Ich bin Ausländer, und zwar wirklich überall auf der Welt: In dem Land, in dem ich lebe, bin ich Ausländer, weil ich eine andere als die amerikanische Staatsbürgerschaft besitze; in Deutschland bin ich Ausländer, weil ich meinen ständigen Wohnsitz nicht hier, sondern in den USA habe – und zwar schon sehr, sehr lange. Und in den übrigen 191 Staaten der Welt bin ich sowieso in jedem Fall Ausländer, egal ob nach der ersten als auch nach der zweiten Definition. Und als kategorischer Nicht-Inländer bin ich, wie sicher begreiflich ist, entsprechend sensibel wenn irgendwo und in irgendeiner Form über “die” Ausländer, Einwanderer und (in gewissem Umfang sogar) Flüchtlinge in kategorischer Weise diskutiert wird.

Aber es geht hier diesmal nicht um Flüchtlingskrisen und die Diskussion um Obergrenzen, sondern wirklich nur darum, was einen Ausländer “anders” macht oder nicht. Oder besser: Ob dieses “anders” sein automatisch bedeutet, ein Problem zu sein. Auf das läuft die Diskussion, ob sie nun in Deutschland oder in den USA geführt wird, immer wieder hinaus: dass das Empfängerland diese Zuwanderung “verkraften” muss, dass der nationale Charakter durch den Zustrom anderes Seiender verändert und gar bedroht wird. Kurz: dass das Fremde eine Bedrohung ist. Nach dieser Logik bin ich auch eine Bedrohung. Immer. Überall. Auch wenn ich mich selbst nicht als bedrohlich verstehen will und, so weit ich das beurteilen kann, auch von den meisten Menschen nicht als eine Bedrohung angesehen werde (mit Ausnahme, eventuell, einiger Studentinnen und Studenten, die jede Lehrperson mit Notenkompetenz als bedrohlich empfinden).

Spulen wir unsere Geschichte mal um 16 oder 17 Jahrzehnte zurück: Damals war ein Bayer schon in Hessen oder Württemberg ein Ausländer, und die Vorurteile der jeweiligen “Nationalitäten” gegeneinander dürften auch nicht trivial gewesen sein. Noch ein paar Jahrzehnte früher hatten nicht wenige unsere Städte noch Mauern und Tore, um sich vor Fremden zu schützen. Der Gedanke, dass man einem größeren Ganzen angehören könnte, war damals subversiv – das “über Alles” in dem von mir bewusst in der Überschrift zitierten Lied der Deutschen war damals nicht (nur) als Ausdruck einer nationalen Überheblichkeit zu verstehen, sondern erst mal der Aufruf, sich als Teil eines etwas globaleren Ganzen zu verstehen. Auf unsere heutige Zeit übertragen wäre das die Anregung, dass wir uns dann erst mal – mindestens – als Europäer im Sinn der EU und nicht primär als Deutsche, Briten, Franzosen etc. begreifen sollten.

Ich würde sogar empfehlen, gleich noch ein bisschen größer zu denken und selbst den europäischen “Nationalismus” gleich gegen einen globalen Humanismus einzutauschen. Aber verlieren wir dann nicht das, was uns “deutsch” macht? Mal davon abgesehen, dass ich selbst sehr viele Eigenschaften an mir entdecke, die ich sowohl als “deutsch” (im Sinn von: durch meine Sozialisierung in Deutschland geprägt) als auch gleichzeitig als mich an mir selbst als störend empfinde: Was ist “deutsch”? Und was wäre davon unvereinbar mit dem, was dann konsequenter Weise “nicht-deutsch” ist?

An dieser Stelle kommt ja gerne das Argument von der “Kultur”, als ob diese so etwas wie eine DNA einer nationalen Identität ist. Doch wie auch die DNA ist halt auch die “Kultur” nicht geeignet, kategorische Grenzen zwischen Menschengruppen zu ziehen. Nicht nur, weil zu “unserer” Kultur sehr viel gehört, was wir mit Nachbarstaaten (und vermutlich sogar Ländern ganz am anderen Ende der Welt) teilen, sondern vor allem auch, weil “unsere” Kultur ohne diese “äußeren” Einflüsse – und zu einem nicht unerheblichen Teil auch ohne physische Zuwanderung – gar nicht erst entstanden wäre. Und “unvereinbar” mit Kultur ist eigentlich nur die Ideologie, dass Kultur von äußeren Einflüssen abgeschottet werden muss, um zu bestehen. Genau das lehrt uns übrigens unsere eigene Geschichte.

