Naja, ein bisschen erklärt – und das auch noch schnell gesprochen und mit australischem Akzent … Aber vielleicht ist der kleine Videoclip des Australiers Daniel Keogh (der mit seiner Comedy-Wissenschaftsshow The Stupid Species durchs Land Down Under tourt) ja doch ganz hilfreich, wenn man jemandem mal erklären will, was ein Placebo ist und vor allem, was es nicht ist:

flattr this!

Kommentare (26)

  1. #1 noch'n Flo
    28. Februar 2011

    Habe mir das Video gerade eben mal gebookmarkt – könnte nützlich sein in künftigen Kommentarschlachten mit HP-Anhängern.

    Was mich ja wirklich fasziniert hat, war eine Studie, die vor ein paar Jahren rauskam (sorry, habe gerade keinen Link zur Hand): da wurden Patienten mit chronischen Bauchschmerzen, für die auch nach Jahren keinerlei Ursache gefunden werden konnte, mit einer Placebo-Operation behandelt. Das Prinzip war ganz einfach: die Leute bekamen eine Anästhesie, im Operationssaal wurde ein Schnitt in den Bauch gesetzt – und sofort wieder vernäht. Und – Wunder, oh Wunder – die Patienten hatten hinter tatsächlich weniger Bauchschmerzen! Wirklich faszinierend…

    (Wobei sich allerdings die Frage stellt, ob eventuelle spätere postoperative Verwachsungen das Problem nicht auf lange Sicht verstärken.)

    Ich habe ja eine ganze Zeit lang in den Fachgebieten Psychiatrie und Psychsomatik gearbeitet. Insbesondere in letzterem waren Placebos ja streng verpönt. Weil es quasi als “Betrug am Patienten” angesehen wurde, ihm ein wirkstofffreies Medikament zu geben; das würde ja die Arzt-Therapeuten-Beziehung belasten bzw sogar gefährden…

  2. #2 miesepeter3
    1. März 2011

    @noch`n Flo

    “Ich habe ja eine ganze Zeit lang in den Fachgebieten Psychiatrie und Psychsomatik gearbeitet. Insbesondere in letzterem waren Placebos ja streng verpönt. Weil es quasi als “Betrug am Patienten” angesehen wurde, ihm ein wirkstofffreies Medikament zu geben; das würde ja die Arzt-Therapeuten-Beziehung belasten bzw sogar gefährden…”

    …oder dem Kranken helfen. Möglicherweise sogar heilen? Nicht auszudenken, kein Umsatz mehr mit diesem eingebildeten Kranken und außerdem, wozu hat man eigentlich solange studiert? Nur um dann Hokuspokus zu verschreiben? Keine ärztliche Kunst mehr? Muß man sich quasi in die Nähe zu irgendwelchen Quacksalbern begeben?
    Weswegen wird man noch mal zum Arzt? Um Menschen bei Krankheit zu helfen?

  3. #3 noch'n Flo
    1. März 2011

    @ mp3:

    Keine Provokation notwendig – ich habe nicht behauptet, dass ich diese Haltung meiner damaligen Kollegen bzw. vor allem der dort tätigen Psychologen (von deren Seite kam so etwas nämlich in erster Linie) teilen würde.

  4. #4 miesepeter3
    1. März 2011

    @noch`n Flo

    Schade, ich provozier doch so gern. Aber diese Einstellung ist nach meiner Erfahrung immer noch die Vorherrschende in der Medizin. Es ist nicht wichtig, was dem Patienten hilft, sondern nur, was ihm helfen darf.
    Die absichtliche Herbeiführung des Placeboeffektes zum Zwecke der Heilunggilt immer noch als Betrug am Patienten, lieber irgendwas anderes, was auch nicht hilft, aber nicht ehrenrührig ist.
    Komisch, in der Forschung scheint das nicht ehrenrührig zu sein. Da gibt man jede Menge Placebos an Kranke, um ein Maßstab z.B.für die Wirkung eines neuen Medikamentes zu bekommen. Offensichtlich gilt auch hier, wenn zwei das gleiche tun….

  5. #5 Hel
    2. März 2011

    @mp3

    Die absichtliche Herbeiführung des Placeboeffektes zum Zwecke der Heilung gilt immer noch als Betrug am Patienten, lieber irgendwas anderes, was auch nicht hilft, aber nicht ehrenrührig ist.

    Lies dir deinen Satz bitte nochmal genau durch. Erkennst du den darin enthaltenen Widerspruch in sich?

    Komisch, in der Forschung scheint das nicht ehrenrührig zu sein. Da gibt man jede Menge Placebos an Kranke, um ein Maßstab z.B.für die Wirkung eines neuen Medikamentes zu bekommen.

    Bei derartigen klinischen Studien werden die freiwilligen Teilnehmer darüber informiert, dass sie entweder Placebo oder Verum erhalten. Sie werden alle medizinisch betreut, Placebo-Patienten können und müssen bei Verschlechterung ihres Zustands sofort herausgenommen werden. Die Placebo-Vergabe dient hier also, wie du selbst sagst, eben nicht der Heilung, sondern der Nutzen-Messbarkeit für das Verum. Erkennst du den Unterschied?

    @all apropos Placebo

    Zurzeit verursacht eine Stellungnahme der BÄK – http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/placebo_lf_08092010.pdf – zu diesem Thema viel Gewirbel und Geschwurbel.

    Die Medienrezeption geht entsprechend in Richtung Homöopathie-/Pseudomedizin-Apologetik. Auch hier war wohl mal wieder der Historiker und Homöopathie-Freund Dr. Robert Jütte federführend, vgl http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/44907/Placebo-in-der-Medizin–Neue-Erkenntnisse-zu-Effekten.htm und http://www.aerztezeitung.de/panorama/article/352052/homoeopathen-machten-ersten-doppel-blindversuch.html.

    My 2 cents: Beim Überfliegen des BÄK-Textes fand ich erstmal nichts Neues. Diese daraus entstandene mediale Placebo-Lobhudelei lässt aber großes Unbehagen aufkommen. Irgendwo tauchte da als Placebo-Beispiel sogar Antibiotika-Vergabe bei Virusinfektion auf. Angesichts der potenziellen Neben- und Nachwirkungen von Antibiotika (für deren Verfügbarkeit ich aus eigener Erfahrung Wissenschaftlern/Gott/Pharmaindustrie/Pilzen unendlich dankbar bin) wäre es fahrlässig bis bösartig, sie ohne entsprechende Indikation zu verordnen.

    Ich finde es reichlich dreist und dumm, die sogenannte “Verordnung” nicht rezeptpflichtiger, ergo idR selbst zu zahlender Mittelchen mit riskanten Fehlverordnungen sowie Besch*** auf Kassenkosten zu vermengen und das ganze dann als Heilwerk des wunderbaren Placebo-Effekts hinzustellen.

