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Den digitalen Auskunftsdienst Quora gibt es eigentlich schon seit 2009, ich habe aber erst vor einigen Monaten begonnen, dort gelegentlich mitzulesen. Das Prinzip ist ähnlich wie bei mathoverflow: es werden Fragen gestellt, auf die dann Experten oder Leute, die sich berufen fühlen, eine Antwort geben und Leser können durch Abstimmung die besten Antworten an die Spitze wählen. Über den wöchentlichen Quora-Feed bekommt man auch Sammlungen interessanter älterer Fragen und Antworten.

Aktuell in dieser Woche beispielsweise wird im Feed die Frage beantwortet: Why do Chinese political leaders have engineering degrees whereas their American counterparts have law degrees? (Ich hatte gar nicht gewußt, dass das Politbüro der KP Chinas fast komplett aus Ingenieuren besteht, das wird aber jedenfalls auch in den Antworten behauptet.)

Die am höchsten gewählte Antwort eines Pekinger Experten erklärt das (sehr verkürzt zusammengefaßt) damit, dass Ingenieure und Rechtsanwälte ein völlig unterschiedliches Politikverständnis hätten, weswegen in dem auf “rule of law, checks and balances, and independent judiciary” basierenden politischen System der USA Rechtsanwälte natürlicherweise dominieren müßten.

Es wurde ja neulich andernorts mal geklagt, dass es hier auf den Scienceblogs in letzter Zeit so wenige kontroverse Diskussionen gäbe. Das wäre dann hier mal Gelegenheit für eine solche :-)

Kommentare (16)

  1. #1 Demolog
    29. Oktober 2014

    Auf jeden Fall scheint es eine ziemlich aufdringlich einleuchtende Erklärung dafür zu sein, warum China inzwischen die “Werkbank der Welt” ist. Oder zumindest scheint es einher zu gehen.
    Mal angenommen, es würden im Bundestag hundert Prozent Abgeordnete radikale Feministinnen sitzen, dann wäre die “Gefahr” groß, dass man dort beschliesst, Männer abzuschaffen.

    Huhn oder Ei?

    Wenn nämlich angenommen, es ergebe sich aus einem Politikbedürfnissinhalt dann ein Parlament (und Abgeordnete Politiker – ob demokratisch oder sonstwie dahin berufen). welches dann die Politik machte, die irgendwie intrinsisches Bedürfnis sei, dann wären durch das Feninistinnenparlament Männer abgeschafft, china eine einzige Fabrik und am Beispiel USA das ganze Land der Rechtsverdreher dieser Welt.
    Irgendwie vertraut.

    Man kann aber auch deuten, dass dieses Bedürfnis nach Recht und Gesetz in den USA der springende Punkt sei. Eben weil es dieses Recht in den USA im Alltag so nicht gibt – nicht gilt, was es ureinst mal bedeutete und bewirken wollte. Und sich deswegen – wegen diesem intrinsischen Bedürfnis der Bürger nach Recht und Gesetz – sich die Masse an Juristen in der Politik konzentrieren.
    Oder weil es dort üblich sei, nun jede Streitigkeit auf Biegen und Brechen über den Rechtsweg zu erzwingen – der Jurist also mit einer Art Mem verknüpft ist, die dem Ego des einzelnen zu seinem Recht verhilft – dies zumindest suggeriert. Ein Rechtsstaat-Mem – welches seine URsache darin hat, dass es mit dem Rechtsstaat nicht weit her ist oder damit, dass man mit genügend Geld jede Scheisse über den Rechtsweg erzwingen kann/will.

