Neue Medien
Offenkundig werden solche Debatten, in denen es dann meist nicht mehr um die eigentlichen inhaltlichen Fragen geht, vor allem durch die (inzwischen nicht mehr ganz so neuen) sozialen Medien befeuert, inzwischen auch in Deutschland. YouTube-Kanäle, in denen der Untergang des deutschen Bildungssystems und speziell des Mathematikunterrichts beklagt wird, haben zehntausende Aufrufe und hunderte Zuschauerkommentare, die dann beispielsweise beklagen, dass “Ansprüche nach unten geschraubt” würden, um “eine Quote zu erreichen”, oder die ihren allgemeinen Weltfrust mit dem Thema Mathematikunterricht verbinden, etwa indem sie sich darüber beklagen, dass in den neuen Mathematikbüchern der Gymnasien bevorzugt nichtdeutsche Namen vorkommen würden. Sehr häufig geht es dann ganz allgemein darum, dass früher alles anders und besser war. Ein typisches Beispiel eines Zuschauerkommentars unter einer Sendung “Deutschland verlernt das Denken – Mathematikprofessor nennt die Schuldigen” der YouTuberin Jasmin Kosubek vom 1. Februar:
Als alter Mathematiklehrer (seit 12 J. pens.) möchte ich dem Hr. Prof. meinen Dank und meine Anerkennung aussprechen für die zutreffende Beschreibung des dt. Schulsystems. Es waren nicht Mathematiker und Naturwissenschaftler, die diese Katastrophe verursacht haben. Es waren die Politiker, und sie ruinieren immer noch!
Mathematik neu denken
In Deutschland waren Reformen des Mathematikunterrichts meist unabhängig von politischen Diskussionen zum Schulsystem. Während letztere traditionell mal einen Schwerpunkt in der Frage Einheitsschule versus dreigliedriges Schulsystem hatten, war in der Mathematik nach meinem Eindruck der Reformeifer bei der Lehrerbildung für den gymnasialen Unterricht immer deutlich größer als bei den anderen Schultypen.
Ältere Leser werden sich erinnern, dass nach dem ersten PISA-Schock viel über Änderungen im Mathematikunterricht gesprochen wurde. Obwohl Deutschland damals vor allem bei den anderen Schultypen schlecht abschnitt, sollte dann zunächst die Ausbildung der Gymnasiallehrer reformiert werden, unter dem Schlagwort “Mathematik neu denken”.
Der Name nahm offenkundig Bezug auf Hartmut von Hentig (“Schule neu denken”), und auch inhaltlich wirkten die Programme eher wie von Altphilologen verfaßt als von Kämpfern für Quoten oder soziale Gerechtigkeit. Ganz offensichtlich ging es eher darum, die Abgrenzung der Gymnasiallehrerausbildung zu anderen Schultypen beizubehalten und gleichzeitig eine Abgrenzung zum “gewöhnlichen” Mathematikstudium herzustellen. Trotz der im Namen erkennbaren Bezugnahme auf von Hentig ging es primär um einen Paradigmenwechsel in der Lehrerausbildung und weniger um Änderungen an Schulen.
Das klingt natürlich alles sehr schön. Im Detail wirkten die Empfehlungen aber schon damals konfus und wenig durchdacht.
Ich finde keinen dieser Vorschläge wirklich sinnvoll und ich weiß auch nicht, ob es irgendwelche seriösen Untersuchungen dazu gibt, wie sich diese oder andere Reformideen der letzten 20 Jahre auf die Lehrerbildung und dann den Schulunterricht ausgewirkt haben.
Schulbücher
Im Vergleich zu meiner Schulzeit sind Lehrbücher heute nicht nur bunter und lockerer, sondern auch inhaltsreicher und weniger eintönig. Als Mathematiker bedauert man natürlich, dass das, was wir eigentlich unter Mathematik verstehen, kaum noch vorkommt. Klassische Elementargeometrie scheint weitgehend verdrängt worden zu sein, Beweise unerwünscht, selbst dort, wo sie sich anschaulich und verständlich präsentieren ließen. Bei dem unten abgebildeten Beispiel hat man den Eindruck, dass die Autoren um jeden Preis den Eindruck vermeiden wollten, einen formalen Beweis zu präsentieren, obwohl alle Ingredienzen für den Beweis ja im Bild bereits vorkommen. (Man müsste noch den roten Winkel nach rechts drehen und den grünen nach links, so dass man eine zur Grundseite parallele Gerade bekommt.)
(Dieses Beispiel aus einem realen Schulbuch habe ich von der Webseite von Prof. Hermann Karcher, Bonn, wo sich zahlreiche kritische Texte zur Schulmathematik und zu aktuellen Lehrbüchern finden.)
Und auch in der Differentialrechnung werden formale Definitionen (etwa zu Grenzwerten) krampfhaft vermieden. Zum Beispiel führt ein Schulbuch Mathematik für das 11. Schuljahr den Begriff Stetigkeit im Abschnitt über Zwischenwerte ein:



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