Leider ist in diesen Semesterwochen “crunch time” – alles passiert auf einmal, und zwischen Notenkonferenzen, Studentenreferaten und mehreren Dutzend zu bewertenden Arbeiten bleibt kaum die Luft zum Bloggen. Doch auf den Artikel Economics and genetics meet in uneasy union
(gratis zugänglich) in nature hinzuweisen, das wollte ich dann doch nicht versäumen: Denn erstens finde ich es schon ziemlich aufregend (in jeder Hinsicht des Wortes), wenn sich Genetik und Ökonomik zu Genoeconomics* vereinen, dann kann das zwar ein weites und fruchtbares Feld erschließen – aber auch furchtbare Fehlschlüsses generieren. Und als ein solcher scheint sich eine Studie von Oded Galor, der übrigens auch dem Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit angehört und Qamrul Ashraf (Williams College) zu entpuppen, die – wie ich dem nature-Artikel entnehme – schon seit zwei Jahren durch Wirtschaftskreise zirkuliert (einen Link auf das Paper habe ich hier gefunden). Die Idee, dass die Fähigkeit zum erfolgreichen Wirtschaften im Lauf der Evolution geschärft und daher auch genetisch verankert ist, hat sicher ihre Reize; und vielleicht ist der Widerstand dagegen auch eher sozio-politisch motiviert. Aber andererseits sind die Gefahren, aus einer Korrelation eine Kausation abzulesen, die in Wirklichkeit gar nicht existiert, hier wohl besonders groß. Eine Meinung dazu werde ich mir erst bilden können, wenn ich die 100 Seiten durchgelesen – und hoffentlich verstanden – habe (und wer sich noch an meinen Eingangssatz erinnert weiß, dass das ein wenig dauern wird). Aber andererseits fand ich den Einwand der Kritiker in nature, dass sich mit der gleichen methodischen Begründung auch eine genetische Ursache für das Essen mit Stäbchen finden ließe, zu schlagfertig, um ihn nicht zu erwähnen.

* Und ich hatte mal gedacht, die Kombination von Wirtschaft und Geographie wäre was Exotisches …

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Kommentare (3)

  1. #1 A.P.
    13. Oktober 2012

    Kleine Anmerkung:

    Causation (engl.) = Kausalität (dt.)

    “Kausation” in diesem Sinne “gibt” es nicht, der Begriff im Deutschen ist der der “Kausalität”…

    (Eine Google-Recherche zeigt aber, dass Sie gerne “Kausation” verwenden; hört sich aber wirklich unschön an!)

  2. #2 Jürgen Schönstein
    13. Oktober 2012

    @A.P.
    Manchmal muss man halt das Wörterbuch ergänzen – womit ich sagen will: Kausalität drückt eine Eigenschaft aus (vgl. Liberalität, Dualität, Nationalität etc.), ist also ein statischer Begriff. Die Endung -ion dagegen passt besser zu einem Vorgang: Produktion, Demonstration, Iteration etc. Und eben, wie hier, das (kausale) Verursachen. Man könnte auch “Kausierung” sagen, aber das klänge gewiss noch schlimmer. Eine Google-Suche ergibt auch, dass sich “Kausation” aus genau diesem Grund mehr und mehr auch im Deutschen eingebürgert hat. Vielleicht sollten Sie den Fall mal Anatol Stefanowitsch unterbreiten …

  3. #3 Bartleby
    14. Oktober 2012

    @A.P, Jürgen:

    Ich bin kein Sprachwissenschaftler, versuche das Defizit aber mit Geld zu lindern (ordentliche Wörterbücher auf Papier und digital überall verfügbar).

    Langenscheidts (Collins) Wörterbuch übersetzt ‘causation’ mit ‘Kausalität, Ursache’. Das passt auch zum Eintrag im OED: http://oxforddictionaries.com/definition/english/causation?q=causation

    Und auch die Wikipedia setzt causality und causation als Synonyme, während es auf der Seite, die zu den möglichen unterschiedlichen Bedeutungen verweist, den Eindruck macht, dass ‘causation’ eher in den Bereich der juristischen Sprache gehört. http://en.wikipedia.org/wiki/Causality

    Die Formulierung “[…] die Gefahr, aus einer Korrelation eine Kausalität abzulesen, […]” wäre meiner Meinung nach korrekt. Der Vorgang im Satz ist ja “ablesen”. Und ich meine, man liest aus der Eigenschaft, eine Korrelation zu besitzen, eine andere andere ab, nämlich in einem kausalen Zusammenhang zu stehen. Wie sollte das zu verstehen sein, wenn zwei Tätigkeiten im Satz kombiniert sind. “ablesen” und “Kausalität produzieren”?

    Zusammen können wir das auch ohne Anatol 😀

    Zum Artikel: Sehr interessant und eine gute Anregung in dieser Richtung einmal weiterzudenkten. Nach der üblichen Schulbildung hatte sich bei mir irgendwie der Eindruck festgesetzt, dass die Evolutionstheorie eine wissenschaftliche Theorie sei. Sie macht auf mich zunehmend den Eindruck einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Ich glaube nicht, dass nicht wirklich Kausalität hinter den beobachteten Phänomenen steckt; bei einer wissenschaftlich hieb- und stichfesten Erklärung sind wir aber offensichtlich noch nicht angekommen.