… in meinem Beitrag “Will Hillary Clinton Vizepräsidentin werden?” vom 6. Juni 2008. Aber dies hier soll keine Selbstbeweihräucherung nach dem Motto “Blogger wissen mehr” sein, im Gegenteil:

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Erstens ist die Möglichkeit, dass die ehemalige First Lady das amerikanische Außenressort übernehmen konnte, nach wie vor nur eine Spekulation – wenn auch eine, die es auf die Titelseite der ein oder anderen US-Zeitung geschafft hat. Und zweitens hatte ich ihr diese Ambition (zusammen mit der auf das Verteidigungs-Ressort) damals durchaus mit einer gewissen Doppelbödigkeit unterstellt – um eben, wenn dieser Fall eintreffen sollte, obige Überschrift in meinem Blog produzieren zu können.

Falls ich jemanden bis jetzt noch nicht verwirrt haben sollte, bitte ich um Geduld – das schaffe ich auch noch. Aber mal im Ernst: Es geht mir hier nicht um die Nachricht (die ja vielleicht gar keine ist), sondern um eine Fortsetzung der Diskussion um “Journalismus vs. Blogs”, die ja im Rahmen der Scienceblogs dankenswerter Weise mit einiger Leidenschaft geführt wird:
http://www.scienceblogs.de/planeten/2008/11/irritierende-details.php
http://www.scienceblogs.de/planeten/2008/11/zeitumstellung-gefahrdet-das-herz-diskussion-in-der-blogosphare.php
http://www.scienceblogs.de/zoonpolitikon/2008/11/medien-und-politk-fur-einmal-keine-journalistenschelte.php
http://www.scienceblogs.de/zoonpolitikon/2008/10/gehirntumor-vom-handy-mediale-verarbeitung-wissenschaftlicher-studien.php
http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2008/11/falsche-propheten-und-die-blogosphare.php
http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2008/10/zeitumstellung-gefahrdet-das-herz-wirklich.php
http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2008/09/wie-schwarze-locher-und-urknall-ins-lhcgesprach-kamen.php

Dass Bloggen und Journalismus zwei völlig verschiedene Formen sind, Inhalte zu vermitteln, muss ich bestimmt niemandem erklären, der es bis auf diese Seite geschafft hat. Aber die gelegentlich daraus abgeleitete Interpretation, dass Blogs die modernere und damit auch bessere Form der Informationsbe- und Verarbeitung seien (der sich selbst manche Verlagsmanager und – jawohl – auch Journalisten nicht erwehren können), ist vorschnell. Denn das sind nun mal die sprichwörtlichen Äpfel und Birnen.

Im Gegensatz zum Blogger, der schreiben darf, worüber er will und wie er will, muss sich der Journalist nämlich an ein ganzes Sortiment von Regeln halten; manche sind “nur” überlieferte Traditionen seiner Zunft, manche werden ihm als Redaktionsstatut hausintern vorgegeben und viele sind so essentiell, dass sie per Pressegesetz verankert wurden. Eine dieser Regeln ist, dass er Nachricht und Meinung klar trennen muss – was wohl jeder Blogger (mein bloggendes Alter-Ego eingeschlossen) als lachhaft und widersinnig sehen würde: Gerade in der subjektiven Sicht der Dinge liegt ja der Reiz des Bloggens.

Aber es geht noch weiter: Journalisten sind nur die Vermittler der Information, nie die Quelle. Mein Wissen über ein Thema ist für mich als Journalist nur insofern wichtig, als es a) mir helfen kann Fragen zu stellen und die Antworten darauf zu verstehen und b) relevante Fakten zu erkennen und c) mich hoffentlich davor bewahrt, die recherchierten Informationen zu unverständlichem oder irregeleitetem Quatsch zu verkochen.

Diese für einen Journalisten eigentlich banale Tatsache wird leider oft übersehen. Nicht zuletzt bei Wissenschaftlern; ich habe schon mehr als einmal eine gewisse Ungehaltenheit bei Forschern erlebt, wenn ich sie in Interviews nach Dingen gefragt habe, die sie doch schon längst publiziert hatten: “Haben Sie mein Buch nicht gelesen?” Doch, gerade deswegen frage ich ja – damit diese Erkenntnis aus dem Mund des Wissenschaftlers an meinen Leser weiter gegeben werden kann. Der hat das Buch nämlich noch nicht gelesen.

