Der Artikel ist Teil einer Serie zum Buch ”Die Himmelsscheibe von Nebra – Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas”* von Harald Meller und Kai Michel. Die restlichen Artikel der Serie findet man hier.
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Die faszinierende Himmelsscheibe von Nebra aus der Bronzezeit ist eines bedeutsamsten geschichtlichen und wissenschaftlichen Objekte das wir je aus der Erde geholt haben. Warum das so ist hab ich in den ersten 11 Teilen meiner Serie schon erklärt (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11).

Wer hat dieses Ding gebaut! (Bild: Dbachmann, CC-BY-SA 3.0)

Es geht bei der Himmelsscheibe aber nicht nur um Astronomie. Es geht auch um die Frage, welche Gesellschaft vor fast 4000 Jahren in der Lage war, so ein Objekt zu erschaffen. Das in ihr verschlüsselte Wissen ist nur für eine Hochkultur von Nutzen und es braucht eine Hochkultur, um dieses Wissen zu gewinnen. Aber in Mitteldeutschland gab es keine Hochkultur in der Bronzezeit. Die waren in Ägypten oder Mesopotamien. Irgendwer muss die Himmelsscheibe aber ja geschaffen haben. Also machen sich Harald Meller und Kai Michel in ihrem Buch auf die Suche nach dem Reich der Himmelsscheibe. In Teil 12, Teil 13 und Teil 14 meiner Artikelserie habe ich ja schon über die Erkenntnisse gesprochen die zur Entdeckung des “Reichs von Aunjetitz” geführt haben. Eine Kultur, die das Potential hat, der erste “Staat” Mitteleuropas sein zu können. 400 Jahre lang beherrschten mächtige Fürsten ein Reich das so groß wie Sachsen-Anhalt war und wie sie das getan haben und warum sie das nur in einer hochentwickelten Gesellschaft getan haben können, war das Thema von Teil 15 der Serie.

Eines fehlt aber noch: Noch mehr Tote! Bis jetzt stützen sich die Erkenntnisse auf die zwei Hügelgräber von Leubingen und Helmsdorf. Das eine wurde 1942 v. Chr. angelegt, das andere mehr als ein Jahrhundert später im Jahr 1828 v. Chr. Aber wenn das Reich von Aunjetitz wirklich 400 Jahre lang existiert hat, dann muss es noch mehr Fürstengräber geben. Und was tut man in so einen Fall als Archäologe? Man macht sich auf die Suche!

Ein Blick auf die Liste der bekannten Grabhügel verlief ergebnislos. Alle dokumentierten Gräber wurden schon im 19. Jahrhundert geöffnet. In Evessen gäbe es noch ein Hügelgrab in der passenden Gegend, aber das ist noch ungeöffnet und wird das vermutlich auch bleiben (Und verdammt: Jetzt wo ich das weiß, will ich unbedingt wissen, was da drin ist!!).

Ein Teil des Goldfundes von Dieskau (Bild: gemeinfrei)

Was es dagegen gibt sind Grabbeigaben ohne Grab. Im Puschkin-Museum liegt ein großer Goldschatz, den die Sowjets nach dem zweiten Weltkrieg aus dem Königlichen Museum in Berlin mitgenommen haben und der davor irgendwo in der Gegend von Dieskau gefunden wurde. Wo genau und unter welchen Umständen ist nicht mehr nachvollziehbar, aber die Funde passen gut zu dem was man bisher in Aunjetitz gefunden hat und Dieskau liegt auch in der passenden Gegend. Und: Dieser Goldschatz war deutlich gewaltiger als der der bisherigen Hügelgräber. Der musste einer wirklich wichtigen Person mit ins Grab gegeben worden sein!

