Das fragten sich japanische Kollegen um K.Koto im Journal of Forensic Science [1] und untersuchten 647 Menschen, die einen Suizidversuch unternommen hatten.

Harakiri oder Seppuku, wie es eigentlich heißt, ist eine aus der japanischen Samuraitradition im 12 Jhdt. stammende rituelle Selbsttötung, die darin besteht, sich eine spezielle Klingenwaffe, ein Wakizashi oder ein Tanto

raptor-wakizashi-tanto-section

Wakizashi (oben) und Tanto (unten)

unterhalb des Bauchnabels in den Bauch zu rammen, dann einen Schnitt nach links und anschließend nach oben zu führen.

in etwa so (c) potsy89

in etwa so
(c) potsy89

 

Meist wurde dabei die Bauchaorta eröffnet, so daß die dadurch rasch eintretende Bewußtlosigkeit die Sterbenden von ihren grauenhaften Schmerzen erlöste, denn trotz aller Schmerzen durften sie keine Miene verziehen, nicht stöhnen oder schreien, sonst wurde der Tod als nicht ehrenhaft angesehen. Sobald sie durch das Vorneigen des Kopfes ein Zeichen gaben, trennte ein Sekundant durch einen Hieb mit einem Katana den Kopf des Suizidenten fast vollständig ab, um so einen schnellen Tod herbeizuführen.

Harakiri begang ein Samurai, der entehrt worden war, da er auf diese Weise die Ehre seiner Familie wieder herstellen konnte, oder wenn er seinen Herrn verloren hatte und zu einem Ronin geworden war, um ihm auf diese Weise ehrenhaft in den Tod zu folgen.

klassische Darstellung eines Samurai beim Harakiri (c) poligrafi.com

klassische Darstellung eines Samurai beim Harakiri
(c) poligrafi.com

Diese rituelle Form des Suizids ist also eng mit japanischer Kultur, Tradition und  Ehrverständnis verbunden, wird als „typisch japanisch“ angesehen und ist auch popkulturell häufig in Erscheinung getreten (s. z.B. im Film 47 Ronin). Und obwohl Harakiri 1837 offiziell abgeschafft wurde, berührt diese „ehrenhafte“ Art zu Sterben, die auch als Form der Selbstbestimmung aufgefaßt wird, die Japaner bis heute und bis heute begehen Japaner Suizid durch Harakiri.

 

Von wissenschaftlichem, rechtsmedizinischen Interesse war hier, zu ergründen, ob es Gemeinsamkeiten zwischen Suizidenten gibt, die Harakiri begehen. Japan hat eine außergewöhnlich hohe Suizidrate von 24,4 pro 100.000 Personen und Suizid ist dort die siebthäufigste Todesursache.

Eine frühere Studie hatte bereits gezeigt, daß Personen, die einen Suizidversuch mittels Harakiri unternahmen, häufig männlich und verheiratet waren, an Schizophrenie litten und den Suizidversuch häufig überlebten [2]. In der hier besprochenen Studie wurden erstmals systematisch die klinischen Befunde, die nach einem Harakiri-Versuch feststellbar sind, analysiert.

Die 647 Patienten, die die Autoren dafür retrospektiv untersuchten, hatten zwischen April 2010 und Januar 2012 jeweils einen Suizidversuch überlebt und mußten danach stationär behandelt werden. Die Autoren studierten die medizinischen Aufzeichnungen der Patienten und führten Interviews mit deren Familien.

Der psychiatrische Status der Patienten wurde anhand der vierten Edition des DSM-IV-TR und durch verschiedene Tests, wie das  „Mini International Neuropsychiatric Interview“, und Evaluationen wie  der Hamilton-Skala (HAMD17)“ erhoben. Aufgrund ihres körperlichen Zustands wurden sie zudem in die Gruppen „ernster Zustand“ und „nicht ernster Zustand“ aufgeteilt und die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus bzw. der Intensivstation wurde erfaßt.

