Dass ausgerechnet mein Arbeitgeber MIT eine führende Rolle darin übernehmen will, das Bewerten und Benoten von studentischen Arbeiten dem Computer zu übertragen, macht mich – das geben ich ganz unumwunden zu – extrem parteiisch (und nicht als Befürworter, falls das jemanden überraschen sollte). Die New York Times hat dazu heute sogar eine Story auf ihrer Titelseite, in der zwar nicht ich, aber mein MIT-Mentor (und Ex-Chef) Les Perelman – mal wieder – kritisch zu Wort kommt: Software Seen Giving Grades on Essay Tests.

Als jemandem, der sich selbst auch als Technik-Journalist bezeichnen würde, läge es mir fern, den technologischen Fortschritt alleine schon deswegen zu verurteilen, weil er alte Gewohnheiten über den Haufen wirft. Und dass Computer auch als sprachliche Hilfs- und Verstärkungsmittel geeignet sind, habe ich gerade erst im Rahmen einer Recherche wieder (zähneknirschend, aber ehrlich) zugeben müssen, die ich mangels eigener Sprachkenntnisse in Türkisch und Portugiesisch via Google Translate – und mit erstaunlichem kommunikativem Erfolg – durchziehen musste.

Ich habe sogar absolut keine Zweifel, dass Maschinenlernen dazu führen kann, dass Computer und Software schneller und besser in der Lage sein werden, kurze Aufsätze und Fragen mit ausreichender Qualität zu bewerten – schneller und besser als überarbeitete und unterbezahlte Dozenten, jedenfalls. Doch das ist ja nicht das Problem – das Problem, das ich sehe, liegt darin, dass dann diese kurzen Aufsätze und Fragen (mit denen ich als Dozent für Kommunikation übrigens so gut wie gar nichts zu tun habe – in meiner Arbeit geht es um das Abfassen komplexerer wissenschaftlicher “Schriftsätze”, wie beispielsweise Forschungsanträge und -Berichte) zum “Kommunikations”-Standard werden. Nicht, weil sie besser für die akademische Ausbildung und fairer (weil neutraler) zu benoten sind, sondern weil sie von Maschinen erledigt werden koennen. Dass wir dieses technologische Pferd, bei dem der Mensch eigentlich der Reiter sein sollte, oft so verkehrt herum aufzäumen, dass wir Menschen es am Ende sind, die sich der Technik unterordnen müssen, ist ja eine durchaus bedauernswerte Entwicklung, die jeder bestätigen kann, der schon mal mit einem Computer statt einem Menschen telefonieren musste. Und ich fürchte (allein schon aus meinen Erfahrungen mit standardisierten Schultests, die in den USA seit Jahren üblich sind), dass sich nicht etwa die Technik der Lehre anpassen wird, sondern dass dann halt künftig nur das (und so) gelehrt werden darf, was und wie es die Test-Technik bewältigen kann …

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Kommentare

  1. #1 BreitSide
    6. April 2013

    “…sondern dass dann halt künftig nur das (und so) gelehrt werden darf, was und wie es die Test-Technik bewältigen kann …”

    Genau das. Wie seit Einführung der Multiple Choice Tests. Die aber zugegebenermaßen für die Tester viel leichter auszuwerten sind als “freie Antworten”…

    Wenns billiger ist, wirds auch gemacht.

  2. #2 Volker Birk
    http://blog.fdik.org
    7. April 2013

    Für Auswendiglern-Fragen geht das bestimmt gut. Und nicht nur das: auch das Ausfüllen der Fragebögen kann vollautomatisiert werden.

    Das wäre dann die Zukunft der Le{e,h}re: ich schick meinen Robo in die Vorlesung, der füllt danach den Test aus, und der Le{e,h}r-Robo prüft den Test vollautomatisch. Wenn wir das System optimieren, hat jeder eine 1 ;-)

  3. #3 Schwarzwälder
    Schwarzwald
    9. April 2013

    Ich weiß nicht, ob Du meinst, dass sowas banales auch darunter fällt…. witzig finde ich es allemal.

    http://www.blablameter.de