  2. #2 Jürgen Schönstein
    30. Oktober 2014

    Es kommt, vermute ich, auch darauf an, wie man die Frage stellt, denn eine nicht zu vernachlaessigende Anzahl von Managern in den USA hat eine juristische Ausbildung – unter den Chefs der Fortune 500-Unternehmen sind es fast 10 Prozent (http://www.usnews.com/education/best-graduate-schools/top-law-schools/articles/2012/06/26/where-the-fortune-500-ceos-went-to-law-school). Will sagen: Die US-Politiker praesentieren sich als waehlbar aufgrund ihrer Managementerfahrung – was dem Mechanimsmus in China (wo man vermutlich eher mit einem Ingeneursabschluss in Unternehmen Karriere macht) dann schon wieder ziemlich nahe entsprechen wuerde.

  3. #3 Franzl Lang
    30. Oktober 2014

    Wäre auch interessant, das Ganze gemessen an der Gesamtzahl der Ingenieure bzw. Anwälte des jeweiligen Landes aufzumalen. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Anwälte in China nicht sonderlich etabliert sind.

  4. #4 Franzl Lang
    30. Oktober 2014

    Tschuldigung, meinte natürlich Gesamtproportion.

  5. #5 Phil
    30. Oktober 2014

    Ich halte die Erklärung von Jürgen für ziemlich naheliegend.

    Allerdings muss man auch bedenken, dass in den USA Streitgespräche (Rededuelle) an der Tagesordnung sind und dass die es die meisten Amerikaner für völlig OK halten, wenn es mehrere Denkschulen zu einem Thema gibt, völlig losgelöst davon, ob ein Thema abschließend beantwortbar ist.
    Juristen sind in einem solchen System quasi Zuhause, weil es auch dort diverse Denkschulen gibt und es als völlig OK gilt, wenn es zu dem gleichen Sachverhalt gegensätzliche Meinungen gibt.

    Man könnte natürlich die Frage stellen, warum es bei uns so viele Lehrer gibt. Management Erfahrung haben die i.d.R. nicht und i.d.R. auch nie ernsthaft gearbeitet.

    Vielleicht ist es zielführender, wenn man sich anschaut, woher Politiker kommen. D.h. welchen Lebenslauf haben Politiker in dem jeweiligen System typischerweise, wie sind die Jugendorganisationen aufgebaut, was verhindert eine politische Karriere, welche Netzwerke gibt es und wie hängen diese mit den jeweiligen Studienrichtungen zusammen, …

  6. #6 wereatheist
    30. Oktober 2014

    Wie sieht die Qualitätskontrolle der Arbeit von Rechtsanwälten in den USA vs. Ingenieuren in der VRCh aus?
    Ings sind vielleicht einfach berechenbarer/zuverlässiger (wichtig fürs “totalitäre” System).
    BTW, Lehrer(innen) müssen schon ganz viel managen.

  7. #7 wereatheist
    30. Oktober 2014

    Es sieht ein bischen so aus (in der Graphik), als ob Brasilien, abgesehen von der üblichen Überrepräsentanz von Akademikern, so was ähnliches wie eine realistische Vertretung von Berufsfeldern hätte.

  8. #8 Hobbes
    30. Oktober 2014

    Ich finde den Ansatz von Jürgen auch sehr interessant, glaube aber das das ein etwas zu demokratisches Bild von China zeichnet. Es geht wohl eher um Kontakte als um die Möglichkeit der Selbstpräsentation.

    Ich würde noch hinzu fügen das Ingenieure in erster Linie Pragmatiker sind und für einen pragmatischen Menschen es in der Politik kaum etwas zu suchen gibt, sofern die Ziele unter den entsprechenden Regeln woanders einfacher zu erreichen sind.
    Sprich: Wenn ein Ingenieur in Deutschland was bestimmtes “bauen” will geht er in die Wirtschaft weil er es dort “darf”. Wenn er das selbe in China machen will muss er in die Politik gehen weil dort entschieden wird ob er das bauen “darf”.

  9. #9 Demolog
    30. Oktober 2014

    @ #2 J. Schönstein

    Politik als Sprungbrett ins Karriere-Rennen des realen Lebens?

