Im Wissens-Teil der ZEIT ist diese Woche (etwas versteckt auf Seite 40) ein Artikel über die Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Zeitschriften und die Manipulierbarkeit des Impact Factor.

(Der Artikel ist noch nicht online inzwischen online und wird bei ElNaschie Watch diskutiert.)

Bekanntlich ist der Impact Factor (warum gibt es dafür eigentlich kein deutsches Wort?), also die Zahl der Zitierungen, die eine Fachzeitschrift in einem bestimmten Zeitraum erhält, zu einer Standardwährung geworden, um die Bedeutung von Fachzeitschriften (und damit der in ihnen publizierenden Wissenschaftler) zu messen.

Mathematiker, speziell die International Mathematical Union kritisieren dies schon seit einigen Jahren. Auf seiner Eröffnungsrede zum ICM hat Martin Grötschel sich mit dem Thema auseinandergesetzt (dieser Teil ist auf den letzten 3 Minuten, also Minute 57-60, von diesem Video). In der von langanhaltandem Beifall unerbrochenen Rede bemerkt er, der Impact Factor sei inzwischen “not a matter of statistics but of game theory: you play against the statistics and try to improve your rating”, und verweist auf diesen Artikel, der Mathematikern als Argumentationshilfe dienen soll, falls ihr Impact Factor von der Verwaltung z.B. mit dem von Biologen verglichen wird.

Im ZEIT-Artikel geht es vor allem um den Artikel “Integrity Under Attack: The State of Scholarly Publishing”, über den wir hier schon einmal geschrieben hatten. Dieser beschäftigte sich vor allem mit den ‘Manipulationen’ bei CSF und IJNSNS, und speziell den Aktivitäten von Ji-uan He.

Mathematische Journals haben im Vergleich zu anderen Disziplinen einen eher niedrigen Impact Factor. Das liegt vor allem an der Beschränkung der Zitationsbeobachtung auf zwei Jahre – mathematische Wahrheiten sind langlebiger als etwa neue Verfahren in der Biomedizin, die Artikel werden auch noch nach vielen Jahren zitiert. In der angewandten Mathematik liegt der Faktor daher meist zwischen 0,5 und 3, keine Zeitschrift hat mehr als 4 – bis auf eine: das International Journal of Nonlinear Science and Numerical Simulations (IJNSNS). Impact Factor 2008: 8,91! Doch nur wenige Mathematiker kennen das Blättchen, es wird in der Zunft als drittklassig eingeschätzt.

[…]

Beim IJNSNS sorgten die drei Herausgeber zusammen schon für ein knappes Drittel aller Zitate. Weitere 20 Prozent stammten aus einem Sonderband des Journal of Physics, herausgegeben anlässlich einer Konferenz, die Ji-Huan He an seiner Heimatuniversität in Shanghai veranstaltete. Der Tagungsband, verantwortet von He, warf 294 Zitate ab, 30 davon in einem dünnen dreiseitigen Artikel, den He auch noch selbst verfasst hatte. Und insgesamt 154-mal verwies El Naschies CS&F auf Hes Zeitschrift.

In Analogie zu “Linkfarmen” (Webseiten, die nur erstellt werden, um auf andere zu verweisen und deren Google Rank zu verbessern) bezeichnet die ZEIT solche Fachzeitschriften als “Zitate-Farmen”.

Natürlich fielen bei all diesen Manipulationen auch viele Zitate für Ji-Huan He selber ab. Der Forscher verweist stolz darauf, dass seine Arbeiten mehr als 6800-mal zitiert worden sind. Die Website ScienceWatch.com, betrieben von dem Medienkonzern ThomsonReuters, der die Impact-Statistiken erstellt, hat Ji-Huan He schon mehrmals in Artikeln als rising star der Informatik gewürdigt. Fragt man dagegen Informatiker nach ihm, erntet man meist nur ein Achselzucken. Und langsam dämmert auch den wissenschaftlichen Verlagen, wie der umtriebige Chinese an seine eindrucksvollen Impact-Werte gekommen ist – mindestens 13 seiner Herausgeberposten hat er im vergangenen Jahr verloren.

Zu der letzten Bemerkung ist vielleicht noch eine Ergänzung angebracht: die Verlage haben nicht von sich aus ihre Herausgeber-Gremien “bereinigt”, sondern sich erst nach zahlreichen Leserbriefen von Mathematikern und Physikern zum Einschreiten veranlaßt gesehen. Eine ausführliche Dokumentation dieser Aktivitäten findet man bei Jason Hasten, zum Beispiel hier, hier und hier.

Siehe auch:
Chaos bei Elesevier
Wissenschaftsjournalismus und Pressefreiheit
Wissenschaftsjournalismus und Pressefreiheit (Update)
Nichts gelernt bei Elsevier
Doch kein Aprilscherz IV
SIAM-Präsident zu Impakt-Faktor & Co
Christoph Drösser on impact-factor manipulation
How good is your maths?

Kommentare (6)

  1. #1 CCS
    20. September 2010

    Tja, das alte Leid mit dem Impact Factor. Dass vieles daran nicht gut ist, ist ja nun klar. Gibt es denn eine bessere Methode, einen anderen Faktor?
    Anscheinend möchten ja laut Artikel die Internationale Mathematische Union (IMU)und der Internationale Rat für Industrielle und Angewandte Mathematik (ICIAM) da etwas ausbrüten.

  2. #2 rank zero
    20. September 2010

    Gibt es denn eine bessere Methode, einen anderen Faktor?

    Es ist einfach so, dass es eben keinen einzelnen Faktor gibt, der sinnvoll zum übergreifenden Vergleich teilweise ganz verschiedener Gebiete und Spezialfelder verwendet werden kann. Politiker möchten natürlich sehr gerne so etwas haben, weil es das inhaltliche Verständnis erspart und erlaubt, auf das lästige Dreinreden der Wissenschaftler zu verzichten.

    IMU etc. wollen nach meinem Verständnis eben keinen neuen Faktor ausbrüten, sondern betonen, dass intellektuelle Analyse nicht ersetzt werden kann.

  3. #3 Christian Reinboth
    20. September 2010

    Wobei 30 Selbstzitate in einem lediglich dreiseitigen Paper schon eine reife Leistung sind – das erinnert in der Tat an eine Linkfarm…

  4. #5 Stefan W.
    17. März 2012

    Aus dem Fakt, dass einem kein passendes Wort einfällt, sollte man nicht voreilig schließen, dass es keins gibt – vielleicht ist man nur nicht drauf gekommen. Mir fällt sogleich “das Gewicht” statt “der Impact Factor” ein.

    Meist ist es Faulheit, kombiniert mit mangelnder sprachlicher Kreativität, einem schwachen Wortschatz und der Freude einen Fachbegriff zu kennen, mit dem man sich von der Masse der anderen ein wenig abheben kann.

  5. #6 rolak
    17. März 2012

    Es wurde gefragt, warum es kein deutsches Wort gibt, nicht konstatiert, daß sich keiner auf die Schnelle irgendeins ausdenken könne. So passend (und so falsch) wie ‘Gewicht’ wäre zB ‘Geschmack’. Ersteres hängt von Format und Seitenzahl ab, letzteres von der Farbwahl, beides von der Papiersorte. Keines von beiden entspricht allerdings auch nur annähernd der Bedeutung von ‘Impact Factor’.
    Meist ist es Faulheit über das Gelesene nachzudenken, die derartige Texte hervorbringt – genieße er statt dessen einfach den Umstand, daß ‘Lehnwort’ so schön deutsch klingt…