Das Thema ist nicht ganz neu: Das Paper, auf das sich die Kernaussage des Artikels Power Causes Brain Damage in der aktuellen Ausgabe von The Atlantic bezieht, ist schon ein paar Jahre alt: Power changes how the brain responds to others. Und diese experimentell-psychologische Arbeit, die vor allem von Sukhvinder Singh Obhian der kanadischen McMaster-Universität in Hamilton, Ontario, betrieben wird, kam keineswegs zu dem Ergebnis, dass der neurophysiologische Effekt von Macht – der die Fähigkeit des Gehirns zur Empathie, die sich im so genannten “Spiegeln” manifestiert (wenn wir eine Aktivität bei anderen beobachten, aktiviert das die gleichen Regionen des Gehirns, die wir benutzen, wenn wir selbst diese Auktion ausführen), deutlich reduziert – eine echte physische Veränderung des Gehirns mit sich bringt; vielmehr war dieser Effekt temporär für die Zeit, in denen die Probanden (insgesamt 45 Studentinnen und Studenten) mächtig fühlten, und durchaus umkehrbar.

Trotzdem ist es interessant, dass Macht über Menschen – auch und gerade wenn sie legitim erworben wurde (gemeint ist hier beispielsweise die Macht, die gewählte PolitikerInnen erringen, aber auch die Macht erfolgreicher ManagerInnen) – genau jene Fähigkeit zu beeinträchtigen scheint, die für die Erlangung dieser Macht unverzichtbar war: die Fähigkeit, sich in andere hineinzudenken. Was für eine Begrenzung von Amtszeiten für Politikerinnen und Politikern, aber auch von Vorstandsvorsitzenden und Aufsichtsratsmitgliedern in Unternehmen spräche…

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Kommentare (18)

  1. #1 RPGNo1
    19. Juni 2017

    Was für eine Begrenzung von Amtszeiten für Politikerinnen und Politikern, aber auch von Vorstandsvorsitzenden und Aufsichtsratsmitgliedern in Unternehmen spräche…

    Zum 2. Teil Unternehmen kann ich wenig sagen, aber bei Politikern gibt es so einige historische oder aktuelle Beispiele:
    Für Deutschland wären es Kohl und Adenauer sowie Ulbricht und Honecker, die den Absprung von der Macht nicht rechtzeitig geschafft haben. Und international? Putin in Russland, Erdogan in der Türkei, Mugabe in Simbabwe fallen mir spontan ein.

  2. #2 roel
    19. Juni 2017

    @Jürgen Schönstein “Trotzdem ist es interessant, dass Macht über Menschen – auch und gerade wenn sie legitim erworben wurde (gemeint ist hier beispielsweise die Macht, die gewählte PolitikerInnen erringen, aber auch die Macht erfolgreicher ManagerInnen) – genau jene Fähigkeit zu beeinträchtigen scheint, die für die Erlangung dieser Macht unverzichtbar war”

    Zuerst wird der Wille zur Macht zu kommen benötigt. Ist die Person an der Macht wird der Wille zur Machterhaltung benötigt der oft zum Willen auf Machterweiterung mutiert. Man will ja nicht stagnieren oder sich gar verschlechtern.

  3. #3 Clemens M.
    19. Juni 2017

    Es gab einmal ein Interview mit Helmut Schmitt und Helmut Kohl in der Zeit, in dem H. Schmitt für eine Begrenzung der Amtszeit plädierte, um nicht zu sehr den Blick für die Realität zu verlieren. H. Koh fand das ganz unverständlich.
    Der Machterhalt bindet Ressourcen, verändert Entscheidungen, es spräche vermutlich einiges für eine Begrenzung.

  4. #4 schlappohr
    19. Juni 2017

    “[…] eine echte physische Veränderung des Gehirns mit sich bringt […]”

    Es stellt sich die Frage, was eine echte physische Veränderung im Gehirn ist. Die Informationsspeicherung und Verarbeitung wird durch synaptische Verbindungen bestimmt, die z.B. im Rahmen eines Lernprozesses aufgebaut, aber für wenig benötigte kognitive Funktionen auch wieder abgebaut werden. Das _ist_ eine physische Veränderung des Gehirns. Gemeint ist vermutlich eine permanente Veränderung.

  5. #5 Laie
    19. Juni 2017

    Eine interessante Fragestellung. Wer kennt das nicht, einen Vorgesetzten zu kennen, der zwar Macht hat, dafür sonst recht eine (fachliche) Matschbirne ist?

    Was wäre, falls “Machtmenschen” mangels sonstiger Qualifikationen eben aufgrund dessen in Machtpositionen drängen? Wäre das zutreffend?

  6. #6 Bullet
    20. Juni 2017

    “Nieten in Nadelstreifen”? War da nich mal so’n Buch…?

  7. #7 rolak
    20. Juni 2017

    War da nich?

    War da.

