Bei der Bundestagswahl 2025 und den letzten beiden westdeutschen Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz hat die ehemalige Volkspartei SPD viele Stimmen und Wähler verloren, bundesweit landete sie mit nur 20,1% auf dem dritten Platz knapp hinter der AfD, in Baden-Württemberg halbierte sie sich und flog mit nur noch 5,5% beinahe aus dem Landtag, in Rheinland-Pfalz verlor sie mehr als ein Viertel – viel mehr als jede andere Partei – und ist nur noch zweitstärkste Kraft!

Die SPD ist die älteste Partei Deutschlands, die Partei von Willy Brandt und Helmut Schmitt, die sich (früher mal?) als Arbeiterpartei verstand. Heute ist sie ein Schatten ihrer selbst, die Arbeiter machen einen großen, befremdeten Bogen um sie und sie ist, wenn nicht in Auflösung begriffen, dann zumindest auf dem Weg zur Kleinpartei: Ich wage zu prognostizieren, daß sie dieses Jahr in Sachsen-Anhalt nicht einmal mehr in den Landtag einziehen wird.

Wie konnte es soweit kommen? Meiner Auffassung nach ist diese Entwicklung das negative Korrelat dessen, was ich 2023 als maßgebliche Ursache für den Erfolg der AfD kommen gesehen hatte: die SPD ist auf den Zug der “critical social justice“-Ideologie und deren Aktivismen, auch bekannt als “Wokeness” aufgesprungen, auf dem bereits die Grünen und natürlich die inzwischen offen antisemitische Linkspartei fahren. Auf normale Menschen wirken diese Aktivismen und ihre übrgriffigen und nicht selten mit Realität fatal unvereinbaren Botschaften jedoch äußerst anmaßend und abstoßend. Indem sie sich damit gemein machte, hat die SPD ihre Stammklientel, Arbeiter, Leute mit geringerem Einkommen, Gewerkschafter, Beamte im mittleren Dienst erst befremdet, dann vor den Kopf gestoßen, zuletzt so angewidert, daß sie sich abwandten und nicht selten direkt zur AfD gingen. Im Gegenzug hat sie aber keine Wähler dazugewonnen. Erstens gibt es gar nicht so viele Woke, die die verlorenen Wähler hätten ersetzen können und zweitens wählen die, die es gibt, die “originalen” Woke-Parteien “Grüne” und “Linkspartei”.

“Der größte Trick, den die Woken vollbracht haben, war die Welt davon zu überzeugen, daß sie viele sind”

CC (frei nach Baudelaire)

Diese Choreographie ähnelt stark dem, was auch die Kirchen in Deutschland aber auch die Filmindustrie von Hollywood erleb(t)en. Ob die SPD daraus lernen wird?

Auch die katholischen und evangelischen Kirchen verzeichneten abermals Rekordaustrittszahlen; die immer noch nicht aufgeklärten sowie neue jetzt erst bekannt werdende Mißbrauchsskandale werden ihren Teil dazu getan haben, sicher, doch die Kirchen haben auch begonnen, sich im Zuge einer “Selbstsäkularisierung” der als zeitgemäß empfundenen Wokeness anzudienen und dabei ihren Markenkern zu verleugnen. Für die Gläubigen hatten die Kirchen einmal das “Monopol” auf Transzendenz, Jenseitsfragen und moralische Letztbegründung, das sie aber zurückstellten, um sich primär über politische Aktivismen (Klima, Identitätspolitik, Migration, Gender-Fragen) zu definieren, wodurch sie austauschbar wurden. Konservative oder traditionell gläubige Kreise fühlten sich vor den Kopf gestoßen und gingen in Scharen davon, Woke hingegen, die meist sehr säkular oder gar kirchenfeindlich sind, nahmen die unterwürfigen Annäherungsversuche der Kirchen zwar als “überfällig” wahr, traten aber deshalb keineswegs ein. Für sie blieben und bleiben die Kirchen “patriarchale”, “cis-heteronormative” (und was derlei Worthülsen mehr seien) Institutionen, egal wie brav sie “gegendert” haben.

