Mein Lieblings-Mathematikerwitz:  An seinem Lebensabend in Rückschau auf eine große Karriere wird ein Schriftsteller, der sich auch als Maler, Bildhauer, Regisseur und Philosoph betätigt hatte, gefragt, ob er nicht auch Mathematiker hätte werden können. „Nein“, antwortet er, „dafür fehlt mir die Phantasie.“ *

Ich erinnere mich noch ans erste Semester Biologie. Bei der Begrüßung der Erstsemestler forderte uns der Professor auf, unseren Nebenmann noch einmal anzuschauen, denn mit höchster Wahrscheinlichkeit sitze diese/r in einem halben Jahr dort nicht mehr (und im Fall meines Nebensitzers sollte er sogar recht behalten). Ich wunderte mich über eine solche Ansage und fragte mich zugleich, wie die Uni es wohl schaffen wollte, 50% der StudentInnen zu vergraulen. Die Antwort: mit Mathe. Die obligatorische Mathematikvorlesung wurde von einem stets von der offenbar als Zumutung empfundenen Verpflichtung, den Biologieaspiranten Mathematik einzutrichtern, leicht angesäuert wirkenden, älteren Professor gehalten. Als es ihm einmal im Hörsaal mit hunderten Studenten zu laut war, schaltete er sein Mikro ab und ließ es dann auch gleich für den Rest des Semesters aus, so daß er über die ersten drei Reihen hinaus nicht zu hören war. Er benutzte keine Powerpointpräsentation oder Folien, nein, er schrieb mit Filzstift auf die Endlosfolie eines Tageslichtprojektors und zwar schnell und viel (ich schrieb im Schnitt 20 Seiten pro Vorlesung mit). Am Ende des Semesters stand die Klausur und auch jene 50%-Hürde: die Hälfte der Teilnehmer scheiterte daran und ein Gutteil war davon dermaßen ernüchtert, daß er die Biologie sein ließ. Ich gehörte zu denen, die bestanden aber ich hatte auch nie zuvor in meinem Leben soviel Mathematik gelernt und geübt.

Und genau da liegt das Problem: Wir brauchen die Mathematik ganz besonders in den Naturwissenschaften und auch die Biologie bildet da keine Ausnahme! Dennoch scheint es in den biologischen (und biomedizinischen) Disziplinen ein Problem mit dem Zugang zur Mathematik zu geben. In der Zeitschrift PNAS erschien ein Artikel (s.u.), der belegt, daß die Häufigkeit, mit der eine Arbeit zitiert wird, umgekehrt proportional zur Anzahl der darin verwendeten mathematischen Formeln ist: jede zusätzliche Formel im Text reduzierte die Zitationsrate um 28%! (Anmerkung: die Zitationsrate ist eine auch für die Karriere eines Wissenschaftlers wichtige Kennzahl für die Bedeutung einer Veröffentlichung). Ein Kommentar zum Artikel drückte es noch deutlicher aus: „Mathematische Unbildung behindert den Fortschritt in der Biologie“.

Ich könnte dem nicht energischer zustimmen: ohne die Kenntnis mathematischer Konzepte ist ein profunder Zugang zu vielen Bereichen der Biologie kaum bis unmöglich. Es heißt ja z.B., nichts in der Biologie ergibt einen Sinn, außer im Licht der Evolution und weiter, nichts in der Evolution ergibt einen Sinn, außer im Licht der Populationsgenetik. Populationsgenetik aber ist undenkbar ohne den umfangreichen mathematischen Unterbau. Doch auch im Labor, bei den meisten molekularbiologischen Datenauswertungen (aktuelles Beispiel: NGS), zur Prüfung seiner Ergebnisse und bevor man sie veröffentlicht sowie derer von anderen, wenn man sie begutachtet, muß man rechnen bzw. Gerechnetes verstehen können. (Ich selber nehme deshalb auch keinen Biologen ernst, der nicht wenigstens die Grundbegriffe der Stochastik und besonders Statistik kennt, nerve meine Doktorandinnen mit Bayes und bin stets selber bemüht, meine Lücken zu schließen und in Übung zu bleiben.)

