hier nutzen, geht das nämlich nicht) und zwar ohne eine aufwendige, teure massiv-parallele RNA-Sequenzierung vornehmen zu müssen.

E. Hanf aus Ulm, eine weitere Gruppe, die die forensische RNA-Analyse auch in der routinemäßigen Fallarbeit einsetzt, präsentierte Ergebnisse zum Vergleich zweier Methoden – Kapillarelektrophorese und MPS – für die Analyse von mRNA und miRNA (meiner alten Liebe) zur Identifikation forensisch relevanter Körperflüssigkeiten (BFI). Damit steht sie in guter Ulmer Tradition, denn die Ulmer beschäftigen sich schon länger damit, die Qualitäten von mRNA und miRNA in der BFI zu kombinieren. Es zeigte sich, daß sich auch mit MPS mRNA/miRNA sehr gut analysieren lassen, sogar bei länger gealterten Proben. In einigen Aspekten ist der MPS-Ansatz der CE sogar überlegen und weniger störanfällig (auf den Preis, das darf ich an dieser Stelle sagen, trifft das allerdings nicht leider nicht zu, da MPS immer noch prohibitiv teuer ist).

Besonders wichtig fand ich den Vortrag aus Münster von M. Lienesch, die über die ziemlich untererforschte aber forensisch sehr relevante Körperflüssigkeit „Präejakulat“ sprach. Wenn es z.B. bei einem Sexualdelikt nicht zu einer Ejakulation kommt, können dennoch Spuren von Präejakulat vorhanden sein. Nach heutigem Verständnis enthält dieses keine Spermien und einige der verfügbaren Vortests auf Sperma reagieren negativ auf Präejakulat. Dennoch enthält es ausreichend DNA um einen Täter identifizieren zu können. In der Studie aus Münster wurde Präejakulat von 65 Männern systematisch untersucht, um besser zu verstehen, welche Methoden sich zu seinem Nachweis eignen; erste Untersuchungen des Proteoms (der Gesamtheit der Proteine) zeigten, daß sich Präejakulat hierin deutlich von Sperma unterscheidet, so daß sich dadurch ggf. Ansätze für eine eigene, spezifische Nachweismethode für Präejakulat ergeben können.

Nicht über RNA und Körperflüssigkeiten sondern über die skelettierten Überreste der Anna Maria Karolina (1696-1750) im Wittelsbacher Grabmal im Münchner Dom, das 2023 geöffnet wurde, sprach die Kollegin M. Diepenbroek aus München. Sie hatten einen Zahn, einen Mittelfußknochen, eine Rippe und ein Stück vom Oberschenkel mit modernsten Methoden untersucht, dabei auch die mitochondriale DNA einbezogen und herausgefunden, daß der Schädel im Grab zu einem Mann gehört hatte. Die Untersuchung des Fußknochen, der weiblich war, zeigte eine Verwandtschaft zu dem Schädel. Die Rippe und der Oberschenkel gehörten anscheinend zu einer dritten weiblichen Person.

Zum ersten Mal gab es übrigens, um das Programm etwas zu entzerren und mehr Raum für Diskussion zu schaffen, auch die Möglichkeit, Präsentationen im Posterformat darzubieten. Es waren fünf an der Zahl, die gut angenommen wurden und auf großes Interesse stießen. Folgerichtig wurden dieses Mal nicht nur einer sondern zwei gleichwertige Peter-Schneider-Young-Scientist-Awards für den besten Vortrag und das beste Poster vergeben:

Den Vortragspreis erhielt R. Wagner aus Berlin für „Identifizierung und Zuordnung von Körperflüssigkeiten in DNA-Mischspuren mittels MSRE-PCR und SNP-Analyse“, der Posterpreis ging an J. Schulte aus Basel für „Bewertung des Einflusses genetischer Variabilität auf den Cannabiskonsum im verkehrsrelevanten Kontext“.

Übrigens/natürlich war auch meine eigene Gruppe wissenschaftlich wieder im Programm vertreten. Felix, der Noch-Masterand, der nun kurz vor dem Abschluß seiner Arbeiten steht, erklärte, wie heterogen die Zusammensetzung von Hautabriebspuren, die im Zentrum der Forschung zu DNA-Transfer stehen, ist und demonstrierte, wie schwierig und aufwendig es ist, standardisierte, reproduzierbare Hautabriebspuren experimentell herzustellen, um Laborvergleiche, die Kathrin als Teil ihrer Arbeit organisiert, mit möglichst gleichen Startbedingungen zu ermöglichen.

Ich selbst hielt keinen im eigentlichen Sinne wissenschaftlichen Vortrag über aktuelle Forschung, sondern sprach aus gegebenem Anlass (später dazu vielleicht mehr) warnend über „Faking Science – Raubjournale, gefälschte Artikel und KI-Betrug“, die eine sehr ernste und wachsende Gefahr für die Wissenschaft und ihre Glaubwürdigkeit darstellen.

Außerdem war ich, zusammen mit Kathrin, die inzwischen wirklich zur Expertin geworden ist, einer der Referenten der Fortbildung „Indirekte DNA-Übertragungen und das „Activity Level“ in der Spureninterpretation“, zu der wir, neben der inzwischen sehr bewährten Richterin vom Münchner Landgericht M. Bogner, auch den Strafverteidiger F. Mello eingeladen hatten, um darzustellen, was Verteidiger zu diesem Aspekt wissen, wissen wollen, verstehen müssen, fragen werden und kritisch sehen. Eine, wie ich fand aber auch aus den Evaluationen hervorging, sehr gelungene und wichtige Veranstaltungen und Kathrin hat ihr Debut sehr gut gemacht.

Mit den üblichen Schlußworten ging dann am Samstagmittag der 46. Spurenworkshop in Greifswald, oder „Griffinwood“, wie ich zu sagen pflegte, zuende und ich kam nach langer Zugfahrt mit Umstieg in Berlin um ca. Mitternacht wieder in Köln an. Schön war’s und wie immer gab es viel Gelegenheit, Neues zu lernen, Bekanntes zu vertiefen und neue Ideen zum Ausprobieren zu entwickeln. Außerdem habe ich natürlich wieder viele nette Menschen, bekannte

“Er” war natürlich auch wieder da. Und hat immer noch einen Top-Shirtgeschmack;  v.l.n.r.: yours truly, mein alter Padawan Jan

und neue, getroffen, was mich stets besonders freut. Nächstes Jahr geht es dann nach Münster. Nach… Westfalen…. Ich (Rheinländer) habe mir vorgenommen, trotzdem hinzufahren! Alles für die Wissenschaft!😉 (Es schließt sich dann auch der Kreis, denn mein allererster Spurenworkshop, damals 2009, lange vor dem Start dieses Blogs, war auch in Münster).

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