Im aktuellen SPIEGEL findet sich eine Meldung über staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen mindestens 7 Direktoren von Max-Planck-Instituten (davon 3 aus Jena) wegen Mißbrauchs von Titeln.

Die beschuldigten Professoren besitzen einen Ph.D., wurden aber in offiziellen Dokumenten ihrer Institute als Prof.Dr. genannt, zum Teil wohl ohne eigenes Zutun.

Man sollte meinen, daß die SPIEGEL-Meldung an Absurdität nicht zu toppen ist. Dies ist aber ein Irrtum, wie das folgende Beispiel zeigt.

In Holland erwirbt man mit der Promotion den Titel eines dr. (kleingeschrieben). Ein deutscher Mathematiker, der in Holland promoviert hatte und vor einigen Jahren nach Deutschland zurückkehrte, wollte sich hier aus naheliegenden Gründen als Prof.Dr. bezeichnen dürfen. (Wenn man Prof.dr. liest, glaubt natürlich jeder an einen Tippfehler. Gerade bei offiziellen Schreiben erweckt dies den Eindruck schlampigen Korrekturlesens.) Die zuständige Behörde hatte aber kein Verständnis für sein Anliegen und verbot ihm die Großschreibung seines Titels.

Das Gesetz über die Führung akademischer Grade, um das es hier geht, stammt übrigens im Wesentlichen aus dem Jahr 1939 und entstand damals mit dem erklärten Ziel, ausländische gegenüber deutschen Doktorgraden abzuwerten.

Als Student kannte ich einen Bosnier, der Drazen hieß und seinen Vornamen gelegentlich mit Dr. abkürzte. Dagegen hat nie jemand etwas gehabt. Vielleicht sollte man seine Kinder Dragomir oder Droste nennen.

Kommentare (5)

  1. #1 Tobias
    10. März 2008

    Es gibt eben keinen europäischen oder internationalen Doktortitel, und andere Länder haben eben andere Schreibweisen (Ichs glaube, in Großbritannien wird meistens “John Smith, PhD” geschrieben, also gar kein Dr). Die Titel sind ja auch gar nicht staatlich, sondern werden von Universitäten verliehen, also sollte man wohl eigentlich immer die verleihende Universität mit angeben
    Ich glaube auch, irgendwann gelesen zu haben, dass Deutschland mit anderen Ländern Abkommen haben muss, um den jeweiligen Titel als deutschen “Dr.” führen zu dürfen.

  2. #2 vladislav marjanovic
    11. März 2008

    Am besten wäre es, akademische Titel als Bestandteil des Namens abzuschaffen. Das Wert eines Wissenschaftlers wird durch die Qualität seinen Beiträgen und nicht durch seinen akademischen Titel bemessen. Nur kleinbürgerliche Geister, provinzlerische Bürokraten und Ministerialbeamten, die im Gedankengut von anno dazumal verfangen sind, schmücken sich mit demakademischen Titeln, obwohl sie meistens wissenschaftlich nicht tätig sind. Für solchen ist leider das Schein wichtiger als das Sein und daher stolzieren sie mit Titeln wie Dr, DDr oder DDDr. Oft ist aber so: je mehr kumulierten Titeln, desto geringer ihr wissenschaftlicher Einsatz. Leider ist es vor allem im geisteswissenschaftlichen Bereich noch immer so: das Sagen in den wissenschaftlichen Angelegenheiten haben Politiker oder Beamten in ihrem Dienst, die solchen Titeln allzugerne zur Schau stellen, falls sie sie haben. In Österreich vor allem.

  3. #3 Christian
    11. März 2008

    Die Geschichte aus dem SPIEGEL findet sich leider auch schon in englischsprachigen Publikationen, wie das Beispiel aus den Chemical and Engineering News zeigt:

    http://pubs.acs.org/cen/news/86/i10/8610notw1.html

    Wahnsinn – auf der einen Seite schreien wir dauernd nach qualifizierten Wissenschaftlern aus dem Ausland und jammern, wenn unsere Wissenschaftler sich in selbiges absetzen, auf der anderen Seite verfolgt unsere Bürokratie dann echte ausländische Top-Experten. Wenn einer dieser Wissenschaftler tatsächlich ins Gefängnis müsste (und wenn auch nur für einen Tag), wäre das ein echter Skandal….

  4. #4 Christian
    14. März 2008

    Möglicherweise hat sich das Problem inzwischen gelöst: Im SPIEGEL Online findet sich ein Artikel über die “verfolgten” MPI-Forscher, der mit dem folgenden Absatz endet:

    “Seit Donnerstag letzter Woche hat er noch einen Grund mehr zu bleiben. Alarmiert von den Ermittlungsverfahren, beschlossen die Kultusminister in Berlin, dem Spuk ein Ende zu bereiten. Amerikaner mit Ph.D. dürfen sich Dr. nennen und heimisch werden. Das ist als Willkommensgruß gemeint.”

    Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,541523,00.html

  5. #5 Herbert
    Utting am Ammersee
    20. Juni 2014

    Pauschale Entwertung einiger ausländischer Doktorgrade 2008 im Alleingang beendet:
    Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt! Sich pauschal über die Strafandrohung nach §132a StGB öffentlichkeitswirksam bei den Betrügern und Hochstaplern einreihen zu lassen, nur weil man an einer ausländischen Universität promoviert hat ?! Und wenn alle anderen dies mit sich machen lassen: Ich nicht.
    Die Änderungen der KMK vom März/Mai 2008 sind der Erfolg meiner Kampagne mit ca 40 Strafanzeigen gegen Personen des öffentlichen Interesses. Öffentlich gewehrt haben sich leider nur amerikanische Direktoren von Max-Planck-Instituten, diese aber erfolgreich, besser gesagt, folgenreich. Die Einschläge kann man heute noch im Internet nachlesen (Der Spiegel, Washington Post usw.)
    Die Hintergründe zu meiner Strafanzeigenkampagne als Teil meines Kampfs gegen die strafrechtlich bewehrten Provinzposse der deutschen Kultusministerien um die Führung ausländischer akademischer Grade, sind im meinem, 2012 erschienen Buch beschrieben:
    “Geschichten aus dem Leben eines 68-jährigen 68-ers”
    Herbert H. Kranz

    Erschienen 11.7.2012
    Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin,
    http://www.epubli.de
    ISBN 978-3-8442-2655-3

    Wie der Titel besagt, enthält das Buch, bzw mein Leben mehr als diese Querele mit der deutschen Bildungsbürokratie. 8 Jahre Studium und Arbeiten an kanadischen und US-amerikanischen Universitäten 1968/69 und 1972-1979 mit Promotion an der University of Toronto im Fach Physik (1978) geben einen Einblick/Rückblick in jene Zeit und Länder.