Doch daran hapert es schon bei den Anfängern. In einer zehn Jahre überspannenden Studie untersuchten Llamas et al. die mathematischen Fähigkeiten von Studienanfängern in einem Kurs für Pflanzenphysiologie (s.u.) und konnten nachweisen, daß der Anteil richtiger Antworten in Tests umso niedriger, je mehr für die Lösung einer Aufgabe die Anwendung mathematischer Fähigkeiten und Berechnungen notwendig war. Dabei erlaubte das Abschneiden eines/r Studierenden bei solchen mathematischen Aufgaben, die nur 14% aller Aufgaben ausmachten (und keine höheren Diskriminierungskoeffizienten aufwiesen (0,27 gegen 0,29)), eine gute Vorhersage seiner/ihrer Abschlussnoten.

Man sieht also, daß der Erwerb bzw. die Pflege und Erhaltung mathematischer Kenntnisse und – noch besser – Souveränität nicht nur als Berufswissenschaftler, sondern bereits als StudentIn wichtig ist. Leider aber wird Mathematik und ihr Lernenmüssen oft als Zumutung empfunden, wodurch nicht selten ein Widerwille und dadurch Widerstand dagegen erzeugt wird, sich mit ihr zu befassen und wirklich auch jenseits bloßer Pflichterfüllung („bis zum Schein“) auf sie einzulassen. Der Ursprung ihrer geringen Beliebtheit und des „Bitte-nicht-schon-wieder!“-Empfindens bei vielen StudentInnen dürfte häufig an den wachgerufenen Erinnerungen an leidige Begegnungen im pädagogisch minderwertigen Unterricht in der Schule liegen, wodurch der unbeschwerte Zugang zur Mathematik schon früh verschüttet worden ist. Die Folgen dessen können sich dann durch eine ganze Bildungskarriere hindurchziehen.

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Kommentare (39)

  1. #1 rolak
    11/06/2013

    Endlosfolie eines Tageslichtprojektors

    hehe, ein Overhead-Künstler :-) so einen hatte ich auch mal. Diesen Knopf zum Vorschub hat der einmal gedrückt und am Ende der Vorlesung wieder losgelassen. Kam uns zumindest so vor.
    War nur für diejenigen lehrreich, die (mittlerweile, war nach Grundstudium) soviel Grips besaßen, vorher nach einem Skript zu fragen. Gab es. Vorbereiten, zurücklehnen und genießen…
    Präsentationen in dem Sinne gab es ‘zu meiner Zeit’ noch gar nicht, Overhead war schon state of the art, Tafel Alltagskost.

    Von den Nicht-Mathehassern, die ich kenne, hat übrigens jeder einen ganz eigenen Haken geschluckt, der zu dem Interesse führte. Bei mir war es irgendwann in der Grundstufe die Erleuchtung, daß mit dem richtigen Kniff eine Menge (Denk)Arbeit gespart werden kann. Insofern war später die burschikose Mathenutzung in der Physik wie für mich gemacht.

    btw: Sind die Durchfallquoten immer noch systembedingt? Es war ein nie offiziell bestätigtes Gerücht, daß die Flut der Studierwilligen mit dieser Technik weitestmöglich auf die Kapazität der Uni zurückgestutzt wurde, um den Überlebenden ein ordentliches Studium liefern zu können. Das würde auch später (Mitte 80er) bei ‘diskrete Mathe für ITler’ die 80% Abschußquote allein durch den Schwierigkeitsgrad von Vorlesung & Klausur lässig erklären.

    • #2 Cornelius Courts
      11/06/2013

      Bei mir war es irgendwann in der Grundstufe die Erleuchtung, daß mit dem richtigen Kniff eine Menge (Denk)Arbeit gespart werden kann.

      oder, wie unser Mathelehrer in der 6. und 7. zu sagen pflegte: “Wer fuul es, es auch schlau!” 😀

      btw: Sind die Durchfallquoten immer noch systembedingt? Es war ein nie offiziell bestätigtes Gerücht, daß die Flut der Studierwilligen mit dieser Technik weitestmöglich auf die Kapazität der Uni zurückgestutzt wurde, um den Überlebenden ein ordentliches Studium liefern zu können.

      Könnte sein. Ich höre da immer noch Geschichten von zum Teil haarsträubenden Durchfallquoten (selbst, wenn kein Noro im Wasser war) 😉
      Bei uns kam nach Mathe noch OC. Da waren es dann 80% die nochmal durften

  2. #3 Fliegenschubser
    11/06/2013

    Ich stimme voll und ganz zu! Ohne Mathe, und insbesondere Statistik, geht nichts in der Biologie. Ich bin auch einer von denen, die sich regelmäßig bei Vorträgen nachfragen, ob die Fehlerbalken im Diagramm Standardabweichung oder Standardfehler darstellen. Es ist erschreckend, wie oft man keine Antwort bekommt, weil die Person den Unterschied nicht kennt…

    Ansonsten wurde bei mir im Studium hauptsächlich über Anorganische und dann Organische Chemie gesiebt. Durchfallquote beim ersten Versuch lag bei etwa 70%.