 

Ergebnisse:

Die festgestellten Suizidmethoden im Patientenkollektiv waren folgende: Medikamentenüberdosis  (n=404), Selbstvergiftung durch Einnahme (n=53), Sprung aus der Höhe  (n=49), Erhängen (n=38), Kohlenmonoxidvergiftung (n=28), Stich- oder Schnittverletzungen (n=27), Selbstverbrennung (n=15) und Ertrinken (n=4).  Insgesamt 25 Patienten (3,9%) hatten Harakiri begangen, davon benutzten 15 (60%) ein Küchenmesser, 8 (32%) ein zweischneidiges Messer und einer (4%) ein Katana (vgl. auch diesen Artikel).

Männer waren in der Harakiri-Gruppe signifikant überrepräsentiert (60% vs. 32 %), allerdings hatten die Patienten dieser Gruppe sich, jeweils signifikant, seltener mit einer psychiatrischen Vorgeschichte vorgestellt, hatten seltener unmittelbar vor dem Suizidversuch psychologische Hilfe gesucht und hatten seltener ein Ereignis erlebt, das als Auslöser des Suizids gelten konnte. Dafür war die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus bzw. auf der Intensivstation sowie der Anteil als „ernst“ beurteilter Zustände in der Harakirigruppe signifikant erhöht.

Affektive Störungen („mood disorders“) waren die einzige Art psychischer Störungen, die in der Harakiri-Gruppe signifikant häufiger festgestellt wurden und der HAMD17 –Wert für Frage 2, der Gefühle von Schuld erfasst, war signifikant höher als in der Vergleichgruppe (z = -2019, p = 0.028).

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Kommentare (11)

  1. #1 rolak
    14/05/2016

    wie es eigentlich heißt

    Na ja, es sind doch nur zwei Schreib/Lesarten ein und desselben Begriffes. Analog, wenn auch nicht äquivalent wäre im Deutschen zB “außerdem oder fürderhin, wie es eigentlich heißt”.
    Früher™ haben sie mir sogar beigebracht, daß H. eine Fehlübersetzung ignoranter Westler sei.

    außergewöhnlich hohe Suizidrate

    Zwar bei weitem nicht die höchste, aber -zur Einordnung- doppelt so hoch wie hierzuland.

    Frauen sonst häufiger

    Wo? In der eben verlinkten Tabelle fiel nur die VR China auf.

  2. #2 Dr. Webbaer
    14/05/2016

    Seppuku war eine Männer-Veranstaltung, es ging darum eine mögliche Entehrung des Samurai, wie immer diese auch zustande gekommen mag, aus heutiger zivilisatorischer Sicht kann dies nicht nachvollzogen werden, d.h. es muss in das (ehemalige) Großreich Japan sozusagen gedanklich eingedrungen werden, um hier folgen zu können, ga-anz andere Kulturalität meinend, als die heutzutage im “Westen” gewohnte, durch Suizid zu widerlegen oder auszubessern.

    Der Samurai hatte dem Herrscher zu folgen, Bushido hier sein Kodex.

    Ronin sind Samurai, denen ihr Herrscher verlustig ging, und die insofern zumindest nicht rechtzeitig Schuld oder Verantwortung auf sich nehmen konnten, durch Seppuku.

    “47 Ronin” sind insofern ein Mythos in Japan und vglw. lustig, irgendwie auch ein: Gründungs-Mythos.
    Weil sie sozusagen nachbissen.

    Eine Kollektiv-Psychose könnte heutzutage festgestellt werden, aber es ginge auch außer-pathologisierend sparsamer:
    Es war Kultur (und ist es heutzutage hoffentlich nicht mehr).

    Hirohito war insofern auch ein vglw. “cooler Typ”, der nach sogenannten Harakiri-Aktionen seiner Krieger i.p. Vernunft zeitnah aufsteifen konnte, legendär bspw. diese Photographie:
    -> https://en.wikipedia.org/wiki/Hirohito#/media/File:Macarthur_hirohito.jpg (Hirohito steht da also gedemütigt herum und wahrt seine Würde)

    MFG
    Dr. Webbaer

  3. #3 xdiz
    14/05/2016

    hm, was heisst denn 24,4 Suizide pro 100 000 Einwohner? pro Jahr?