Ganz nebenbei, aber immer noch ein bisschen zur Sache: Joschka Fischer, unser früherer Außenminister, war besonders versiert darin, praktisch jede Frage abzuschmettern, die ich ihm im über die Jahre hinweg bei diversen Pressekonferenzen stellen konnte: Bezog sich die Frage auf etwas (einen Regierungsbeschluss, beispielsweise), was bereits verabschiedet war, verweigerte er mit einer gewissen Süffisanz – Motto: “Ich nehm’ Ihnen doch nicht Ihre Arbeit ab – lesen Sie’s doch selbst nach” – die Antwort; wurde nach etwas gefragt, was noch zu beschließen wäre, dann hieß es: “zu Spekulationen äußere ich mich doch nicht”. Wie auch immer: eine klare Antwort gab’s fast nie. Irgendwie erinnerte er mich dabei aber auch an einen Kunden, der in einen Laden kommt und dort auf die Frage “Was können wir für Sie tun?” einigermaßen empört antwortet: “Wenn Sie das nicht wissen, was soll ich dann überhaupt hier?”

Aber zurück zu meinem Thema: Dass Hillary Clinton nicht im Traum daran denken würde, sich mit der Betarolle als Vize eines jungen, strahlenden Alpha-Politikers zu begnügen, war etwas, das ich “wusste” (weil ich als Korrespondent erstens die politische Karriere beider Clintons über Jahre hinweg verfolgen und beobachten konnte und zweitens Hillary Clinton bei verschiedenen Anlässen aus unmittelbarer, persönlicher Nähe beobachten konnte) – aber journalistisch gesehen war dieses “Wissen” irrelevant. Ebenso wie das “Wissen”, dass wenn überhaupt ein Posten in Obamas Administration für sie attraktiv sein könnte, dann entweder der des Außenministers oder der des Verteidigungsministers. Weil dies eben wirkliche Machtpositionen sind; beim Außenressort käme hinzu, dass dies auch ihrem Gatten Bill – der daran am meisten Spaß hätte – sehr gut gefallen würde.

Doch nichts von meinem “Wissen” erreicht auch nur annähernd den Status eines Fakts. Klar, in einem Kommentar, einer Kolumne, einer Glosse, einem Leitartikel – einem jener journalistischen Mittel, die ausdrücklich als Meinungsbeiträge gekennzeichnet sind – hätte man so etwas unterbringen können. Aber solche Plätze sind begrenzt und oft nur einem kleinen, streng behüteten Kreis von Autoren zugänglich.

Doch nur, weil ich in einem Blog, frei von allen journalistischen Kriterien, so etwas schreiben durfte, wurde es doch nicht “faktischer”. Und, ganz ehrlich: Ich hatte im eingangs erwähnten Beitrag – wie man beim Nachlesen schnell merkt – bewusst ein ganzes Sortiment möglicher Hillary-Clinton-Ambitionen eingebaut, in der Hoffnung, dass eines davon sich realisieren werde. Das ist, als ob man mit einer Schrotflinte auf eine Zielscheibe ballert: eine Kugel wird schon das Zentrum treffen. Und genau hier liegt der Unterschied zwischen Blog und Journalismus: Letzterer ist, im Idealfall, ein Präzisionsgewehr, und je nach Talent des Schützen geht der Schuss ins Schwarze, oder daneben, oder auch nach hinten los.

Und das sollte auch all jene bedenken, die dem Journalismus gerne und schnell Versagen vorwerfen und auf die Blogosphäre verweisen, wo die Themen schneller und manchmal treffender beleuchtet würden: Angesichts der Masse an Bloggern – Millionen, wenn nicht Hunderte von Millionen – wird es immer einen geben, der ein bestimmtes Thema besser, schneller und klarer trifft. Aber es ist auch viel leichter, hier einen Glücks- oder Zufallstreffer zu landen. Wie beispielsweise Matt Drudge , der vor mehr als einem Jahrzehnt (jössas, so lange ist das schon wieder her???) mit der “Aufdeckung” von Bill Clintons Affäre mit Monica Lewisky einen “Coup” gelandet hatte (eigentlich hatte Drudge gar nix aufgedeckt – er hatte nur gemeldet, dass Newsweek die Sache aufgedeckt hatte). Ansonsten tut er praktisch nichts, was Tausende von Journalisten nicht mindestens ebenso gut, wenn nicht besser tun …

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