Ich hatte letzten Oktober von einem Auftrag des 1. Untersuchungsausschusses der 19. Wahlperiode des Deutschen Bundestags berichtet, der zwei Kollegen und mir erteilt wurde. Ich war beauftragt worden, das DNA-Spurenbild nach dem Terroranschlag am 19.12.2016 auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin, wie es sich in der Akte darstellt, zu untersuchen und hinsichtlich der Frage, ob es mit dem geschilderten Geschehensablauf vereinbar sei, gutachterlich Stellung nehmen.

Nach viel Arbeit und der Lektüre wirklich ungezählter Aktenseiten, langen Stunden Literaturrecherche, EPG-Nachanalysen und biostatistischer Berechnungen, wobei mich meine Doktorandin Annica Gosch tatkräftig unterstützt hat, habe ich mein Gutachten Anfang März dem Untersuchungsausschuß (UA)  vorlegen können. Die sensationalistische Berichterstattung ließ leider nicht lange auf sich warten.

Ich hatte in einem Nachtrag zum oben verlinkten Artikel auch angekündigt, daß es am 25.3.2021 eine Anhörung durch den Untersuchungsausschuß geben sollte. Diese hat gestern stattgefunden und fünfeinhalb Stunden lang haben wir, die anderen Sachverständigen und zwei weitere Zeugen den Ausschußmitgliedern Rede und Antwort gestanden. Wir aus Kiel (Rechtsmedizin und LKA) waren per Videokonferenz zugeschaltet.

Auf der Website des Bundestags gibt es eine Zusammenfassung, die ganz gut ist. Allerdings ist dort die Diskussion zur möglichen Tatwaffe ausgelassen (Punkt 5 in der folgenden Liste), die ebenfalls in der Anhörung gestern lebhaft geführt wurde. Nach meiner Einschätzung sind die wesentlichen Befunde meines Gutachtens die folgenden:

  1. Das DNA-Spurenbild ist grundsätzlich vereinbar mit der Auffassung vom Geschehensablauf, wie er von den Sicherheitsbehörden vermittelt wird; es läßt jedoch auch andere Interpretationen zu; Grund hierfür ist v.a. die sehr schwache Repräsentation Amris im DNA-Spurenbild
  2. Amri und die unbekannte Person 2 (UP2) haben in vergleichbarem (geringem) Ausmaß DNA an relevanten Stellen im Lkw hinterlassen. Aus der DNA-Sicht allein läßt sich daher weder Amris noch UP2s Fahrer- oder Beifahrereigenschaft belegen oder widerlegen.
  3. Die Identität der UP2 ist bis heute unbekannt, sie kann aber eine berechtigte Person (Retter, Berger, Speditionsfahrer) gewesen sein, dies wäre auch nachträglich untersuchbar.
  4. Es ist festzuhalten, daß von Amri wenig Spuren vorhanden sind, dafür, was er im Lkw gemacht haben soll, Grund hierfür ist wahrscheinlich aber nicht eine unzureichende Spurensicherung. Die Tatortintegrität war zum Zeitpunkt der Spurensicherung nicht mehr gegeben (u.a. durch die Bergung des 130 kg schweren getöteten Lastwagenfahrers, für die die Mitwirkung mehrerer Personen nötig war)
  5. Die Pistole, die beim getöteten Amri sichergestellt worden war, ist nicht nachgewiesenermaßen die Tatwaffe. Molekularballistische Untersuchungen innerer Flächen wurden daran nicht durchgeführt, die DNA des getöteten LKW-Fahrers daran läßt sich auch durch indirekten Transfer erklären. Eine molekularballistische Untersuchung der Waffe wäre auch nachträglich durchführbar und sinnvoll, da sie noch immer den Beweis erbringen könnte, daß die Waffe Amris auch die Tatwaffe war.

