Während in Deutschland die Piraten in Umfragen beständig an Boden verlieren und ihre Frontfrau inzwischen das Urheberrecht für sich entdecken läßt, hat in Korea ein Computer-Guru gute Aussichten im Dezember zum nächsten Staatspräsidenten gewählt zu werden.
Nach monatelangen Spekulationen hat Ahn Cheol-soo, der Gründer und langjährige CEO von Ahn Lab, Inc., heute erklärt bei den Präsidentschaftswahlen als unabhängiger Kandidat antreten zu wollen. Computer-Nutzern außerhalb Koreas ist AhnLab vermutlich kein Begriff – jedenfalls war es mir das nicht – aber hier in Korea läft die Antiviren-“Vaccine”-Software von AhnLab auf so ziemlich jedem Computer. (Marktanteil 65% laut Wikipedia.)
In Umfragen liegt Ahn hinter der konservativen Spitzenkandidaten Park, aber vor dem Kandidaten der größten Oppositionspartei. Kommentatoren rechnen damit, daß die anderen liberalen Kandidaten ihre Wähler dazu aufrufen könnten, für Ahn zu stimmen. Den möglichen Ausgang einer Direktwahl zwischen Park und Ahn zeigt die untere Leiste der Statistik.

Ahn ist eigentlich promovierter Physiologe, schrieb seine ersten Antivirusprogramme neben seiner Arzt-Tätigkeit in Kliniken und gründete AhnLab dann 1995. Zehn Jahre später zog er sich aus dem operativen Geschäft zurück, ist aber noch Aufsichtsratsvorsitzender. Momentan ist er Dekan eines Instituts mit dem blumigen Namen Graduate School of Convergence Science and Technology an Koreas wichtigster Universität SNU. Hier in Korea ist er so eine Art Bill Gates: Ende letzten Jahres kündigte er an, 250 Milliarden Won (ca. 170 Millionen Euro, die Hälfte seiner Anteile bei AhnLab) spenden zu wollen für Bildungsprojekte für Unterprivilegierte.

Die Analogien zu den deutschen Piraten drängen sich natürlich auf: auch hier ein politisch völlig unerfahrener IT-Mogul und Informatik-Professor, dessen Erfolg in Umfragen wohl eher auf einer allgemeinen Unzufriedenheit mit der Politik als auf seinen eigenen politischen Inhalten beruhen dürfte. Andererseits, wie gesagt, ist Ahn natürlich eher der Typ Bill Gates als das koreanische Analog zu Julia Schramm. Man darf gespannt sein auf die weitere Entwicklung und den Ausgang der Wahl.


Präsidentschaftskandidaten Park Geun-hye, Moon Jae-in, Ahn Cheol-soo

Kommentare (4)

  1. #1 Ludger
    19. September 2012

    Den Trojan-Dropper.Win32.Injector(siehe https://www.virustotal.com/file/3a985e46debe8e2352320c968241f70f6ae524faac9ffd6cc7203f00ac94f13f/analysis/1347991247/ ), den ich gestern als Anhang einer gefaketen Mahnung bekam, hatte AhnLab-V3 aber noch nicht drauf.

  2. #3 rank zero
    20. Dezember 2012

    Nach den Telefonaten heute nacht zu urteilen, dürfte man in Seoul heute eher deprimiert sein (leidenschaftlicher O-Ton: “Könnt ihr euch vorstellen, dass in Deutschland die Tochter von Hitler als Präsidentin gewählt wird, weil die Autobahnen positiv erinnert werden?” – wobei der Vergleich sicher sehr schief ist); die überwältigende Mehrheit in der Provinz für die Konservativen hat den knappen Ausschlag gegeben. Vielleicht hätte Ahn wirklich bessere Chancen gehabt, aber vielleicht in fünf Jahren…

  3. #4 Thilo
    22. Januar 2014