Wie versprochen, berichte ich heute von einer Methode, die wir erfunden haben, um mehr und bessere Ergebnisse aus experimentellen Beschüssen zu erhalten.

Ich habe ja schon öfters über unsere Projekte zur molekularen Ballistik berichtet und ein zentrales Phänomen, das darin untersucht wird, ist der „Backspatter“ (dt. Rückschleuderspuren), also Spritzer von Blut und Gewebe, die aus der Einschußwunde eines von einem Feuerwaffenprojektil getroffenen biologischen Ziels, gegen die Schußrichtung zurück zu Waffe und Schütze geschleudert werden. Je nach Abstand, Winkel, Kaliber und verwendeter Munition erreichen diese Backspatterspuren den Schützen und die Waffe und können sich sogar im Inneren der Schußwaffe absetzen und dort verfestigen. Von dort können wir sie bergen und auf DNA und RNA untersuchen.

Es gibt aber noch andere wichtige Aspekte im hochkomplexen Spurenbild, das nach Schüssen auf biologische Ziele entsteht, darunter Schmauch und die Verletzungen, die durch das Projektil im getroffenen Ziel angerichtet werden. Diese zu beschreiben und zu interpretieren ist Aufgabe der Wundballistik. Anhand wundballistischer Analysen lassen sich Aussagen zum Schußabstand und –winkel, zu Eigenschaften des Projektils und aufgrund der Einschußstelle womöglich auch zur Absicht des Schützen tätigen. Bringt man diese Befunde mit den Befunden der Spritzmusteranalysen (Verteilung von Backspatter aber auch Frontspatter, also den Spritzern, die aus der Austrittswunde herausgeschleudert wurden) und der molekularen Ballistik zusammen, kann im günstigen Fall eine beeindruckend detailreiche Rekonstruktion von Schußwaffendelikten gelingen.

Natürlich müssen die Zuverlässigkeit und die Grenzen der einzelnen Verfahren für einen routinemäßigen Einsatz bekannt und dafür systematisch untersucht worden sein. Da man jedoch Schußwaffendelikte mit ihren zahlreichen Variablen weder planen noch kontrollieren kann, muß man Schüsse auf biologische Ziele experimentell nachstellen und systematisch den Einfluss aller Variablen auf das Ergebnis untersuchen. Dadurch ergibt sich die Notwendigkeit für die Durchführung experimenteller Beschüsse auf ballistische Modelle.

Die Planung, Logistik und Durchführung solcher Schußversuche sind jedoch überaus aufwendig, kostspielig und schwierig. Das deutsche Waffengesetz ist zurecht streng, wodurch Aufbewahrung, Transport, Handhabung und Benutzung von Schußwaffen und Munition nur in sehr engen Grenzen möglich ist. Man benötigt die Unterstützung von Waffensachverständigen, Zugang zu den zu untersuchenden Waffenmodellen, Zugang zu einem für die zu untersuchenden Waffenarten zugelassenen Schießstand, muß zahlreiche ballistische Modelle, die mit hochverderblicher Gelatine gefüllt und ggf. mit biologischem Material wie Blut und Gewebe dotiert sind, rechtzeitig und auf den Punkt hergestellt haben und transportieren. Zudem muß eine Umgebung für eine kontaminationsfreie Probenentnahme geschaffen werden und bei Mehrfachbenutzung der Waffen muß auch eine extrem effiziente aber vor Ort einsetzbare Reinigungsstrategie etabliert sein, um sicherzustellen, daß die Waffe bei jeden Schuß wirklich sauber ist und keine Spuren eines vorigen Beschusses mehr enthält.

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Mitarbeiterinnen in Vollschutzkleidung bei der Probennahme im mobilen Labor

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Probennahme von einer Munitionshülse; die zugehörige Waffe liegt auf dem Tisch

 

Man benötigt zudem Unmengen an Einmal-Schutzbekleidung, da der Schütze vor jedem Schuß wie eine Mumie verpackt wird, um ihn vor Blutspritzern und die Waffe vor Kontamination durch den Schützen zu schützen

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ich und unser Waffensachverständiger P. Cachée in voller Schutzmontur

 

Kurz: „Schußtage“ sind teuer und erfordern ein Maximum an Aufwand und Vorbereitung und sind eine sehr begrenzte „Ressource“. Es ist also erstrebenswert, so viel Information wie nur irgend möglich aus solchen Beschußexperimenten zu gewinnen. Leider wurde das bis vor kurzem kaum umgesetzt, da immer nur entweder wundballistische oder molekularballistische Phänomene untersucht wurden. Das war nicht nur unökonomisch, man vergab auch die Möglichkeit, mögliche Korrelationen zwischen der Ausprägungen wundballistischer (z.B. des Wundkanals) und molekularballistischer (z.B. der DNA- und RNA-Ausbeute) Erscheinungen zu untersuchen bzw. überhaupt zu entdecken.

modell

Um diesem Mißstand abzuhelfen, haben wir die „triple contrast“-Methode erfunden [1]: sie beruht darauf, daß ein ballistisches Modell mit einer dreifachen Kontrastmischung bestückt wird. Links im Bild unser ballistisches Modell: eine PET-Flasche, gefüllt mit 10%iger ballistischer Gelatine, auf der ein Kunststoffbeutel gefüllt mit der Dreifachmischung angebracht ist, der durch eine 3 mm dicke Silikonschicht, die z.B. die Kopfschwarte simulieren kann, stabilisiert wird.

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Kommentare (2)

  1. #1 Stephan Mallik
    www.krebsbericht.de
    09/05/2015

    CSI Bonn! Wer sich für den Unterschied von CSI, Pathologie, Rechtsmedizin und Gerichtsmedizin interessiert, der wird hier fündig: http://krebsbericht.de/vergesst-boerne-was-macht-ein-pathologe-wirklich/ , übrigens mit freundlicher Unterstützung von Cornelius Courts.

  2. #2 rolak
    30/10/2018

    In einer Episode aus 2004 kam eben ein ‘Im Lauf von .. Dienstwaffe wurde Hirnsubstanz gefunden’. 2004! ;•)
    Die hatten aber auch den Vorteil eines einzelnen Schusses.

    Übrigens sehr spaßig, daß der völlig hinter seiner Schutzmontur versteckte Waffensachverständige ausgerechnet Cachée heißt.