rilke

Rilke – Ausschnitt aus Gemälde von Leonid Ossipowitsch Pasternak

Übermorgen stirbt das Jahr 2019 aber heute vor 93 Jahren starb Rainer Maria Rilke.
Für mich der größte Lyriker deutscher Sprache.

Es ist noch Tag auf der Terrasse.
Da fühle ich ein neues Freuen:
Wenn ich jetzt in den Abend fasse,
Ich könnte Gold in jede Gasse
Aus meiner Stille niederstreuen.

Ich bin jetzt vor der Welt so weit,
Mit ihrem späten Glanz verbräme
Ich meine ernste Einsamkeit.

Mir ist, als ob mir irgendwer
Jetzt leise meinen Namen nähme,
So zärtlich, daß ich mich nicht schäme
Und weiß, ich brauche keinen mehr.

R.M. Rilke

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und damit wünsche ich allen LeserInnen einen sanften und freudvollen Übergang ins neue Jahr, welches glücklicher sein möge, als das vergangene.

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Kommentare (7)

  1. #1 RPGNo1
    29/12/2019

    @CC

    Vielen Dank für die netten Wünsche, die ich gerne zurückgebe. Auf ein neues Jahrzehnt.

  2. #2 Joseph Kuhn
    29/12/2019

    “Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

    Was sind das für Zeiten, wo
    Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
    Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!”

    Oder sind es Zeiten, in denen das Gespräch über die Bäume nötig ist, weil es zeigt, dass die Welt anders sein könnte?

    In diesem Sinne, einen guten Rutsch auch in Kiel!

  3. #3 Ursula
    29/12/2019

    Ich wünsche auch von ganzem Herzen ein gutes 2020!

    Das XXII. Sonett

    Wir sind die Treibenden.
    Aber den Schritt der Zeit,
    nehmt ihn als Kleinigkeit
    im immer Bleibenden.

    Alles das Eilende
    wird schon vorüber sein;
    denn das Verweilende
    erst weiht uns ein.

    Knaben, o werft den Mut
    nicht in die Schnelligkeit,
    nicht in den Flugversuch.

    Alles ist ausgeruht:
    Dunkel und Helligkeit,
    Blume und Buch.

    R.M. Rilke

  4. #4 noch'n Flo
    Schoggiland
    30/12/2019

    Aus aktuellem Anlass ( http://scienceblogs.de/bloodnacid/2019/11/19/olt-14/#comment-329469 ) auch von mir ein Rilke-Zitat:

    Daß wir erschraken, da du starbst, nein,
    daß dein starker Tod uns dunkel unterbrach,
    das Bisdahin abreißend vom Seither:
    das geht uns an; das einzuordnen wird
    die Arbeit sein, die wir mit allem tun.

    (aus dem Requiem für Paula Modersohn-Becker, geschrieben in Paris, 31.Oktober bis 2.November 1908)

    ins neue Jahr, welches glücklicher sein möge, als das vergangene

    Schlimmer als das abgelaufene kann es nun wirklich nicht mehr werden.

    Obwohl: das habe ich vor einem Jahr schon einmal geschrieben und wurde dann heftigst eines Schlechteren belehrt…

  5. #5 bote
    30/12/2019

    Rilke geht mit den Gedanken um, wie die Noten einer Klaviersonate.
    Jedes Wort lässt einen Gedanken erklingen und am Ende der Strophe hört man seine eigenen Gefühle in solcher Klarheit und Anmut den Körper durchfließen dass selbst die Schwermut unseren Geist erwärmt und der Tod uns willkommen erscheint.

  6. #6 zimtspinne
    30/12/2019

    Und er sieht auch so tiefgründig aus, wäre eine von 10 Personen, die ich mit auf eine einsame Insel nehmen würde!

    Rilke spaziert auf der Bühne der Lyrik wie die erlauchte Duchesse auf den spitzen Gartenzaunlatten (Garfields Neid erweckend).

    Man hat es dieser Tage mit den Katzen – war aber glaub mein erstes bewusst gelesenes Gedicht Diggedicht von Rilke. Fortan mochte ich keine Raubkatzen im Zoo mehr sehen.

    Der Panther
    Im Jardin des Plantes, Paris

    Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
    so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
    Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
    und hinter tausend Stäben keine Welt.

    Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
    der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
    ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
    in der betäubt ein großer Wille steht.

    Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
    sich lautlos auf —. Dann geht ein Bild hinein,
    geht durch der Glieder angespannte Stille —
    und hört im Herzen auf zu sein.

    Rainer Maria Rilke, September 1903

    Immerhin. Einmal sind wir uns hier doch alle einig…

  7. #7 bote
    19/01/2020

    Noch ein Gedicht zum Neuen Jahr..

    Eva

    Einfach steht sie an der Kathedrale
    großem Aufstieg, nah der Fensterrose,
    mit dem Apfel in der Apfelpose,
    schuldlos-schuldig ein für alle Male

    an dem Wachsenden, das sie gebar,
    seit sie aus dem Kreis der Ewigkeiten
    liebend fortging, um sich durchzustreiten
    durch die Erde, wie ein junges Jahr.

    Ach, sie hätte gern in jenem Land
    noch ein wenig weilen mögen, achtend
    auf der Tiere Eintracht und Verstand.

    Doch da sie den Mann entschlossen fand,
    ging sie mit ihm, nach dem Tode trachtend;
    und sie hatte Gott noch kaum gekannt.