    • #4 Cornelius Courts
      11/06/2013

      Es ist erschreckend, wie oft man keine Antwort bekommt, weil die Person den Unterschied nicht kennt…

      oder, wenn die Person völlig unschuldig/unwissend ist und sagt: “weiß nicht, die hat Excel da hingemacht” 😀

  3. #5 Sepp
    11/06/2013

    Hmm…

    Naturwissenschaften = Erfolg – Mathe

    • #6 Cornelius Courts
      11/06/2013

      genau. Nat.wiss ohne Mathe ist nur der um das Fehlen von Mathe reduzierte Erfolg :-)

  4. #7 ulfi
    11/06/2013

    Ein Teil des Problems ist mit Sicherheit, dass die Zeit für Mathematik in den Studiengängen immer weiter gekürzt wird. Da wird in manchen Informatikstudiengängen darum gefeilscht, ob der letzte(!) Mathekurs nicht eventuell auch noch praxisbezogen sein soll. Gleichzitig ändert sich nichts von dem, was die Studenten an Mathematik für die späteren Kurse kennen müssen.

  5. #8 MX
    11/06/2013

    @ Cornelius: Wenn Dir “Fermats letzter Satz” gefallen hat, könnte Dir vielleicht auch “Das Theorem des Papageis” gefallen.

  6. #9 Intensivpfleger
    12/06/2013

    Könnte das Schulproblem nicht vielleicht auch daher rühren, dass ein erfolgreich abgeschlossenes Mathematikstudium zu durchaus besser vergüteten Arbeitsverhältnissen führen kann, als den Schuldienst?
    In der Schule landen dann nur noch jene Mathematik-Studierten, die etwas weniger erfolgreich waren und mit ein bißchen Didaktik dann doch noch zu einem angenehmen Job kommen konnten?

    Nur so ein Gedanke…
    der Intensivpfleger

  7. #10 Fliegenschubser
    12/06/2013

    @CC:

    oder, wenn die Person völlig unschuldig/unwissend ist und sagt: “weiß nicht, die hat Excel da hingemacht”

    ja, das kommt auch leider häufig vor. Auch sehr beliebt: “Excel hat da einen t-test gemacht” – “Sind die Messwerte denn überhaupt normalverteilt?” – “?????”
    Ich bin selbst kein Statistikgenie, aber diese Grundlagen sollte man wissen.

  8. #11 Fliegenschubser
    12/06/2013

    @Intensivpfleger:

    ein bißchen Didaktik

    Das wäre wünschenswert. In den vorlesungsbegleitenden Seminaren, welche oft von Lehramtsstudierenden geleitet werden, trifft man leider oft auf Personen, welche für den Lehrberuf ungeeignet sind. Ist aber nur meine persönliche Erfahrung, bestimmt ging es anderen anders. Hoffentlich.

  9. #12 icke73
    12/06/2013

    War mal richtig gut in Mathe… Hab neulich mal einen meiner alten Hefter aus der 12. in die Hand genommen, irgendwas mit Matrizen ICH HABE ES NICHT MEHR BEGRIFFEN, ARGH!

    Der Hinweis, das man in Übung bleiben muss, ist offensichtlich richtig…

  10. #13 Dr. Webbaer
    12/06/2013

    Naturwissenschaft + Mathe = Erfolg

    Liest sich gut. Es gibt ja, gerade im Bereich der Statistik und der Stochastik, immer wieder Probleme, wenn nicht zu beweisen oder zu belegen gewusst worden ist.
    Z.B. ist auch der Begriff der Statistischen Signifikanz hoch problematisch.

    MFG
    Dr. W

  11. #14 Snabel-A
    Bonn
    12/06/2013

    Die Geschichte ist jetzt einige Jahre her, passt aber ins Bild: meine Schwester hat Biologie studiert und ich Mathe. Eigentlich machte ihr die Mathematik keine Probleme, aber einmal kam sie auf mich zu und bat mich um Hilfe bei einem mathematischen Text, den sie nicht verstand. Als ich den gelesen hatte, wusste ich auch warum: Offensichtlich hatte der Autor es selbst nicht verstanden. Ziemlich traurig.

