Schriftliche Division
Zunächst kaum beachtet wurden im Dezember für Niedersachsen Änderungen im Mathematikunterricht der Grundschule angekündigt. Nach Artikeln in einigen Leitmedien wurde das dann seit der zweiten Januarwoche zu einem Thema polemischer öffentlicher Debatten. Das Bildungsmagazin “News4Teachers” fasste es mit etwas zeitlichem Abstand am 28. Januar so zusammen:
Von 2027/28 an lernen Grundschüler anders, Zahlen zu teilen. Das stößt auf Kritik. Die CDU spricht von einem Ende der Leistungsgesellschaft. Doch Niedersachsens Kultusministerin widerspricht: Sie sieht darin sogar einen Grundstein für mögliche künftige Nobelpreisträger.
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Mit der von 2027/28 greifenden Änderung wird an den Grundschulen hauptsächlich das sogenannte halbschriftliche Dividieren gelehrt, bei der die Zahlen in übersichtlichere Teilzahlen zerlegt und dann geteilt werden. Die klassische Division wird dafür erst verbindlich ab Klasse 5 unterrichtet.
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«Wir reduzieren keine Standards, sondern wir steigern das Verständnis», betonte [Ministerin] Hamburg. «Ich gehe fest davon aus, dass die Kinder dadurch besser in Mathe werden.» Die Schülerinnen und Schüler würden sicherer Kopfrechnen können und auch eigene Lösungswege für mathematische Probleme finden. «Damit legen wir den Grundstein, dass Kinder später auch richtig hochspringen und im Studium ganz neue eigene Modelle entwickeln können und vielleicht sogar mal einen Nobelpreis gewinnen.»
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Sophie Ramdor von der CDU beklagte eine generelle Abkehr von der Leistungsgesellschaft. «Wenn das Ministerium weiter eine Welt für die Kinder erschafft, in der ihnen nichts mehr zugetraut wird, in der nicht zugelassen wird, dass sie sich anstrengen und über sich selbst hinauswachsen können, dann wird es in Zukunft keine Spitzensportler, keine Innovation mehr aus diesem Land geben», sagte sie.
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In die gleiche Kerbe schlägt der Philologenverband Niedersachsen (PhVN). […] «Wenn die Vernetzung dieser Kompetenzen nicht mehr sichtbar ist, dann ist es auch schwieriger zu erkennen, ob ein Kind komplexe Zusammenhänge erfassen kann oder eben nicht»
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Allerdings ist die neue Vermittlung der Division kein grünes Projekt, wie Kritiker behaupten: Die Anpassungen orientieren sich an den Bildungsstandards der Länder, wie sie die Kultusministerkonferenz (KMK) festgelegt hat – darunter eben auch Kultusminister der Union.
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Neben Niedersachsen haben der Landesregierung zufolge bereits fünf weitere Länder die Änderung angeschoben. Darauf verwies auch der SPD-Abgeordnete Thore Güldner. Er kritisierte, eine gemeinsame Vereinbarung werde nun «zu einem Kulturkampf aufgeblasen».
Kulturkämpfe
Inhalte des Mathematikunterrichts zu Kulturkämpfen aufzublasen hat in den USA eine lange Tradition, in Deutschland bisher eigentlich weniger, wenn man mal von den Auseinandersetzungen um die “Mengenlehre” im Schulunterricht Anfang der 70er Jahre absieht.
In den USA fanden solche Debatten oft unter Beteiligung von Mathematikern statt, die sich meist gegen die “Reformen” positionierten und dann manchmal auch ungewollt von republikanischer Seite vereinnahmt wurden.
Ein nicht mehr ganz aktuelles, aber vielleicht recht typisches Beispiel ist dieses Zitat aus einem Interview mit Francis Fukuyama im SPIEGEL 49/2021:
In New York City sind sie dabei, Schulen abzuschaffen, für die man einen Test absolvieren muss. Etwas ähnliches geschieht in Kalifornien, wo der Lehrplan für Mathematik an öffentlichen Schulen verwässert werden soll, weil schwarze und hispanische Schüler damit Schwierigkeiten haben. Ich glaube, dass dies eine verheerende Entwicklung ist, und zwar aus zwei Gründen. Zum einen, wenn man Schülern nicht Integralrechnung beibringt, raubt man ihnen die Chance, Wissenschaftler oder Ingenieur zu werden. Zum anderen hat es aber auch eine politische Folge. Die meisten meiner konservativen Freunde mögen Donald Trump nicht. Aber sie hassen die Linken noch mehr, weil die so lächerliche Pläne wie die Änderung des Mathematik-Lehrplans betreiben. Diese Art der Identitätspolitik erzeugt eine Gegenbewegung.
Der drittletzte Satz mag ja Wunschdenken sein, aber was ist dran an der Abschaffung der Integralrechnung? Zu den damaligen Diskussionen in Kalifornien fand man mit Google einen sehr polemischen Artikel von Svetlana Jitomirskaya und einen zurückhaltender formulierten von Monica Osborne. Die Vorschläge, um die es ging, waren damals natürlich auch öffentlich einsehbar. Ich habe zwar nicht die Stelle gefunden, wo Integralrechnung abgeschafft werden sollte, aber vieles in dem Text wirkte wie ein beliebiges Zusammenwürfeln irgendwo gehörter Schlagworte. Beispielsweise gab es einen längeren Abschnitt darüber, wie man Schülern der Klassen 9-12 komplexe Zahlen vermitteln sollte (vielleicht nicht das wichtigste Thema für diese Jahrgänge), wo über die Bedeutung visueller Darstellungen von Zahlensystemen gesprochen und diese dann aber nicht mit einem Bild der komplexen Ebene, sondern einem Venn-Diagramm verschiedener Zahltypen illustriert wurden. Auch Ideen, klassischen Mathematikunterricht durch Data Science zu ersetzen (statt letztere als Anwendung der Mathematik zu betrachten) wirkten nicht sehr ausgegoren. Man könnte die einzelnen Teile des Rahmenplans durchgehen und da sicher viel zu schreiben. Andererseits würde ich doch bezweifeln, dass all das an den Schulen tatsächlich umgesetzt wurde. Insofern dürfte es doch eher “much ado about nothing” gewesen sein.
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