  6. #6 miesepeter3
    3. März 2011

    @Hel

    Nö, ich seh da keinen Widersruch in sich. Ich habe ganz deutlich gesagt, dass ein Placebo auchdann nicht angewandt wird, wenn andere Medizin nicht mehr hilft, sozusagen als letzter Versuch. Dieser wird nicht gestartet, weil der Placeboeffekt nicht nur nicht auf Befehl herbeigeführtwerden kann, sondern auch als “Betrug” gilt. Das finde ich bedauerlich, da doch angeblich der Placeboeffekt gut erforscht ist und es allgemein anerkannt ist, dass er funktioniert.
    Der Placeboeffekt im Versuch dient der Kontrolle des Medikamentes Punkt. Hab ich was anderes geschrieben? Er wird mit voller Absicht angestrebt und gilt hier eben nicht als unanständig. Habe nie behauptet, dass er bei Verschlechterung des Zustandes des Kranken beibehalten wird.
    Ich erkenne auch hier also keinen Unterschied.
    Und letzten Endes läßt Deine Beitrag vermuten, dass Du genau zu dem Personenkreis gehörst, den ich damit beschreiben wollte : Placeboeffect ist bä bä, wenn der Patient vorher nicht darüber aufgeklärt wird, dass er ein Placebo erhält. Ob es ihm unaufgeklärt helfen könnte wird gar nicht erst in Erwägung gezogen. Entspricht das der Zielsetzng des Arztes, soviel zu helfen, wie möglich?

  7. #7 edlonle
    3. März 2011

    ganz erhellend in diesem Zusammenhang ist der Artikel in der ‘Zeit’:
    http://www.welt.de/gesundheit/article12679568/Bundesaerztekammer-empfiehlt-Einsatz-von-Placebos.html

    Besonders empfehlenswert ist die Photoreihe: Was hinter Phänomenen steckt
    auf der selben Seite. Unbedingt durchklicken!

    Ich weiß aus eigener Erfahrung (meine Ex war Homöopathin, jetzt überzeugte Christin und somit schon immer ein Gegenpol zu mir) dass unsere Kinder mit diesen Kügelchen aus Zucker selbst in schwierigen Situationen gesund geworden sind!
    Ein Beispiel:
    der Jüngste hatte Hodenhochstand, bedeutet dass seine Hoden in den Unterbauch gewandert sind. Er war damals ca. 4 Jahre alt und die Hoden hätten lt. Ärztemeinung bereits in den Sack wandern müssen. Das ging solang’ bis eine Operation anberaumt wurde. Wenige Tage vor der OP hat meine gutgläubige Ex ein paar Kügelchen Zucker von Ihrer Homöopathin bekommen (man was hab ich gearbeitet um diese shice zu bezahlen) und unserem kleinen gegeben. Tatsächlich war am nächsten Tag keine OP mehr nötig, die Hoden da wo sie hingehören. Bis zu Ihren 6. und 10. Geburtstagen hatten die Jungs keine anderen Medikamente bekommen, bis auf eine Notfallausnahme wo dann selbst meine Ex erkannt hat dass Zuckerkügelchen da nicht helfen konnten. Der Jüngste rang mit dem Tod.

    Da ich inzwischen (hoffentlich bleibt’s so) mit meiner Ex ganz gut auskomme, glaube ich dass “Glaube” hilft, zumindest den Menschen die an “Glauben” glauben. Inzwischen bin ich für sie eine Seele für die sie betet und der sie “vergeben” hat. Ich lass das einfach so stehen weil es es für alle Beteiligten erträglicher macht.

    Insofern musste ich zu der Überzeugung gelangen das “Glauben” hilft, mir allerdings nicht. Eine Frage des Ratios also….

  8. #8 edlonle
    3. März 2011

    schulligung: Artikel in der “Welt” natürlich.
    Wie schnell das geht mit dem falsch zitieren und den Fußnoten uiuiui

  9. #9 miesepeter3
    3. März 2011

    @edlonle

    macht nix, war trotzdem gut.

  10. #10 Hel
    3. März 2011

    @mp3

    Ich habe ganz deutlich gesagt, dass ein Placebo auch dann nicht angewandt wird, wenn andere Medizin nicht mehr hilft, sozusagen als letzter Versuch. Dieser wird nicht gestartet, weil der Placeboeffekt nicht nur nicht auf Befehl herbeigeführt werden kann, sondern auch als “Betrug” gilt. Das finde ich bedauerlich, da doch angeblich der Placeboeffekt gut erforscht ist und es allgemein anerkannt ist, dass er funktioniert.

    Du verstehst es offensichtlich wirklich nicht.

    @edlonle

    Dieser Artikel in der “Welt” gehört genau zu denen, die ich äußerst fragwürdig finde. Er gaukelt nämlich eine verlässliche, vorhersagbare Wirkung des Placebo-Effekts vor, die aber gar nicht gegeben ist. Das ist der entscheidende Punkt. Deine Anekdote beweist gar nichts.

    Robert Jütte behauptet: “„Mit dem Einsatz von Placebos lassen sich erwünschte Arzneimittelwirkungen maximieren, unerwünschte Wirkungen von Medikamenten verringern und Kosten im Gesundheitswesen sparen.“ Damit unterstellt er die Vorhersagbarkeit von Placebo-Effekten, was schlichtweg falsch ist. Es ist geradezu unverschämt, dafür noch das Kostenargument anzubringen.

    Letztlich versucht Jütte mit alledem krampfhaft, die Homöopathie zu adeln.

  11. #11 miesepeter3
    3. März 2011

    @Hel

    “Du verstehst es offensichtlich wirklich nicht. ”

    Ich habe lediglich eine andere Meinung dazu, das hat mit nicht verstehen nichts zu tun.

    Der Placeboeffekt ist bis heute nicht vorhesehbar bzw. nicht mit hoher Wahrscheinlichkeit auslösbar. So gesehen hast Du Recht, wenn Du die gewollte und regelmäßige Anwendung als Therapie ablehnst. Aber wenn alle anderen Mittel versagt haben, kann man das doch wenigstens versuchen, oder? Was wäre daran Betrug?

  12. #12 Hel
    3. März 2011

    @mp3

    Aber wenn alle anderen Mittel versagt haben, kann man das doch wenigstens versuchen, oder? Was wäre daran Betrug?

    Dagegen ist nichts einzuwenden. Ich glaube, das geschieht auch heute schon manchmal. Vielleicht kann Flo uns dazu ja mehr sagen?

