Von rattengroßen Menschenvorfahren

Ich mach mal einen Lesetipp draus (weil ich erstens denke, das so etwas sowieso auch breiter in deutschen Medien läuft, und zweitens, weil ich mir lieber den Schneesturm von draußen anschauen werde): Rat-Size Ancestor Said to Link Man and Beast. Missing-link-Geschichten haben ja sehr oft die Tendenz missverständlich zu sein oder missverstanden zu werden. Darum, quasi als Sekundärlektüre, hier noch ein Querverweis auf einen Beitrag meines Bloggerkollegen Martin Bäker, und vor allem die – zwischen ihm und mir intensiv geführte – Diskussion einbauen: Riesenhunde und “missing links”: Wissenschaftsjournalismus vor 70 Jahren.

Zur NY-Time-Story: Sie beruht auf einem Artikel in der aktuellen Ausgabe von Science, in dem Protungulatum donnae als gemeinsamer Vorfahr aller Plazentatiere (Beuteltiere und Kloakentiere fallen demnach nicht darunter). Wenn ich die Aussage (die ich wiederum aus der Pressemitteilung der Stony Brook University in New York holen musste, da ich trotz MIT-Privilegien keinen Zugriff auf Science habe) richtig verstanden habe, geht es in erster Linie darum, dass die Säugetiere nicht, wie bisher angenommen, sich bereits zu Zeiten der Dinosaurier (=Mesozoikum) diversifizierten, sondern erst nach dem Niedergang der meisten Dinosaurier am Ende der Kreidezeit, also vor etwa 66 Millionen Jahren.

Diese Erkenntnis ist das Resultat eines mehrjährigen Forschungsprojekts, um den Stammbaum der Säugetiere besser zu definieren. Dazu waren keine neuen Fossilienfunde nötig; die meisten Objekte, auch P. donnae waren bereits in den Beständen der Sammlungen naturkundlicher Museen vorhanden.

Abbildung: Protungulatum donnae in einer Darstellung von Carl Buell, via Stony Brook University

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Kommentare

  1. #1 para
    11. Februar 2013

    Zeigt die Abbildung eigentlich wirklich Protungulatum donnae ?
    Im paper steht:

    Fig. 2. Reconstructions of the phenotype of the hypothetical placental ancestor derived from the combined data matrix optimized onto the tree in Fig. 1. The mammal is shown in an early Paleocene ecosystem. (…)

    Ähnlich verwirrend wie in der nytimes schrieb man hier in Welt-online. Dort darf man “Ein Vierbeiner ist der Vorfahr aller Säugetiere” lesen (obwohl im Text dann wieder von “höheren Säugern” gesprochen wird). Beim online-Ableger der Zeit titelt man “Unser ältester Vorfahr war ein vierbeiniger Insektenfresser” – was durch “Unser” auch schnell falsch verstanden werden kann.

  2. #2 MartinB
    17. Februar 2013

    Nachdem ich das paper gelesen habe, muss ich sagen, dass sich bei dir zwei Fehler eingeschlichen haben:
    1. Protungulatum ist nicht der gemeinsame Vorfahre aller Placentalia, sondern lediglich der älteste und am weitesten unten sitzende des Stammbaums, ist aber selbst ein Mitglied (das erste) der Gruppe der Euungulata (Huftiere).
    2. Wie schon von para angemerkt, zeigt das Bild die Rekonstruktion des gemeinsamen Vorfahren aller Placentalia – die ist aber rein hypothetisch, d.h. es wurden die basalen Merkmale der einzelnen Gruppen zusammengefügt, um ein ungefähres Bild des Vorfahren zu bekommen.

    Jaja, wenn Journalisten über “missing links” schreiben… ;-)

  3. #3 rolak
    17. Februar 2013

    Zu der Geschichte des Bildes gibt es da hinten etwas zu lesen, MartinB. Und auch einen link zur FullSize-Version, bei der die Augenfarbe des Parasiten hinter dem linken Ohr zu erkennen ist…

  4. #4 Jürgen Schönstein
    17. Februar 2013

    @MartinB
    Danke für die Vorlage: Wie ich geschrieben habe, stand mir das Paper selbst nicht zur Verfügung, daher musste ich mich auf die Veröffentlichung der Stony Brook University verlassen. Und die sagt mir genau das, was ich geschrieben habe. Wenn es anders gemeint war und dabei ein wichtiges (!) Element verloren wurde, dann liegt es an der Fehldarstellung der WIssenschaftler selbst. Genau das war das Problem, das ich auch als Ursache der 70 Jahre alten Story ausgemacht hatte.

    Ich hätte noch zwei Gegenfragen:
    1. Wenn jemand weiter unten auf meinem Stammbaum sitzt, ist er/sie nicht mein Vorfahr? Ich muss ehrlich zugeben, dass ich Deinen Einwand nicht verstehe, und da ich, wie schon zweimal gesagt, keinen Zugriff auf Science-Artikel habe, kann ich den Sinn Deines Einwandes auch nicht durch Lesen drr Originalquelle rekonstruieren…
    2. Wenn das Bild, das eine Story über Protungulatum donnae illustrierend begleitet, nicht Protungulatum donnae darstellt – was hat es dann da zu suchen? Wie Du aus dem Credit entnehmen kannst, wurde es von der Stony Brook University als Begleitbild veröffentlicht. Wenn man a) P. donnae als den gemeinsamen Vorfahr vorstellt und b) dann eine “Rekonstruktion” desselben im Bild präsentiert (Du wirst mir doch jetzt nicht unterstellen, ich hätte geglaubt, das sei eine Originalaufnahme? Es ist eine künstlerische Darstellung, also eine Interpratation) – wer soll dann wissen, dass das Bild etwas anderes zeigen soll?