In Hollywood und der US-Filmindustrie, worunter auch Firmen wie Disney, amazon, Netflix & Co. zu zählen sind, war analoges zu beobachten. Auch hier hatten woke Ideologen die Herrschaft übernommen (vermutlich ermächtigt durch ESG-Boosting großer Anteilseigner wie Blackrock und Vanguard) und richteten reihenweise große, beliebte und als unverwüstlich geltende Franchises und “cash cows” zugrunde, indem sie woke Aktivisten als Produzenten, Regisseure, Autoren und Showrunner einsetzten, sich nicht an die Buch- oder Comic-Vorlagen hielten oder diese gleich mit Absicht enstellten, geliebte Figuren bis zur Unkenntlichkeit verzerrten, teils verhöhnten und eine gute Geschichte und starke, schlüssige manchmal ambivalente Charaktere immer und stets der CSJ-Ideologie (“the Message”) unterordneten, mit dem Anspruch, daß die dargestellten Welten, Reiche, Völker und Helden die “Welt von heute” zu repräsentieren hätten und die treuen, teils jahrzehntelangen und stets als “toxisch” bezeichneten Fans weniger zu unterhalten als vor allem zu erziehen seien. Das Ergebnis war stets katastrophal und auf diese Weise wurden selbst große Franchises wie Indiana Jones, Star Wars, Star Trek, der Witcher, Herr der Ringe, das Marvel Universum, sogar klassische Märchen wie “Schneewittchen” (der Trickfilm war in dern 30er-Jahren der Grundstein von Disneys Aufstieg) regelrecht zerstört; die entsprechenden Filme und Serien wurden kaum geschaut dafür überschwänglich kritisiert und verspottet, erzeugten teilweise gigantische Verluste im dreistelligen Millionenbereich und wieder wurde der Exodus der alten, echten Fans keineswegs durch neue woke Zuschauer ausgeglichen.

(Wo das Ganze übrigens und zum Glück gut ausgegangen ist, ist bei der GWUP und ihrem Richtungsstreit. Auch hier waren die Woken schon weit vorgderungen; die komplette Übernahme und Umformung waren bereits angelegt, sind jedoch noch rechtzeitig verhindert worden (ich schmeichele uns mit der Vermutung, daß das mit der Fähigkeit und dem Willen zum kritischen Denken und der Faktenorientiertheit im Mark unseres Vereins zu tun hat- vielleicht aber eben auch damit, daß die Woken nicht viele sind (s.o.))

Bei allen diesen Instanzen spielt(e) es eine wesentliche Rolle, daß man sich Laut- und Schrillheit der Woke-Aktivisten für Zahlreichtum und ihre Selbstgerechtigkeit für Rechtschaffenheit hatte vormachen lassen.

Zurück zur SPD, die heute mehr Arbeitslosenpartei statt Arbeiterpartei ist. Auch hier sollte man nicht den Ausflüchten der derzeitgen Parteigranden für die jüngst erlebten Wahldebakel auf den Leim gehen, daß es einfach noch nicht gelungen sei, “den Menschen unsere Politik richtig zu erklären” und daß im Moment einfach “schwere Zeiten für die Sozialdemokratie” seien. Bei unseren dänischen Nachbarn sieht man, daß das Unfug ist:

Die dänischen Sozialdemokraten, das dänische SPD-Pendant, unter Mette Frederiksen haben bereits 2019 den Kurs gewechselt und radikal die Reißleine gezogen. Sie hatten verstanden, daß man keinen großzügigen Wohlfahrtsstaat aufrechterhalten kann, wenn die Grenzen offen sind und die kulturelle Kohäsion schwindet. Während die deutsche SPD religiöse Befindlichkeiten (insbesondere des Islam) paradoxerweise unter dem Deckmantel der Toleranz schützt, vertritt die dänische Schwesterpartei einen robusteren Laizismus und steht auch hinter einer restriktiven Migrationspolitik, durchaus zum Nutzen Dänemarks. Sie erkennt ferner an, dass illiberale religiöse Werte mit einem emanzipatorischen Sozialstaat kollidieren und ist entschlossen, entsprechend zu handeln. Frederiksen machte dazu an kriminelle Ausländer eine klare Ansage:

„Wir haben eure Irrsinnsfahrten satt. Wir haben eure Dominanzkultur satt. Ihr zerstört das schönste Land der Welt, und das werden wir euch schlicht nicht erlauben […] Ziel [ist es], den Schutz der Bevölkerung und der Opfer stärker in den Mittelpunkt zu stellen.“

– Neujahrsansprache von Mette Frederiksen, 2026

Der dänische Kurs ermöglichte der Partei dadurch rationalen Machterhalt: 2022 erreichten sie mit 27,5 % das beste Ergebnis seit über 20 Jahren. Und nun die Pointe: das dänische AfD-Pendant, die Dänische Volkspartei, stürzte von 21,1% (2015) auf 2,6 % (2022) ab!

Die dänischen Sozialdemokraten haben verstanden, daß die Mehrheit der Menschen Stabilität und den Erhalt kultureller Identität (dem woken Kulturmasochismus mithin entgegentretend) über ideologische Experimente stellt. So wurde auch gezeigt, dass eine linke Wirtschaftspolitik (mit starkem Sozialstaat) nur dann mehrheitsfähig bleibt, wenn sie mit einer restriktiven Migrationspolitik und einer Absage an identitätspolitische Exzesse kombiniert wird. Ironischerweise würden viele Vertreter der heutigen deutschen SPD ihr dänisches Pendant dafür wohl mit den üblichen, dummen und inzwischen fast bedeutungslosen Stigmatisierungskartätschen “rechtsradikal”, “islamophob“, “rassistisch” und dgl. bestreichen. Ebenfalls ironischerweise wird exakt durch dieses Verhalten der SPD die eine Partei gestärkt, auf manche von deren Vertretern diese Begriffe tatsächlich zutreffen und die die SPD so ostentativ ablehnt.

laß los, laß einfach los!