    Mich stört am Medienecho für diese BÄK-Stellungnahme, dass der Placebo-Effekt mehr den Zuckerpillen als dem therapeutischen Setting zugeschrieben wird und undifferenziert Zahlen rausgehauen wie zB, 30 % der Depressiven könnten mit Placebo erfolgreich behandelt werden. Unklar bleibt dabei, ob das bedeutet, dass diese 30 % nicht auf Antidepressiva ansprechen, dafür aber auf Psychotherapie in klinischer Umgebung. Wenn das der Fall wäre, könnte man nicht von erfolgreicher Placebo-Behandlung sprechen – es sei denn, man betrachtet Psychotherapie als so etwas wie eine Langzeit-Placebo-Behandlung, was ihr sicher nicht gerecht würde.

    In der Stellungnahme selbst wird Johanniskraut als komplementärmedizinisches Mittel aufgeführt, was falsch ist. Es handelt sich um ein wirksames Phytotherapeutikum, welches in höherer Dosierung verschreibungspflichtig ist, da es ernstzunehmende Nebenwirkungen verursachen kann.

    Dieser Artikel trifft es mE auf den Punkt, siehe http://www.heise.de/tr/artikel/Grobe-Taeuschung-auf-Rezept-1066398.html.

  13. #13 miesepeter3
    3. März 2011

    @Hel

    Nach meinen Erfahrungen haben die meisten prakt. Ärzte solche Mittelchen und benutzen sie auch. Meist nur, wenn die “Krankheit” nicht so schlimm ist und andere Mittel zu viel des Guten wären. Die Patienten fühlen sich gut versorgt, die Krankheit ist bald weg, auf natürliche Weise oder wegen dem Placeboeffekt, der Arzt ist zufrieden, weil er helfen konnte ohne mit Kanonen auf Spatzen schiessen zu müssen und viel kosten tuts auch nicht.

  14. #14 Hel
    3. März 2011

    @mp3

    Wenn es sich um Vitamine und dergl handelt UND die Krankheit nicht wirklich ernst ist, finde ich das auch nicht problematisch, zumal nicht verschreibungspflichtige Mittel idR selbst zu zahlen sind.

    Aber jemandem Antibiotika zu verordnen, wenn er sich nur ein Virus eingefangen hat (und auch das wird in der BÄK-Stellungnahme aufgeführt), ist sträflich und schädlich, wegen der Nebenwirkungen und der Gefahr von Resistenzbildungen.

  15. #15 Hel
    4. März 2011

    @all

    So ohne Punkt dahinter klappts auch mit dem Link besser, vgl http://www.heise.de/tr/artikel/Grobe-Taeuschung-auf-Rezept-1066398.html

  16. #16 Muddi & theBlowfish
    4. März 2011

    @Jürgen:
    Schönes Video!!
    Uebrigens: Gelbe Placebos helfen am Besten als Antidepressivum….

    @Hel und MP3: hatte langen Text getippt, der weg ist da Tastatur spinnt. Und jetzt bin ich soooo müde, dass ich mein Senftöpfchen nicht mehr aufgeschraubt bekomme :-((.
    Morgen mehr, ja?

  17. #17 noch'n Flo
    8. März 2011

    So, jetzt komme ich endlich mal dazu, mich zu dem von Hel verlinkten Artikel zu äussern. Gefällt mir ganz gut, eine recht schöne Reaktion auf einen insgesamt recht undurchdachten Vorschlag. Ich sehe in der Placebotherapie ja auch so manches Problem.

    Zuerst einmal ist der Placeboeffekt nicht kalkulierbar. Nehmen wir z.B. einmal chronische Schmerzerkrankungen. Hier kann sicherlich der Placeboeffekt dazu führen, dass ein Patient weniger bzw. weniger starke Schmerzmittel braucht. Was ja sowohl vom wirtschaftlichen Aspekt, als auch im Sinne eines verminderten Suchtrisikos (vor allem bei sehr starken Schmerzmitteln) wünschenswert wäre. Das Problem ist nur: bei manchen Patienten wird das Placebo eine sehr gute „Wirkung“ zeigen, bei manchen aber auch überhaupt keine. Das ist nicht voraussehbar. Da es aber eine gewisse Zeit dauert, bis ich als Arzt einschätzen kann, ob der Patient tatsächlich vom Placeboeffekt profitiert, bedeutet das uU, den Patienten unnötig leiden zu lassen. „Unnötig“ deshalb, weil ich ihm eine wirksame Therapie vorenthalte. Das ist unethisch!

    Ein vergleichbarer Ansatz gilt für Antidepressiva und Beruhigungsmittel. Auch hier können Placebos manchmal sehr hilfreich sein. Aber eben auch überhaupt nicht. Im schlimmsten Fall kann die Gabe eines Placebos sogar dazu führen, dass ein Patient so sehr verzweifelt (weil die ihm vom Arzt verordneten und als grossartig angepriesenen Medikamente ihm auch nicht helfen können – was die Befürchtung verstärkt, nichts und niemand könne ihm mehr helfen), dass der Patient sich suizidiert. Was unter einer Verum-Therapie mit Antidepressiva höchstwahrscheinlich vermeidbar gewesen wäre. Also ist auch hier der Einsatz von Placebos unethisch.

    Grundsätzlich wären aber sicherlich diejenigen Krankheiten und Symptombilder, bei denen die bewusste und unterbewusste Wahrnehmung eine grosse Rolle spielen, am besten für eine Placebotherapie geeignet. Insbesondere Schmerzen und Schmerzwahrnehmung sind etwas sehr Subjektives, dazu gibt es viele Studien. Aber schon bei Erkrankungen aus dem psychotischen Formenkreis wird es schwierig, weil diesen oft gravierende Ungleichgewichte der Neurotransmitter (Botenstoffe im Hirnstoffwechsel) zugrunde liegen. Diese sind der „Heilkraft des Geistes“ dann schon nicht mehr so ohne weiteres zugänglich. Auch dies wurde in diversen Studien belegt, ausserdem lehrt uns schon allein die Medizingeschichte diese Lektion, wenn man sich einmal anschaut, wie vor der Erfindung der Neuroleptika die Erfolgsaussischten einer psychiatrischen Therapie waren.

    Noch viel drastischer wird es bei rein organischen Therapien, bei denen der Hirnstoffwechsel keinerlei Rolle spielt. Ich möchte dazu einmal zwei Beispiele anführen: Antibiotika und Insulin.