    Mein Studium habe ich nicht bereut, auch wenn es anstrengend war, aber auch schön – man muss nichts lernen, sondern “nur” alles hinterfragen und verstehen.

  12. #15 Statistiker
    12/06/2013

    Ich sehe da auch ein gesellschaftliches Problem. Wenn man z.B. sagt:

    “In Mathe war ich schon immer schlecht, hat mich aber auch nie so richtig interessiert. Und insbesondere Statistik fand ich nur noch grausam.”

    Dann erntet man beifälliges Nicken.
    Sagt man:

    “In Deutsch war ich schon immer schlecht, hat mich aber auch nie so richtig interessiert. Und insbesondere klassische Literatur fand ich nur noch grausam.”

    Dann wird man angeschaut, als ob man den Leuten ins Gesicht flatuliert hätte…..

  13. #16 klauszwingenberger
    12/06/2013

    Mein Lieblings-Mathematikerwitz
    Halten zu Gnaden, aber dieser Spruch wird so ähnlich Carl Friedrich Gauß zugeschrieben: auf die Frage, was aus seinem jungen Schüler geworden sei, soll er geantwortet haben: “Poet. Für die Mathematik fehlte es ihm an Phantasie.”

  14. #17 volki
    12/06/2013

    @Statistiker:

    Mit dem ersten Satz habe ich nicht so viel Erfahrung, da ich ihn als Mathematiker noch nie gebraucht habe. Aber wenn ein Gespräch sich um Literatur dreht gebrauche ich öfter den 2. Satz und die Reaktion der Leute ist meist Entsetzen, dass man als Akademiker so eine Meinung haben kann.

    @klauszwingenberger: Nicht Gauß sondern Hilbert wird dieses Zitat oder Varianten davon zugeschrieben.

    http://www.quotez.net/german/david_hilbert.htm

  15. #18 camie
    12/06/2013

    Auf edx gab es dieses Jahr einen extrem guten Statistikkurs, Stat2X von BerkeleyX… es gibt auch viele andere Statistikkurse auf anderen eLearning-Plattformen, aber diesen habe ich gemacht und bin begeistert. Kann ich jedem Doktoranden nur empfehlen – ich selbst bin Postdoc und arbeite an einer Studie mit für die wir eine gute statistische Auswertung brauchen (haben aber auch einen Biostatistiker in der Gruppe – trotzdem schadet es nicht, selbst auch etwas davon zu verstehen). Die Grundlagen kann man sich sicher auf so einem Onlinekurs gut aneignen, zumal die Professorin didaktisch der Hammer ist, ich habe im ganzen Studium keine so gut gemachte Vorlesung besucht. Wird wahrscheinlich im Herbst wiederholt!

  16. #19 Bjoern
    12/06/2013

    @Cornelius: *Applaus* Toller Artikel! Voll von Sätzen, die ich gerne zitieren möchte… :-)

    Auch von mir noch eine Literaturempfehlung: “Die Musik der Primzahlen”. Nicht ganz so gut wie “Fermats letzter Satz”, aber doch dicht dran.

  17. #20 Chris
    12/06/2013

    Ich kenne es so, das die Mathevorlesung mit demjenigen, der sie hält steht und fällt. Wir hatten im Studium zwei Dozenten im Wechsel (einer hat regelmässig das Wintersemester, der andere regelmässig das Sommersemester gehalten). Bei dem einen lagen die Durchfallquoten regelmässig um 80% (und natürlich waren da immer die Studenten schuld), bei dem anderen vielleicht bei 25-30%. Es war aber nun nicht so, das beim zweiten die Vorlesung/Übung/Klausuren einfacher waren, sondern sie war deutlich besser gemacht. Wer sich da reingehängt hat, kam durch, beim ersten war da auch eine ganze Menge Glück dabei.
    Ansonsten sind Mathe und Naturwissenschaften allgemein ein Thema, wo es “schick” ist, wenig bis gar nichts zu wissen. Ganz klasse wirds dann, wenn die eigenen Kinder (damals 5) anfangen, die Kindergärtner bei naturwissenschaftlichen Erklärungen zu korrigieren (der Fall war: Warum ist die Scheibe beschlagen?”).

  18. #21 Ludmila
    http://scienceblogs.de/planeten
    12/06/2013

    Ach ja, das erinnert mich an das Gespraech – lang ist’s her – mit einem jungen Mann in meinem Blog, der es ne absolute Frechheit fand, dass mensch fuer Biologie Mathematik braucht und der deswegen abgebrochen hat. Der wollte einfach nur der neue Konrad Lorenz werden.^^(Kennt den heute ueberhaupt einer?)