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Kommentare (67)

  1. #1 rolak
    15. Dezember 2015

    Kultur ist wie Sprache, lebendig und sich immer verändernd. Momentaufnahmen können in Trachten- und sonstigen Vereinen gerne gepflegt werden, sie als Vorgabe anzusehen oder gar durchsetzen zu wollen ist der Einstieg in die KulturZombieApokalypse.

    gegen einen globalen Humanismus einzutauschen

    Dieses Schreckgespenst für erschreckend viele Menschen dürfte die einzige Lösung sein. Sie wird zwar nicht alles Unangenehme verhindern, doch vieles davon. Und lokale Verhaltensmuster (~Kultur) wird es auch dann noch geben.

  2. #2 Alisier
    15. Dezember 2015

    Es hilft, denke ich, in einem so winzig kleinen Land aufgewachsen zu sein, dass man zu Fuß in Kürze drei andere Länder erreichen kann, um das Absurde, was nationalem Denken innewohnt, früh zu erahnen.
    Und die Junge Union möchte wieder unbedingt über Leitkultur reden…..meine Fresse…

  3. #3 BreitSide
    Beim Deich
    15. Dezember 2015

    Hach, große Worte gelassen ausgeschrieben!

    So hatte ich mir das auch mal gedacht: Die Nationalstaaten als Überwinder der Kleinstaaterei, Europa als Überwinderin der National(isten)staaten, der weltweite Humanismus als logische Weiterentwicklung.

    “Europa der Regionen” war auch so ein Schlagwort. Naja…

  4. #4 IO
    15. Dezember 2015

    @Alisier
    Das es an der Größe eines Landes liegt, und dadurch an der relativ geringen Distanz zu anderen Ländern, dass man lernt, “das Absurde, was nationalem Denken innewohnt, früh zu erahnen”, mag im Einzelfall zutreffen. Man könnte tatsächlich meinen, dass an schon an einer Grenze im offenen Europa, der Nationalismus eigentlich verschwinden müsste. aber das scheint mir nicht so zu sein.
    Welche Faktoren im einzelnen bestehen, müsste man eruieren und könnte sicher hin- und her diskutieren.

    Generell, aber, glaube ich nicht, dass das eine zutreffende Erklärung ist. Dann müsste es in den Regionen, wo mehrere Länder zu Fuß erreichbar sind, d. h. nahe sind, tendenziell eher weniger Nationalismus geben. Oder?

  5. #5 IO
    15. Dezember 2015

    @Jörg Schönstein

    “Noch ein paar Jahrzehnte früher hatten nicht wenige unsere Städte noch Mauern und Tore, um sich vor Fremden zu schützen.”

    Nja, ob das wegen “Fremden” war, möchte ich bezweifeln. Eher war es ein Schutz vor Angreifern, einerlei ob fremde oder bekannte Angreifer. Meistens waren es in der Geschichte doch sehr benachbarte Herrschaften, die keinesfalls Fremde waren.

    Bei “Fremden” fällt mir immer Karl Valentin ein:

    “Wenn ein Fremder einen Bekannten hat, so kann ihm dieser Bekannte zuerst fremd gewesen sein, aber durch das gegenseitige Bekanntwerden sind sich die beiden nicht mehr fremd. Wenn aber die zwei mitsammen in eine fremde Stadt reisen, so sind diese beiden Bekannten jetzt in der fremden Stadt wieder Fremde geworden. Die beiden sind also – das ist zwar paradox – fremde Bekannte zueinander geworden.”

  6. #6 Jürgen Schönstein
    15. Dezember 2015

    @IO
    Okay, die Definition von “fremd” als gleichbedeutend mit “feindlich” war etwas zu generös meinerseits – aber es war schon bezeichnend, dass die viel diskutierten “Binnengrenzen” dieser Region, die wir heute Europa nennen, noch vor nicht allzu langer Zeit noch an den Stadtgrenzen gezogen wurden.

    (Und, als ganz kleines PS: Mein Vorname schreibt sich “Jürgen” – steht eigentlich ziemlich häufig auf dieser Seite…)

  7. #7 IO
    15. Dezember 2015

    Sorry, Jürgen, für den Namen-Fail. Sowas geschieht mir nicht leicht.