    Zugegeben, nicht jede Infektion, die heutzutage mit Antibiotika behandelt wird, fordert zwingend solche Medikamente (ich fürchte, dass dieser Satz wieder einmal aus dem Zusammenhang gerissen und als Trollfutter verwendet wird, aber ich schreibe es trotzdem). Auch mit vielen bakteriellen Infektionen kann ein gesunder Körper oftmals gut fertig werden. Aber eben nicht immer. Und als Arzt weiss ich eben nicht im voraus, ob es bei einem Patienten Komplikationen geben wird. Weil ich gar nicht alle beteiligten Faktoren bestimmen kann. Ein Beispiel wäre eine bakterielle Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündung). Viele davon heilen nach einer gewissen Zeit von selber wieder aus. Die Symptome sind zwar lästig und die ganze Angelegenheit kann recht schmerzvoll sein, aber in vielen Fällen wird ein gesunder Körper recht gut damit fertig. Aber es gibt ein Reihe von Risikofaktoren. Einer der harmloseren wäre noch, wenn sich die Bakterien von den Kieferhöhlen ausgehend in den Kieferknochen ausbreiten. Dies kann dann den Patienten durchaus mal den einen oder anderen Zahn kosten. Oder sogar den Oberkiefernerv angreifen, woraus eine chronische Nervenentzündung mit nachfolgend chronischen Gesichtsschmerzen resultieren kann. Deutlich schwerwiegender wäre der Fall dann, wenn die Bakterien im oberen Nasenraum das sog. „Siebbein“ passieren. Direkt dahinter liegt nämlich schon das Gehirn – eine Meningitis (Hirnhautentzündung) oder gar Encephalitis (Hirnmassenentzündung) wäre die Folge. Und die kann zu bleibenden Hirnschäden oder sogar zum Tod führen.

    Ein weiteres Risiko einer bakteriellen Sinusitis liegt darin, dass die Nase sehr gut durchblutet ist. Treten Bakterien in die Blutbahn über, so können sie praktisch alle inneren Organe befallen. Die dadurch entstehenden Schäden können so schwerwiegend sein, dass die entsprechenden Organe zeitweise oder sogar auf Dauer ausfallen. Im Falle eines Nierenausfalls bedeutet dies eventuell lebenslange Dialyse, es sei denn, es wird ein Organspender gefunden. Bei der Leber wird es uU noch dramatischer. Weil man die komplizierten Entgiftungsfunktionen der Leber noch nicht so wirklich durch Apparate ersetzen kann, bedeutet ein Leberausfall meist: entweder es wird innerhalb weniger Stunden ein Spenderorgan gefunden, oder der Patient stirbt. Von den schweren Schäden, die Bakterien am menschlichen Herzen anrichten können, will ich mal gar nicht sprechen.

    Zugegeben, die Wahrscheinlichkeit für derartige Probleme ist bei der Sinusitis nicht so hoch. Bei einer Pneumonie (Lungenentzündung) ist sie schon viel höher. Aber in der Zeit vor der Entdeckung der Antibiotika gab es ja auch immer wieder Menschen, die eine bakterielle Lungenentzündung ohne Folgen überlebt haben. Auch heute gibt es die noch. Aber sie sind in der Minderheit. Und wenn ich einen Patienten mit über 99%iger Wahrscheinlichkeit vor schweren Folgen oder gar dem Tod bewahren kann, dann ziehe ich eine solch zuverlässige Therapie in jedem Fall der Alternative, dass er mit 30, 50 oder sogar 70% Wahrscheinlichkeit schwere Schäden aus der Nichtbehandlung davonträgt, vor.

    Man sieht: es gibt gute Gründe, bei bakteriellen Infektionen stets frühzeitig Antibiotika anzuwenden, und eben nicht nur auf die Selbstheilungskräfte des Körpers zu vertrauen. Wobei ich da in meiner eigenen Praxis durchaus differenziere: bei einer bakteriellen Lungen- oder Kehlkopfentzündung gebe ich sofort Antibiotika, da hier der Verlauf der Infektion uU sehr schnell voranschreiten kann. Bei Patienten mit Blasenentzündung gebe ich oftmals die Anweisung (nach Ausschluss einer bereits beginnenden Nierenbeteiligung, denn diese müsste wiederum sofort antibiotisch behandelt werden), erst einmal 1-2 Tage viel zu trinken; falls es sich dann nicht bessert (oder sogar schlimmer wird), bekommt der Patient dann doch Antibiotika. Auch bei einer leichten Sinusitis verfahre ich manchmal so – der Patient soll inhalieren und Nasenspray gegen die Entzündung anwenden. Ist es nach 2-3 Tagen nicht deutlich besser, soll er wiederkommen und sich ein Antibiotikum abholen.

    Aber bei dieser Verfahrensweise brauche ich zu keinem Zeitpunkt Placebos. Ich sehe auch nirgendwo einen Platz dafür. Wichtig ist die genaue Aufklärung des Patienten über Warnsymptome und mögliche Komplikationen sowie die korrekten Verhaltensweisen im Alltag. Damit kann man dann immer wieder tatsächlich das Antibiotikum einsparen – aber nicht durch den Einsatz von Placebos. Im Gegenteil: er könnte dem Patienten sogar eine falsche Sicherheit vorgaukeln, so dass der Patient die Warnzeichen einer Verschlechterung nicht früh genug realisiert und nicht rechtzeitig wieder zum Arzt geht (in der Homöopathie wird dies ja als “Erstverschlechterung” verklärt – mit bisweilen dramatischen Folgen).

    Zweites Beispiel: Insulin. Hier ist es noch wesentlich klarer und eindeutiger. Die Bauchspeicheldrüse eines Typ-I-Diabetikers ist schlicht und ergreifend nicht in der Lage, (ausreichend) Insulin zu produzieren. Da hilft auch kein Glaube und keine Selbsheilungskraft! Wenn der Blutzuckerspiegel nicht reguliert wird, kommt es zwangsläufig zu Komplikationen, zu Organschäden, im schlimmsten Falle zum Koma oder gar zum Tod. Ich glaube, da brauchen wir gar nicht zu diskutieren – bei solchen Erkrankungen gibt es keinerlei Anwendungsbereich für Placebos.