    Aber das mit der Mathe-Abneigung ist mir sogar unter Physikern begegnet:
    Zwei Highlights:
    1)”Ich hab das Paper nicht gelesen, da ist mir zuviel Mathematik drin”
    Thema war ein Spezial-Thema in der theoretischen Physik und der Mann schimpfte sich ein “Experte” auf dem Gebiet. Ja ne, ist klar^^
    2) Jemand kommt an ein Institut fuer Mathematik, die eine Untergruppe hochtheoretische Physik beherbergt, weil er er Hilfe zur Modellierung braucht und laesst folgende zwei Hammersaetze ab:
    “Ich bin ja Physiker, ich steh nicht so auf Mathematik”
    “Ach ja, die waren in den 60ern noch nicht so weit, die haben da alles nur analytisch gemacht.”
    “Nur” analytisch.
    a) Waer ich froh auch nur halb so viel drauf zu haben wie diese Leute in den 60ern.
    b) Sind deren Arbeiten bis heute der Goldstandard und die Rahmenbedingungen, an der sich jede Simulation messen lassen muss.

    Bei so Leuten ist “Mathe” dann das, was der Computer oder der/die Doktorand/in macht und ganz ehrlich kenne ich leider zuviele Physiker und Physikerinnen, bei denen es mit Statistik auch nicht so weit her ist. Von Bayes hab ich z.B. in meinem Studium nicht ein einziges Mal gehoert. Aber ich merkte zum Glueck irgendwann, dass es wichtig ist. Also das “Problem” mit Mathe zieht sich teilweise sogar durch die so genannten harten Naturwissenschaften und manche kommen damit sogar erschreckend weit.

  19. #22 Nordlicht
    12/06/2013

    Mal was ganz anderes. Nach der Beschreibugn (jeder schaut seinen Nebenmann an, der ist in 1/2 Jahr weg) dürften eigentlich nicht 50% sondern kaum ein Student übrigbleiben.
    Ich stelle mir einen vollen Hörsaal vor. Alle Studenten schauen ihren linken Nebenmann an. Wenn der nach 1/2 Jahr fehlt – bleibt eigentlich nur die Reihe ganz rechts sitzen, weil die von niemandem angeschaut werden. :-)

  20. #23 Thomas
    12/06/2013

    “leidige Begegnungen im pädagogisch minderwertigen Unterricht in der Schule”

    Wie wahr, wie wahr.
    In meiner Realschulzeit hat unsere Mathe-Lehrerin oft und gerne ihren Spruch “Mathe soll keine Spaß machen” wiederholt. Dementsprechend hatte ich auch lange keinen Zugang zur Mathematik (Real-/Hauptschul-Note: im Schnitt 3-4). In meiner Berufsausbildung kam ich dann gar nicht mehr mit (auch dank eines noch wesentlich schlimmeren Lehrers) – Note 4-5.
    Erst als ich einen Neustart gewagt habe und mein Abitur nachgemacht habe, habe ich Mathematik endlich begriffen (Hab dann jetzt auch Mathe Leistungskurs mit 1 beendet).
    Nun bin ich an einem Punkt wo ich meinen ursprünglichen Studienwunsch Physik zu studieren gleichauf mit dem Wunsch sehe Mathematik zu studieren. Keine leichte Entscheidung übrigens. 😉

  21. #24 wurmloch
    12/06/2013

    @Ludmila #29:

    “Aber das mit der Mathe-Abneigung ist mir sogar unter Physikern begegnet:
    Zwei Highlights:
    1)”Ich hab das Paper nicht gelesen, da ist mir zuviel Mathematik drin”
    Thema war ein Spezial-Thema in der theoretischen Physik und der Mann schimpfte sich ein “Experte” auf dem Gebiet. Ja ne, ist klar^^”

    allein anhand dieser aussage sollte man noch nicht negativ urteilen, bzw den experten-status des wissenschaftlers in frage stellen.
    diese aussage könnte genausogut vom überwiegenden teil aller bisherigen physik nobelpreisträger stammen.