    Njoaoa, “vor gar nicht langer Zeit”, das hängt doch ganz vom Maßstab ab. Das war noch im Mittelalter so.
    Aber, auch nur z. T.
    Es gab viele Regionen größeren Zuschnitts. Und da war es auch sinnvoll, die Städte zu befestigen, weil ein Angreifer nun mal aus irgendeiner Richtung kommen kann und die erstbeste Stadt wird dann über eine ordentliche Stadtbefestigung froh gewesen sein (bei einer langen Belagerung war es dann aber auch nicht lustig). Da ging es nicht um fremd oder nicht.

  8. #8 BreitSide
    Beim Deich
    15. Dezember 2015

    Also ich kannte mal einen – studierten – Saarländer, der – gerade 8 km von der Grenze weg wohnend – kein Wort Französisch konnte.

  9. #9 IO
    15. Dezember 2015

    Die Binnengrenzen wurden an den Grenzen der Territorien gezogen. Territorien waren meistens größere Einheiten.
    Der Ansatz, dass sich Städte vor Fremden schützen müssten, erklärt nicht, warum Städte relativ im Zentrum eines Territoriums Befestigungen brauchten (und damit ausgestattet wurden).

  10. #10 BreitSide
    Beim Deich
    15. Dezember 2015

    @IO: Es geht wohl weniger um Eroberer und Räuber, sondern um ganz gewöhnliche Leute, die eben nicht aus der Stadt/dem Dorf kamen.

    Wer offene Augen und Ohren hat, kennt noch all die Animositäten zum Nachbardorf:
    – Die haben alle ein Messer in der Tasche,
    – Die sind alle miteinander verwandt,
    – Usw.

    Das ist alles noch gar nicht so lange her, dass die Jungs ins Nachbarsdorf zogen, um Mädchen zu “rauben” (was diese meist gar nicht störte…).

    Es geht nicht um Krieg und Raub, es geht darum, dass jemand mit dunkler Haut/Schlitzaugen/Langnase prinzipiell als ein schlechterer Mensch gesehen wird.

    Der passendste Spruch ist immer noch: “Wir haben ja nichts gegen Fremde, aber diese Fremden da sind nicht von hier!”.

  11. #11 IO
    15. Dezember 2015

    @BreitSide

    Für gewöhnliche Leute, die als Fremde kamen, brauchte man die Befestigungen aber nicht.

    Das Argument, “ein paar Jahrzehnte früher hatten nicht wenige unsere Städte noch Mauern und Tore, um sich vor Fremden zu schützen”, ist m. E. historisch nicht richtig.

  12. #12 IO
    15. Dezember 2015

    Im Übrigen stimme ich Jürgen Schönsteins Text in Inhalt und Geist zu.

  13. #13 BreitSide
    Beim Deich
    15. Dezember 2015

    @IO: Oh doch. Der Limes z.B. war keineswegs eine Grenze gegen militärische Angriffe, sondern zum Kontrollieren der Warenströme. In Nordafrika gab es genau so einen “Limes”.

    Städte horteten den Reichtum, und Keiner, auch kein Zivilist, sollte rein kommen, der nicht weiteren Profit versprach. Oder wohlbekannt war. Oder Beides…

    Der Überfall durch fremde Truppen war natürlich auch ein Grund, aber das war nur eine überschaubare Zahl von Städten.

  14. #14 IO
    15. Dezember 2015

    @BreitSide

    Auch wenn es ein wirtschaftlicher Schutzwall war, galt es doch nicht primär “den Fremden” – die “Fremden” waren bestenfalls ein vorgeschobenes Argument – sondern es galt der wirtschaftlichen Besitzstandwahrung (vor allem der reichsten Schicht, wie immer).

  15. #15 BreitSide
    Beim Deich
    15. Dezember 2015

    Einigen wir uns auf Beides?

  16. #16 IO
    15. Dezember 2015

    @BreitSide
    Ich denke im Prinzip zwar, dass ich mich mit Dir in vielen Sachen mit Vergnügen einig wäre 🙂 aber hier bin ich noch obstinat.

    Ich hätte zunächst gerne einige Belege dafür, das Stadtbefestigungen wegen der Fremden an sich gebaut wurden

  17. #17 BreitSide
    Beim Deich
    16. Dezember 2015

    Wie sollten diese Belege denn Deiner Meinung nach aussehen?

