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So’n Insekt ist, wie es scheint, auch nur ein Mensch: Sexuell frustrierte Fruchtfliegenmännchen ersäufen ihren Kummer in Alkohol, ganz so, wie ihre menschlichen Geschlechtsgenossen; und Bienen zeichnen sich durch Persönlichkeiten aus, namentlich die Abenteuerlust und den Forscherdrang. Beides sind ganz solide Forschungsarbeiten, die kürzlich in Science publiziert wurden. Und während bei der saufenden Fruchtfliege die antropomorphe Parallele etwas gewagt ist (zumindest eine Motivation oder Persönlichkeitsstruktur unterstellt, die sich durch die Studie nicht belegen lässt), ist in der Bienenstudie ausdrücklich das Element der Persönlichkeit – und der entsrpechende Vergleich mit dem Menschen – enthalten.

Das sagt einer der beteiligten Forscher, Gene Robinson von der University of Illinois in Champaign, sogar ganz ausdrücklich:

“There is a gold standard for personality research and that is if you show the same tendency in different contexts, then that can be called a personality trait,”
zu Deutsch:” “Der Goldstandard in der Persönlichkeitsforschung ist, dass die gleiche Verhaltensneigung in verschiedenen Kontexten als Persönlichkeitszug bezeichnet werden kann.”

Und der Charakterzug, den er uns seine Kolleginnen und Kollegen bei Bienen beobachtet haben, ist “novelty-seeking” – ein etwas schwammiger Begriff, der generell eine Lust auf Neues bezeichnet; das kann (vermute ich mal) einen Forscherdrang ebenso beschreiben wie die Abenteuerlust, und letztere kann für den einen den Fallschirmsprung als Abstieg nach einer freihändigen Extremklettertour bedeuten, währen ein anderer bereits den Adrenalinstoß des Abenteuers genießt, wenn er statt Marmelade zum ersten Mal im Leben Honig auf seinen Toast schmiert.

Aber novelty-seeking (ich bleib’ jetzt mal bei dem Wischiwaschi-Begriff, obwohl ich in meiner Überschrift mit “Forscherdrang” geködert habe) hat eine genetische und biochemische Komponente, die sich messen lässt: Bei Wirbeltieren geht der gesteigerte Drang nach neuem mit einem genetisch kodierten, erhöhten Spiegel von Katecholaminen und Octopamin einher; die gleichen Substanzen wurden auch bei den unternehmungslustigeren Bienen beobachtet.

Moment mal: Wie kommen die Forscher überhaupt auf die Idee, dass es in so einem streng organisierten Bienenstaat überhaupt Persönlichkeitsunterschiede geben könnte? (Nein, die Biene Maja, obwohl sie sich ja just durch solche Eigenschaften auszeichnet, gilt hier nicht als Beleg.) Wenn der Schwarm so angewachsen ist, dass der Bienenstock zu klein wird, kommt der Moment des Schwärmens – und der beginnt damit, dass sich eine vergleichsweise kleine Zahl, etwa fünf Prozent der Arbeiterbienen, auf Erkundungsflug begibt. Dies ist keine zufällige Auswahl von “Scouts” – die gleichen Bienen, die gerne nach neuen Nistplätzen suchen, sind auch die ersten, die neue Blumenwiesen und andere Nektarquellen aufspüren. Und das ist, nach Robinsons Ansicht, jene “gleiche Tendenz in verschiedenen Kontexten”, die einen Persönlichkeitszug ausmacht. Und der lässt sich durch die oben genannten Biosubstanzen beeinflussen – wie bei Wirbeltieren.

Aber es könnte ja sein, dass dieses “novelty-seeking” letztlich eine Eigenschaft aller Honig suchenden Bienen ist, und es eben Zufall ist, dass sie mal für die eine, mal für die andere Aufgabe “scouten”. Aber erstens sind Nestscouts fast dreieinhalb mal so häufig auch Futterscouts wie “normale” Sammlerbienen (was allein kein Zufall mehr sein kann) – und sie unterscheiden sich in ihrer genetisch bedingten Hirnchemie ganz deutlich von ihren weniger abenteuerlustigen Schwestern: Robinson und seine KollegInnen fanden zu ihrer eigenen Überraschung Tausende von genetisch bedingten Unterschieden zwischen dem gewöhnlichen Bienenhirn und dem der “neugierigen” Bienen. “Ein paar Unterschiede hatten wir ja erwartet, aber das Ausmaß der Unterschiede war schon überraschend, wenn man bedenkt, dass sowohl Scouts als auch Nicht-Scouts Sammlerbienen sind.” Die biochemischen Prozesse sind, wie gesagt, grundsätzlich die Gleichen wie bei Wirbeltieren: Glutamat und Octopamin steigert die Unternehmungslust, Dopaminblocker hemmen sie. “Scheint so, als ob die gleichen biochemischen Prozesse mehrfach in der Evolution eingesetzt wurden, um individuelle Unterschiede in der Lust auf Neues zu bewirken.”

Abbildung: Sebastian Kirsche (Own work) [CC BY-SA 2.5 ], via Wikimedia Commons

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Kommentare (2)

  1. #1 roel
    19. März 2012

    Ich hatte nach zusätzlichen Informationen gesucht, um zu sehen, wie die “genetisch bedingten Hirnchemie ” erklärt wird. Hier
    http://www.sciencemag.org/content/suppl/2012/03/07/335.6073.1225.DC1/Liang.SOM.pdf gibt es umfangreiches “Supporting Online Material”.

  2. #2 Wilhelm Leonhard Schuster
    23. März 2012

    Lust auf Neues hatte das 1. mir geschenkte Bienenvolk .
    Ich konnte mich da nicht auf 2 Meter dem Stocke nähern und schon wurde ich brutal angegriffen.
    Anders meine Carnica aus der Steiermark, die die Stecher ablösten.
    Ich kenne die Gen- Gründe oder sonstiges nicht-jedenfalls haben sich DIE bei “Sorgfalt” buchstäblich den Rücken kraulen lassen.
    Ob man die Stechergene mittlerweile analysiert hat ?