    In dem von Hel verlinkten Artikel wird noch ein weiteres Problem der Placebo-Behandlung deutlich: einerseits darf der Patient nicht erfahren, womit er behandelt wird, andererseits soll er aber über die „Therapie“ bestmöglich aufgeklärt werden. Das ist für den behandelnden Arzt bereits ein grosses Dilemma. Und dieses geht dann beim Apotheker weiter. Denn dem „Medikament“ müsste ja auch ein Beipackzettel beigefügt werden, der u.a. den enthaltenen Wirkstoff, aber auch die möglichen Risiken und Nebenwirkungen auflistet. In unserer heutigen Informationsgesellschaft googeln aber viele Patienten bereits nach Details ihrer Erkrankung genauso, wie nach den ihnen verordneten Wirkstoffen. Insbesondere bei chronisch Kranken ist diese Vorgehensweise sehr verbreitet. Nehmen wir noch einmal den chronischen Schmerzpatienten als Beispiel: er würde in vielen fällen recht schnell bemerken, dass ihm der Arzt Zuckerpillen verordnet hat. Das kann dann das Vertrauen in diesen Arzt (oder im Extremfall sogar in alle Ärzte) schwer erschüttern. Und wie wollte man bei einem Placebo überhaupt einen Beipackzettel so überzeugend gestalten, dass der Patient einem die Wirksamkeit abkauft? Man müsste schon einige (nicht vorhandene) Nebenwirkungen aufzählen – was strenggenommen eine Urkundenfälschung darstellt. Manch ein Patient würde sogar nach Lektüre des Beipackzettels genau diese Nebenwirkungen bei sich feststellen (ja: auch das beinhaltet der Placeboeffekt – mehrere Studien haben bereits bewiesen, dass Patienten, die stets sehr aufmerksam den Beipackzettel studieren, deutlich mehr bzw. häufiger die darin beschriebenen Nebenwirkungen bei sich bemerken, als diejenigen, die den Beipackzettel nur oberflächlich oder sogar gar nicht lesen!). Damit wäre ein wichtiges Ziel der Placebotherapie verfehlt.

    Und der verordnende Arzt – und auch der abgebende Apotheker – müssen ausserdem über ein gewisses schauspielerisches Grundtalent verfügen. Sie müssen nämlich sher überzeugend beim Patienten ‘rüberkommen, der Patient muss ja schliesslich an das Medikament glauben. Und dabei speilt es eine grosse Rolle, ob er das Gefühl hat, der Arzt sei von dem Medikament überzeugt.

    Aus genau diesem Grunde werden ja auch Arzneimittelstudien “doppelverblindet” durchgeführt, d.h. nicht nur der Patient hat keine Ahnung, ob er nun ein Placebo oder das Verum erhält, auch der Arzt weiss es nicht. Weil er nämlich sonst – und sei es nur auf einer sehr subtilen unterbewussten Ebene – den Patienten (und damit auch das Studienergebnis) beeinflussen könnte.

    In dem verlinkten Artikel wird auch der wirtschaftliche Gesichtspunkt angesprochen: Placebotherapie sei billiger als die Behandlung mit Verum. Vordergründig mag dies ja stimmen, aber wenn ich die Gefahr mit einrechne, dass zugunsten eines Versuchs einer Placebo-Behandlung eine Therapie mit Verum zu spät begonnen wird, was dann uU zu Komplikationen führen kann, deren Behandlung am Ende viel teurer kommt als das ursprüngliche Einsparpotential, so verliert das monetäre Argument doch wieder deutlich an Gewicht. Genau dieser Faktor ist ja auch ein grosses Problem der Homöopathie, die ja immer wieder behauptet, im Versagensfall könne ja später immer noch mit „schulmedizinischen“ Medikamenten behandelt werden.

    Ausserdem werden sicherlich manche Patienten misstrauisch werden, wenn ihre Therapie nach der Umstellung auf ein Placebo plötzlich so billig wird. Beim durchschnittlichen deutschen Kassenpatienten ist dies sicherlich noch nicht so sehr der Fall – der weiss ja im Regelfall gar nicht, wie teuer seine Medikamente sind, weil die Kasse direkt mit dem Apotheker abrechnet. Bei Privatpatienten wird das dann schon schwieriger – die zahlen das Medikament in der Apotheke zunächst selber und reichen dann die Rechnung bei ihrer Versicherung zur Erstattung ein. Daher wissen sie stets sehr genau, wie teuer ihre Pillen sind.

    Und in Ländern, in denen die Patienten grundsätzlich für ihre Medikamente in Vorleistung treten bzw. an den Arzneimittelkosten prozentual beteiligt werden (wie z.B. hier in der Schweiz), ist es dasselbe Problem.

    Eventuell kann man den Placeboeffekt ja bei stationären Behandlungen im Spital nutzen. Was auch durchaus geschieht. Sehr oft erhalten z.B. Patienten nach Operationen Schmerzmittel im Wechsel mit Placebos, um die Schmerzmittel-Gesamtdosis niedrig zu halten. Auch bei Patienten, die über Schlafstörungen während des Klinikaufenthaltes klagen, helfen Placebos oftmals recht gut. Aber damit erschöpfen sich dann auch die Möglichkeiten. Und bei einem Patienten im Spital habe ich als Arzt natürlich auch ganz andere (vor allem schnellere) Überwachungs- und Interventionsmöglichkeiten, als in der Praxis.
    Abgesehen davon entstehen manchmal auch Probleme nach der Entlassung aus dem Spital, wenn der Patient „das tolle Medikament aus der Klinik“ plötzlich auch vom Hausarzt weiter verordnet haben möchte.

    Zusammenfassung:

    1. Der Placeboeffekt ist nicht kontrollierbar und unterliegt starken Schwankungen
    2. Auch bei ein- und derselben Erkrankung kann niemals sicher abgeschätzt werden, welche Komplikationen sich einstellen, und vor allem wie schnell.
    3. Die Umsetzung einer Placebo-Behandlung in einem ambulanten Setting ist sehr schwierig und weist etliche Fallstricke auf. Im schlimmsten Fall kann der Patient dadurch das Vertrauen in seinen Arzt oder sogar die gesamte Ärzteschaft verlieren.
    4. Bei vielen Krankheiten kommt ein Placebo-Einsatz gar nicht erst in Frage. Und bei den übrigen Erkrankungen kann er ein ethisches Problem darstellen.

    Aber ich muss auch noch erwähnen, dass Placoeffekte auch in der alltäglichen Praxis vorkommen. Allerdings eher ungewollt. Es gibt nämlich Medikamente, die aufgrund von Studien und Laborversuchen sehr viel schlechter respektive seltener wirken müssten, als sie es in der Realität tun. Ein sehr gutes Beispiel sind die sog. „Expectoranzien“. Das sind Medikamente, die bei schweren Erkältungen, vor allem mit Beteiligung der Bronchien, das Lösen und Abhusten des Schleims fördern sollen. Und allen voran sei hier das „Acetylcystein“ (ACC) erwähnt. Da wurde nämlich in der jüngeren Vergangenheit festgestellt, dass rund 30-40% aller Patienten überhaupt nicht auf die Gabe dieses Medikaments ansprechen können – weil ihnen ein bestimmter Rezeptor fehlt. Und auch beim Rest der Bevölkerung dürfte ACC lange nicht so gut wirken, wie es das augenscheinlich tut. In Befragungen geben aber über 3/4 der Patienten an, ACC hätte ihnen gut bei der Schleimlösung geholfen. Wie kommt das?