    Gegenfrage: Sollten die Befestigungen gegen Freunde gebaut worden sein?

  18. #18 IO
    16. Dezember 2015

    @Bright Side

    https://de.wikipedia.org/wiki/Falsches_Dilemma

    Wenn es nicht gegen Fremde war, kann es nur gegen Freunde gewesen sein? Aujeh!

  19. #19 IO
    16. Dezember 2015

    @Brite Seite
    Zu demonstrieren, wie Belege aussehen müssten, für den Teapot, der rund um den Mars fliegt, obliegt den Teapot-Behauptern!

  20. #20 BreitSide
    Beim Deich
    16. Dezember 2015

    Und wo sind die Belege für Deinen Teapot?

  21. #21 IO
    16. Dezember 2015

    @Breite Seite

    Z. B. Geschichtswissenschaft?

    Oder hier zu beginnen
    https://de.wikipedia.org/wiki/Stadtmauer

  22. #22 IO
    16. Dezember 2015

    @Broadside

    Erklär doch z. B. mal die Berliner Stadtbesteigung inmitten von Brandenburg (später Preußen).
    Wo waren denn die Fremden rund um die Stadt?

    Oder München in Bayern…

  23. #23 IO
    16. Dezember 2015

    F’*ck
    ich meinte “Stadtbefestigung”

  24. #24 IO
    16. Dezember 2015

    @Breidseide

    Warum musste Ludwig von Bayern
    https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_IV._(HRR)

    der Reichsstadt Nördlingen befehlen, die Stadtmauer zu errichten?
    https://de.wikipedia.org/wiki/Nördlinger_Stadtmauer

    Wegen der Fremden?

  25. #25 BreitSide
    Beim Deich
    16. Dezember 2015

    Lauter nette Anekdoten 🙂

  26. #26 IO
    16. Dezember 2015

    Nö. keine Anekdoten..

  27. #27 IO
    16. Dezember 2015

    Erklär doch mal die Frankfurter Stadtmauer oder die Landwehr.

    Wegen der Fremden als solche?

  28. #28 Omnivor
    Am Nordpol von NRW
    16. Dezember 2015

    Kleiner Verweis auf einen anderen Blog!

    Migration: Illegale Mecklenburger abschieben!
    http://www.novo-argumente.com/magazin.php/novo_notizen/artikel/0002627

  29. #29 Omnivor
    Am Nordpol von NRW
    16. Dezember 2015

    Zum Thema Stadtmauern: Bei einer Führung in Goslar wurde erzählt, das verunglückte Bergleute aus dem Rammelsberg nicht in das Hospiz in der Stadt konnten, wenn sie erst nach Toresschluss vor diesem ankamen.
    Sie/die Retter mussten warten bis die Tore am nächsten Tag wieder geöffnet wurden bzw. die Torwächter den Schlüssel vom Bürgermeister geholt hatten.
    Ein Grund für die Befestigung war das Raubritter- und Fehdewesen und die Ansprüche der Welfen.
    Also das alte Lied: Die Fremden (auch die benachbarten) wollen dein Tafelsilber, deine Frau und deinen (Stadt-)Staat.

  30. #30 Ingo
    17. Dezember 2015

    Der “globale Humanismus” benoetigt aber auch globale Gesetze, eine globale Verwaltung, globale Gesetzgebung, globale Justiz und im Ernstfall auch eine globale Executive.
    Und diese muss letztendlich auf globalen Werten gruenden.
    Mit der allgemeinen Erklaerung der Menschenrechten ist ein Ansatz gemacht worden,- mit der UNO ein solcher Versuch angefangen.
    Letztendlich ist die Durchfuehrung Jahrzehnte nach den Anfaengen nicht sehr weit vorran geschritten.
    Ein europaeischer Ansatz wird grade kaputt geredet. Zaeune werden grade wieder aufgebaut anstatt abgebaut, um die Folgen des Fehlens internationaler Werte fernzuhalten.
    Zaeune (frueher Stadmauern) sind auch immer eine Folge fehlender gemeinsamer Werte.

    Die Frage ist fuer mich daher: Was koennen unsere gemeinsame Werte/Gesetze sein? Sind wir bereit die Deutungshoheit ueber solche Werte von unseren lokalen Verwaltungseinheiten abzugeben?

