Wenn echte Wissenschaft falsch in den Medien reflektiert wird, oder falsche Wissenschaft in den Medien für “echte” Schlagzeilen sorgt, wird der Fehler schnell – und oft – bei den Medien verortet: beim Wissenschaftsjournalismus, oder genauer gesagt, dessen Schwächen – zum Beispiel die Kritik, dass TageszeitungswissenschaftsredakteurInnen sich offenbar (überraschender Weise?) nicht die Zeit nehmen, ganze Studien zu lesen, ehe sie innerhalb weniger Stunden (?) ihre tagesaktuellen Artikel schreiben. Und so berechtigt oder wenigstens begründbar diese Kritik in den meisten Fällen auch sein mag, halte ich es doch für riskant, wenn dabei eine Dichotomie erzeugt wird – die rein sachlich forschenden und fachpublizierenden WissenschaftlerInnen hier, die unsachlich und ohne Kenntnis der fachlichen Arbeit publizierenden JournalistInnen da.

Denn die Zeiten, in denen Wissenschaft sich darin genügte, in ihren eigenen Kreisen gelesen zu werden, sind – wenn sie jemals existierten – längst vorbei. Wie ich hier schon mal versucht habe, kritisch zu beleuchten, sind nicht wenige dieser Fehldarstellungen nicht einfach nur auf dem Mist der Presse gewachsen, sondern von “der Wissenschaft” dortselbst gepflanzt worden. Und darum empfehle ich die Lektüre dieses Artikels aus der New York Times vom Montag, in dem es genau darum geht, dass die Publicity, also das Erwähntwerden in den Massenmedien, inzwischen ebenso ein Job-Kriterium für sich bewerbende WissenschaftlerInnen sein kann wie die Zahl der Fachpublikationen: Beyond Publish or Perish, Academic Papers Look to Make a Splash.

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Kommentare (9)

  1. #1 Joseph Kuhn
    1. Juni 2015

    “Denn die Zeiten, in denen Wissenschaft sich darin genügte, in ihren eigenen Kreisen gelesen zu werden, sind – wenn sie jemals existierten – längst vorbei.”

    Gottseidank. Elfenbeinturm und akademischer Autismus sind keine Alternative.

  2. #2 Jürgen Schönstein
    1. Juni 2015

    @Joseph
    In der Tat! Aber das bedeutet halt auch, dass “die Wissenschaft” sich im Klaren darüber sein muss, dass sie für die Vermittlung ihrer Inhalte mit verantwortlich ist. Und dazu gehört, meiner Ansicht nach, auch eine bessere Publikationsethik – und “pay -for-play”-Journale sollte es gar nicht erst geben: wer für den Abdruck seiner/ihrer Inhalte bezahlt, ist ein/e Werbetreibende/r!

  3. #3 tobalt
    2. Juni 2015

    Da ich die hoffnungen auf eine unbefristete wissenschaftliche anstellung schon begraben habe kann ich darüber schmunzeln:

    1) weil ich es besser weiß als es in der presse dargestellt wird und die artikel selbst bewerten kann.

    2) weil ich mir keine übertriebenen wendehälsigen artikel einfallen lassen muss die ich nachher bereue.

    Verstehen kann ich aber andere leute in meinem alter, die in der forschung bleiben wollen, dass sie so handeln. Sie müssen einfach um eine chance zu haben.

    Jemandem die schuld geben kann man nicht. Es ist einfach eine gesellschaftliche entwicklung die jetzt eben so ist. Es kommt auch wieder die zeit wo die leute lieber lesen wollen dass wissenschaftler ehrliche und aufrichtige realistische statements von sich gebeb weil sie ihnen sonst nicht glauben. Momentan ist eben so ein bissel die zeit der blender. Überall. Was bei meinem glauben an die menschliche schwarmintelligenz natürlich langfristig auffliegen muss.

  4. #4 Joseph Kuhn
    2. Juni 2015

    @ Jürgen:

    Ja, sehe ich genauso, ein echtes Dilemma. Einerseits ist es wünschenswert, dass Wissenschaft gesellschaftlich sichtbar wird (und dass sie es tut, ist auch ein Zeichen ihrer gesellschaftlichen Relevanz), andererseits gehen damit die von Dir beschriebenen Anreize auf Seiten der Wissenschaft und der Auftraggeber einher. Das wissenschaftliche Ethos ist hier gefragt, reicht aber allein sicher nicht aus, um der Versuchung zu widerstehen, sichtbaren “social impact” zur Not auch mit nicht ganz so sauberen Methoden zu generieren. Vermutlich müssen sich auch hier in den nächsten Jahren feste Verfahren herausbilden, die der Publikationsethik ein wenig auf die Sprünge helfen, und vermutlich wird man wie in der Politik auch ein Stück weit mit Schaufensterauftritten leben müssen.