(wer mit diesen Angaben nichts anfangen kann, erlese sich gerne die Hintergründe zum Attentat in den oben gesetzten Links)

Um weiterer verfälschender Berichterstattung vorzubeugen, zitiere ich noch zwei Disclaimer, die ich, solche antizipierend, extra in mein Gutachten mit aufgenommen hatte:

es wird in diesem Gutachten lediglich und ausschließlich bezugnehmend auf DNA-Spuren und deren Interpretation betreffende Aspekte Stellung genommen.

und

Hinsichtlich der DNA-Spurenlage allein ist […] der geschilderte Geschehensablauf nicht zwingend die einzig mögliche Erklärung für die hier vorliegenden Befunde, alternative Szenarien zur Entstehung des Spurenbildes sind mithin nicht ausschließbar. Hier ist jedoch unbedingt zu beachten, daß die Auffassung der Sicherheitsbehörden über die Geschehensabläufe und insbesondere die Rollen/Funktionen beteiligter Person darin/daran, sich hiesigen Erkenntnissen zufolge auf viele weitere, über das DNA-Spurenbild hinausgehende Befunde, Indizien und Ermittlungsergebnisse, mit einem besonderen Schwerpunkt auf der Auswertung der Mobiltelephon- und daraus abgeleiteten Bewegungsdaten des Amri, gründet. Ob und in welchem Umfang das DNA-Spurenbild von den Sicherheitsbehörden in deren Hypothesenbildung eingeflossen ist und gewichtet wurde, kann von hier aus nicht beurteilt werden. (Hervorhebungen im Original)

Um den nötigen Kontext für die Diskussion DNA-Transfer voraussetzender Hypothesen zu schaffen, habe ich in einem Einleitungsteil des Gutachtens auch die Grundlagen zum DNA-Transfer erläutert, diese sind auch hier noch einmal nachzulesen. Mehr will ich aber hier gar nicht schreiben, denn unsere drei Gutachten sind nun online vollständig verfügbar, hier ist meins.

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Kommentare (19)

  1. #1 2xhinschauen
    26/03/2021

    Manche Leute nennen “Telepolis” ein “alternatives Medium”, ich nenne es eine Medienkompetenzübung, weil sie auch sehr umstrittenen Autoren eine seitens der Redaktion kritiklose Bühne bieten. Aber die Artikelserie von Thomas Moser über das Attentat am Breitscheidplatz bzw. die Untersuchungsausschüsse ist exzellent.

    https://www.heise.de/suche/?rm=search&sort_by=date&channel=tp&sort=d&q=thomas+moser&channel=tp

    Die Ungereimtheiten der offiziellen Version, die Behördenrivalitäten und die Geheimnistuereien beteiligter Behörden und -vertreter sind beängstigend.

    Es ist schade, dass Cornelius und die anderen Gutachter keine der Hypothesen ausschließen konnten. Ich mag mir andererseits den Hexenkessel gar nicht ausmalen, wäre es gelungen, die offizielle These vom Einzeltäter Amri endgültig abzuräumen.

  2. #2 RPGNo1
    26/03/2021

    Sollte das PD in dem Gutachten demnächst nicht einmal durch ein nettes aufwertendes “Prof.” ersetzt werden?

    Prof. Dr. rer. nat. Cornelius Courts

    Hat doch einen netten Klang, oder? 😉

  3. #3 Martin
    26/03/2021

    “Hat doch einen netten Klang, oder?”

    Irgendwann rutschst du auf deiner Schleimspur aus.

  4. #4 RPGNo1
    26/03/2021

    @Martin

    Ah, ein Troll

  5. #5 Cornelius Courts
    26/03/2021

    @RPGNo1: “Hat doch einen netten Klang, oder?”

    workin’ on it 😉

  6. #6 noch'n Flo
    Schoggiland
    26/03/2021

    @ Corn:

    workin’ on it

    Na, das hoffen wir alle doch sehr. “Professor CC” macht schon etwas her…

    Nebenbei: ich hatte Dir ja mal von den Chor- und Orchester-Probenwochen meines alten Elmshorner Gymnasiums in Schloss Noer (ca. 20km nordwestlich von Kiel) erzählt. Seit ein paar Monaten bin ich nun mit einer Reihe ehemaliger Schüler*innen und Lehrer*innen am Planen für ein 50-Jahre-Jubiläums-Event im Oktober 2023.

    Du hättest nicht zufällig Bock, da mal für einen Tag als Gast aufzuschlagen, um selbigen in einem ehemaligen Landschulheim mit historischem Flair mit einer Horde von mehr als 120 30-70jährigen zu verbringen, die nichts Besseres zu tun haben, als eine Woche ihres hart verdienten Jahresurlaubs zu opfern, um mit Chor, Orchester und Blockflöten ein Konzertprogramm mit Mozart, Beethoven, Mendelssohn, Händel und vor allem Bach (!!!) einzustudieren? Naaaa…?

    (Sorry fürs OT!)