  4. #4 Cornelius Courts
    14/05/2016

    @rolak: “Wo? In der eben verlinkten Tabelle fiel nur die VR China auf.”

    Gemeint war “versuchen” statt “begehen”. Ist korrigiert, danke

    @xdiz: “pro Jahr?”

    ja.

  5. #5 Joseph Kuhn
    http://scienceblogs.de/gesundheits-check/
    14/05/2016

    @ xdiz: “pro Jahr?”

    Die 24,4 je 100.000 beziehen sich wohl auf das Jahr 2009, rolaks link folgend. Seit einigen Jahren nimmt die Suizidrate in Japan ab, 2013 lag sie lt. WHO bei 21,4 je 100.000: http://www.who.int/mental_health/suicide-prevention/japan_story/en/

  6. #6 Jens
    Leipzig
    14/05/2016

    Geht der Schnitt wirklich nach links? Die Darstellung des Schnittes zeigt jedenfalls nach rechts… was für die meisten Menschen (als Rechtshänder) Sinn macht… 😉

  7. #7 Luk
    14/05/2016

    @Cornelius
    So viel ich weiss versuchen Frauen zwar häufiger einen Suizid, wählen dafür aber weniger blutige Methoden (also weniger Erschiessen, mehr Gift). Daher überrascht es mich nicht, dass die Männer beim Harakiri übervertreten sind.

  8. #8 Joseph Kuhn
    http://scienceblogs.de/gesundheits-check/
    15/05/2016

    @ Luk:

    Im Prinzip stimmt das. In Deutschland entfielen 2014 bei den Männern 52 % der Suizide auf Erhängen/Strangulieren, bei den Frauen waren es 34 %. An zweiter Stelle folgten die Vergiftungen (Männer: 14 %, Frauen 32 %). 8 % der Suizide bei Männern und 13 % der Suizide bei Frauen waren Stürze in die Tiefe. Schusswaffen oder Explovstoffe: 9 % der Männer, bei 1 % der Frauen. Scharfe Gegenstände waren bei Männern und Frauen etwa gleich häufig (4 % bzw. 3 %).

  9. #9 michanya
    10/11/2016

    … kenne noch aus Lateinunterricht – AVE CESAR MORTIBUS TE SALUTANT – Sei gegrüßt Cesar die Todgeweihten Grüßen Dich – hier galt es also auch schon in der Antike sein Leben fur GOTT und Kaiser zu geben. Opferung – ist ein EHRENTOD auch in der katholischen Kirche und führt zur Seligsprechung.
    Suicid – ist vielfach Verzweiflung weil es in der akuten Situation kein Ausweg gibt.
    Und Harakiri gibts auch in der Moderne – weil ein Japaner den Geheimen Bauplan fur ein neues Produkt verloren hatte – musste er als EHRBEZEUGUNG dann Harakiri machen.
    Verlorene Ehre – Missachtung – dann lieber den Tod als diese Schande in der Familie – es sind Alte Sitten.

    Neue Werte braucht der Mensch – biotec4u

  10. #10 Gabriel
    06/02/2017

    Das war gruselig, meiner Meinung nach. Aber die Japaner sind eine merkwürdige Bevölkerung und ich respektiere alle ihrer Sitten und Einstellungen. Durch diese Ehre haben sie vielle erreicht.
    LG
    Gabriel
    https://www.######## (Werbelink entfernt, Anm. CC)

  11. #11 noch'n Flo
    Schoggiland
    06/02/2017

    @ Gabriel:

    Wenn in einer Gesellschaft der Ehrbegriff überhöht wird, endet das praktisch immer im Desaster.

    Nebenbei: was soll der Linkspam?