Schon komisch: Da finde ich endlich mal einen Anlass, über das zu schreiben, wovon ich am meisten zu verstehen glaube – die Sprache nämlich. Ist ja mein berufliches Werkzeug, und zudem eines, das ich mit ausgesprochenem (!) Vergnügen benutze. Und ausgerechnet hier muss ich nun einsehen, dass ich komplett außerhalb meiner Komfortzone gelandet bin, dass ich mich, um es mal bildlich auszudrücken, im Geflecht der Sprachwurzeln hilflos verfangen habe.

Es ist schon bestimmt bald zwei Jahrzehnte her, dass ich mal über das Konzept der Protosprache gestolpert war. Ich erinnere mich leider nicht mehr, wer die These vertreten hatte, und da sie sich in der Folge auch nicht belegen ließ, lohnt sich die Mühe kaum, dieser Quelle heute noch einmal nachzuforschen, aber zusammen mit der genetischen Out-of-Africa-Hypothese, speziell der Idee einer mitochondrialen Eva, hatte sich auch die Vorstellung etabliert, dass alle heute gesprochenen Sprachen auf eine einzige Ursprache zurückzuführen seien. Wie gesagt, das hat sich nicht bestätigen lassen, obwohl das Konzept der Protosprachen – die in dieser Form ein reines sprachwissenschaftliches (Re-)Konstrukt sind – in der Liguistik offenbar durchaus, für Sprachgruppen wie das Indo-Europäische, beispielsweise, mit Nutzen verwendet werden.

Aber andererseits ist Sprache etwas, was sich in allen Kulturen entwickelt hat. Sprache ist eines der Grundmerkmale, mit dem wir das Mensch-Sein definieren. Irgend eine gemeinsame Wurzel muss sich da doch finden lassen. Noam Chomsky beispielsweise kam, an sich ganz plausibel, auf die Idee einer genetischen Veranlagung zur Sprache, einer angeborenen Universalgrammatik also, die den Spracherwerb und die Sprachentwicklung formt. Eine faszinierende Idee …

Entsprechend aufgeregt war ich, als ich per E-Mail über den Inhalt der neuen Ausgabe von Nature informiert wurde, in dem ein Paper zu diesem Thema angekündigt wurde. Es trägt den Titel Evolved structure of language shows lineage-specific trends in word-order universals; und auch wenn ich als Nicht-Abonnent den Volltext nicht online lesen darf, kann ich doch dank eines begleitenden Editorials und dem verfügbaren Zusatzmaterial ein bisschen tiefer einblicken. Erst mal will ich meine tiefste Hochachtung davor ausdrücken, dass in dem Paper vier Sprach-Stammbäume mit mehr als 2000 Einzelsprachen (!) untersucht wurden; allein die folgende Grafik ist ein enormes Stück Fleißarbeit:

i-d40c41e7fbf27f02c31edb0b2a3db073-Language-Tree-thumb-550x765.jpg

Analysiert wurden also die Sprachen nach ein paar grundsätzlichen Strukturen; beispielsweise, ob das Subjekt grundsätzlich dem Verb vorangeht oder ihm nachgestellt ist, oder ob, wie im Deutschen, beides möglich ist. In Wenn-dann-Sätzen, beispielsweise: Wenn das Knaku nicht papelt (Subjekt->Verb), dann dullt der Prisi nicht (Verb->Subjekt). Erinnert sich noch jemand an diese Aufgabe aus dem Mathematikunterricht? Oder die Reihenfolge Substantiv-Adjektiv: die “rote Mühle” (Adjektiv voraus) heißt im Französischen “Moulin Rouge” (Adjektiv danach). Entscheidend war dabei die Frage, ob sich innerhalb deser Sprachelemente eine erkennbare Konsistenz, eine universale Grammatik, herausschälen lässt.

Und die Antwort kann zwar ich direkt aus dem Nature-Editorial zitieren:

Neither of these patterns is borne out by the analysis, suggesting that the structures of the languages are lineage-specific and not governed by universals.

Zu Deutsch: Was immer an “generellen” Strukturen erkennbar ist, hat allenfalls innerhalb des jeweiligen Sprachbaums eine Gültigkeit – eine universale Grammatik ist nicht erkennbar.

Das finde ich nun auch wiederum sehr spannend, und die Idee, dass Sprachen völlig unabhängig voneinander entstanden sein könnten, ist vielleicht sogar noch faszinierender als die einer einzigen Ur-Sprache. Wenn ich nur mehr von der Sache verstünde …

flattr this!

