Die Philosophie liebt Gedankenexperimente – machen wir eins: In 30 Jahren hat die Neue Rechte ihren Marsch durch die Universitäten abgeschlossen. Bundesbildungsminister Marc Jongen hat schon längst die Gender Studies auf den Scheiterhaufen der Ideengeschichte geschickt. Die AfD-Stiftung finanziert an den Universitäten Graduiertenkollegs; man assoziiert nicht mehr drauf los wie der Medientheoretiker Erhard Schüttpelz, sondern denkt wie der Althistoriker Egon Flaig.

Dieses Gedankenexperiment stammt aus einem Beitrag des Philosophen Dieter Schönecker im Deutschlandfunk Kultur vom 14. März. Marc Jongen, falls das jemand nicht weiß, ist so eine Art Chefphilosoph des neurechten Zeitgeistes oder jedenfalls der AfD (und bis vor kurzem ihr Landesvorsitzender in Baden-Württemberg), der davon träumt, „die Entsiffung des Kulturbetriebs in Angriff“ zu nehmen, und der beispielsweise die Kürzung von Subventionen fordert, weil deutsche Theater sich immer wieder „an den zwölf Jahren des Dritten Reichs“ abarbeiten, „Schauprozesse“ veranstalten und sich „zur antifaschistischen Erziehungsanstalt“ reduzieren würden. (Überflüssig zu erwähnen, dass sowohl Schönecker als auch Jongen sich dabei jederzeit gerne als Opfer einer angeblich eingeschränkten Meinungsfreiheit zu inszenieren verstehen, also genau dessen, was sie ja gerade anstreben. So berichtet etwa das Campusradio der Uni Siegen, dass die Universität Schönecker für eine Einladung Jongens das Honorar verweigert hätte, worin Schönecker eine massive Einschränkung der Lehrfreiheit sieht. Tatsächlich war es so, dass Jongen für einen Seminarvortrag vor ca. 20 Studenten das offensichtlich unangemessene Honorar von 500 Euro erhalten sollte und die Universitätsleitung nur darauf bestand, dass dieses aus den Mitteln von Schöneckers eigenem Lehrstuhl statt aus anderen Universitätsmitteln bezahlt werde, wie es dann auch geschah.)

Im Hauptberuf ist Herr Schönecker Neukantianer; so nennt man Philosophen, die meinen, dass Immanuel Kant bisher immer falsch interpretiert wurde und man ihn deshalb völlig neu lesen sollte. Im Anfang war das Wort, sozusagen. In dieser Funktion hat er letztes Jahr auch ein Buch „Kant zur Philosophie der Mathematik“ im mentis Verlag herausgegeben. Dieser Band ist einfach eine chronologisch geordnete Zusammenstellung fast aller Texte Immanuel Kants, in denen etwas zur Mathematik vorkommt; die Herausgeber ersparen sich und uns also immerhin eine zeitgeistgemäße Neuinterpretation zu Kants Mathematikphilosophie.

Eine Darstellung von Kants Mathematikphilosophie hat es übrigens schon vor zwanzig Jahren gegeben (Darius Koriako: Kants Philosophie der Mathematik). Der damalige Autor war zu dem Schluß gekommen, dass Mathematik bei Kant ein Hilfsmittel zum Verständnis philosophischer Fragen ist, aber nicht umgekehrt.

Texte von Marc Jongen zu Kant oder zur Mathematikphilosophie habe ich keine gefunden, sein hauptsächliches Thema ist der Thymos, den er dem Zeitgeist entsprechend eher kriegerisch und aggressiv interpretiert haben möchte, was er dann aber auch gerne wieder relativiert; so antwortet er in einem Interview auf eine entsprechende Frage zu Björn Höcke:

Es ist die Romantisierung, hinter der man den Übermut vermutet, denn diese Sprache erinnert an übermütige Zeiten. […] Viel eher gehen wir an Missmut und Kleinmut zugrunde. Von daher verlieren auch Höckes Aussagen, in eine andere, modernere Sprache übersetzt, sehr rasch ihren Gruselfaktor.“

Und in der Zeitgeistpostille Sezession des Friedensforschers Götz Kubitschek äußert er sich so:

Wer dies [die umfassende Selbstabschaffung] nicht will, für den bleibt nur ein Weg offen: die Verjüngung der eigenen Selbstbehauptungskräfte durch Besinnung auf die genetischen Grundlagen der Kultur. […] Krieg und Bürgerkrieg vermeidet man nicht, indem man die gewaltsamen Quellen der Kultur verleugnet und mit illusionären Scheinwerten übertüncht, sondern indem man ihnen ins Auge blickt, sie einhegt und in eine zivile Wehrhaftigkeit überführt.

Immanuel Kant war bekanntlich der Autor des philosophischen Einwurfs „Zum ewigen Frieden“, über den beispielsweise Ernst-Otto Czempiel 1995 in einem FR-Artikel „Europas Wegweiser zum Frieden. Über Immanuel Kant und die Aktualität seiner strategischen Konzepte“ schrieb:

Die Demokratisierungsprozesse in Osteuropa und der GUS folgten genau dem Kantischen Script: Die Demokratie breitet sich von selbst aus, weil sie das Herrschaftssystem ist, das die gesellschaftlichen Anforderungen nach wirtschaftlicher Wohlfahrt und herrschaftlicher Partizipation, natürlich auch nach Frieden, optimal, wenn auch nicht maximal, erfüllt.