    Glaube mir, ich habe so sorgfältig mit dem verfügbaren Material gearbeitet, wie man nur kann – Fehler sind daher Fehler im Material. Und das heißt, die Verantwortung liegt bei den Wissenschaftlern. Q.e.d.

  5. #5 MartinB
    17. Februar 2013

    @Jürgen
    Ich bin verwirrt:
    Wenn ich den Link oben zur Stonybrook-Seite verfolge (den bei “Pressemitteilung”), dann steht auch da in der Bildunterschrift
    “An artist’s rendering of the hypothetical placental ancestor, a small insect-eating animal. ”
    Hypothetisch heißt, dass es sich eben nicht um Protungulatum handelt. Wo genau gibt es denn das Bild mit der fehlerhaften Bildunterschrift in einem Artikel über Protungulatum – weder der (missverständlich formulierte) Artikel in der NY times noch der von Stonybrooke tun das? (Wenn mein Suchprogramm nicht spinnt, dann kommt in der Pressemitteilung Protungulatum gar nicht vor.)

    Protungulatum ist das urtümlichste Plazentatier, das wir kennen, es sitzt aber schon auf dem Stammbaum bei den Huftieren. Ungefähr so, als würdest du nichts über deine UrUrgroßeltern wissen, aber immerhin den Bruder deiner Ururgroßmutter kennen. Der ist aber nicht dein Vorfahr.

  6. #6 MartinB
    17. Februar 2013

    Im Beispiel des letzten Satzes passt es besser, “Bruder” durch “Neffen” zu ersetzen – deine Ururgroßeltern wären der Vorfahr aller Schönsteins, der Neffe ist es nicht, trotzdem ist er die beste Annäherung. Protungulatum wäre der Neffe, das Tier auf dem Bild die Rekonstruktion deiner Ururgroßmutter auf der Basis aller Schönsteins rekonstruiert.

  7. #7 Jürgen Schönstein
    17. Februar 2013

    @MartinB
    Stimmt alles – nur bin ich die falsche Adresse. Wenn Du meinen Text noch einmal liest, wirst Du nur einen gravierenden Fehler von mir finden: Ich habe den Satz “Sie beruht auf einem Artikel in der aktuellen Ausgabe von Science, in dem Protungulatum donnae als gemeinsamer Vorfahr aller Plazentatiere (Beuteltiere und Kloakentiere fallen demnach nicht darunter)” nicht vervollständigt – es fehlt “bezeichnet werden”. Und das ist der Inhalt des Artikels; ich selbst ziehe aus der Pressemitteilung nur diese Feststellung:

    Wenn ich die Aussage (die ich wiederum aus der Pressemitteilung der Stony Brook University in New York holen musste, da ich trotz MIT-Privilegien keinen Zugriff auf Science habe) richtig verstanden habe, geht es in erster Linie darum, dass die Säugetiere nicht, wie bisher angenommen, sich bereits zu Zeiten der Dinosaurier (=Mesozoikum) diversifizierten, sondern erst nach dem Niedergang der meisten Dinosaurier am Ende der Kreidezeit, also vor etwa 66 Millionen Jahren.

    Falls da Fehler drin sind, lasse ich mich gerne belehren – den Inhalt des Artikels in der New York Times kann ich in diesem ausdrücklich als Lesehinweis deklarierten Artikel hingegen nicht verändern.

  8. #8 MartinB
    17. Februar 2013

    @Jürgen
    Sorry, ich kann es nicht nachvollziehen.

    In beiden Quellen steht nicht, dass das Bild P. donnae zeigt, sondern es ist in beiden von einem “hypothetical ancestor” die Rede (und “hypothetisch” heißt ja gerade, dass wir keine Fossilien dieses Wesens kennen.)
    Die Pressemitteilung der Uni erwähnt P. donnae nicht einmal, oder?

    Also: Die Wissenschaftler schreiben ein paper und geben eine Pressemitteilung heraus.

    Die NY times sucht sich aus dem paper (nicht aus der Pressemitteilung) P. donnae als Aufhänger aus und erweckt den fehlerhaften Eindruck, P. donnae selbst sei der Vorfahr aller Plazentalia.

    Du liest den NY times Artikel und verwendest auf der Basis dieses Artikels (und nicht der Pressemitteilung) die falsche Bildunterschrift.

    Und dann liegt der Fehler deiner Ansicht nach bei den Wissenschaftlern (und der Pressemitteilung), nicht bei den Journalisten der NY times, und auch nicht bei dir, der die Bildunterschrift nicht mit der Originalquelle (oder auch nur der NY times) abgeglichen hat (oder sich das paper besorgt hat – ich hatte meine Version per mailanfrage innerhalb weniger Stunden…)?

  9. #9 MartinB
    19. Februar 2013

    Und? Wie war das nun mit der “Vorlage” und dem “q.e.d”?

  10. [...] geht, um es gleich vorweg zu sagen, um meinen Beitrag über rattengroße Menschenvorfahren und die nachfolgende Diskussion. Aber ein paar Zusatzinformationen sind noch notwendig, um den [...]