Kommentare (23)

  1. #1 rolak
    14. April 2011

    ‘Mehrere Ursprünge’ ist imho schon deswegen wesentlich interessanter, weil Sprache damit keine einmaliges Entwicklung, sondern etwas ‘normales’ ist.
    Genauso wie die Entdeckung eines zweiten Lebensbaumes (zusätzliche Entwicklungsgeschichte aus anderen Anfängen), egal ob hier auf der Erde oder sonstwo im Universum, Abiogenese nicht mehr als singuläres Ereignis, sondern plötzlich als normal und sehr wahrscheinlich dastehen ließe.

  2. #2 PaulS
    14. April 2011

    Hochinteressanter Artikel! Ob man nun die Theorie einer Universalgrammatik endgültig verworfen werden sollte, sei nun aber mal dahingestellt. Falls dem wirklich so ist frage ich mich, ob dann die Sprache bei jedem einzelnen Idiom eine analoge Evolution aus dem Nichts heraus zu einem komplexen Geflecht gemacht hat, oder ob es nicht doch so etwas wie eine biologische Korrelation gibt; Eine Art Meta-Universalgrammatik. Das würde bedeuten, dass nur die Fähigkeit, eine Grammatik zu entwickeln dem Menschen mitgegeben ist, wie diese aber nun aussieht ist abhängig von den äußeren kulturellen Einflüssen. Das ganze Problem wurde dann also um eine Ebene nach oben verschoben. Vielleicht laufen beide Möglichkeiten auch auf das selbe Ergebnis hinaus: Durch die Denk- und Hirnstruktur des Menschen MUSS sich zwangsläufig eine Sprache mit Grammatik herausbilden, sodass Evolution und Meta-Universalgrammatik miteinander verschmelzen…
    Ich hoffe das macht Sinn.

  3. #3 YeRainbow
    14. April 2011

    Ich lese grad “Herkunft und Geschichte des Menschen” – Steve Olson.
    Zwar liegt er niccht richtig in seiner Beschreibung, daß wir und die Neandertaler nix miteinander gehabt hätten… Päabo hat inzwischen da ja neuere Ergebnisse erbracht.

    Aber grad was Olson über die Mechanismen von Sprachentwicklung schreibt, ist hochinteressant. einfach mal so als Tip, falls interessiert.

  4. #4 Marc
    14. April 2011

    wird hier chomsky nicht etwas falsch verstanden? ich bin insbesondere in der generativen grammatik nicht bewandert, kenne aber die idee chomskys aus der debatte um kompetenz.

    wenn ich das richtig verstehe, dann ist doch eher die fähigkeit sowohl einen französischen, als auch einen deutschen satz bilden zu können, wenn man die grundregeln und die wörter gelernt hat, dann kann man jeden möglichen satz bilden.

    würde man nur durch imitation lernen, könnten wir nur das “nachplappern”, was andere uns schon einmal gesagt hätten.

  5. #5 miesepeter3
    14. April 2011

    Ich lese zwar nicht gerade in der Bibel, aber ich glaube mich erinnern zu können, dass es da eine Vermutung gab, warum die Menschen mit “fremder Zunge” reden.
    Der angenommene Grund wird wohl sachlich nicht halbar sein, aber das Problem wurde schon damals erkannt.
    Also “Nichts Neues mehr seit Babylon”.

  6. #6 Roland
    14. April 2011

    Sicher. Und wenn es anders wäre, würde man halt eine andere passende Stelle in der Bibel finden.

  7. #7 Basilius
    14. April 2011

    Hochinteressante und spannende Untersuchung!
    Kann mir jemand sagen, wo ich eine hochauflösende Version des Sprachenbaumes bekommen kann?
    (Vielleicht sogar mit noch etwas mehr Sprachen? in den “Zusatzmaterialien ist die Auflösung leider auch nicht so dolle..)

  8. #8 AndreasM
    14. April 2011

    Ich verstehe nicht ganz, wieso die Sprachenabstammung als Baum dargestellt wird.
    Sprachen teilen sich doch nicht nur, sie können sich auch vereinigen. Man nehme nur das heutige Englisch, das sich aus einer germanischen Sprache und Französisch (mit Keltisch als Einfluss) gebildet hat. Dabei handelt es sich wohl kaum um ein singuläres Ereignis. Oder wird bei Sprachenvereinigungen die Grammatik fast komplett von einer Seite übernommen?

