Wie stabil ist das Sonnensystem?

Vor 2 Wochen hatten wir darüber geschrieben, wie man mit Singularitätentheorie (aka Katastrophentheorie) die Komplemente von Torusknoten durch Flächen fasern kann. (Vor 3 Wochen hatten wir über andere Anwendungen von Katastrophen geschrieben.)

Torusknoten veranschaulichen auch eine andere Art von Katastrophen (die aber nicht direkt mit Singularitäten zu tun hat), nämlich die Instabilität dynamischer Systeme.

Bei der Stabilitätstheorie dynamischer Systeme geht es klassisch um Fragen wie: Ist unser Sonnensystem stabil? Was passiert, wenn sich die Ausgangsbedingungen ein wenig ändern? Bekommt man dann langfristig ganz andere Bahnen? Bekommt man überhaupt wieder periodische Bahnen?

In der Physik hat man ja Erhaltungssätze (zumindest Energierhaltung), die dazu führen, daß die Bewegung im Phasenraum nicht völlig beliebig ist, sondern man immer auf den Energieflächen bleiben muß. Bei integrablen Systemen (das sind die, die besonders viele Erhaltungsgrößen haben), ist diese “Energiefläche” (d.h. die durch die Erhaltungsgrößen gegebene Hyperfläche) immer ein Torus. (In der Regel natürlich kein 2-dimensionaler Torus, sondern ein höher-dimensionalerer, nämlich genau die halbe Dimension des Phasenraums.) Um die Dynamik integrabler Hamiltonscher Systeme zu verstehen, sollte man also Dynamik auf (höherdimensionalen) Tori verstehen. Der 2-dimensionale Torus ist dafür natürlich das erste einfache Beispiel, sozusagen das ‘Toy Example’.

Einen 2-dimensionalen Torus als Energiefläche bekommt man z.B. beim 2-dimensionalen harmonischen Oszilator, in diesem Fall ist die Bewegung auf der Energiefläche gerade ein ‘linearer Fluß’, d.h. er wird beschrieben durch die Differentialgleichung

x’=1, y’= α

mit einer Konstanten α
(Hier faßt man den Torus als Einheitsquadrat auf, dessen gegenüberliegende Seiten identifiziert werden, vgl. TvF 5.)
Wenn der Fluß zum Zeitpunkt t=0 z.B. in (0,0) startet, ist man also zum Zeitpunkt t in (t mod 1, αt mod 1).

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F”ur α= 3/2 bekommt man als Flußlinie den unten abgebildeten (3,2)-Torusknoten.

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Thomas K.K. Au

Ähnlich bekommt man für eine rationale Zahl α=p/q als Flußlinie einen (p,q)-Torusknoten.

Andererseits: wenn α irrational ist, dann kann die Flußlinie nie wieder zum Nullpunkt zurückkehren: angenommen, man käme nach q Umläufen zum Nullpunkt zurück, dann wäre ein ganzahliges Vielfaches von 1, also müßte α eine rationale Zahl sein.

Für rationale α hat man also geschlossene (d.h. periodische) Orbits, für irrationale α
aber nicht. Das ist insofern bemerkenswert, daß ja rationale und irrationale Zahlen sehr dicht beeinander liegen und man also innerhalb (jeder) Meßgenauigkeit gar nicht entscheiden kann, ob die Ausgangsbedingungen zu einem rationalen oder irrationalen α führen.

Man spricht hier von ‘struktureller Instabilität’ des Systems: kleine Änderungen können zu einer Bewegung mit topologisch anderen Eigenschaften führen. Die Frage, welche dynamischen Systeme “strukturell stabil” sind, wird z.B. in Smales Übersichtsartikel “Differentiable dynamical systems” diskutiert.
‘Strukturelle Stabilität’ hat übrigens nichts mit Stabilität des Systems selbst zu tun. Der periodische Fluß auf dem Torus ist stabil in dem Sinne, daß nahe beeinander liegende Punkte während des Flusses immer nahe beeinander bleiben, aber er ist strukturell instabil, weil geringfügigere Änderungen des Systems zu einem ganz anderen Fluß führen.

Im Beispiel des 2-dimensionalen harmonischen Oszillators sind übrigens bei irrationalem α die Flußlinien nicht nur nicht-periodisch, sondern sie liegen sogar dicht in der Energiefläche, d.h. kommen beliebig dicht an jedem Punkt des Torus vorbei.
Die Animation zeigt, wie der Fluß langfristig fast den gesamten Torus ausfüllt:

Interessant ist, daß hier zahlentheoretische Eigenschaften auf versteckte Weise ins Spiel kommen: ob die Orbits periodisch sind oder nicht hängt ja davon ab, ob der Anstieg eine rationale oder irrationale Zahl ist.

Auch bei der (natürlich viel komplizierteren) Frage nach der Stabilität des Sonnensystems spielen zahlentheoretische Eigenschaften eine Rolle. Nach der KAM-Theorie (benannt nach Kolmogorow, Arnold, Moser) hängt die Stabilität leicht gestörter Hamiltonscher Systeme von den zahlentheoretischen Eigenschaften bestimmter Resonanzen ab. Als Ergebnis bekommt man immerhin, daß die instabilen Energieflächen viel seltener sind, auf ‘fast allen’ Energieflächen ist die Bewegung stabil.


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