    der grund dafür ist wieder mal die sprache: unter “mathematik” bzw. “mathematischer arbeitsweise” versteht selbst INNERHALB der mathematik keinenfalls jede/r dasselbe.
    zb wird – so kommt es mir vor – rigorosität von vielen in der angewandten mathematik tätigen als lästiger klotz am bein empfunden; es werden teils lieber heuristische argumente gehört/gelesen, als formale beweise.
    derartige arbeiten wollen beispielsweise mathematikerinnen der “bourbaki-schule” nicht lesen, weil sie sie per se nicht als “mathematische arbeit” (gemäß ihrem sinne) akzeptieren können.
    genauso ungern würden sich wahrscheinlich viele “andwendende mathematiker” einen bourbaki-beweis zu gemüte führen wollen.
    wiederum würde ich darauf wetten, dass der großteil aller “rigorosen mathematikerinnen” nicht einen kurzen blick in den (obwohl formal einwandfreien) “computer-beweis” des vierfarbensatzes werfen wollten.

    aus sicht eines physikers wird das thema noch wesentlich komplizierter. denn sie kennen noch wesenlich mehr verschiedene bedeutungen des wortes “mathematik”.

    generell empfehle ich: wer über mathematik spricht sollte präzisieren, was sie/er darunter versteht.

  22. #25 wurmloch
    12/06/2013

    ““Ach ja, die waren in den 60ern noch nicht so weit, die haben da alles nur analytisch gemacht.”
    “Nur” analytisch.
    a) Waer ich froh auch nur halb so viel drauf zu haben wie diese Leute in den 60ern.
    b) Sind deren Arbeiten bis heute der Goldstandard und die Rahmenbedingungen, an der sich jede Simulation messen lassen muss.”

    wieder dasselbe: unter “analytisch” versteht ein mathematiker etwas ganz etwas anderes als das, was man im allgemeinen sprachgebrauch darunter versteht.

    beispielsweise gibt es viele resultate, welche sowohl einen analytischen beweis haben (es werden also methoden der analysis angewandt), als auch einen geometrischen (methoden der geometrie) oder einen algebraischen (methoden der algebra).

    man mag es einem physiker durchaus verzeihen, wenn er mit einem analytischen existenzbeweis nicht viel anfangen kann, sondern stattdessen ein numerisches verfahren einsetzen will, das gegen etwas brauchbares konvergiert…

  23. #26 Kook1979
    12/06/2013

    Dazu fällt mir auch noch ein Zitat ein:

    “The great body of physical science, a great deal of the essential fact of financial science, and endless social and political problems are only accessible and only thinkable to those who have had a sound training in mathematical analysis, and the time may not be very remote when it will be understood that for complete initiation as an efficient citizen of one of the new great complex worldwide States that are now developing, it is as necessary to be able to compute, to think in averages and maxima and minima, as it is now to be able to read and write.”

    H.G. Wells (1901)

  24. #27 Epikur63
    NRW
    12/06/2013

    Ich habe einige Jahre selbst Vorlesungen und Seminare zu Mathe und Statistik bei Nicht-Mathematikern (Psychologen) durchgeführt. An meiner Uni gehörte die Psychologie zur Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät und unter Psychos war die Durchfallquote bei Mathe/Statistik dann auch etwa 50%. Mein Chef war übrigens Mathematiker; ich nicht.

    Mein Eindruck ist:

    1) Man sollte Nicht-Mathematikern die Inhalte anders erklären, nämlich von der Anwendung kommend. Clusteranalysen sind z.B. etwas, was jeder im Alltag tut, aber die Statistik erlaubt dies in objektiverer Weise und bei mehr Klassifikationsvariablen. Ausgehend von dieser banalen Einsicht kann man dann das Verfahren entwickeln.

    2) Nicht-Mathematiker benötigen Vieles nicht, was für Mathematiker wichtig ist, z.B. Beweise. Ein Naturwissenschaftler muss z.B. nicht beweisen können, warum ein bestimmtes Clusterverfahren gewisse Optimalitätskriterien erfüllt.

    3) Umgekehrt vergessen Mathematiker, welche Naturwissenschaftler unterrichten, oft für die Anwendung wichtige Aspekte, z.B. welche Voraussetzungen an die Daten gestellt werden müssen, damit bestimmte Verfahren Sinn machen, wie “fishing for significances” vermieden wird oder welche Verfahren zu welchen Ergebnissen führen (simples Beispiel: Bei einer Clusteranalyse sehen Resultate von Single-Linkage anders aus als die von Complete-Linkage).

  25. #28 CM
    12/06/2013

    Was Ludmilla in #29 schreibt kenne ich auch: Mein Doktorvater hat mir mal Chemiker fürs Fortgeschrittenenpraktikum zugewiesen, weil er mit mir – habe meine Diss in der Biophysik geschrieben – Mitleid hatte, mit den Worten: “Die können wenigstens Mathe.” (Im Gegensatz zu den Biologen, die das Gros der Studierenden darstellten) Tja: Pustekuchen.