    Unser Hirn ist sehr gut darin, gewisse Muster zu erkennen und zu verarbeiten. Insofern ist immer zu erwarten, das sich in jeder Sprache auch eine Grammatik entwickelt, die gut von diesen neuronalen Netzen erkannt werden kann. Natürlich gibt es umgekehrt auch evolutionäre Selektion im Hinblick auf gute Strukturen, um diese Sprachen zu verarbeiten. Da aber die Zeiträume für Evolution weitaus länger sind als diejenigen für Sprachentwicklung wird sich die Sprache weitaus mehr dem Hirn anpassen als das Hirn der Sprache.

    Ausserdem sind die neuronalen Strukturen im Hirn keineswegs komplett von den Genen vorgegeben. Das Hirn bleibt zeitlebens plastisch und kann sich innerhalb gewisser Grenzen an die Signale anpassen, die von aussen kommen.

  9. #9 KommentarAbo
    14. April 2011

  10. #10 Dr. Webbaer
    14. April 2011

    Sprache ist eines der Grundmerkmale, mit dem wir das Mensch-Sein definieren.

    Manche meinen sie wäre das Kriterium für das Mensch- oder Bär-Sein. Die Bibel weiß davon zu bereichten, dass am Anfang das Wort war.

    Ansonsten: Interessant! – Old Webbaer ging davon aus, dass das Konzept der gemeinsamen Ursprache wenn schon nicht die Standardtheorie ist, dann doch zumindest noch weit vertreten wird. – Die terrestrisch ähnliche Sachlichkeit schien dieses Konzept zu stützen, die weitgehend separat erfolgte kulturelle Entwicklung dagegen nicht…

    Sprache als Baumdarstellung mit einem Wurzelelement geht also nicht, mehrere Bäume gehen wohl (teilweise: wüst) näherungsweise.

    MFG
    Dr. Webbaer

  11. #11 I.C
    14. April 2011

    Eine faszinierende Idee …

    Eine naive Idee. Grammatik muss entwicklungsmüßig eine späte Errungenschaft des Menschen sein, als ein Werkzeug die Information zu präzisieren und die weiter zu geben so dass ein Missverständnis nicht entstehen sollte.

    Am Anfang der Sprache scheinen nur eine Handvoll Grundbegriffe zu geben, die für alle Sprachen gemeinsam sind.
    Es sind also Grundbegriffe die ein Minimum an Kommunikation zwischen den Menschen garantieren und die sind eigentliche Fundament der Menschsein und des Denkens.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Natural_Semantic_Metalanguage

  12. #12 matthias
    14. April 2011

    Durch Zufall bin ich mal was über die Theorie gelesen, in der Metaphern als Grundlage des Denkens und so weit ich weiß auch der Sprache, angenommen werden. Wenn ich mich recht erinnere war das die kognitive Linguistik.

    Kann mir gut vorstellen, dass Metaphern, aufbauend auf ein paar Grundbegriffen, die Grundlage bildeten und sich dann eben verschiedene grammatikalische Sprachformen “eingebürgert” haben, jedoch natürlich regional sehr unterschiedlich.

  13. #13 michael
    14. April 2011

    @mp3

    > aber ich glaube mich erinnern zu können, dass es da eine Vermutung gab, warum die Menschen mit “fremder Zunge” reden.

    Nur vor dem Ereignss redeten sie mit einer Zunge! Also doch was neues seit Babylon.

  14. #14 Philipp
    14. April 2011

    Puh, hier wird aber gerade mit einigen teilweise sehr unterschiedlichen Problemen jongliert.

    Ersteinmal zum Umfang der Untersuchung von 2000 Einzelsprachen: Das mag zwar für Außenstehende beeindruckend klingen, ist aber eigentlich nichts besonderes. Es ist ja nicht so, als wären hier in akribischer Kleinarbeit neue Daten erhoben worden. Stattdessen sind fertige Daten aus diversen Datenbanken verwendet worden, z.B. vom ‘World Atlas of Language Structures’, der mittlerweile online sogar frei zugänglich ist: http://www.wals.info.

    Was die Interpretation der Daten betrifft: Die Grundaussage scheint ja — grob vereinfacht — zu sein, dass weniger in den Sprachen der Welt universell beeinflusst ist, als bisher angenommen (sowohl in Chomsky’scher als auch Greenberg’scher Lesart) und genetische Verwandtschaften eine größere Rolle spielen.