    Eine diskutierte Erklärung ist, dass die Einnahme von ACC die tägliche Trinkmenge erhöht. Denn ACC ist ein Pulver, welches in einem Glas Wasser aufgelöst und dann getrunken wird. Und es ist bewiesen, dass sich der Schleim auf den Atemwegen umso besser löst, je mehr ein Patient trinkt. Wird nun ACC dreimal täglich (Standarddosis 3x200mg) eingenommen, so werden allein dadurch 5-6 dl Flüssigkeit zusätzlich aufgenommen.

    Aber es gibt auch eine Darreichungsform von ACC, die im Körper verzögert freigesetzt wird (ein sog. „Retard-Präparat“), so dass eine einmal tägliche Einnahme von 600mg morgens ausreichend wäre. Wobei dann nur 1-2 dl Flüssigkeit zusätzlich aufgenommen werden. Und dieses Retard-Präparat scheint nur marginal schlechter zu wirken, als die nichtretardierte Form, die mehrmals täglich eingenommen wird.

    Allerdings ist es auch sehr schwierig, die Fälle miteinander zu vergleichen. Zum einen wird kaum darauf eingegangen, wieviel der Patient sonst noch über den Tag trinkt. Oder auch, wieviel er normalerweise (also wenn er nicht krank ist) so trinkt – der Wasserhaushalt des menschlichen Körpers ist nämlich bis zu einem gewissen Grad sehr individuell, weshalb sich auch kleinere Erhöhungen der Trinkmenge im Krankheitsfall sehr stark auswirken können. Und dann kommen noch Faktoren ins Spiel wie: inhaliert der Patient noch begleitend? Hängt er vielleicht noch feuchte Tücher in der Wohnung auf, um die Raumluft anzufeuchten (was definitiv einen Effekt hat, da die Schleimhäute der Atemwege nicht so schnell austrocknen, was wiederum die Entzündungsreaktion des Körpers vermindert und damit zu einer geringeren Schleimproduktion führt)? Wendet er noch irgendwelche anderen Hausmittel an?

    Oder hat ACC doch einen grösseren Placeboeffekt, als bisher vermutet?

    Nichtsdestotrotz verordnen sehr viele Hausärzte ACC bei Atemwegsinfekten – und das, obwohl sie wissen, dass es nicht oder nur wenig nutzt. Oftmals tun sie es, weil es die Patienten einfach erwarten. Auch dazu gibt es Studien: Patienten, die von ihrem Hausarzt bei einem banalen Infekt kein Rezept erhalten, sondern nur Anweisungen zur Selbstbehandlung mit einfachen Mitteln, gehen oftmals direkt nach dem Arztbesuch in die nächste Apotheke und kaufen sich dort irgendein freiverkäufliches Mittel, welches der Apotheker gerade empfiehlt. Und nicht selten sind diese Medikamente sehr viel fragwürdiger als das, was der Arzt verordnet hätte. Da dienen die Apotheker und ihre Helferinnen dem Patienten dann nicht selten Glaubuli oder Mode-Medikamente wie z.B. Echinacea an, die dann gleich gar keine Wirkung haben.

    (Bevor jetzt Proteste kommen: nein, Echinacea hat keinen nachgewiesenen Effekt bei einer bereits bestehenden Infektion. Es regt zwar tatsächlich das Immunsystem an, aber dies tut es nur, weil es für den Körper ein Fremdstoff ist, der durch die Immunabwehr bekämpft wird. Aber bei einem bereits bestehenden Infekt ist die Immunabwehr ja bereits in Alarmbereitsschaft – ein zusätzlicher „Feind“ wird da eher dafür sorgen, dass Resourcen an Stellen abgezogen werden, wo sie eigentlich dringend gebraucht würden. So dass dann eigentlich harmlose Infektionen in machen Fällen sogar heftiger oder mit mehr Komplikationen verlaufen, als wenn man das Sonnenhut-Präparat gar nicht genommen hätte. Und auch die vorbeugende Einnahme von Echinacea (z.B. während der Wintermonate), hat so ihre Tücken. Wird das Präparat nämlich über Wochen und Monate kontinuierlich eingenommen, so gewöhnt sich der Körper allmählich daran – und fährt das Immunsystem wieder auf ein normales Mass herunter. Das einzige, was vorbeugend wirklich dem Immunsystem hilft, ist eine regelmässige Vitamin-C-Zufuhr (wobei deren Wirkung dank Linus Pauling bis heute masslos überschätzt wird), aber nicht aus Tabletten oder Kapseln, sondern durch Zufuhr über entsprechende Nahrungsmittel. Aus denen kann der Darm das Vitamin C nämlich bis zu 4x besser aufnehmen, als aus sog. „Nahrungsergänzungsmitteln“ (weshalb diese heutzutage teilweise dermassen überdosiert sind, dass der Urin der Einnehmenden, über den der Überschuss vom Körper wieder “rausgeworfen” wird, nicht selten eigentlich als Sondermüll deklariert werden müsste). Im akuten Infekt kann dann auch noch Zink recht wirksam sein, da es auch schon die bereits ablaufende Immunreaktion verstärkt. Aber Vorsicht: der Infekt wird zwar kürzer, dafür aber auch heftiger! Ende des Exkurses über die Behandlung des banalen Schnupfens.)

    Letztlich steckt der (Haus-) Arzt also in vielen Fällen in einer Zwickmühle. Er muss einen Mittelweg finden zwischen den Erwartungen des Patienten und einer sinnvollen Behandlung. Und genau diese Erwartungen treten nicht immer so offen zutage, der Arzt ist also auch auf sein Gespür angewiesen. Dabei den richtigen Weg zu finden und auch immer wieder die Vertrauensbasis mit dem Patienten zu festigen ist ein sehr komplizierter Vorgang. Meiner Meinung nach würden zusätzliche Erwägungen, ob eine Placebotherapie im einzelnen Fall in Frage kommt, diesen Prozess nur unnötig verkomplizieren und in einigen Fällen sogar gefährden.

    Uff, das war jetzt ein langer Text. Wahrscheinlich fällt mir später sogar noch viel mehr zum Thema ein, aber dieses war erst einmal aus meiner Sicht das Wichtigste. Ich freue mich auf Eure Kommentare, Fragen und Anregungen (mal abgesehen vom üblichen Geseiere der Trollfraktion).