  31. #31 2xhinschauen
    17. Dezember 2015

    Ich kenne das Abschottungsphänomen vom Militär: Man steht zusammen in der Gruppe gegen andere Gruppen, entsprechend im Zug, der Kompanie usw. je nach aktueller Konkurrenz-/Bedrohungslage. Das schafft Identität, Zugehörigkeitsgefühl usw. und ist ein menschheitsgeschichtlich überlebenswichtiges Verhalten. Nennt es “Kultur”. Man kriegt das mit Argumenten nicht weg, das sitzt alles viel zu tief.

    Im betrieblichen Umfeld nennt man den Umgang damit “Change Management”, z. B. nach Fusionen und Reorganisationen. Gröbst verkürzt: Man schafft neue Identitäten/kulturen, die das Wichtigste der alten einschließen. Da hat die EU lange Zeit einen guten Job gemacht, und erst recht die USA. Bisher… *seufz

    Gruß von einem rheinischen deutschen europäischen Weltbürger.

  32. #32 ralph
    17. Dezember 2015

    @Ingo
    “Zaeune (frueher Stadmauern) sind auch immer eine Folge fehlender gemeinsamer Werte.”
    Dann aber konsequenter Weise auch Gebäude mit verschließbare Türen. Überhaupt die Existenz von Schlössern und Schlüsseln, nicht wahr?

  33. #33 BreitSide
    Beim Deich
    17. Dezember 2015

    Richtig. Es gibt Kulturen, die haben keine Türen und Schlösser.

  34. #34 ralph
    17. Dezember 2015

    “Und “unvereinbar” mit Kultur ist eigentlich nur die Ideologie, dass Kultur von äußeren Einflüssen abgeschottet werden muss, um zu bestehen. Genau das lehrt uns übrigens unsere eigene Geschichte.”

    Aber Hallo! Gerade Deutschland war historisch immer ein Schmelztiegel. Langfristig ist Abschottung sowas von ungesund. Aber wahrscheinlich gibt es zwischen totaler Abschottung (DDR/Nordkorea) und unbegrenzter Durchlässigkeit und Durchmischung durchaus auch sinnvolle hybride Aggregatzustände. Mit (nicht nur aus der Sicht von Flüchtlingen aus Kriegsgebieten und armen Ländern) wahnwitzig hohen Standards, mit Mindestlöhnen und einem bürokratischen Sozial- und Wohlfahrtsstaatswesen, wird man vielleicht auch etwas starr und unflexibel, was die verträgliche und für Teile der Bevölkerung erträgliche Aufnahmefähigkeit betrifft.
    Merkel will uns ja zu unserem “Glück” zwingen. Falls die Flüchtlingskrise dabei hilft, unsere Bürokratie aus dem 18. Jahrhundert und den verfilzten Beamtenstaat nebst anachronistischem Arbeitsmarkt endlich zu reformieren und zukunftsfähig zu machen, dann wird sie am Ende recht behalten. Es ist ja kein Zufall, dass ohne die freiwilligen Helfer und deren Initiative gar nichts ginge. Und die müssen noch einen Großen Teil ihrer Zeit dafür aufwenden Anträge zu stellen, bürokratische Vorgaben erfüllen und benötigen formal ständig irgendwelche Genehmigungen die wochenlang auf sich warten lassen.

  35. #35 BreitSide
    Beim Deich
    17. Dezember 2015

    Aber Hallo! Gerade Deutschland war historisch immer ein Schmelztiegel.

    Dass das mal nicht der Höcke hört… 😆

    Was Bürokratie angeht: Frag mal Menschen, die in südlicheren Ländern was offizielles machen wollen. DAS ist das, was wir negativ konnotiert Bürokratie nennen. Wie z.B. grad in Griechenland ein hoch verschuldeter Gemüsehändler hops genommen wird, während die Milliardäre geschont werden.

    Eigentlich ist ja Bürokratie positiv. Sie ist das Gegenteil von Willkürherrschaft. Bürokratie = Rechtsstaat. Grundsatz: Ein Vorgang, der die gleichen Voraussetzungen hat, muss gleich entschieden werden, egal, wer der Antragsteller ist.

    Das, was wir heute “Bürokratie” nennen, ist eigentlich entweder überbordende oder eben grad wieder Willkür (“Sie werden bedient, wenn ich das will”…). So hat sich ein eigentlich guter Begriff in ein Schimpfwort verwandelt.