    Aus Basis dessen Aussagen über die Frage des Sprachursprungs bezüglich Mono- vs. Polygenese zu machen, finde ich schon abenteuerlich (wobei ich diese Aussage bei den Autoren der Studie beim flüchtigen Lesen der frei verfügbaren Fragmente auch nicht gefunden hab). Der vermutete Sprachursprung liegt zeitlich weit jenseits dessen, was die historische Sprachwissenschaft mit ihrer Rekonstruktionsmethode erschließen kann und welche Aussagekraft ein typologischer Vergleich da haben soll ist mir auch unklar: Falls es eine mal Weltursprache gab, haben sich die verschiedenen Sprachfamilien in den seitdem vergangenen 50.000 bis 200.000 Jahren dermaßen auseinander entwickelt, dass man wahrscheinlich mit linguistischen Mitteln einen gemeinsamen Ursprung nicht nachweisen kann.

  15. #15 mathias
    14. April 2011

    Jörg im MPI-Aktuell ist auch ein Artikel darüber zu finden 🙂
    http://www.mpg.de/1371202/entwicklung_der_sprachen?filter_order=L

  16. #16 Daniel
    14. April 2011

    Ich habe als Indogermanist und Ägyptologe eine Kiste Bier gewettet, daß keiner der Autoren Sprachwissenschaftler ist, und habe dann nachgeschaut. Als Psychologe und auch als Psycholinguist sollte man sich lieber nicht zur Sprachgeschichte äußern. Erinnert mich an die beiden Mathematiker, die vor ein paar Jahren aus dem 100er-Grundwortschatz des Indogermanischen ausrechnen (sic!) wollten, wo die Urheimat der Urindogermanischsprecher lag. Aber weil sie vom Urindogermanischen keine Ahnung hatten, war ihr Grundwortschatz ein Witz.

    Man lernt in der historischen Sprachwissenschaft schon im ersten Semester, was als Beweis für Sprachverwandschaft gelten darf, und das sind eigentlich nur präzise Lautgleichungen im Sinne der Junggrammatik, aber keine morphologischen, syntaktischen oder lexikalischen Ähnlichkeiten. Auf gar keinen Fall die typologische Topologie! 🙂 Wobei mal jemand erforschen könnte, ob alle linkstragenden Männer vom gleichen Urvater abstammen.

    Im Summary distanziert man sich von J. Greenberg, aber es ist genau der gleiche unseriöse Kram. Massenanalysen, von Leuten ohne Fachwissen durchgeführt. Was zum Beispiel die Kombination aus adjective und noun in den Grafiken bedeuten soll, habe ich nicht verstanden, aber in vielen Sprachen haben sich Adjektive nicht aus Substantiven (wie im Indogermanischen) entwickelt, sondern sind Stativ-Verben. Das zeigt, daß die Details alle unpräzise und Wischiwaschi sind. Welche Abweichungen sich bei solch gigantischen Zeiträumen von 100.000 bis 500.000 Jahren ergeben können, muß ich den Naturwissenschaftlern unter Euch wohl nicht erklären.

    Auch der Sprachbaum wirkt antiquiert. Sowas hat die Indogermanistik im 19. Jahrhundert gemacht (Strahlentheorie!). Vom Ägyptischen und dem Germanischen können wir sicher sagen, daß sie aus dem Kontakt sehr verschiedener Sprachen entstanden sind. Und der Sprachkontakt ist die Regel.

    Universalgrammatik und sprachliche Universalia sind übrigens kein Indix für eine einzige gemeinsame Ursprache.

  17. #17 YeRainbow
    15. April 2011

    hm? Chomsky ist doch schon länger vom Tisch.
    Seine furiose gleichsetzung von angeborener Befähigung zur speziellen Mustererkennung (ua auch irgendeiner grammatischen Struktur, in die ein Mensch halt hineingeboren wird) und einer “Ur- und Universalgrammatik” wird noch immer diskutiert?
    Das wundert mich.

    Mich hat ja der Unterschied zwischen solchen Sprachen wie Deutsch und Deutsche Gebärdensprache heftig aufgeschreckt. Da gibts keine Übereinstimmung, wiewohl beides irgendwie deutsch sein soll…. (nicht, daß ich Gebärde beherrsche…)
    Und dann sowas wie die Pfeifsprachen… oder aber die Klicksprachen… naja.
    Ich bin gutwilliger Laie.

    und bei Olson las ich halt, daß man Argumente für alles mögliche finden kann (aha, Bestätigungstendenz – das ist wieder MEIN Fachgebiet), und es trotzdem kein sauberer nachweis ist. Zumindest was Sprachen betrifft und ihre Verwandschaften, weiter historisch zurückliegend.

  18. #18 Neuraum
    15. April 2011

    Wie der Zufall so will, ist gleichzeitig eine andere Arbeit aus Auckland (!) erschienen – mit just entgegengesetzter Schlussfolgerung.

