Liebe Geograffitico-Leserinnen und -Leser,

wenn etwas von dem, was ich hier schreibe, missverständlich oder gar irreführend rüberkommt, dann ist das selbstverständlich Eure Schuld. Denn es ist, ebenso selbstverständlich, Eure Aufgabe, im Voraus zu wissen, was ich gemeint haben könnte. Und gemeint ist natürlich immer nur das, was mir letztlich am wenigsten schadet. Okay?

Das war ironisch gemeint, weshalb ich es auch in eine Zitatform gesetzt habe. Und nur zur Sicherheit noch einmal: Jawohl, das war ironisch gemeint. Aber Politiker oder solche, die es werden wollen, scheinen tatsächlich ernsthaft so zu denken. Wenn also irgend einer der republikanischen Präsidentschaftsbewerber in den USA etwas Dämliches sagt – stellvertretend sei hier Mitt Romney zitiert:
… also wenn irgend eine dämliche Äußerung dann nach hinten losgeht, wenn Joachim Gauck beispielsweise Anerkennung fuer Thilo Sarrazins Positionen zeigt und dafür kritisiert wird, dann waren’s selbstverständlich mal wieder nur die Medien, die alles aus dem Zusammenhang gerissen haben. Klar?

Komisch. Irgendwie dachte ich, dass die Verantwortung für das, was ich sage und schreibe, und ebenso dafür, wie es dann verstanden wird, erst mal bei mir liegen müsste. Missverständnisse sind im Leben nie völlig zu vermeiden, und wer-weiß-wieviele Ehe- und Beziehungskrisen beruhen allein darauf, dass A etwas anderes gemeint als B dann daraus verstanden hat. Aber der Unterschied zwischen “normalen” Menschen und Kommunikatoren – zu denen Politiker eindeutig zu zählen sind: wer nicht kommunizieren kann, hat in der Politik nichts zu suchen – besteht halt darin, dass Letztere darin geübt sein sollten, potenzielle Missverständlichkeiten vorauszusehen und sich dementsprechend klarer auszudrücken. Und wenn’s dann doch mal schief geht, wie ein Profi die Verantwortung dafür zu übernehmen und die Klärung nachzuliefern. Wobei hier wirklich Klärung gemeint ist, und nicht das Spuren verwischende Spin-Doctoring.

Und wenn das jetzt irgendwie missverständlich rüber kam, dann ist … na klar, Eure Schuld!

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Kommentare (19)

  1. #1 rolak
    20. Februar 2012

    Immer ich 🙁
    Moment, wie ging das noch damals? Ach ja: Nee, Onkel, dä do hinge woor dat!

  2. #2 JPeelen
    20. Februar 2012

    “wie es dann verstanden wird”

    Der Autor hat nur begrenzt Einfluss darauf, wie ein Leser ihn versteht. Natürlich muss er größtmögliche Klarheit seines Textes anstreben. Aber es kann zum Beispiel passieren, dass ein “harmloses” Wort beim Leser Emotionen auslöst, den Leser rot sehen lässt. Von da an liegt der Text für den Leser in einer gewissen Schublade und wird nicht mehr sachlich analysiert. Die emotionale Antwort löst bei anderen Emotionen aus. Der “flame-war” geht los.
    Der Autor kann niemals alle möglichen, eventuell irrationalen Reaktionen voraussehen. Daher sehe ich seine Verantwortung auch nur in diesen Grenzen.
    (Alles gilt natürlich auch für Autorinnen und Leserinnen.)

  3. #3 Jürgen Schönstein
    20. Februar 2012

    @Jpeelen
    Stimmt schon, es ist nicht immer vorhersehbar, wie’s am Ende verstanden wird. Aber es geht ja nicht nur darum Missverständnisse zu vermeiden, sondern – wenn sie dann geschehen – die Verantwortung zu akzeptieren. Und diese nicht kategorisch auf die anderen abzuwälzen.

  4. #4 Sven Engel
    20. Februar 2012

    also wenn irgend eine dämliche Äußerung dann nach hinten losgeht, wenn Joachim Gauck beispielsweise Anerkennung fuer Thilo Sarrazins Positionen zeigt und dafür kritisiert wird, dann waren’s selbstverständlich mal wieder nur die Medien, die alles aus dem Zusammenhang gerissen haben.

