In Deutschland kommt der Wolf der Wall-Street erst nächste Woche in die Kinos, hier konnte man das 3-stündige Mega-Opus schon diese Woche sehen.

Der Film beruht ja auf den realen Erinnerungen des amerikanischen Börsenhändlers Jordan Belfort und ist dementsprechend aus der “Täterperspektive” gedreht, die “Opfer” kommen im Film schlicht nicht vor. (Oder allenfalls als Deppen, die sich am Telefon über den Tisch ziehen lassen.)

Ich wage mal die Prognose, dass das zahlreichen Kritikern nicht gefallen wird (ähnliche Kritik gab es ja, ohne dass jetzt natürlich inhaltlich vergleichen zu wollen, an Littell’s fiktiven Memoiren des Dr. Max von Aue) und dass bemängelt werden wird, man hätte auch die Folgen (nicht nur die für die Finanzjongleure) im Film darstellen sollen.

Ein Artikel im Schweizer “Tagesanzeiger” gestern beklagt zum Beispiel, die “Betrüger rund um Belfort […] tauchen im Film höchstens als Clowns und Idioten auf – nicht als ausgemachte Schwindler”. Ich teile die Kritik nicht, auch ohne Verweis auf die Opfer wird im Film durchaus deutlich, dass es sich bei Belfort und seinen Freunden schlicht um Betrüger handelt.

Die Memoiren Belforts, auf denen der Film ja basiert, sind übrigens im Internet frei lesbar und vermitteln selbst in der Eigendarstellung noch ein recht klares Bild.

Ganz witzig finde ich, was man dort erfährt, dass alles mal mit schlechten Mathe-Noten begann:

I think the first time they noticed something was wrong was when I was in eighth grade, when I got a ninety-two on a math test. My mother was devastated. Before that, I’d never gotten anything below a ninety-eight, and even that would cause a raised eyebrow from her. I remember her saying something like, ‘Is everything okay, honey? Were you sick? Was something bothering you?’ Of course, I didn’t tell her that I’d smoked two fat joints of Colombian Gold before the test and that I was finding it difficult to add two plus two that afternoon. But I do remember her being very concerned about that test, as if, somehow, getting a ninety-two would reduce my chances of getting into Harvard Medical School. But that was how my mother was; she was an overachiever who held us to a very high standard. In fact, just a few years ago, she became the oldest woman in New York State to pass the bar. She practices law on Long Island now, doing everything pro bono. She defends battered women, ones who can’t afford a lawyer.”
Quelle

Also, liebe Eltern, aufpassen wenn die Kinder nur noch 92 Punkte im Mathe-Test schaffen – womöglich landen die dann mal an der Börse.
(Mich würde ja interessieren, ob es gesicherte statistische Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen schlechten Mathe-Noten und einer späteren Karriere als Investmentbanker oder Börsenhändler gibt. Anekdotisch würde mir dazu einiges einfallen.)

Und wie er dann letztlich wirklich an der Börse landet, das erzählt Belfort auch noch mal im Fernseh-Interview (ab Minute 4:30): “Ultimately I put myself on college […] and then spent one day in dental school [Studium der Zahnmedizin]. And the reason I went to dental school is because my mother believed in my head, that it will be the only noble way to make money, you gonna get a doctor. Why do you want to be a doctor, because that would be taking 10 years […] So I went to dental school and the first day I walked in […] the dean is in the front […] and then he says: ‘Let me say this. The golden age of dentistry is over. If you want to make a lot of money, you are probably in the wrong place.’ I stood up and I walked away.”

Kommentare (8)

  1. #1 Künstler
    12. Januar 2014

    Cool, ich habe gerade eine schlechte Note (4+) in einer Mathe-Klausur bekommen. Dann besteht ja noch Hoffnung …

  2. #2 hugo
    12. Januar 2014

    War es nicht vor der aktuellen Finanzkrise so, dass der Großteil der besten Mathe-Studenten nach Abschluss ihres Studiums in die Finanzindustrie gingen?

  3. #3 peer
    12. Januar 2014

    92 wäre hier zulande eine 1; 98 eine 1+. Schlechte Noten ist also relativ…

  4. #4 Thilo
    12. Januar 2014

    War mir schon klar. Man fragt sich spontan, ob es nicht die zu hohen Erwartungen der Eltern waren, die den armen Jungen auf die schiefe Bahn brachten 🙂

  5. #5 Thilo
    12. Januar 2014

    Abgesehen davon ist es aber schon meine (anekdotische und möglicherweise nicht allgemein zutreffende) Erfahrung, dass es die Leute mit schlechten Mathe-Noten und viel Überzeugungskraft sind, die später mal Investmentbanker werden.

  6. #6 porzellan
    12. Januar 2014
  7. #7 Randifan
    13. Januar 2014

    “Also, liebe Eltern, aufpassen wenn die Kinder nur noch 92 Punkte im Mathe-Test schaffen – womöglich landen die dann mal an der Börse.”

    Nick Leeson, der 1995 die Behrings Bank in den Runie durch eine Fehlspekulation trieb, soll bei seiner Matheprüfung durchgefallen sein. Jetzt soll er wieder zu Reichtum gekommen sein.
    http://news.bbc.co.uk/2/hi/business/382707.stm

  8. #8 Thilo
    18. Juni 2016

    Da fühlt sich jemand falsch dargestellt (oder will nur was von den Filmeinnahmen abhaben?): http://www.sueddeutsche.de/panorama/prozess-wolf-of-wall-street-vor-gericht-leonardo-dicaprio-muss-aussagen-1.3040158