    Science, “Phonemic Diversity Supports a Serial Founder Effect Model of Language Expansion from Africa” by Quentin D. Atkinson, http://www.sciencemag.org/content/332/6027/346

    http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704547604576262572791243528.html

  19. #19 BreitSide
    16. April 2011

    xxx!!!

  20. #20 Frank Wappler
    4. Mai 2011

    Jürgen Schönstein schrieb (14.04.11 · 04:21 Uhr):
    > Analysiert wurden also die Sprachen nach ein paar grundsätzlichen Strukturen; beispielsweise […]

    Umfasst das eigentlich Analysen zu Reimbildung und -Gebräuchlichkeit in den verschiedenen Sprachen?

    p.s.
    Die Frage liegt vielleicht noch eher im Zusammenhang mit
    “Phonemic Diversity Supports a Serial Founder Effect Model of Language Expansion from Africa”, Quentin D. Atkinson, Science 15 April 2011, Vol. 332 no. 6027 pp. 346-349
    http://www.sciencemag.org/content/332/6027/346
    nahe.
    (Mir ist erst beim Schreiben aufgefallen, dass es im obigen Artikel gar nicht um Atkinsons Beitrag ging …)

  21. #21 Nikolaus Castell-Castell
    Prague
    27. Mai 2019

    Noam Chomsky, natursprachliche und formale Linguistik – CORE
    https://core.ac.uk/display/144735192

    Topics: Noam, Chomsky, Linguistik, Natursprache, Grammatik, Informatik, Logik, Sapir, Whorf, Formalismus, Frege, Pseudomathematik, Kunstsprache, Metasprache …
    Author: Nikolaus Castell-Castell

  22. #22 Nikolaus Castell-Castell
    Prag
    19. Juni 2019

    Die vor allem seit Chomsky gaengige Behauptung, natuerliche Sprachen koenne man nicht richtig beschreiben und darum muessten anstelle der nicht geeigneten Natursprachen zuerst formale Grammatiken hergestellt werden, um aus denen formale Sprachen ableiten zu koennen, stimmte in bescheidenem Masse damals, vor ueber einem halben Jahrhundert, fuer die Verbesserung der Programmiersprachen und ein paar kleine Bereiche der Informatik. Der bis dahin gueltigen und bewaehrten Lingustik, inklusive ihrer Grammatik und Logik, hat es den Todesstoss versetzt.
    Auch kann aus der Tatsache, dass es ohne Chomsky schlimmer nicht haette sein koennen, die Vermutung gefolgert werden, dass selbst die sprachbezogenen Entwicklungen bei der Programmierung und in der Informatik heute sehr viel weiter gediehen waeren, wenn dieser Chomsky-Anfangserfolg nicht alles bis dahin Anerkannte fuer ein halbes Jahrhundert zum Stehen gebracht haette.

    -) Um nur einen Bereich zu nennen, so war es unter anderem seine Behauptung ueber eine “universale Weltgrammatik”, die Chomsky logisch unzulaenglich begruendete und nicht recherchiert haben konnte, die aber die gesamte Fachwelt jahrzehntelang beeindruckte und, unter Vernachlaessigung anderer Ansaetze fuer Natursprachen und Metasprachen, laehmte und bis heute an seine quantitative und qualitativ unzulaengliche “Transformationsgrammatik” glauben liess.

    -) Auch die gegenteilige, bis dahin anerkannte, naheliegende und gut belegte “Sapir-Whorf-Hypothese”, die von Herder und Humboldt begruendet war, wurde in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts von Chomsky’s forschen Behauptungen eliminiert. Derzeit kommt sie wieder zu Ehren, nachdem man Chomsky’s weltweit einheitliches Grammatikerbe als anmassenden Humbug erkannt hat und die Sapir-Whorf-Hypothese noch einmal mit heutigen Methoden empirisch verifiziert hat.

    -) Als grosse Vordenker fuer Chomsky’s o.g. Grammatikhypothese gelten Kircher und Leipniz, aber bei genauerem Hinsehen widerspricht der hiermit verbundene “Dualismus” Chomsky’s Grammatikbehauptungen und bestaetigt sie ganz und gar nicht.

    -) Auch von anderen Autoren werden fuer die Philosophie und Logik und fuer die Sprache Chomsky’s viele namhafte Vorgaenger des Formalismus bis zurueck zu Aristoteles genannt, es wird dabei aber wenig herausgestellt, dass es in der Vergangenheit (d.h. in der sog. traditionellen und klassischen Phase, also vor Frege, Russel und Whitehead am Ende des letzten 19. Jahrhunderts) um sprachliche Formalisierungen ging, waehrend erst die „modernen“ Formalisten nach Frege ihre sprachlichen Bemuehungen mittels der Mathematik, bzw. einer Pseudomathematik, praesentierten.

