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Bekanntlich ist die mathematische Beschreibung der Finanzmärkte ein Thema, von dem viele Mathematiker gut und gerne leben. Fußball hingegen, obwohl er doch wesentlich unkomplexer sein sollte als die weltweiten Geldströme, ist bisher kaum ein Thema mathematischer Analysen. Eine Diskussion bei Mathoverflow “On mathematical foundations of football” versucht gerade, die wenigen Arbeiten zum Thema zusammenzutragen.

Da gibt es eine Arbeit von K. Davids, D. Araújo und R. Shuttleworth: Applications of dynamical systems theory to football”, die das Spiel von der physikalisch-kinetischen Seite angeht, also die koordinativen Fähigkeiten der Spieler und auch die Entscheidungsfindung auf dem Spielfeld analysiert.

Diese Arbeit, die das Fußballspiel selbst analysiert, fällt allerdings aus dem Rahmen. Die meisten anderen Arbeiten befassen sich mit der Vorhersage von Fußballergebnissen, so
L. Bastos; J. da Rosa, Predicting probabilities for the 2010 FIFA World Cup games using a Poisson-Gamma model. J. Appl. Stat. 40 (2013), no. 7, 1533–1544.
oder
G. Angelini und L. De Angelis, PARX model for football match predictions. J. Forecast. 36 (2017), no. 7, 795–807.
Diese Arbeiten sind nicht online, so dass ich die Vorhersagen nicht testen konnte. Jedenfalls handelt es sich wohl eher um Analysen der Ergebnisse als des Spiels selbst. Wie auch in der Arbeit
J.A. Tenreiro Machado, António M.Lopes, On the mathematical modeling of soccer dynamics, Communications in Nonlinear Science and Numerical Simulation, Volume 53 (2017), 142-153,
wo die Daten der europäischen Fußballigen 2015/16 analysiert werden.

Und natürlich darf auch die Chaostheorie nicht fehlen (schließlich hatte schon Benoit Mandelbrot die Finanzmärkte mit Fraktalen erklären wollen):
M. G. Mack, S. Huddleston, K. E. Dutler, and J. K. Mintah, Chaos Theory: A New Science for Sport Behavior? veröffentlicht in Athletic Insight. The Online Journal of Sport Psychology, eine bemerkenswerte Ansammlung von Autoritätsargumenten zur Begründung, warum Chaostheorie das Verhalten von Sportlern modellieren könnte; aber ganz ohne auch nur eine tatsächliche solche Anwendung. Dafür gibt es über neun Seiten Allgemeinplätze der Art

The chaos theory perspective would also allow sport scientists to return to the study of phenomena on a human scale by providing researchers a macroscopic approach to understanding complex systems. Individual parts of a system would no longer have to be studied in isolation because the chaos method of discovery is capable of measuring and plotting an unlimited number of variables over time.

Diese Liste fußballmathematischer Arbeiten ist zweifellos nicht vollständig, aber auch eine vollständige Liste wird kaum mit dem Umfang der Literatur zur Finanzmathematik konkurrieren können. Dabei gibt es doch eigentlich auch im Fußball genug Geld zu verteilen:-) Und die aussagekräftigsten Vorhersagen dürften ohnehin auf der Auswertung des Zusammenhangs zwischen Finanzen UND Fußball beruhen: “Wer zahlt gewinnt”.

Kommentare (4)

  1. #1 Lercherl
    16. Juni 2018

    M. G. Mack, S. Huddleston, K. E. Dutler, and J. K. Mintah, Chaos Theory: A New Science for Sport Behavior? veröffentlicht in Athletic Insight. The Online Journal of Sport Psychology, eine bemerkenswerte Ansammlung von Autoritätsargumenten zur Begründung, warum Chaostheorie das Verhalten von Sportlern modellieren könnte; aber ganz ohne auch nur eine tatsächliche solche Anwendung.

    Sehr schöne Arbeit! Am besten gefällt mir auf Seite 11:

    TEXT TEXT TEXTFinally, chaotic systems are sensitive to initial conditions

  2. #2 Thilo
    16. Juni 2018

    Jo, das war mir auch ins Auge gesprungen.

  3. #3 Laie
    17. Juni 2018

    Beim Gegenteil eines Fachkräftemangels, d.h. einem Fachkräfteüberschuss muss man halt diese Kräfte mit irgendwas beschäftigen.

    Fussball, Finanzmathematik, Astrologie und Berechung des Astralkörpers dürfen da halt nicht fehlen! :)

    TEXT TEXT TEXT

  4. #4 rank zero
    22. Juni 2018

    zbMATH-Suche nach ‘Soccer’ gibt immerhin 511 Arbeiten, wobei neben den genannten allfälligen spieltheoretischen (Fans evtl. nicht immer bewusst: Der deutliche Vorteil, beim Elfmeterschießen anfangen zu dürfen – Making the rules of sports fairer, SIAM Rev. 60, No. 1, 181-202 (2018; Zbl 06837609) und statistischen Anwendungen natürlich auch die Steuerungstheorie mit den Fußballbrobotern und die C60-Fullerene aus den Polyedern zahlreich vertreten sind.

    Und auch mindestens ein Fields-Medaillenträger hat sich mit dem Thema beschäftigt: Connes’ Symmetries (Link zum freien Gesamt-pdf, S. 11-18) ist zentral von der Frage einer fairen Auslosung motiviert.