    Letztlich ist Mathematik ein Kulturgut. Nicht jeder muß gut darin sein (bin ich auch nicht, obwohl alle meine Paper rel. mathelastik sind), aber jeder sollte ein wenig Grundbildung haben. Deswegen – und nicht für “die Wirtschaft” – wird es auch in der Schule gelehrt.
    Aber der Umstand – es wurde hier schon angesprochen – das viele Leute lange Zeit ohne Mathematik durchs Leben / das Studium gehen, bedingt eine Modifikation der Formel zu:
    Erfolg &#8733 Naturwissenschaft + Mathe. Es fehlen nämlich Faktoren Vitamin B, Ellenbogeneinsatz, etc.. Und so werden zweifelsohne Leute nach oben gespült, die so viel Ahnung von Mathematik / Informatik haben wie ich von Pflanzenbestimmung (fast gar keine). Und das führt wiederrum zu Abwehrhaltung und Vertuschungsverhalten gegenüber ihren Mitarbeitern – und letztlich dazu, dass manches Mal, wenn man hierarchischen Erfolg haben will und Ahnung vom Thema hat, besser schweigt.

    Nur mal so als Fußnote.

  26. #29 CM
    12/06/2013

    Korrektur: &#8733 soll eigentlich das Proportionalitätszeichen sein (versuchen wir mal &prop oder ~).

  27. #30 Sarina
    SB
    12/06/2013

    Endlich jemand, der für unsere Sache eintritt! Vielen Dank! =)
    Es ist erstaunlich wie wenige Leute wissen, wann und wo Mathematik angewandt werden muss, ja wo Mathematik überhaupt drinsteckt!
    Kaum ein Beruf heute verlangt keine – , alle wollen zumindest grundlegende, Mathematikkenntnisse.
    Ich bin sehr froh, dass zumindest von den großen Pharmakonzernen bei der Aufstellung ihrer medizinischen Tests, Berechnung der Testpersonenanzahl, sowie der statistischen Auswertung hinterher, Statistiker, Mathematiker oder sogar noch speziell Biomathematiker herangezogen werden. Für mich ein beruhigender Gedanke =).
    Nebenbei ist Biomathematik ein sehr schöner Studiengang, der einen tiefen und interessanten Einstieg in beide Bereiche liefert wobei der Grundtenor ein mathematisches Studium ist. Ich spreche da aus Erfahrung^^.

    @Intensivpfleger
    Die Leute aus dem Lehramtsstudium sitzen genauso in den Mathematikvorlesungen drin wie die Mathematiker, gleiche Klausuren. Zumindest ist es an meiner Uni so. Aber sie haben viele Didaktikveranstaltungen, die wir nicht haben. Meine Erfahrung war bisher, dass nicht jeder, der Mathematik betreibt, diese auch erklären kann. Und daran haperts. Etwas selbst verstehen und es anderen beibringen sind zwei unterschiedliche Dinge.

    @Epikur63: es ist auch ein gewaltiger Unterschied ob der Vortragende aus der angewandten oder reinen Mathematik kommt. Für Nichtmathematiker sind Anwendungsbeispiele aus der angewandten Mathematik doch greifbarer als die abstrakteren Beispiele der reinen Mathematik.

    @ Cornelius: Ich kann dich beruhigen… von den Arbeiten der Fields-Medaillen-Gewinner nehmen auch gestandene Professoren Abstand, da das Gebiet teilweise so speziell ist, dass nur eine Handvoll diese Beweise überhaupt verstehen, geschweige denn nachvollziehen kann. Nichtsdestotrotz sehr schöne Arbeiten. 😉

    So far
    Sarina

  28. #31 SonicBoom
    13/06/2013

    Das Problem liegt an der Lehre. Mathematik wurde den meisten nie richtig (auf Verständnis) beigebracht. Es wurden höchstens Rezepte verinnerlicht, die bei einer Schularbeit/Matura sicher nützlich sind, aber im richtigen Leben zu nichts zu gebrauchen sind. Die stupide auswendig gelernten Methoden verschwinden nach nur kurzer Zeit wieder zur Gänze.

    Ein Professor wie der oben zitierte kann (und offenbar: will) diese Versäumnisse auch gar nicht mehr ausbügeln.