    -) Auch sind Noam Chomsky‘s formalistische Behauptungen aus seinen „Syntactic Structures“ ueber ein halbes Jahrhundert alt und somit alles andere als aktuell. Es waere Zeit, sie nach ueber 50 Jahre Stillstand zu ueberdenken und sie nur noch als Teil der Geschichte zu wuerdigen.

    Denn Chomsky’s Umweg ueber eine oberflaechliche und unvollstaendige Kunstgrammatik, aus der eine simplifizierte und semantisch ignorante „formale“ Kunstsprache abgeleitet wird, konnte weder damals noch heute auch nur im Ansatz Grammatik, Logik und Niveau einer Natursprache darstellen.

    -) Schon in den 50 er Jahren wurde von Chomsky also die beschreibende Grammatik von einer sog. „Transformationsgrammatik“ ersetzt, die auf einem natursprachlich sehr tiefem Niveau „automatentheoretisch“ Algorithmen fuer Ableitungsregeln herstellte. Dafuer mussten „Erzeugungsregeln“ (fuer die Phrasenstruktur) von „Umstellungsregeln“ (fuer die Transformationen) aufgestellt werden. Trotz dieser vielen neu in die Welt gesetzten Fachbegriffe liessen sich aber dennoch die meisten Saetze mit diesen beiden Regeln nicht bilden. Chomsky nannte sie deswegen „ungrammatische Saetze“ denn an dieser Einschraenkung war natuerlich nicht das Chomsky-Modell „schuld“, sondern die Saetze selbst, die Chomsky deshalb als „ungrammatisch“ bezeichnete.

    -) Es sei hier nur am Rand erwaehnt, dass es bei den korrekten und umfassenden Grammatiken vor Chomsky (in Deutschland heute noch unter anderem in Form einer vor allem von den frueheren Arbeiten zehrenden “Dudengrammatik” erkennbar) keine korrekten Saetze gibt, die “ungrammatisch” waeren und sich einer grammatischen Interpretation entzoegen. Selbst Fuellwoerter und Partikel haben in einer Natursprache ihre Berechtigung und sind in einer Natursprachengrammatik erkennbar, definierbar und natursprachlich “berechenbar”.

    -) Wie gesagt ist eine “mathematische”, auf niedrigstem Niveau gelungene, grammatische Berechenbarkeit bei Chomsky und seinen Anhaengern und Nachfolgern nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Dennoch haben heute nicht mehr die “richtigen” Linguisten “das Sagen”, sondern sog. “Computer-“Linguisten”. Kein Wunder bei einem System, in dem nach der Praedikatenlogik ganze Satzteile auf zwei Buchstaben und ein Klammerpaar und in der Aussagenlogik „atomare“ (d.h. nicht teilbare) Saetze mit nur einem einzigen Buchstaben bezeichnet werden konnten, weil es ja bei (angeblich) berechnenbaren Grammatiken auf die Semantik gar nicht ankommt.
    Jeder Schueler weiss allerdings, dass es Homonyme gibt, die vollkommen verschiedene Grammatikkonstruktionen verlangen, also kommt es sehr wohl auf den Inhalt der einzelnen Woerter an – um nur ein Beispiel von vielen fuer die Unhaltbarkeit dieser formalistischen Vereinfachungen Chomsky’s zu nennen.

    -) Wer sich auf Chomsky einlaesst, wird es frueher oder spaeter mit weiteren hochtrabenden Luftblasen zu tun bekommen, z.B. mit „constraint-basierten Unifikationsgrammatiken“ in drei Typen, mit der „Phrasenstrukturgrammatik“, der „Kategorialgrammatik“, mit „rechts-„ und „linksassoziativen Grammatiken“ und vielem Anderen.
    Es gab bei Chomsky auch noch weitere unnoetige, d.h. aus absurden Behauptungen resultierende Unterscheidungen, z.B. die in „Kompetenz“ und „Performanz“ eines „idealen“ Sprechers und Hoerers, oder die in der Naturgrammatik altbekannte Unterscheidung in „Morphologie“ und „Syntax“.