  7. #7 Dr. Webbaer
    27/03/2021

    Liest sich gut, Sacharbeit ist immer wichtig und kann, vergleiche mit bspw. : ‘Die sensationalistische Berichterstattung ließ leider nicht lange auf sich warten.’ [Dr. Webbaer hat da mal reingeschaut], nicht sinnhaft angegriffen werden, wenn berichtet / wissenschaftlich ermittelt worden ist, so gut es geht.

    MFG + danke für diesen WebLog-Eintrag
    Dr. Webbaer

  8. #8 RPGNo1
    27/03/2021

    @CC, noch’n Flo

    Wobei, einen “Professor CC” gibt es schon. Drüben über den großen Teich. Jerry Coyne, seines Zeichens Evolutionsbiologie und emeritierter Professor, bezeichnet sich auf seinem Blog auch gerne als “Professor Ceiling Cat”. 🙂

    https://whyevolutionistrue.com/?s=ceiling+cat&orderby=relevance&order=DESC&post_type=post

  9. #9 Cornelius Courts
    27/03/2021

    @noch’n Flo: “Naaaa…?”

    drei Fragen:
    1. was soll ich tun? Singen? Vortragen? Hübsch aussehen?
    2. kann ich wen mitbringen?
    3. was gibt’s zu essen?

  10. #10 2xhinschauen
    28/03/2021
  11. #11 Cornelius Courts
    29/03/2021

    @2xhinschauen: zu dem Artikel. Dort heißt es vollständig: “Courts’ Fazit: Es kann so gewesen sein, aber auch anders. Ein skurriles Ergebnis.”

    Überhaupt nicht skurril. Ich habe nur die DNA-Spurenlage bewertet. Diese ist etwas untypisch dafür, was sich im Lkw abgespielt haben soll. ABER: wir wissen nicht, ob das Originalspurenbild gesichert wurde bzw. welchen Einfluß das, was sich zwischen Tat und Spurensicherung im Lkw abgespielt hat (Rettung, Bergung, Transport), auf das Spurenbild hatte.

    “Auf der Spurenebene scheint der Fall festgefahren: Man kann nicht nachweisen, dass Anis Amri den Tat-Lkw fuhr. Man kann aber auch nicht ausschließen, dass er ihn fuhr. Man kann andererseits nicht nachweisen, dass er ihn nicht fuhr – und kann genauso wenig ausschließen, dass er ihn nicht fuhr. Wir wissen, dass wir nichts wissen.”

    Auch das ist nicht korrekt. Wir können lediglich feststellen, daß das DNA-Spurenbild ALLEIN, so wie es sich uns präsentiert hat (mit den oben gemachten Einschränkungen) nicht ausreicht, um eine bestimmte Hypothese zu beweisen. Daß Amri mit dem Fall zumindest etwas zu tun hat, wissen wir sehr wohl.

    ” Eine Spurenlage, die streng genommen nur eine Konsequenz zulässt: Die Frage der Täterschaft ist offen, man muss weitersuchen.”

    Hier ist ganz wichtig zu beachten, was ich im Gutachten extra schrieb: es gibt nicht nur die DNA-Spurenlage! Es gibt auch Fingerspuren – auch die weisen nach, daß Amri zumindest irgendwie am/im Lkw zugegen war – und es gibt noch eine ganze Menge andere Indizien verschiedenster Art, hauptsächlich aufgrund derer die Ermittlungsbehörden ihre Theorie zum Tathergang formuliert haben.

    Mein Fazit lautet also vielmehr: das DNA-Spurenbild ist kompatibel mit der Theorie der Behörden, reicht aber nicht, um sie zu belegen. Hinzukommt, daß unsere Auswertung gezeigt hat, daß einiges nicht optimal gelaufen/ versäumt worden ist und entweder noch nachgeholt werden oder wenigstens zukünftig besser gemacht werden kann und sollte. Nichts davon war u.E. allerdings dramatisch oder fallentscheidend.

  12. #12 Cornelius Courts
    29/03/2021

    @2xhinschauen: noch ein Nachtrag (ich glaube inzwischen, auch angesichts der Kommentare dort, der telepolis-Artikel kommt schon so eher aus der VT-Ecke): im Artikel steht auch:

    “Mit der Überprüfung der Spurenlage beauftragt wurden der DNA-Forensiker Cornelius Courts, der Spezialist für Fingerabdrücke, Ulrich Gerstel, und der Kriminalistikprofessor Christian Matzdorf. Doch so ganz unabhängig sind sie nicht.”