    Aber das ist eher Wortklauberei. Die Konnotation ist so, wie sie ist. Fällt jemandem ein positives Wort für “gute Verwaltung” ein?

  36. #36 Ingo
    18. Dezember 2015

    @ralph
    “Zaeune (frueher Stadmauern) sind auch immer eine Folge fehlender gemeinsamer Werte.”,-
    “Dann aber konsequenter Weise auch Gebäude mit verschließbare Türen. Überhaupt die Existenz von Schlössern und Schlüsseln, nicht wahr?”

    Im Prinzip ja,- eine Folge des Unterschieds im Wert Eigentum anzuerkennen.
    Wenn jeder den Wert des Eigentums anerkennen wuerde, wuerde es keine Schloesser geben. (sehr theoretisch und vereinfacht gedacht,- ich weiss)

  37. #37 Markus C. Schulte von Drach
    München
    18. Dezember 2015

    Mich würde nach Ihrem Text ja Ihre Meinung zu meiner Meinung interessieren: “Nationale Identität ist ein Hirngespinst”. sz.de/1.2766064

  38. #38 Alderamin
    18. Dezember 2015

    @Markus C. Schulte von Drach

    Schon alles richtig, was Sie schreiben. Wobei die Fremdenfeindlichkeit sich ja weniger gegen die Eigenschaft “Ausländer” richtet, sondern meistens einfach Rassismus gegenüber Menschen anderer Ethnien ist. Oder zumindest gegen Stereotypen, die man gewissen Volksgruppen zuordnet (“stehlende Polen” z.B.)

    Warum hat man ein Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe? Ich denke, das definiert sich über Gemeinsamkeiten (auch: gemeinsame Erfahrungen, Geschichte, Werte) gegenüber anderen Gruppen, mit denen man weniger Gemeinsamkeiten teilt. Z.B. wäre einem ein unbekannter Einwohner aus der gleichen Stadt normalerweise völlig schnurz. Außer, man trifft ihn im Urlaub an einem fernen Ort, dann hat man sofort einen Aufhänger für ein Gespräch, wo man meist nach weiteren Gemeinsamkeiten sucht (wo warst du auf der Schule? Kennst du auch den und den?). Trifft man Deutsche z.B in China oder USA, fühlt man sich denen auch verbunden, wenn sie aus einer ganz anderen Stadt kommen. Man teilt halt die gleiche Sprache, das gleiche Fernsehprogramm etc.. Das Zugehörigkeitsgefühl definiert sich also über die Gemeinsamkeiten untereinander im Vergleich zu den Unterschieden in der Umgebung.

    Eine wichtige Gemeinsamkeit ist die Sprache. Nationen sind oft an Sprachgrenzen orientiert, aber historische Entwicklungen haben dies in manchen Regionen aufgeweicht, z.B. in Südtirol, Belgien oder Kanada. Genau dort entstehen dann aber auch oft Risse im Nationalgefüge, Separatismusbewegungen, vorgeblich aus wirtschaftlichen Gründen (Katalonien fällt mir da noch ein). Der durchschnittliche Wallone spricht weder Flämisch, noch der Flame Französisch, das trennt, und Trennung schafft Raum für Stereotypen und Vorurteile.

    Nationale Identität ist sicher ein Hirngespinst, aber jede andere Gruppenidentität auch. Jeder Mensch ist verschieden, sucht aber seinesgleichen, wenn er alleine in der Fremde ist, weil er nur in der Gemeinschaft glücklich ist; das ist sicher genetisch vorgegeben, denn wir waren als Individuum in der wilden Natur kaum überlebensfähig, nur die Gruppe machte uns stark.

    Man sucht stets nach Leuten, mit denen man etwas teilt: ob das der Verein des gemeinsamen Hobbies ist oder der Fußballverein aus der gleichen Region, oder eben die Menschen aus dem gleichen Land, die meist die gleiche Sprache sprechen und die gleiche Geschichte teilen. Es gibt aber eigentlich keinen Grund, stolz auf seine Nation zu sein. Man hat sie sich im allgemeinen nicht ausgesucht und es ist kein eigener Verdienst, sie zu haben. Bei unserer Geschichte und dem Fremdenhass in Teilen der Bevölkerung sehe ich auch keinen Grund auf Deutschland stolz zu sein. Fühlte ich mich früher noch als Europäer, muss das ich angesichts des Umgangs mit den Flüchtlingen in anderen europäischen Ländern allerdings heute auch relativieren.