    -) Die oben erwaehnte Behauptung Chomsky‘s mit der Universalgrammatik begruendet Chomsky mit der rethorischen Frage: „Wie kann ein Kind Saetze produzieren, die es noch nie gehoert hat?“. Eine nicht ganz analoge,aber ebenfalls sinnlose, Gegenfrage koennte lauten: „Wie kann man mit 26 Buchstaben Woerter schreiben, die man noch nie geschrieben hat?“.
    Chomsky‘s Mystifizieren der menschlichen Sprachfaehigkeit, seine immer neuen, oft wechselnden und immer verfahrener werdenden, Theorien dazu, Chomsky‘s Ablenken auf eine angebliche Universalgrammatik u.v.m. koennten als reine „l’art pour l‘art“ betrachtet warden oder sie dienten dem Zweck, die menschliche Sprache fuer derart geheimnisvoll und unergruendlich zu erklaeren, dass mit dieser Behauptung Chomsky‘s unfertige und bis heute unbrauchbare formale Sprachtheorie gerechtfertigt werden kann.

    -) Die grundsaetzliche Leistung Chomsky‘s, einzelsprachliche Ausdruecke rekursiv zu definieren, wird nicht bestritten. Sie war bezueglich der neu entstehenden Metasprachen fuer die Computerprogrammierung vor sechs Jahrzehnten kurzfristig der richtige Schritt zur richtigen Zeit gewesen.
    Natursprachenverarbeitung (inklusive Natursprachenuebersetzungen) aber nur allein mittels einer extrem reduzierten und banalisierten Metasprache vornehmen zu wollen, fuehrte von Anfang an und leider nachhaltig in die falsche Richtung und hat bis heute nur Begriffswirrwarr und Ratlosigkeit bei den Philosophen und Stillstand bei den Linguisten und Logikern verursacht.

    -) Stattdessen wurden hunderte von neuen Fachtermini generiert, und am Ende der Chomsky-Sackgasse gab es verschiedene „Klassen“ von Grammatiken in einer „Hierarchie“, die willkuerlich, vage, und fuer die Praxis menschlicher Natursprachen voellig unbrauchbar sind.
    Auch die Feststellung von zum Beispiel Ober- und Unterbegriffen („Oberflaechenstruktur“ und „Tiefenstruktur“ ) zeigt die lebensferne Versimplifizierung realer Natursprachen-Grammatiken in dieser formalen bzw. regenerativen Grammatik. Jeder Natursprachler koennte auf Anhieb Schachtelsaetze bilden, die nicht nur mehr Strukturebenen als die in der Chomsky- Struktur aufweisen, und diese Wort-Stellung im Gegensatz zu ihm auch noch eindeutig bestimmen.
    Letzteres koennte dieser Jeder nicht, weil der Mensch, laut Chomsky unbewiesener Behauptung, ueber die Gnade einer ererbten vorab-Sprachkenntnis verfuegt, sondern weil er (was jeder sprechende Mensch bei sich selbst feststellen kann) saemtliche Begriffe beim erstmaligen Lernen und spaeterem Nachbessern mit moeglichst vielen Zusatzinformationen in seinem Gehirn (das unsererseits mit einem multidimensionalen Wortfeld nachzustellen versucht wurde und aufgrund sehr eigener Besonderheiten von uns “Castell’sches Wortfeld’ genannt wird) abspeichert.

    -) Die Erklaerungen der mathematischen Formalisierer, sie wollten ja gar nicht Grammatik und Sprache im Sinne der (nur alten und ueberholten „Alltags“- und „Umgangs“-) Sprache bearbeiten, sondern lediglich mathematisch schluessige Verbindungen herstellen, wird leider immer noch ernst genommen, kann aber vor dem Hintergrund der tatsaechlichen Leistungsfaehigkeit von Natursprache, ihrer Grammatik und sogar ihrer Logik nur beschaemen. Den mathematischen Sprachforschern wird darum empfohlen, einmal einen profunden juristischen Schriftsatz nach liguistischen und logischen Kriterien zu analysieren, um zu erkennen, was fuer ein infantiles, armseliges und peinliches Niveau sie der linguistischen Wissenschaft und sogar Logik seit ueber einem halben Jahrhundert stattdessen mit ihren “mathematischen” Kunststuecken zumuten.

    -) Auch Chomsky‘s Nachbessern ab den 80er Jahren (Barrieren, EST erweiterte Standardtheorien, GB government binding usw.) nutzte dem Thema (Arithmetisierung von Natursprachen, um sie von Computern bearbeiten lassen zu koennen) nichts mehr. Es half nur, das gesamte Forschungsfeld weiter zu verkomplizieren und bezueglich der MT-Forschung in Miskredit zu bringen, und sie taugt heute vor allem dafuer, Studenten mit diesen voellig festgefahrenen Forschungsbereichen zwangszubeschaeftigen, anstatt sie an neuen Ansaetzen, auf dem bereits in der klassischen Forschung erreichten Niveau in Linguistik, Gammatik und Logik, kreativ nach vorne arbeiten zu lassen.