    “sie” schließt mich (der ich übrigens auch anderswo im Text zum “Rechtsmediziner” gemacht wurde) mit ein. Ich bin jedoch völlig unabhängig, habe nie auch nur einen Tag für eine Behörde gearbeitet, bin ein reines Uni-Gewächs.

    “Gerstel arbeitet für das LKA Schleswig-Holstein und kommt vom BKA”

    und der Ulrich Gerstel ist Biologe und Spezialist für Mikrobiologie und Haut, woran er jahrelang an der Uniklinik für Dermatologie am UKSH geforscht hat (er hat einschlägig publiziert (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/?term=gerstel+u&sort=date) und er wird in der Gruppe sogar noch genannt: https://www.dermatology.uni-kiel.de/pages/forschung/forschergruppe/j.m.-schroeder/ag.php). Er kommt also keineswegs vom BKA und ist auch noch nicht sehr lange am LKA-SH.

    Aber hey, Fakten und genau recherchieren… wer braucht das schon, wenn es auch nebulöse Andeutungen tun?

  13. #13 zimtspinne
    29/03/2021

    @ CC

    Vor längerer Zeit, im Kontext CSI-Effekt oder so, erwähnte ich das schon mal:

    In deutschen Krimis, allen voran des Familienfernsehdeutschen liebsten Kind Tatort wird die Abteilung Rechtsmedizin ganz grunsätzlich und ausnahmslos (!!) als verlängerter Arm der Staatsanwaltschaft inszeniert.

    So drücken sich ermittelnde Kriminalisten einschl. Profiler, sonstige Polizeipsychologen sowie auch Leute der KTU ganz regelmäßig in den Kellern der Rechtsmedizin herum; sind auch in manchen TO-Teams regelmäßig bei der ersten Beguckung oder gar Obduktion anwesend (ist dramaturgisches Futter – da kann umgefallen, gewitzelt, gegessen und Musik gehört werden).

    Umgekehrt betätigen sich (bestimmte) Rechtsmediziner auch ganz regelmäßig an laufenden Ermittlungen, lösen sie gar, wenns sein muss. 😉

    Dadurch ein falsches Bild der Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden und andererseits deren [wie nennt man euch am besten?] zu erhalten, hat nicht so viel mit VT zu tun.

    Es ist ja auch normal, dass Schauspieler mit ihren Rollennamen auf der Straße angesprochen werden….
    auch wenn die meisten Leute schon wissen dürften, dass Schauspiel-Rolle und reale Person nicht identisch sind, neigen sie dazu, zumindest mal gewisse Parallelen zu ziehen.

    Ich würde in manchen Darstellern auch zuerst die Rolle sehen und ihn womöglich (sicher sogar!) danach ‘behandeln’, kämen wir ins Gespräch.
    Einen cholerisch auftretenden Fuzzi tät ich eher mal sicherheitshalber mit Samthandschuhen anfassen; einen umgänglichen Spaßke eher unbeschwert-locker.

    Auch wenn ich ganz genau trennen kann zwischen Rolle und Darsteller.
    Erst mit der Zeit im Laufe des Kontakt würde sich das (etwas) auflösen, sofern die reale Person sich nicht gerade allzu sehr ihren Rollenprofilen ähnlich verhält… was auch gar nicht mal so selten ist, dass viele Darsteller sich selbst spielen. Oder zu großen Teilen.

    Also sei nicht so streng mit den Zuschauern von Serien, die können gar nichts dafür, wenn falsche Bilder eures jobs vermittelt werden.

  14. #14 zimtspinne
    29/03/2021

    noch vergessen:

    was auch zu diesem Bild gehört ist folgendes:
    Die bzw der jeweils zuständige Rechtsmediziner erstattet zuerst und ausschließlich Bericht an die Ermittler/zuständigen Staatsanwalt, sobald es was Neues gibt.

    Telefonisch, per Bericht und besonders gerne auch mal aufm Flur zwischendurch…
    so dass auch jeder zwangsläufig annimmt, all diese Leute arbeiten im selben Gebäude und gehören zur gleichen Sippe.

    Läuft was nicht wie gewünscht, werden die Rechtsmediziner auch zusammengefaltet bzw zu Gehorsam gegenüber der Staatsanwaltschaft verdonnert.
    Besonders gern und oft werden sie ebenso antrieben, schnell und noch schneller zu liefern. Natürlich direkt zu Händen der Staatsanwaltschaft.
    Rechtsanwälte oder Strafverteidiger kommen in diesem Prozess eher selten vor und bei denen wiederum gestaltet es sich sehr schwer, an Akten, Infos, ..etc zu laufenden Ermittlungen ihrer Klienten zu gelangen.