Also machte man sich auf die Suche ob man nicht doch noch was finden könnte. Und tatsächlich entdeckte Torsten Schunke vom archäologischen Landesamt in Halle auf einem Luftbild Verfärbungen im Boden, die auf ein nicht mehr vorhandenes Hügelgrab hinwiesen. Es wäre ein gewaltiges Ding von Grab gewesen, mit einem Durchmesser von 80 Metern mehr als doppelt so groß als die Hügel von Leubingen und Helmsdorf. Und ein tiefer Blick in alte Akten zeigte, dass das auch genau so war. Es handelte sich um den Bornhöck, der Jahrhunderte lang eine wichtige Landmarke der Gegend war, aber im Jahr 1844 abgetragen wurde um die Erde anderwertig für die Landwirtschaft verwenden zu können.

Im Nachhinhein war das aber ganz ok. Denn so einen enorm Hügel hätte man nicht so einfach ausgraben können. Das wäre viel zu viel Erde gewesen, die man bewegen hätte müssen und die Arbeite hätte – wenn sie überhaupt angegangen worden wäre – ewig gedauert. Aber so konnte man direkt an der Basis mit der archäologischen Untersuchung anfangen. “Baustellarchäologie” hat das Torsten Schunke genannt und die hat am Ende ein sehr genaues Bild von dem gegeben, was da früher mal stand.

Archäologen sind ja sehr gut darin, aus kleinsten Details im Boden und aus diversen Resten die Vergangenheit zu rekonstruieren. In dem Fall war das eine Grabkammer, die die von Leubingen und Helmsdorf weit in den Schatten gestellt hat. Dem Toten wurde ein Raum von 2,8 mal 5,4 Metern gebaut der 2,5 Meter hoch war. Darüber kam ein riesiger Kegel aus Steinen und darüber ein noch viel größerer Haufen Erde. Die Steine, das haben die Untersuchungen an den noch vorhandenen Resten gezeigt, stammten aus einer Entfernung von bis zu 30 Kilometern. Sie müssen auf Schiffen über die nahen Flüssen herangeschafft worden sein und die Erde mit Karren aus der näheren Umgebung (man fand sogar die Reste des Lochs, aus dem der Erdhügel ausgehoben wurde). Kurzes Detail: Die Archäologen haben sogar noch die Spuren der Transportkarren entdeckt! Sie hatten eine Spurweite von 115 Zentimetern – erstaunlich, was man alles herausfinden kann wenn man den Boden nur genau genug anschaut!

Der Bornhöck auf einer Karte von 1742 (Bild: gemeinfrei)

Erstaunlich waren auch die vielen Mahlsteine, die man beim Bau des Steinkegels verwendet hatte. Ein Mahlstein ist durchaus wertvoll; es muss die richtige Art von Gestein sein, nicht zu schwer und nicht zu leicht. Die im Bornhöck verbauten Steine waren noch unbenutzt und es waren genug, um mehr als 1000 Leute mit Mehl zu versorgen. Und trotzdem hatte man diese wertvollen Produktionsmittel als Grabbeigaben verwendet. Auch die Erde war nicht einfach Dreck der irgendwo rumlag und weg musste. Es war beste fruchtbare Schwarzerde, die von den Feldern geholt und zum Hügelbau benutzt wurde. Und darin jede Menge Keramik und anderer Kram. Wer auch immer dort begraben wurde, hat im wesentlichen ein ganzes Dorf und dessen wirtschaftliche Grundlage mit ins Grab bekommen. Inklusive des kostbaren Goldschmucks, sofern die Grabbeigaben ohne Grab aus dem Museum in Moskau tatsächlich zu dem Grab ohne Grabbeigaben in Dieskau gehören.

Der fertige Grabhügel muss ein beeindruckender Anblick gewesen sein. Das war 140 Jahre nachdem das Grab in Leubingen errichtet wurde und ein paar Jahrzehnte nach der Fertigstellung des Helmsdorfer Hügels, circa 1800 v. Chr. Damals war er circa 15 Meter hoch! Und, auch das zeigen die archäologischen Funde, er war außen mit Kalk weiß gefärbt worden. Ein riesiges weißes Ding, mitten der flachen Landschaft und voll mit wertvollen Grabbeigaben. Es ist vermutlich nur ein wenig übertrieben, wenn Meller und Michel den Bornhöck eine “Pyramide des Nordens” nennen. Aber egal wie man es bezeichnet: Viel interessanter ist die Frage, wer dort mit all diesem Prunk bestattet worden ist. Und da das Thema dieser Serie von Anfang an die Himmelsscheibe von Nebra ist, kann man sich die Antwort schon fast denken. Wie sie aber tatsächlich aussehen könnte, wird das Thema des nächsten Artikels dieser Serie sein. *Affiliate-Links