    -) Google waere (ohne das von Chomsky mit verursachte vom Pentagon in die Welt gesetzte Vorurteil aus den 1960 er Jahren, maschinelle Sprachuebersetzungen seien grundsaetzlich nicht moeglich) ohne Chomsky & Co. heute mit der Qualitaet seiner translation machine sicherlich weiter. Und auch der seit ca. 2006 fuer den translator zustaendige Franz Och waere ohne Chomsky wahrscheinlich heute nicht so stolz darauf, keinen einzigen Linguisten in seinen grossen Entwicklungsteams zu beschaeftigen. Ob Herr Och (Google) allerdings mit seiner offensichtlich von Chomsky verschuldeten Konsequenz, auch die Natursprachenlinguistik zu ignorieren, richtig liegt, kann bezweifelt werden. Sein seit ueber einem Jahrzehnt verfolgtes statistisches SBMT (statistic-based machine translation)-Uebersetzungsverfahren hat es offenbar von Anfang an nur auf den schnellen Erfolg angelegt, bleibt aber bei genauem Hinsehen nur ein approximatives Nachaeffen von alternativen Textbausteinen, da es sich nicht serioes mit Natursprachen-Grammatik und Natursprachenlinguistik zu beschaeftigen scheint.

    -) Dass Menschen Gehirnareale besitzen, mit denen sie Sprachen bearbeiten, und dass Kinder, moeglicherweise wegen einer bereits von Geburt an genetisch ererbten „Verdrahtung“ in diesen Gehirnbereichen (und, nicht zu vergessen dem Lernen der „Muttersprache“ im Mutterleib, wo sich diese „Verdrahtung“ ja bereits bildet) schneller Sprachen lernen, bestreiten weder Forscher, noch Beobachter, noch stolze Eltern, aber es folgt aus dieser lediglich behaupteten Tatsache nicht logischerweise, dass Computergehirne wegen ihrer dualen Funktionsweise dem Menschgehirn (von dem man noch nicht einmal weiss, wie es Sprache verarbeitet) gegenueber Defizite haben.
    Nur am Rande sei die Moeglichkeit erwaehnt, in naher Zukunft Natursprachen-naehere “Verdrahtungen” in der Computer-hardware herstellen zu koennen. Aber auch hierfuer ist es noetig, dass sich die praktische Informatik zuvor mit den Natursprachen und deren Grammatiken beschaeftigt.

    -) Aber auch heute schon hat ein Computer das Potential, saemtliche Feinheiten einer Natursprache zu “lernen”, wenn ihm entsprechend (Natur-) sprachkompetente Programmierer (die das „soziale Umfeld“ des Computers darstellen und darum auch selbst die Sprache beherrschen sollten) die Begriffe und deren Semantik und Einbindung in der Grammatik beibringen.

    -) Ueberspitzt laesst sich fragen, ob die post-Chomsky-Generationen nicht daran zu leiden haben, Metasprachen mit Natursprachen zu verwechseln. Wer das sprachliche Niveau von Programmiersprachen und deren „Grammatik“ fuer ausreichend haelt und letztere frueher und besser lernt als seine eigene Muttersprache, der bleibt natuerlich lebenslang sprachlich, sprachkommunikativ und sprachlogisch behindert und sieht auch keinen Sinn darin, sich zuerst einmal mit Natursprachengrammatik und Natursprachenlogik zu beschaeftigen, bevor er sich daran macht, diese mittels Algorithmen dem Computer beizubringen.

    -) Je tiefer man sich also auf Chomsky einlaesst, desto unbefriedigender wird das Nachvollziehen seiner immer komplizierter und gequaelter werdenden Theorien, wenn man in ihnen auch nur annaeherungsweise Natursprachen-Niveau sucht.

    Prague Research Institute
    Nikolaus Castell-Castell

  23. #23 Bullet
    20. Juni 2019

    Wer das sprachliche Niveau von Programmiersprachen und deren „Grammatik“ fuer ausreichend haelt und letztere frueher und besser lernt als seine eigene Muttersprache, der bleibt natuerlich lebenslang sprachlich, sprachkommunikativ und sprachlogisch behindert

    Das kann ich SOWAS von unterschreiben. Ich kenn da so’n paar Informatiker in einer Firma …