    Vorrang und das Sagen hat in jedem Fall der Staat.
    Alle anderen sind Bittsteller und Handlanger.

    Ähm… ja. So ist das.

  15. #15 Cornelius Courts
    29/03/2021

    @zimtspinne: “Also sei nicht so streng mit den Zuschauern von Serien”

    Bin ich ja nicht. Aber mit (sich selbst wahrscheinlich so sehenden) Journalisten schon. Der Typ schreibt ja wohl nicht als Krimifan, sondern hält das womöglich für seriöse Berichterstattung.

    Ich gucke nie Krimis (ich habe, wie schonmal erzählt, in meinem Leben einen (1) Tatort gesehen, der in Kiel spielte, als Vorbereitung auf Kiel – war übrigens Mist) und kein CSI. Ich habe nur viel schlechtes davon gehört, u.a., daß von unserer Arbeit, der Zusammenarbeit mit den Behörden und unserer Beteiligung an Verfahren eine groteske Micky-Maus-Version gemacht wird. Ich selbst kenne nur den CSI-Effekt (aus der Literatur und der Realität) und habe dafür bei Laien etwas, bei Profis kein Verständnis.
    Wer auf Fantasy steht, soll Herr der Ringe gucken, keine Krimis.

    Institute für Rechtsmedizin in D gehören in überwiegender Mehrheit zum jeweiligen Uniklinikum und damit der jeweiligen Uni an und unterstehen meist einem ProfessorIn für Rechtsmedizin.
    Damit sind wir nicht einmal demselben Ministerium zugeordnet, wie StAen, LKÄ, Polizei etc. Unabhängiger geht nicht.

    Und während es durchaus sein kann, daß mal Polizei und StA bei einer Obduktion dabei sind, um die Ergebnisse wirklich schnellstmöglich zu erfahren und einige Dinge vielleicht auch mal mit eigenen Augen zu sehen (wodurch sich die Rechtsmediziner natürlich weder zu Hektik antreiben noch zu voreiligen Schlüssen drängen lassen), habe ich als forensischer Genetiker in 12 Jahren noch nie auch nur den Versuch einer Einmischung o.ä. von Polizei oder StA in meine Arbeit erlebt.
    Ich nehme auch an, daß die Wahl meiner Person durch den Untersuchungsausschuß durchaus damit zu tun hatte, daß ich eben gerade von der Uni komme und nicht vom Amt.

  16. #16 zimtspinne
    29/03/2021

    Stimme dir zu bei Journalisten, die gerade auch nicht über einen neuen Krimi berichten, sondern auf dieser Ebene diskutieren – da geht so ein Unwissen/Falschwissen gar nicht.
    Ich bin empört (habe es eben erst genauer nachgelesen, zuvor hatte ich nur deine Antwort gelesen und wusste gar nicht so wirklich, worum es ging).

    Echte Tatortfans zB sind gerne kritisch bis überkritisch und machen sich auch viele Gedanken um Authentizität.
    Früher gabs im Ersten mal ein Tatort-Forum, dort las ich ab und an, daher weiß ich das.
    Dort schrieben auch “Insider”, also Leute aus dem Polizeidienst und machten einen kleinen Faktencheck, was bei den Fans extrem gut ankam.

    Daher von mir kein Verständnis für so phantasievolle Konstruktionen von Journalisten, die in einem ernsthaften Zusammenhang berichten.

    Umso wichtiger ist ja auch, dass es dich im Netz gibt.

    CSI habe ich genau eine ganze Folge gesehen und sonst nur mal kurz reingeschaut.
    Dort gehts mE noch weiter ab der Wirklichkeit zu, zumindest in einigen Abläufen.
    Beim Tatort wird manchmal bei einzelnen Fällen sehr auf Authentizität geachtet und dafür auch extra zuvor recherchiert (oder bei den Experten über die Schulter geschaut).