    Der “mutige” Thilo Sarrazin? In jenem Gespräch mit dem Tagesspiegel attestierte Gauck dem früheren Berliner Finanzsenator Sarrazin, mit seinem umstrittenen Bestseller Deutschland schafft sich ab “Mut bewiesen” zu haben. “Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik.” Die politische Klasse könne aus dem Erfolg von Sarrazins Buch lernen, dass “ihre Sprache der politischen Korrektheit bei den Menschen das Gefühl weckt, dass die wirklichen Probleme verschleiert werden sollen”.
    Wird also mit Gauck ein Sarrazin-Unterstützer neuer Bundespräsident? Nein. Zwar wirken die Zitate rückblickend unglücklich gewählt, zumal einem so eloquenten Redner wie Gauck gewahr gewesen sein müsste, welche Sprengkraft sie in verkürzter Form besitzen. Doch bei genauerer Betrachtung lobte Gauck Sarrazin vor allem dafür, ein Thema anzupacken, das er von den politischen Eliten vernachlässigt sah. Von der Argumentation des früheren Finanzsenators hingegen distanzierte er sich deutlich, wie ein SZ-Gespräch mit Gauck anno 2010 zeigte.
    Sarrazin müsse “genauer differenzieren” und dürfe “nicht alles mit einem einzigen biologischen Schlüssel erklären wollen”, sagte Gauck damals. Zugleich bezeichnete er die Debatte um Sarrazin als “angstgesteuert” und forderte stattdessen eine nüchterne und argumentative Auseinandersetzung mit der Integrationsfrage.

    http://www.sueddeutsche.de/politik/umstrittene-aeusserungen-ueber-occupy-und-sarrazin-was-gauck-wirklich-gesagt-hat-1.1288683

    Aber immer wieder schön zu sehen, wie und von was Reflexe ausgelöst werden.

  5. #5 Thilo
    21. Februar 2012

    Einfach mal das SZ-Interview im Original lesen:

    SZ: Herr Gauck, Sie sagen, mutige Politiker seien Ihnen lieber. Ist Thilo Sarrazin mutig?

    Gauck: Er ist mutig und er ist natürlich auch einer, der mit der Öffentlichkeit sein Spiel macht, aber das gehört dazu. Er setzt sich dem Missbehagen von Intellektuellen und von Genossen seiner Partei auseinander – darunter werden viele sein, deren Missbilligung er eigentlich nicht möchte. Nicht mutig ist er, wenn er genau wusste, einen Punkt zu benennen, bei dem er sehr viel Zustimmung bekommen wird.

    SZ: Wie würden Sie das deutsche Integrationsproblem beschreiben?

    Gauck: Es besteht nicht darin, dass es Ausländer oder Muslime gibt – sondern es betrifft die Abgehängten dieser Gesellschaft. Darum erscheint es notwendig, und das ist meine Kritik an Sarrazin, genauer zu differenzieren und nicht mit einem einzigen biologischen Schlüssel alles erklären zu wollen. Und plötzlich wird aus einem Hype eine nüchterne Debatte.

  6. #6 Dr. Webbaer
    21. Februar 2012

    … also wenn irgend eine dämliche Äußerung dann nach hinten losgeht, wenn Joachim Gauck beispielsweise Anerkennung fuer Thilo Sarrazins Positionen zeigt und dafür kritisiert wird, dann waren’s selbstverständlich mal wieder nur die Medien, die alles aus dem Zusammenhang gerissen haben.

    Die Gaucksche Anerkennung erfolgte für die Positionierung an sich, nicht für die Positionen Sarrazins. So hat’s jedenfalls der Schreiber dieser Zeilen verstanden und er wäre auch für den richtigen Transport dieser Anerkennung dankbar – wie vermutlich auch Gauck selbst…

    MFG
    Dr. Webbaer (der den nun langsam aufkommenden bedrückten Gefühlen unter Linken bezüglich der Gauck-Nominierung amüsiert folgt; Gauck wird sicherlich auch zukünftig als Vertreter der Freiheit den einen oder anderen Linken verärgern…)

  7. #7 Dr. Webbaer
    21. Februar 2012

    BTW, das Vid, auf das Dr. W jetzt doch einmal geklickt hat, beweist das aus Sicht des geschätzten Inhaltemeisters Lügerei auf Seiten Romney’s?

    MFG
    Dr. Webbaer (der jetzt http://americanlp.org/about-us/ auf seine Whitelist setzen sollte?)

  8. #8 Alexander
    21. Februar 2012

    Schönstein schrieb

    Komisch. Irgendwie dachte ich, dass die Verwantwortung für das, was ich sage und schreibe, und ebenso dafür, wie es dann verstanden wird, erst mal bei mir liegen müsste.