Lächerlich natürlich. Aber wir leben ja auch in der lächerlichsten aller Welten

Kann die SPD noch umkehren? Will sie das überhaupt? Und kämen die Arbeiter und die anderen Verprellten zurück, wenn sie endlich und glaubwürdig von Wokeness und Identitätspolitik ließe? Ich will es für sie hoffen. Nicht weil ich die SPD besonders mag, sondern weil ich überzeugt bin, daß wir Wokeness von einem liberalen, rationalen und gemäßigten Standpunkt aus statt mit von rechts überschießendem Aktionisms bekämpfen müssen und weil ich lieber eine vernünftige, realitätsorientierte, säkulare Sozialdemokratie für Deutschland erstarken sähe, als eine “Alternative”.

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Kommentare (6)

  1. #2 Leser
    25/03/2026

    Nagel -> Kopp.

    Alter! 15 Jahre und kein bisschen leise !

  2. #3 natürliche Intelligenz
    25/03/2026

    Worum geht es ?
    Es geht nicht nur um den Niedergang der “demokratischen” Partei Deutschlands, sondern auch um den Niedergang der “sozialen” Partei Deutschlands , der SPD.
    Der Totengräber war Gerhard Schröder der die Agenda 2010 eingeleitet hat, wo laut google:
    Übersicht mit KI
    Die Agenda 2010 (2003–2005) führte zu einem massiven Rückgang der Arbeitslosigkeit, der Förderung eines flexiblen Niedriglohnsektors und einer erhöhten Erwerbstätigenquote in Deutschland
    . Sozialpolitisch war sie durch Hartz IV umstritten, was zu steigender Ungleichheit, Altersarmut und Arbeitsplatzunsicherheit führte. Sie gilt als Wende für den Arbeitsmarkt, aber auch als Treiber sozialer Verunsicherung.”
    Die Arbeiterschaft fühlte sich verraten und ist heute orientierungslos. Herr Courts nennt das wokeness.
    Man beschäftigt sich mit Dingen, die nicht tragfähig sind.

  3. #4 schorsch
    25/03/2026

    Im Moment das schrille Geschrei um Collien Fernandes: Da hat unsere SPD-Bundesjustizministerium Hubig nichts besseres zu tun, als völlig ohne jede Prüfung, ohne jede Kenntnis der Fakten sich an die Spitze des Lynchmobs zu stellen, und ‘Schärfere Gesetze, schärfere Gesetze’ zu brüllen.

    Ein populistisches Kriegsgeschrei, welches bei der AfD regelmäßig funktioniert – seltsamerweise bei der SPD aber nie! Ob das damit zusammenhängt, dass die AfD sich mit ihrem Populismus regelmäßig an die Mehrheitsgesellschaft wendet, die SPD aber immer nur an ein paar woke Spinner und Journalisten?

  4. #5 natürliche Intelligenz
    25/03/2026

    schorsch,
    Fakt ist, dass Frau Fernandes bekannter ist als Frau Hubig.
    Deswegen profitiert hier die SPD nicht, sie profiliert sich nicht mehr,
    Der SPD gehen die guten Leute aus.
    Und das ist ein innerpolitisches Problem, die SPD rekrutiert ihre Sekretäre, Sekretärinnen, ihre Mitarbeiter aus den eigenen Reihen, man kann es böswillig schon als innerparteiliche Inzucht bezeichnen.
    Die AfD profitiert davon, weil ihre Wortführer “von der Straße” kommen, und die Sprache der Straße sprechen.

  5. #6 Alexander
    25/03/2026

    “bundesweit landete sie mit nur 20,1% auf dem dritten Platz knapp hinter der AfD”

    Bei der Bundestagswahl haben die ehemaligen Sozialdemokraten 16,4% der gültigen Stimmen erhalten! Woher kommen die 20,1?

    Zu den Ursachen: Wer mag, der kann zum Beispiel kurz in Steinmeiers Bewerbungsrede als Bundespräsident auf dem “Arbeitgebertag” reinhören. 15:45 – 19:27

    https://www.youtube.com/watch?v=c1OomcaIePc

    Ob dem stolzen “Agenda-Architekt” damals klar war, dass die Leute, bei denen er sich bewarb, seine Partei trotzdem nicht wählen würden?