    Wahrscheinlich einer gewisse Biologen-Chemievorlesung nicht unähnlich: als Konsequenz trägt man den Stoff kurz und knapp vor, zur Prüfung kommt das Ganze dann auch noch wesentlich heißer als es zuvor gekocht wurde. Wenn die Studenten es schaffen, gut, wenn nicht: noch besser.

  29. #32 Aveneer
    13/06/2013

    Standardabweichung oder Standardfehler darstellen. Es ist erschreckend, wie oft man keine Antwort bekommt, weil….

    Der erfahrene Wissenschaftler würde sagen:
    Standardabweichung

    Oder alternativ

    Der erfahrene Wissenschaftler würde sagen: Standardfehler

    Und hoffen, dass nicht nachgefragt wird :-)

    Aber dazu: Nachklausur im Studium: Statistik (meine einzige)

    Mitten in der Klausur (kaum was gelöst gehabt) kam eine Hilfestellung durch die Betreuerin, da Sie merkte, dass ich nicht weiter komme.

    Sie: Das ist ein zweiseitiger Test.

    Ich: Drehe erschreckt das Aufgabenblatt um

    Hmm steht nichts ? – Das Gesicht von ihr werde ich nicht mehr vergessen.

  30. #33 Fliegenschubser
    13/06/2013

    @Aveneer: Eine schöne Geschichte :)

  31. #34 uwe (hauptschüler)
    13/06/2013

    trifft ein lehrer einen seiner ehemaligen schüler, teures auto, teurer anzug, teure uhr. lehrer: “hör mal, du warst doch nicht der schlauste in der schule, wie kannst du dir das alles leisten?” schüler: “ich kauf auf dem markt 100 alte holzkisten für 100DM und verkauf die dann für 300DM weiter und von den zwei prozent leb ich halt.” lieblingswitz eines meiner lehrer.
    einen freund erzählte ich, daß ich auf der arbeit mit den vier grundrechenarten auskomme. wieso vier? war die erstaunte frage.
    in nrw war es wohl mal möglich mit musik, sport und religion die allgemeine hochschulreife zu erlangen. kommentat eines lehrers: “mit singen, hüpfen und beten das abitur gemacht.”

  32. #35 Steffmann
    13/06/2013

    @Aveneer:

    Ihr werdet mich vermutlich zerlegen, aber wenn die Standardabweichung bekannt ist, kenne ich ich auch den Standardfehler ? Lange her, dass ich mich mit Stochastik beschäftigt habe, aber so habe ich es in Erinnerung.

  33. #36 Aveneer
    14/06/2013

    @Steffmann
    Nun ich sehe das so (in meinem Bereich). Die Standardabweichung ist eine Intra-Assay-Variation und der Standardfehler eine Inter-Assay-Variation. Erfahrungs-/Naturgemäß ist letztere größer.

    Aber ich lynche keinen, denn meine Kenntnisse haben sich nicht wesentlich von verbessert. Ich habe die Nachklausur nur “bestanden”, weil sie mich nicht mehr sehen wollten (meine Erklärung) :-)

  34. #37 sax
    14/06/2013

    Ein Zitat von Roger Bacon (1214-1294)

    Die Erkenntnis der mathematischen Gegenstände ist uns gewissermaßen angeboren. Sie gehen also aller Erkenntnis und Wissenschaft voraus, […] so ist sie die erste aller Wissenschaften. Sie erst ermöglicht es uns, wissenschaftlich” zu arbeiten. […] Nur in der Mathematik gelangen wir zur vollen, irrtumslosen Wahrheit, zu einer Gewissheit ohne Irrtum. […] Nur mit Hilfe der Mathematik kann man wirklich wissen und alle anderen Aussagen verifizieren, denn in jeder Wissenschaft ist nur so viel an Wahrheit enthalten, wie in ihr Mathematik steckt.

  35. #38 Dr. Webbaer
    14/06/2013

    Die Mathematik meint die Kunst des Lernens bzw. das lernweise Vorgehen der Erkenntnissubjekte. Diese Bedeutung scheint Bacon womöglich nicht bekannt gewesen zu sein, meint er anscheinend doch die Tautologie dessen, was heute metaphorisch Mathematik genannt wird.

  36. […] ein paar Tagen hatte Cornelius Courts in seinem Blog BlooD’N'Acid ein engagiertes Plädoyer für das Erlernen von Mathematik geschrieben. Und obwohl ich Mathe nie zu meinen bevorzugten Fächern zählen mochte, stimme ich dem […]