  39. #39 Jürgen Schönstein
    18. Dezember 2015

    @Markus C. Schulte von Dach
    Ja, die Fiktion der Nation ist ein faszinierendes Phänomen. Furchterregend, eigentlich – egal ob kombiniert mit Religion (Beispiel: USA), ob als Ersatz derselben (die ehemalige Sowjetunion wäre da ein Schulbuchbeispiel), oder ob mit dem (Schwindel-)Etikett des “Patriotismus” getarnt.

  40. #40 Jürgen Schönstein
    18. Dezember 2015

    @Adleramin
    Die Suche nach Gemeinsamkeit ist sicher ein Faktor in der Gruppenbildung, und an sich liegt darin auch nicht unbedingt etwas Schlechtes. Zum Problem wird’s halt, wenn diese Gemeinsamkeit zur Ab- und Ausgrenzung benutzt wird, und die derart Ausgegrenzten auch dämonisiert werden. Wie es uns die deutsche Geschichte ja schon gelehrt hat, als die Gründung der “Nation” mit dem Sieg über einen “Erzfeind” einher ging…

  41. #41 Alderamin
    18. Dezember 2015

    @Jürgen

    Wo es ein “wir” gibt, gibt’s auch immer ein “die”. Das Phänomen der Ausgrenzung ist sicher menschlich, es tritt ja überall in der Welt in allen Kulturen und in allen Altersstufen ab dem Kindergartenalter (z.B. Schülermobbing) auf.

    Das ist aber keine Entschuldigung, ganz im Gegenteil, Zivilisation zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass man nicht seinen Impulsen folgt, sondern vernunftgesteuert agiert und reflektiert. Es heißt allerdings auch, dass die Ausgrenzung ein ewiges Problem sein wird, das fortwährend durch Aufklärung bekämpft werden muss, bzw das leicht von Regierungen oder Gruppierungen zu ihrem Nutzen manipulierbar ist.

    Vorgestern gab es eine mitreissende Reportage im ZDF über mehrere Flüchtlinge, deren Leben seit ihrer Ankunft in Deutschland vor 1 1/2 Jahren von der Autorin mit der Kamera verfolgt worden war und zeigte, dass das furchtbar nette Menschen mit schlimmen Schicksalen sind, man litt da richtig mit, wenn die junge Frau trotz großen Fortschritten in Deutsch, abgeschlossenem Studium und kleinem Kind nach 18 Monaten endgültig mit ihrem Asylantrag scheiterte. So was müsste noch viel öfters im TV laufen. Nur was man kennt, kann man lieben, so heißt es doch.

  42. #42 2xhinschauen
    19. Dezember 2015

    @Alderamin und Jürgen
    >> Das Phänomen der Ausgrenzung ist sicher menschlich, es tritt ja überall in der Welt in allen Kulturen und in allen Altersstufen ab dem Kindergartenalter … auf.

    Das ist exakt, was ich in #31 zum Ausdruck bringen wollte. Der Wunsch, irgendwo dazugehören zu wollen, ist dem Rudeltier Mensch ein Urbedürfnis, eine evolutorisch herausgebildete Überlebensstrategie. Die Trennung in “wir” und “die” ist dem immanent.

    Das Konzept war sogar so erfolgreich und weiterhin erfolgversprechend, dass die Menschheit die zuvor unbekannte Religiösität erfunden hat, um Stämme und Clans noch besser zusammen- und Freigeister bei der Stange zu halten (Religiösität befriedigt auch noch andere Bedürfnisse als dieses).

    Zivilisation bedeutet aber doch, Triebe und Urbedürfnisse (Sexualität, Ernährung, Jagdlust…) nicht abzustreiten, zu verdrängen oder zu verbieten (klappt ja eh nicht), sondern einzuhegen und zu kanalisieren, eben: Zu zivilisieren.

    Man wird das Lagerfeuer als solches nicht abschaffen, verbieten oder ächten können. Die Frage ist, um welches andere Lagerfeuer wir uns versammeln sollen oder wollen.

    Wer Nationalismus $%&# findet, muss was anderes als befriedigenden(!) Ersatz anbieten.