    Und wie weit reicht die Verantwortung? Muss ich mit jedem mutwilligen (oder einfach nur igoranten) Verkürzen, aus dem Zusammenhang reißen, Verdrehen usw. rechnen? Dann darf man sich auch nicht wundern, wenn sich Politiker immer so verquast und unscharf zu Wort melden.
    Ansonsten kann ich mir wie der Webbär (mit dem ich sonst nicht oft einer Meinung bin) ein Schmunzeln über die deutsche linke Netzgemeinde nicht verkneifen.

  9. #9 Dr. Webbaer
    21. Februar 2012

    Wb auch immer darauf achten Positionen vorzustellen oder deren Vorstellung zu verteidigen, auch wenn die Kongruenz nicht immer gegeben ist. Wichtich ist halt, dass der Diskurs mit seinen Pros und Contras stattfindet, in Doitschland bekanntlich keine Selbstverständlichkeit, auch weil das Konsensuelle dem Deutschen irgendwie eigen scheint.

    Abhilfe schaffen könnte hier eine frühzeitige Essayisierung und Pflege der Debattierkunst, bereits aus den Bildungssystemen heraus; in anderen Ländern erfolgt durchaus eine diesbezügliche Pflege, Dr. W, der sich hier nicht erheben möchte, kennt natürlich die unterschiedlichen Mentalitäten und weiß um deren Bestimmung.

    MFG
    Dr. Webbaer

  10. #10 Jürgen Schönstein
    21. Februar 2012

    q.e.d. Womit bewiesen ist, dass Missverstaendnisse immer moeglich sind. Denn ueber die Qualifikation Joachim Gaucks, oder zumindest meine Haltung zu ihm, habe ich nicht ein Woertchen verloren – trotzdem wird es aus den Woertchen, die da stehen, rausgelesen. Und ja, die Verantwortung dafuer trage ausschliesslich ich. Ist halt so, wenn man die Klappe aufmacht …

    Erst mal zu Gauck: Meine einzige Begegnung mit ihm ist so an die 16 Jahre her, als er damals einen Redaktionsbesuch bei der WELT in Berlin machte. Und ich empfand ihn als einen ernsthaften, zutiefst moralischen Menschen. Ob der Besitz von Moral nun eine gute oder eine schlechte Eigenschaft fuer einen Politiker ist, darueber mag man (leider) streiten), ich selbst ziehe Menschen, die mit einer ethisch soliden Grundausstattung kommen, jeglichen Opportunisten und “Machterhaltern um jeden Preis” vor. Und was immer man gegen ihn sagen koennte: schlechter als seine Vorgaenger wird er dieses farblose Amt kaum verrichten koennen.

    Nun aber zum konkreten Gegenstand meines Beitrags. Soundbites – also jene kurzen, scheinbar aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate – sind schon seit Jahrzehnten (ich erinnere an Kennedys “Ich bin ein Berliner”) das Kleingeld im politischen Geschaeft: schnell zur Hand, nicht wirklich fuer jede Transaktion geeignet, aber fuer jeden erschwinglich. Wiegen manchmal schwerer als ihr wahrer Nennwert, werden aber – und das ist nunmal eine Tatsache – fuer die sprichwoertliche “bare Muenze” genommen, weil sie so (scheinbar?) spontan ausgeteilt werden.

    Von Luege war nirgendwo die Rede. Aber wenn der Multimillionaer Romney, beispielsweise, in einer der schwersten Wirtschaftskrisen seit Generationen, die Millionen von Arbeitsplaetzen vernichtet und Millionen von Menschen in Armut getrieben hat, ans Mikrophon tritt und Saetze wie “Ich schmeisse gerne Leute raus” oder “mir sind die Armen wurscht” absondert, dann ist das unsensibel und ungeschickt. Hat er anders gemeint? Vermutlich. Aber nicht anders gesagt. Und wenn es ihm bereits bei solchen Dingen (siehe dazu meine Anmerkung zu Politik und Kommunikation) am Feingefuehl fehlt, dann ist das eine Diskussion wert. Und wenn Gauck dem ehemaligen Berliner Senator Sarrazin “Mut” bescheinigt, dann ist dies eine Form der Anerkennung, egal wie sehr er diese Anerkennung dann einschraenkt. Ich sage nicht, dass Anerkennung fuer Sarrazin automatisch und kategorisch tabu sein muss – aber wer sie ausspricht, muss wissen, dass er damit eine Diskussion anzettelt – und sich zu selbiger bekennen. Ein “Hab-ich-nicht-so-gemeint” ist nie ein Zeichen von Souveraenitaet. (Und ich sage nicht, dass Gauck sich dieser Diskussion nicht stellt – ich lehne nur ab, dass die Diskussion an sich nur die Schuld der Missversteher und damit generell unangebracht sei.) Vor allem, wenn er sich um das Amt des Bundespraesidenten bewirbt, dessen “Macht” ausschliesslich im geschickten Gebrauch der Worte liegt.