  18. #18 noch'n Flo
    8. März 2011

    Nach erneuter Lektüre des Artikels und der BÄK-Stellungnahme muss ich etwas hinzufügen:

    Ich fürchte, Prof. Maio hat (wie auch viele Journalisten) das Ganze falsch verstanden. Er schreibt:

    Denn der Beirat hat darin ausdrücklich dafür plädiert, im Hinblick auf die vorliegenden Erkenntnisse der medizinischen Forschung den sogenannten Placeboeffekt in Zukunft gezielt für die Behandlung von Patienten zu nutzen.

    Sorry, aber ich kann in der BÄK-Stellungnahme kein ausdrückliches Plädoyer für die Nutzung des Placeboeffekts erkennen. Vielmehr soll der Placeboeffekt erst einmal gründlich untersucht werden, vor allem um herauszufinden, wo er bereits heute ungewollt auftritt und möglicherweise sogar andere Therapien behindert. Und um festzustellen, ob möglicherweise sog. Pseudoplacebos eingespart werden könnten (was dann wieder der Kostenreduktion dienlich wäre).

    Hat ein wenig gedauert, bis mir dieses Missverständnis aufgefallen ist.

  19. #19 Hel
    8. März 2011

    @Flo

    Das Warten hat sich auf jeden Fall gelohnt – vielen Dank für diesen tollen Klartext-Beitrag, den ich am liebsten sofort in allen Kommentarforen zu Artikeln über die BÄK-Stellungnahme verlinken möchte 🙂 In etlichen Medien wurde sie völlig undifferenziert aufgenommen, da wird von der “Heilkraft der Placebos” fabuliert, ganz so, als wäre der Placebo-Effekt zuverlässig prognostizierbar.

    Was du zur bakteriellen Sinusitis schreibst, kann ich aus Patientensicht voll bestätigen. Mehrmals habe ich mir dabei zusätzlich noch Mittelohr- und Bindehautentzündung eingehandelt und Antibiotika genommen, um schneller wieder arbeitsfähig zu sein. Immer wieder mal wurde meine auf dem Schreibtisch liegende Tablettenpackung von oberschlauen Kollegen kommentiert: “Immer gleich Tabletten schlucken blabla lieber Selbstheilungskräfte stärken blabla bei Schnupfen helfen Antibiotika doch gar nicht blabla…” Meist waren das die gleichen, die, nachdem ich sie angesteckt hatte, noch länger als ich krank waren, bei ihrer Rückkehr ebenfalls Antibiotika auf dem Tisch liegen hatten und fast anfingen zu weinen, wenn man mal das Fenster auf Kipp machte: “Davon krieg ich doch wieder Zug!”

    Letztlich ist die Intention dieser BÄK-Stellungnahme (die bereits fälschlicherweise von manchen Medien als “Studie” bezeichnet wird) klar: Sie ist ein Stück Lobbyarbeit dafür, pseudomedizinische Verfahren in den Leistungskatalog der GKV zu übernehmen und sie “auf Augenhöhe” mit evidenzbasierter Medizin zu bringen.

    Dabei wird, richtig abgefeimt, der Argumentationsansatz bzgl Kosten und Nutzen umgedreht: Da Placebos ja so eine tolle Heilkraft hätten und auch viel billiger seien, wäre es doch sträflich ignorant von den Kassen, nicht für sie aufzukommen. Aaarrgh!

    Wie gut, dass Historiker Robert Jütte euch Medizinern endlich mal folgendes erklärt:

    Anzustreben ist ein therapeutisches Handeln, das auf wissenschaftlich begründetem Wissen fußt, aber gleichzeitig die Individualität des Patienten in seiner Ganzheitlichkeit respektiert und für die Arzt-Patienten-Beziehung daraus Nutzen zieht.

    Quelle: http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=suche&p=individualmedizin&id=60203

    Genau! Mediziner, lernt von euren nach Ganzheitlichkeit strebenden Patienten, denn diese haben eh mehr Durchblick, wie Jütte bereits weiß:

    “Im Streit um die unkonventionellen Heilweisen, insbesondere um die Therapien, die nicht zu den vom deutschen Gesetzgeber privilegierten sogenannten «Besonderen Therapierichtungen» (Homöopathie, Anthroposophie, Phytotherapie) gehören, trifft man bei den Gegnern in der Ärzteschaft gelegentlich auf das Vorurteil, die betreffenden Kranken seien leichtgläubig, naiv und unwissend. Ähnlich konnte man vor kurzem auch in der Schweizerischen Ärztezeitung nachlesen … Aus neueren sozial-empirischen Untersuchungen geht jedoch eindeutig hervor, dass sich die Klientel dieser Heiler zum größten Teil aus Angehörigen der mittleren und oberen Einkommensschichten sowie der Bildungselite zusammensetzt.”

    Quelle: http://www.hauszumdolder.ch/referat_r_juette/

  20. #20 Hel
    8. März 2011

    @Flo

    Yep, es stimmt, dass die Stellungnahme in vielen Medien falsch bzw verzerrt wiedergegeben wird. Das liegt mE aber vor allem an unsauberen, plakativen Formulierungen von Robert Jütte, die sich durch das gesamte Papier ziehen, zB

    Da ein Placeboeffekt auch bei der Standardtherapie auftritt, hält es die Arbeitsgruppe in ethischer Sicht für zwingend, die Erkenntnisse der Placeboforschung (siehe die Empfehlungen im Kapitel „Rolle des Arztes“) in der Praxis anzuwenden, um den Patienten optimal zu behandeln, Arzneimittelwirkungen zu maximieren, unerwünschte Wirkungen von Medikamenten zu verringern und Kosten im Gesundheitswesen zu sparen.

    Hier wird aus “muss weiter erforscht werden” bereits eine in der Praxis anzuwendende “Erkenntnis”. Leider war es eben auch Robert Jütte, der den Medien das Papier präsentierte.

    Auch heißt es darin:

    Das Paradoxon der Wirksamkeit „unwirksamer“ Maßnahmen bei besonderer Befähigung von Ärzten mit hoher sozialer und kommunikativer Kompetenz ist für naturwissenschaftlich geprägte Mediziner schwer zu akzeptieren, aber existent. Es ergibt sich somit das Risiko, dass übertrieben kritisch auf interne Validität der Wirksamkeit fixierte Ärzte den additiven Gewinn durch die unspezifischen Effekte (u. a. des Placeboeffektes) verschenken.

  21. #21 noch'n Flo
    8. März 2011

    @ Hel:

    Letztlich ist die Intention dieser BÄK-Stellungnahme (die bereits fälschlicherweise von manchen Medien als “Studie” bezeichnet wird) klar: Sie ist ein Stück Lobbyarbeit dafür, pseudomedizinische Verfahren in den Leistungskatalog der GKV zu übernehmen und sie “auf Augenhöhe” mit evidenzbasierter Medizin zu bringen.