  5. #5 Böx
    http://boexbooks.wordpress.com
    2. Juni 2015

    @Jürgen: “und “pay -for-play”-Journale sollte es gar nicht erst geben: wer für den Abdruck seiner/ihrer Inhalte bezahlt, ist ein/e Werbetreibende/r!”

    Nur kurze Nachfrage: damit wären dann alle publizierenden Wissenschaftler (zumindest in den molekularen Biowissenschaften) Werbetreibende, weil alle mir bekannten Journals publication fees verlangen (und trotzdem wird nicht alles veröffentlicht, der peer review ist noch da). Meinst Du das wirklich so? Gut, in einem gewissen Sinne ist das trivial, dass jeder Wissenschaftler mit einem Artikel für sich und seine Arbeit wirbt. Aber das würde sich auch mit der Abschaffung der publication fees nicht ändern. Meiner Ansicht nach ist ein paper in erster Linie eben die Veröffentlichung von Forschungsresultaten. Dass die Methoden im wissenschaftlichen Verlagswesen eine Perversion des Verlagswesen sind, bleibt natürlich unwidersprochen 😉

  6. #6 Jürgen Schönstein
    2. Juni 2015

    @tobalt #3 @Böx #5
    “So ist es halt” kann nicht als Argument gelten – allein schon deshalb, weil es in der Verteidigung des (Wissenschafts-)Journalismus ja auch nicht gilt. Bisher ist in früheren Foren noch jeder Hinweis von mir, dass es Grenzen dessen gibt, was eine Wissenschaftsredaktion in der meist knappen Zeit und mit der praktisch immer knappen Personalausstattung leisten könne (wenn’s denn überhaupt eine Wissenschaftsredaktion gibt – das ist bei vielen Tageszeitungen längst nicht – mehr? – der Fall), als inakzeptabel abgebürstet wurde. Aber auch, weil in der wissenschaftlichen Fachpublikation bzw. deren Fehlentwicklung ja ein System vorliegt, das wissenschaftsintern erzeugt wurde. Ich wiederhole es noch einmal gerne: WissenschaftlerInnen haben dieses System selbst geschaffen und halten es am Leben. Wer hat denn gefordert, dass WissenschaftlerInnen nicht nach der Qualität, sondern nach der Quantität ihrer Publikationen beurteilt werden sollen? Gremien vielleicht – aber immer Gremien, in denen WissenschaflerInnen sitzen und (an den Hochschulen, beispielsweise) den Ton angeben. Warum hat sich irgendwann irgendwer darauf eingelassen, Geld dafür zu bezahlen, dass – nicht selten auf der Basis öffentlich finanzierter Forschung – Artikel in kommerziell produzierten und extrem teuer zu abonnierenden Journalen erscheinen? Wenn wir (damit meine ich uns JournalistInnen) so etwas täten, also Geld für den Abdruck einer Story verlangen, die im öffentlichen Interesse ist und für die man dieLeserInnen sowieso noch zur Kasse bitten wird – wie laut wäre da wohl die Empörung? Nochmal: Bezahlte Abdrucke sind, medientechnisch gesehen, Werbung und müssen als solche gekennzeichnet werden. Nichts anderes.

  7. #7 Böx
    http://boexbooks.wordpress.com
    2. Juni 2015

    @Jürgen: ich nehme das mal als “Ja, ich finde, dass alle Wissenschaftler, die publizieren, ‘nichts anderes’ als Werbung machen” auf meine Frage von oben. Auf den rigorosen Standpunkt kannst Du Dich natürlich stellen. Nur damit ich den Vergleich verstehe: Für was genau wird dann da geworben? Für die Wissenschaftler? Für deren Institutionen? Für ihre Methoden? Oder ihre Ergebnisse? Und: Würde sich irgendetwas an dieser Art der “Werbung” ändern, wenn die publication fees abgeschafft würden!?!? Ich nehme paper halt nicht so wahr. Für mich sind’s eben neue Ergebnisse, die mich im Idealfall auf neue Ideen für meine eigenen Projekte bringen. Auf Werbung, die ich zugeschickt bekomme, reagiere ich üblicherweise anders, als wenn ein Bekannter mir ein neues paper schickt 😉
    Ich sehe auch nicht ganz, wo einen der Vergleich mit der Werbung weiterbringt. Dass das System mit den fees absolut gaga ist, wusste ich auch schon vorher (und ja, es wurde wissenschaftsintern erzeugt). Alle Wissenschaftler aber dann auf Werbetreibende zu reduzieren (“nichts anderes”), geht aber irgendwie am Kern der Sache und des Problems vorbei…oder wäre das Problem gelöst, wenn auf jeder Zeitschrift “Dauerwerbejournal” stehen würde?