  11. #11 roel
    21. Februar 2012

    “wenn etwas von dem, was ich hier schreibe, missverständlich oder gar irreführend rüberkommt, dann ist das selbstverständlich Eure Schuld. Denn es ist, ebenso selbstverständlich, Eure Aufgabe, im Voraus zu wissen, was ich gemeint haben könnte. Und gemeint ist natürlich immer nur das, was mir letztlich am wenigsten schadet. Okay?” Das merke ich mir, das ist gut, es gibt tatsächlich Personen, die genau so denken.

  12. #12 rolak
    21. Februar 2012

    q.e.d.

    Mist, meinetwegen hätte die Blase auch noch weiter aufgepustet werden können. Das platzt dann nachher umso schöner…

  13. #13 BreitSide
    21. Februar 2012

    :-)))

    Benachrichtigung funzt natürlich wieder nicht;-(

    Bei Georg Hoffmann auch nicht:-(((. Bei allen anderen schon.

  14. #14 Dr. Webbaer
    21. Februar 2012

    Hier eine thematisch passende Betrachtung eines anderen Webbaeren:
    ‘Die deutschsprachige, digitale Öffentlichkeit – Netzgemeinde wie Online-Medien – muss sich in Teilen einen Vorwurf machen lassen, den sie mit Vorliebe Dritten vorhält: mangelnde Online-Kompetenz.’ (Quelle)

    MFG
    Dr. Webbaer (der die bekannten Probleme der doitschsprachigen, digitalen Öffentlichkeit i.p. Gauck abweichend von SL weniger in der Quellenarbeit sieht, sondern eher darin, dass Gauck tatsächlich inakzeptabel ist für strenge Linke [1])

    [1] Die doitsche LINKSPARTEI spricht’s offen aus, Kommentar: Irgendwie haben sich Gabriel und Trittin (angeblich der “Gauck-Macher”) hier keinen Gefallen getan – egal wie sauer Mutti im Moment auch ist.

  15. #15 michael
    22. Februar 2012

    > Hier eine thematisch passende Betrachtung ein

    “thematisch passend” ? SoSo.

  16. #16 Dr. Webbaer
    22. Februar 2012

    Ich sage nicht, dass Anerkennung fuer Sarrazin automatisch und kategorisch tabu sein muss – aber wer sie ausspricht, muss wissen, dass er damit eine Diskussion anzettelt – und sich zu selbiger bekennen. Ein “Hab-ich-nicht-so-gemeint” ist nie ein Zeichen von Souveraenitaet.

    Das ist ein interessanter Punkt. Wie Sascha Lobo in seiner weiter oben verlinkten Analyse betont, sorgen die modernen Medien, gemeint immer: das Web, für einen Hinzubau an Komplexität und die Quellenarbeit wird erforderlich und geht mit dem Verstehen auch anspruchsvollerer Texte Hand in Hand. – Sicherlich wurde in der Politik oft einem ochlokratischen Konzept gefolgt, das sich in etwa wie folgt zusammenfassen lässt: ‘Sage nie etwas, das falsch verstanden werden kann, Ironie ist bis zum Geht-Nicht-Mehr tabu, und am besten sagst Du inhaltlich nichts, was vom breiten Konsens abweicht – sage etwas, das nicht so klingt, als hättest Du nichts gesagt, orientiere Dich aber am Nichts.’ – Im Web kommt man allerdings damit nicht mehr durch.

    MFG
    Dr. Webbaer (der sowas hier denn auch eher als Zielgruppen angepasstes Relikt einstuft)

  17. #17 Dr. Webbaer
    22. Februar 2012

    zu beachten vielleicht noch diese Personalisierung:
    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/joachim-gauck-liebhaber-der-freiheit-11656449.html

    Gauck nennt sich also ‘einen linken, liberalen Konservativen’, vermutlich liegen hierin einige Missverständnisse begründet…

    MFG
    Dr. Webbaer (auch links btw)

  18. #18 Dr. Webbaer
    22. Februar 2012

    Hier noch eine TAZ-Meinung, lol:
    http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=tz&dig=2012%2F02%2F21%2Fa0133&cHash=7afd487b0c

    MFG
    Dr. Webbaer, der sich nun – nicht ohne sich für das Aufgreifen dieses Themas zu bedanken – ausklinkt

  19. #19 Christian A.
    23. Februar 2012

    Eine simple Auslassung, sehr offensichtlich warum: Georg Schramm, die Welt und Bildblog.
    Diese Leute müssten gewillt sein, auch die ganze Wahrheit zu berichten.