  8. #8 anderer Michael
    21. Juni 2017

    Ist was dran an der These.
    Im “Spiegel ” in einem Kommentar vor drei Monaten: “Warum enden eigentlich so viele Politiker, die mit guten Absichten starten, als paranoide A…..geigen?” Bezog sich im konkreten auf Evo Morales, bolivianischer Präsident, war auch allgemein gedacht.

  9. #9 anderer Michael
    21. Juni 2017

    Nett fand ich den Begriff ” hubris syndrome” ,Hybris oder Hochmut -Syndrom.
    Die Frage ist für mich, ist der Drang nach Macht das Erleben -Wollen der Macht genetisch fixiert? Und ist die Veringerung des mimischen Wiederspiegelns latent vorhanden oder wird es nur als Reaktion von Macht angesehen?

  10. #10 Spritkopf
    22. Juni 2017

    @Bullet

    “Nieten in Nadelstreifen”? War da nich mal so’n Buch…?

    Ja, war mal. Und ich habe weiland den Fehler gemacht und für die Ogger’sche Ansammlung von Platitüden und wohlfeilem Besserwissergewäsch bares Geld rausgeschmissen.

  11. #11 tomtoo
    22. Juni 2017

    Das ist doch garnicht so einfach. Macht ist halt auch ein sehr negatives Wort für Einfluss. Würde ich jetzt sagen der Autor nützt seinen Einfluss um zum Denken anzuregen. Wärs ja ok. Wo ist also der Unterschied bzgl. macht und Einfluss? Gewalt ist es also nicht unbedingt. Bücher zu verbieten macht ja keinem die Nase blutig. Der unterschied also Macht oder Einfluss, könnte mir da jemand helfen ?

  12. #12 Bullet
    23. Juni 2017

    @Spritti: ich hab das Buch nie gelesen. War also doch nich so fundiert?

  13. #13 tomtoo
    23. Juni 2017

    Macht Macht vereint mit Religion evtl. die Birne exponentiell weich ?

    http://m.spiegel.de/lebenundlernen/schule/a-1153725.html

  14. #14 Dichter
    24. Juni 2017

    tomtoo,
    ……Macht,
    dieser Begriff ist zuerst einmal neutral. Er bedeutet Einfluss auf andere Menschen und Dinge zu haben.
    Im Politischen wird er gern für Herrschaft verwendet, was an sich auch neutral ist.
    Ich will hier nicht dozieren, deshalb nur meine unbedeutende Meinung. Das wichtigste Kriterium ob gut oder schlecht, ist die form der Machausübung. Und da hab ich am meisten von den Hunden gelernt. Du hörst richtig, Hunde lügen nicht.
    Hunde brauchen eine Rangordnung. Die Kriterien für einen Alpha Rüden sind Stärke und Klugheit. Dann ordnen sich alle unter und folgen ihm. Er, nur er entscheidet wo es lang geht. Die Folgen sind Frieden und Eintracht im Rudel.
    Wenn du Menschen, die dir unterstellt sind, wie junge Hunde behandelst, dann akzeptieren sie deine Entscheidungen, wenn sie richtig sind. Neben der Macht wächst dir dann auch noch Authorität zu.
    Das Entscheidende ist, “dass die Entscheidungen richtig sind”.
    In der Politik ist das auch nicht viel anders. Du darfst keinen zweiten Alpha Rüden neben dir dulden. Kohl hat das perfekt beherrscht, Merkel, als Alpha Hündin, beherrscht das noch besser.
    Und jetzt die Gretchenfrage, wird die Birne dabei weich? Nein, wird sie nicht. Psychopathen wie Lenin , Stalin, Hitler hatten vorher schon eine weiche Birne.

  15. #15 tomtoo
    25. Juni 2017

    @Dichter

    Spannend. Politik mit dem sozialverhalten von canis lupus zu vergleichen. Ich bin aber ein Mensch ok ?

  16. #16 Dichter
    25. Juni 2017

    tomtoo,
    …….Mensch o.k.
    Solange es niemand merkt . Bei dir mache ich eine Ausnahme. Unser apodiktischer Gesprächsfreund , der braucht das.

  17. […] Geograffitico (ScienceBlogs): Macht Macht die Birne weich? (Lesehinweis) […]

  18. #18 yeRainbow
    yerainbow.wordpress.com
    30. Juli 2017

    die Erwähnung von Alpha Hunden ist nicht ganz richtig, wie man heute weiß.
    im Hunderudel geht es nicht um Macht im eigentlichen Sinne, sondern um Sicherheit, die als Ressource für das Rudel bereitgestellt wird.
    kriegt also ein Hund die Führungsrolle, die für ihn eine Nummer zu groß ist, zB weil es in seinen Augen und nach seinen Bedürfnissen beim Menschen an Führungsqualitäten mangelt, wird der Fiffi fix hysterisch.

    möglich, daß bei menschlichen “Anführern” ja genau dasselbe passiert. Hysteriker und Überforderte, dauerhaft an ihren Grenzen angelangt, haben dann keine zusätzlichen Kapazitäten für sowas wie Empathie, Weitsicht, Seriösität…