    Das ist der Subjektive Grund, warum das Individuum in die Politik geht. Zu erklären wäre, wieso die da auch ankommen – also gewählt werden und sich derart etablieren.

    Mir drängt sich zwischendurch immer das Mem “Weltpolizei USA” auf.

    Auch, wenn in China nicht so gewählt wird, wie im demokratischen “Westen”, hat doch auch die Zusammensetzung dort vergleichbare Hinweise auf die intedierten Zielsetzungen einer Nation zur Deutung enthalten. (Woebi man ja nicht wirklich mehr “national” denken kann – sondern global. Und China als Werkbank der Welt erzeugt Techniker-Politakteure.

    Demnach würde es im chinesischen Politbetrieb einen Haufen Weißheitsphilosophen geben, würden wir von den Chinesen denken, was man denkt, wenn mann an Konfuzius denkt.

    Andernortes haben wir eben Fundamentalisten-Anwärter am Start – oder Kommunisten (Südamerika). Denken wir so, weil sie da an der Macht sind (oder wollen) oder weil es andere Bedingungen gibt, die uns das denken lassen und gleichzeitig auch Realität werden lassen?

    Ach, die Welt ist so einfach zu deuten – ich langweile mich schon.

  10. #10 Georg Hoffmann
    31. Oktober 2014

    @Juergen

    Hmmm. Managementerfahrung hopp, aber Economics flopp? Wie geht das zusammen? Darf man Oekonomie nicht studiert, sondern sie nur betrieben haben?

    In Spitzenpositionen wollen viele, aus allen berifen. Es scheint mir wichtiger, ob das entsprechende Persoenlichkeitsprofil sich nun attraktiv fuer die Oeffentlichkeit darstellt. Welche Reutation haben eigentlich Rechtsanwaelte in China, in der ja zumindest die Freiheit der Justiz nicht ganz unumstritten ist?

  11. #11 Jan
    31. Oktober 2014

    Vor Kurzem war uebrigens ein Fuehrungswechsel in China.
    Xi Jinping: Doctor of Law (LLD) at Tsinghua University (aber auch Chemical Engineering),
    Li Keqiang: School of Law at Peking University,
    sagt Wikipedia.

  12. #12 Thilo
    31. Oktober 2014

    Xi Jinping ist eigentlich schon Chemieingenieur, die Doktorarbeit, mit der zum “Doctor of Law” promoviert wurde, hat er erst 2002 geschrieben, im Alter von 49 Jahren, als er schon ein einflußreicher Politiker war. (Erinnert an bekannte Fälle in Deutschland.)

  13. #13 wereatheist
    1. November 2014

    Fidel Castro ist ursprünglich Rechtsanwalt.
    Und seine Ansprachen waren gefürchtet. Weil er endlos labern konnte. SCNR

  14. #14 Ketzer
    1. November 2014

    Kontroverse Diskussionen kann es hier nicht mehr geben. Man hat systematisch jeden weggeekelt, der echte Diskussionen in den Kommentaren zu führen versuchte. Die Plattform zahlt mit ihrem langsamen Niedergang nun den Preis für diese redaktionelle Säuberung und weitere Fehler. Was nicht funktioniert, wird aussortiert, darin ist der Markt so unerbittlich wie die Evolution.

  15. #15 Thilo
    1. November 2014

    @Ketzer: Nur das erste aktuelle Beispiel, das ich gefunden habe: http://scienceblogs.de/primaklima/2014/10/13/klimawette-2014-der-september-update-der-hiatus-vom-hiatus/ (Und dass es diese unsagbar oeden Weltanschauungsdiskussionen nicht mehr so oft gibt, ist ja vielleicht kein Verlust.)

  16. […] eigentlich besser, schlechter oder gleich schlecht ab als die notorischen Juristen und Ökonomen. Thilo hatte mal eine schöne Statistik gefunden, die die Politikerzusammensetzung in verschiedenen Teilen der Erde auflistet. Die Chinesen […]