    Woraus leitest Du eine solche Intention ab? Ich kann solches in der BÄK-Stellungnahme nämlich nicht wirklich entdecken.

  22. #22 noch'n Flo
    8. März 2011

    nochmal @ Hel:

    Da ein Placeboeffekt auch bei der Standardtherapie auftritt, hält es die Arbeitsgruppe in ethischer Sicht für zwingend, die Erkenntnisse der Placeboforschung (siehe die Empfehlungen im Kapitel „Rolle des Arztes“) in der Praxis anzuwenden, um den Patienten optimal zu behandeln, Arzneimittelwirkungen zu maximieren, unerwünschte Wirkungen von Medikamenten zu verringern und Kosten im Gesundheitswesen zu sparen.

    Das kann man aber auch anders verstehen: wenn ich sog. “Pseudoplacebos” nicht mehr verordne, sondern dem Patienten spezifische Anweisungen gebe, die einen vergleichbaren Effekt haben, werden Kosten im Gesundheitssystem eingespart (siehe mein ACC-Beispiel). Und indem ich weniger “Pseudoverum” verordne, reduziere ich selbstverständlich auch die Häufigkeit unerwünschter Nebenwirkungen sowie von Interaktionen, durch die die tatsächlich wirksamen Medikamente abgeschwächt werden.

  23. #23 noch'n Flo
    8. März 2011

    Und noch etwas:

    den ich am liebsten sofort in allen Kommentarforen zu Artikeln über die BÄK-Stellungnahme verlinken möchte

    Kannste gerne machen…

  24. #24 miesepeter3
    8. März 2011

    @noch`n Flo

    toller Artikel – kann man eigentlich wenig gegen meckern – aber das bißchen was geht, will ich nicht versäumen (Trollgeseiere!)

    “Zuerst einmal ist der Placeboeffekt nicht kalkulierbar. ” aus Deinem Beitrag vom 8.3.11 über 250 Zeilen.

    “Der Placeboeffekt ist bis heute nicht vorhesehbar bzw. nicht mit hoher Wahrscheinlichkeit auslösbar. ” Mein Beitrag vom 3.3.11 ,etwa sechs Zeilen.

    Sehe da keinen Unterschied in der Beurteilung des Placeboeffektes. Ging bei mit nur schneller. So schön Dein Artikel auch ist, irgendwie kommt er mir vor wie die Empfehlung “esst kein Eis im Süden” wenn jemand aus Köln in Schweden Urlaub machen will. Alles richtig, aber am Thema vorbei. Ich habe auch in der Diskussion mit hel zum Nachdenken anregen wollen, warum denn der Placeboeffekt bei Austherapierten nicht als zusätzliche Chance genutzt wird. Ist es ethischer, keine Hoffnung mehr zu geben?
    Ist es kostenintensiver. zusätzlich Zuckerpillen oder Kalktabletten zu geben? In Studien wird regelmäßig bei einer hohne Anzahl von Kranken, die in der Placebogruppe sind, wenigstens eine Besserung festgestellt. Selbst bei Placebotest, bei denen den Kranken vorher gesagt wird, “jetzt geben wir Dir mal nur Zuckerpillen, mal sehen , wie das wirkt,” sind mehr Verbesserungen bei den Teilnehmern festzustellen, als man erwarten konnte. Mit der Ergebnisfestellung – Placebo wirkt- irgendwie – scheint das Interesse erlahmt zu sein. Jetzt zu prüfen, woran genau lag der Ergfolg des Placebo, scheint nicht wichtig genug zu sein. Ich sehe darin eine vertane Chance, Kranken zu helfen, für die noch keine andere wirksame Hilfe möglich ist.
    Davon, Kranken ihre Medikamente weg zu nehmen und durch Placebos zu ersetzen, war nie die Rede.

  25. #25 Hel
    8. März 2011

    @Flo

    Woraus leitest Du eine solche Intention ab? Ich kann solches in der BÄK-Stellungnahme nämlich nicht wirklich entdecken.

    Mag sein, dass ich aufgrund von Robert Jüttes Federführung und seiner Präsentation extrem misstrauisch bin – vielleicht löst der ja bei mir einen Nocebo-Effekt aus? Du hast schon recht, dass ich meine Interpretation schwerlich direkt aus der Stellungnahme selbst heraus begründen kann. Sie resultiert wohl aus dem Wissen über Jüttes IntraG-Beiratssitz und seiner Aktivität im “Dialagforum Pluralismus in der Medizin”. Schauen wir mal, inwieweit der Jütte dort die Stellungnahme noch verwursten wird…

    @mp3

    Da bist du ja wieder, alter Miesepeter 😉

    … warum denn der Placeboeffekt bei Austherapierten nicht als zusätzliche Chance genutzt wird. Ist es ethischer, keine Hoffnung mehr zu geben?

    Nein, sicherlich nicht. An dieser Stelle aber wieder die Frage @Flo: Geschieht so etwas denn nicht bereits…?

  26. #26 noch'n Flo
    8. März 2011

    @ Hel:

    Geschieht so etwas denn nicht bereits…?

    Bin ich nicht ganz sicher, aber anzunehmen wäre es. Im übrigen bin ich auch nicht gegen die Verwendung von Placebos, wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft wurden. Damit gehe ich sogar noch einen Schritt weiter als die BÄK-Stellungnahme, in der es heisst:

    Da die experimentelle Placeboforschung zeigt, welchen Nutzen der Patient aus einer Placebogabe ziehen kann (z. B. Verringerung von Nebenwirkungen), so hält die Mehrheit der Mitglieder des Arbeitskreises aus ethischer Sicht die bewusste Anwendung von reinem Placebo oder so genanntem „Pseudo-Placebo“ in der therapeutischen Praxis (außerhalb Klinischer Studien) durchaus für vertretbar, und zwar unter folgenden Voraussetzungen und unter Beachtung der herrschenden Rechtsaufassung:
    – Es ist keine geprüfte wirksame (Pharmako-)therapie vorhanden.
    – Es handelt sich um relativ geringe Beschwerden und es liegt der ausdrückliche Wunsch des Patienten nach einer Behandlung vor
    – Es besteht Aussicht auf Erfolg einer Placebobehandlung bei dieser Erkrankung

    Während ich also z.B. die Behandlung von Tumorschmerzen im Endstadium (also eine rein palliative Behandlung) mit Placebos (als Ergänzung zu Opiaten) befürworten würde, schliesst die zweite Bedingung der BÄK-Stellungnahme eine solche Verwendung aus. Und entweder die dritte (wenn man sich auf die Grunderkrankung bezieht) oder die erste (wenn man sich auf das Symptom bezieht) ebenfalls.