  43. #43 Alderamin
    19. Dezember 2015

    @2xhinschauen

    Zivilisation bedeutet aber doch, Triebe und Urbedürfnisse (Sexualität, Ernährung, Jagdlust…) nicht abzustreiten, zu verdrängen oder zu verbieten (klappt ja eh nicht), sondern einzuhegen und zu kanalisieren, eben: Zu zivilisieren.

    Oder so, schön gesagt.

  44. #44 Basilios
    Gurizaia no Kajitsu
    20. Dezember 2015

    @Alderamin
    Deine Antwort auf Markus C. Schulte von Drach in Kommentar #38 (und alles was danach noch kommt) ist schön geschrieben und klar forumuliert.
    Das unterschreibe ich sofort. Sehe ich ganz genau so.

    Ich bin auch schon seit langem der Ansicht, daß “Nationale Identität ist ein Hirngespinst” durchaus zutrifft und daß dieses Hirngespinst zuweilen gefährlich werden kann gerade weil das Zusammgehörigkeitsgefühl ein Urtrieb des Menschen zu sein scheint. Ich finde bei Fußballvereinen sieht man sehr schön die ganz analogen Mechanismen. Auch hier besteht ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl unter der Mitgliedern (=Fans). Wobei hier noch als Unterschied die mehr oder weniger bewusste Entscheidung für “seinen” Verein dazu kommt. Aber ab dann läuft es ganz genauso ab. Man sieht im Verein dann auch sehr schön, daß die Wirtschaft sich einen Pfifferling um die nationale Identität schert, sondern eigentlich nur möglichst effizent Geld verdienen will. Denn eigentlich sollte man annehmen dürfen, daß beim FC-Bayern München &sup1 nur Münchner (oder wenigstens Bajuwaren) Fußball spielen dürfen, oder?
    Auf die Vereinsidentität wird doch spätestens gepfiffen, wenn es gilt einen außergewöhnlich guten Feldspieler von der Konkurrenz zu “erobern”.

    __________________________________________________
    &sup1 Ich hätte auch den Hamburger SV nehmen können, fand aber den Namen so schön doppelt plakativ und es passt, weil ich ja gerade diesen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung gelesen habe. Obwohl ich nur oberflächliche Ahnung von Fußball habe fällt mir da als Antagonist dann auch der TSV 1860 München ein. Da fehlt leider das “Bayern”. Hier dürften also nur Münchner rein, oder? Wie meist auch bei den Religionen ist es dann aber so, daß hier auch pragmatisch darauf geachtet wird einfach die Mitgliederzahl zu maximieren. Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, dann hätten die das auch bitter nötig, weil das vom 1860 bediente Zusammengehörigkeitsgefühl war doch das vom Underdog. oder? Echte Fußballfäns, die diese Identitäten kennen und teilen dürfen mich gerne korrigieren.
    ^_^

  45. #45 Basilios
    Shimatta!
    20. Dezember 2015

    Ich frage mich gerade, ob man nicht in Blogs, sondern nur in Foren forumulieren darf..?
    Answers on a postcard please!
    (._.)

  46. #46 BreitSide
    Beim Deich
    20. Dezember 2015

    Vielleicht darfst Du ja bloß nicht ziellos rumforumulieren… 😆

  47. #47 2xhinschauen
    20. Dezember 2015

    @Basilios, Breitside
    Wenn man Forensiker ist, darf man das.

  48. #48 Basilios
    Gurizaia no Kajitsu
    20. Dezember 2015

    @ 2xhinschauen
    Aber nur weil Forensiker dazu auch Forumaldehyd benutzen.
    ^_^

  49. #49 Basilios
    Gurizaia no Kajitsu
    20. Dezember 2015

    Vollkommen dämlich finde ich, daß die Vorschau das hochgestellte einserlein in meinem Kommentar oben anstandslos als Fußnote erkennt und wie gewünscht anzeigt.
    Nur im Blog als echter Kommentar bleibt es dann bei der Zeichenkette dafür.
    2&sup2 = 4
    Das sieht einfach beknackt aus. Aber vielleicht kriegt die IT das ja noch mal irgendwann hin.

  50. #50 BreitSide
    Beim Deich
    20. Dezember 2015

    Eine ähnliche Wirkung wie Forumaldehyd soll ja auch Forum haben, eine Abart des Strohrums… 🙂