Kommentare (9)

  1. #1 pederm
    21. März 2019

    Boh, was für fiese Cliffhanger!
    Das Experiment mit dieser Blogserie zum Buch ist dir gut gelungen, spannend und reich an Information (das klingt jetzt recht altlehrerhaft, aber so isses!).

  2. #2 Norbert
    21. März 2019

    Da Wikipedia heute streikt ein alternativer Link zum Tumulus: https://denkmalpflege.braunschweigischelandschaft.de/index.php?id=131
    Und nebenbei: Zeitgleich scheint es noch ein zweites Aunjetitzer Reich gegeben zu haben, mit Zentrum bei Bruszczewo in Großpolen/Wielkopolskie. Dort wurden sehr ähnliche Befunde gemacht, plus eines regelrechten Fürstenfriedhofs (bei Łęki Małe, ca 15km von Bruszczewo entfernt).

  3. #3 Peter
    21. März 2019

    Archäologen sind ja sehr gut darin, aus kleinsten Details im Boden und aus diversen Resten die Vergangenheit zu rekonstruieren.

    Also den Astronomen eigentlich sehr ähnlich, Experten darin aus kleinsten Spuren (Boden oder Photonen) Informationen über die Quelle (alte Kulturen oder ferne Sterne) zu extrapolieren.

  4. #4 Thomas
    22. März 2019

    Bei allem Sachsen-Anhaltinischen Zentralismus bitte eine kleine Korrektur… 😉
    Die Mellersche Pyramide wurde doch ca. 140 Jahre nach dem Leubinger Hügel errichtet…

  5. #5 Marina
    Lingen
    22. März 2019
  6. #6 Florian Freistetter
    22. März 2019

    @Marina: Auf dieser Seite gehts um den heiligen Gral, UFOS in der Antike, Nazi-Esoterik und ähnlichen Quatsch. Hier bei mir (und in dem Buch das ich bespreche) gehts aber um echte Wissenschaft. Nur weil das Wort “Pyramide” im Titel vorkommt, muss man nicht die ganze Pseudowissenschaftskiste auspacken 😉

  7. #7 Stephan
    23. März 2019

    @ Norbert

    Wenn schon, dann gleichzeitig!

  8. #8 Hermann Wenzel
    München
    28. März 2019

    Die Kultscheibe von Nebra ist gewiss ein fantastisches Artefakt dessen graphische Darstellungen wohl Gegebenheiten des Himmels bildlich symbolisieren. Es bedarf indes der Deutungen mit diversen Möglichkeiten. Eine exakte Zuordnung zu astronomischen Körpern und Daten ist nicht möglich.
    Anders verhält es sich bei der etwa zeitgleichen Terracotta-Scheibe aus Kreta, dem sog. ‘Diskos von Phaistos’, dem ältesten Druckwerk der Menschheit.
    Seine beiden Seiten verkörpern mittels Tageszahlen fast genaue Zeitangaben der Planeten-Bewegungen.
    Mit Hilfe der Layer-Technik werden hunderten von Daten übereinander geschichtet und mit einander verwoben. Mehr unter:
    lisa.gerda-henkel-stiftung.de/search?search_str=Diskos+von+Phaistos

  9. #9 Florian Freistetter
    28. März 2019

    @Hermann Wenzel: Nur damit ichs richtig versteh: Die Archäologen und Astronomen die die Himmelsscheibe von Nebra erforscht haben, haben sich alle geirrt was die Astronomie angeht. Aber unter den paar Dutzend Entzifferungsversuchen des Diskos von Phaistos ist ihre die einzig korrekte?