  8. #8 Jürgen Schönstein
    2. Juni 2015

    @Böx #7
    Das mag jetzt nicht ganz leicht zu schlucken sein, aber ein Paper ist letzlich auch nur ein Produkt – das Erzeugnis einer Arbeit. Und für dieses Produkt – und mehr noch: für dessen ErzeugerIn – wird geworben. Genau das ist doch der Sinn von “publish or perish” – Eigenwerbung zu machen. Wie heißt es doch so unschön: Wer nicht wirbt, stirbt. Genau das ist das Problem, und genau das muss geändert werden.

    Nimm einfach mal Autotests als mediales Beispiel: Wenn eine Firma en neues Modell vorstellt, dann berichtet natürlich die Presse darüber. Wie würdest Du es finden, wenn Du erführest, dass der Hersteller den Platz in der Zeitung gekauft hat?

    Womit ich nichts gegen den Prozess der wissenschaftlichen Publikation an sich sage. Aber wenn man sich erst mal dran gewöhnt hat, Geld für diese Veröffentlichung zu bezahlen, dann wird die Hürde, dieses Geld an “Journale” zu zahlen, wo die Veröffentlichung leichter und leichter gemacht wird, immer niedriger. Darum geht es mir.

    Also: Wenn allein die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit dafür entscheidend wäre, was publiziert wird und was nicht, wäre das Problem gar nicht da. Aber wenn es einerseits einen Anreiz für WissenschaftlerInnen gibt, sich in ihren Publikationen auf das zu konzentrieren, was medienwirksam ist (und die Journale, siehe das Beispiel “Science” im verlinkten Artikel der New York Times) ihrerseits vor allem auf Themen scharf sind, die sich medial verwerten lassen, und wenn es andererseits offenbar durchaus akzeptabel ist, in solchen “pay-for-play”-Journalen zu publizieren (sonst gäb’s die ja nicht, mangels Nachfrage), dann ist es müßig, sich über den schlechten Wissenschaftsjournalismus zu beklagen. Wie heißt es doch? “Garbage in – garbage out.”

  9. #9 Bjorn
    Chicago
    2. Juni 2015

    @Juergen:
    1) Die Argumentation mit der Werbung zieht nicht wirklich. Wissenschaftler bezahlen bei vielen Journals eine Publication Fee wie es Boex schon angesprochen hat. Man kann es so sehen, dass man den Peer-Review Prozess damit finanziert. Vergleichbar waere hier wohl in ihrem Feld ein Korrekturleser/Editor. Oder im Baugewerbe ein Pruefingenieur. Danach ist dann das Journal von anderen Personen die ueber das neueste in der Wissenschaft informiert sein wollen zu erwerben. Was wohl dem Zeitungskauf entspricht. Insofern muesste ihrer Argumentation nach jeder gedruckte Text in einer Zeitung als Werbung des jeweiligen Autors gekennzeichnet sein. Meiner Meinung nach eine etwas absurde Forderung.

    Dass das System weit davon entfernt ist perfekt zu sein bestreite ich nicht. Ich selbst finde dass Open Access Journals in Zukunft stark an Gewicht gewinnen werden. Es ging mir hier nur um ihre Aussage der Werbung betreffend.

    2) “Wer hat denn gefordert, dass WissenschaftlerInnen nicht nach der Qualität, sondern nach der Quantität ihrer Publikationen beurteilt werden sollen?”

    Nonsense. Niemand wird nur nach der Quantitaet beurteilt. Wie gut oder schlecht ein Wissenschaftler ist wird meist danach bewertet in welchen Journalen er veroeffentlicht und wie oft seine Artikel zitiert werden. Es ist besser einen Artikel in PRL zu haben der 5000 mal zitiert wurde als 100 Paper bei Plos One. Siehe impact factor (Journal bezogen) und h-factor (Wissenschaftler bezogen).