    Seit ich hier bei dir lese, achte ich natürlich besonders auf die Betätigungen der Rechtsmediziner, wobei klar ist, dass die nicht die ganze Abteilung zeigen können, sondern eurer Reich quasi als Ein- bis zwei Mann/Frau-Abteilung ausweisen. 😉

    Leider vergesse ich es immer wieder, aber ab und an hätte ich gerne bei einzelnen Details bei dir nachgefragt, ob das realistisch ist – so wurde zB mal in einem Fall behauptet von der Rechtsmedizin, dass dank des vielfachen Antibiotikaeinsatzes (bei Mensch und Tier) sich die Zersetzungsprozesse von Leichen geringfügig geändert haben, bzw verzögert.
    Ich verstand das so, dass Antiotika bei einer kranken Person die Bakterienbesiedelung arg dezimierten und so der Todeszeitpunkt der ermordeten Person nicht so ganz exakt bestimmt werden konnte.
    Das kam mir schon etwas supekt vor….
    😀

    huch, siehste, das war mir beispielsweise nicht klar, dass tatsächlich auch mal Polizei bei Obduktionen anwesend ist. Ist aber eigentlich total logisch und nachvollziehbar.
    Hatte aber ausgerechnet das für eher Phantasiegebilde der TV-Formate gehalten.

  17. #17 2xhinschauen
    29/03/2021

    @Cornelius
    Es liegt mir fern, Dir zu widersprechen, Du bist näher an der Sache. Was ich sagen kann, ist, dass der Autor bzgl Deiner Unabhängigkeit ungeschickt formuliert hat: Er schließt alle drei Gutachter in die Bemerkung ein, übergeht Dich aber in der nachfolgenden Aufzählung, wer mit welcher Behörde in Verbindung steht.

    Und Fingerabdrücken sieht man nicht mit hoher zeitlicher Auflösung an, wann sie entstanden sind.

    Wie ich selbst schon sagte, darf man Telepolis nur in sehr wachem Zustand lesen, und die Heise-Foren sind ohnehin berüchtigt. Das ist ein ganz anderes Publikum als hier.

    Zu Moser: Der hat bisher gefühlte zwei Dutzend Artikel über den Anschlag geschrieben, überwiegend auf Basis der Verfolgung der diversen Untersuchungsausschüsse. Und das sich ergebende Gesamtbild des Behördenverhaltens und der Ermittlungsfehler ist verheerend, auch wenn man es unterlässt, Informationslücken mit eigenen Theorien zu füllen.

  18. #18 Peter Schneider
    Köln
    30/03/2021

    Da es offensichtlich Verwirrung gibt, was die Anwesenheit von Polizei / Staatsanwaltschaft bei einer Obduktion betrifft, so hilft ein Blick in § 87, Absatz 2, Satz 5 StPO: https://dejure.org/gesetze/StPO/87.html

    (1) Die Leichenöffnung wird von zwei Ärzten vorgenommen. (2) Einer der Ärzte muß Gerichtsarzt oder Leiter eines öffentlichen gerichtsmedizinischen oder pathologischen Instituts oder ein von diesem beauftragter Arzt des Instituts mit gerichtsmedizinischen Fachkenntnissen sein. (3) Dem Arzt, welcher den Verstorbenen in der dem Tod unmittelbar vorausgegangenen Krankheit behandelt hat, ist die Leichenöffnung nicht zu übertragen. (4) Er kann jedoch aufgefordert werden, der Leichenöffnung beizuwohnen, um aus der Krankheitsgeschichte Aufschlüsse zu geben. (5) Die Staatsanwaltschaft kann an der Leichenöffnung teilnehmen. (6) Auf ihren Antrag findet die Leichenöffnung im Beisein des Richters statt.

    In der Praxis sind gerade bei Kapitaldelikten regelmäßig Vertreter der Staatsanwaltschaft und auch der Kripo bei einer Obduktion anwesend.

  19. #19 Dr. Webbaer
    15/04/2021

    Umso wichtiger ist ja auch, dass es dich im Netz gibt.

    IdT.
    Sacharbeit ist wichtig, sie darf auch kommuniziert werden, jenen Job würde Dr. Webbaer abär nicht haben wollen.
    Wichtich (mittelniederdeutsch) womöglich auch die dreiwertige Logik, die meint bzw. weiß (Logik weiß sozusagen in ihrer Tautologie und Axiomatik), dass bestimmte weltliche Information, auch binäre Eigenschaft meinend, nicht verfügbar sein muss, manchmal aber gewusst wird, dass sie nie verfügbar sein kann.
    Dr. W vermutet, dass Forensiker auch Philosophen sein dürfen, äh, sein müssen.