Es wird einiger Interpretationskünste bedürfen, um Kants Werk im Sinne von Jongens Philosophie neuzuinterpetieren.

Kommentare (24)

  1. #1 rolak
    17. April 2019

    zur antifaschistischen Erziehungsanstalt

    Immer wieder grotesk, wie versucht wird, aus dem Handeln nach Auftrag der Verfassung eine undeutsche Einstellung zu zaubern. Höchstwahrscheinlich aber nur eine Fingerübung verglichen mit der Umdeutung Kants.

    Prinzipiell allerdings sind solche Umdeutungen, die reannuelle Geschichtsschaffung, ein grundlegendes Merkmal autoritärer Regime – also im Westen nichts Neues.

  2. #2 Joseph Kuhn
    17. April 2019

    Mag sein, dass die Philosophie Gedankenexperimente liebt, aber sie sollte dabei auch denken. In 30 Jahren ist Marc Jongen 80 und sitzt zusammen mit Höcke, beide dement, im Pflegeheim. Ihre Gedankenexperimente beschäftigen dann die Pfleger, falls es noch welche gibt, die AfD setzt ja auf Pflege durch die Frauen zuhause. Aber ob Alice Weidel Jongen und Höcke pflegen will?

  3. #3 Beobachter
    17. April 2019

    Seit wann könnte man Götz Kubitschek als “Friedensforscher” bezeichnen?!
    Ich kenne seinen Namen besonders in Zusammenhang mit dem IfS (Institut für Staatspolitik), einer Kaderschmiede und “Denkfabrik” der Neuen Rechten und AfD.
    Dort treffen sich regelmäßig die geistigen Brandstifter in Nadelstreifen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%B6tz_Kubitschek

    https://de.wikipedia.org/wiki/Institut_f%C3%BCr_Staatspolitik

    https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-01/rechtspopulismus-neue-rechte-afd-alexander-gauland-schnellroda

  4. #4 Beobachter
    17. April 2019

    @ Joseph Kuhn, # 2:

    Unser Gesundheitssystem “setzt” schon seit Jahrzehnten (auch ganz ohne AfD) “auf Pflege durch die Frauen zuhause” – häuslich Pflegende/pflegende Angehörige sind der “größte Pflegedienst der Nation”, und dazu noch unbezahlt und in Statistiken meistens “vergessen”.

    https://aktuelle-sozialpolitik.de/2018/08/19/pflegende-angehoerige-als-groesster-pflegedienst-der-nation-auch-in-oesterreich/

  5. #5 Beobachter
    17. April 2019

    Zu
    Dr. Marc Jongen, AfD
    Dozent für Philosophie

    aus der Biographie:

    ” … Im April 2013 in die AfD eingetreten. Seit damals auch im Landesvorstand der AfD Baden-Württemberg. Seit März 2017 einer von zwei gleichberechtigten Landesvorsitzenden.”

    und:

    “Mitgliedschaften und Ämter im Bundestag

    Obmann
    Ausschuss für Kultur und Medien

    Ordentliches Mitglied
    Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung
    Ausschuss für Kultur und Medien
    Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz“

    Stellvertretendes Mitglied
    Kuratorium der Bundeszentrale für politische Bildung”

    https://www.bundestag.de/abgeordnete/biografien/J/520722-520722

  6. #6 bote19
    17. April 2019

    Die Meinung Kants zur Mathematik ist genauso bedeutend, wie die Meinung meines Autohändlers zur Informatik.
    Deshalb ist es äußerst bedenklich, wenn ein Mitglied der Enquete-Kommision für Künstliche Intelligenz, spätmittelalterliche Mathematikvorstellungen hat.

  7. #7 Thilo
    17. April 2019

    Spätmittelalterliche Vorstellungen hat der sicher, aber nicht zur Mathematik.

  8. #8 Quanteder
    17. April 2019

    @bote / #6
    Darin liegt das Problem, folglich auch das Finden für einen Lösungsweg.
    Problem: Ein „nicht befugter“, „einfacher“ Mensch“ wie ein Autohändler besitzt kein Gefühl für soziale Bewegungen in einem Zeitraum/Zeitepoche. Ihm ist nicht bewusst, das sein „einfaches“ Leben Wirkung auf das Thun von Raum und Zeit (RaumZeit) besitzt.
    Lösungsweg: Setze jeden Menschen auf der Erde in die Lage, seine Bindung zu Raum und Zeit im Universum zu erfahren. Also ein Projekt Aufklärung 2.0 starten. Die gegenwärtigen sozialen Bewegungen wie AfD & Co. würden ihre Energie in eine kreative Transformation der sozialen Gesellschaft richten !! müssen!! Denn so frei ist die menschliche Gesellschaft nicht.

  9. #9 bote19
    17. April 2019

    Quanteneder,
    der Autohändler war wohl ein schlechtes Beispiel. Gerade die “einfachen” Menschen zeigen mehr Empathie als Nerds.
    Das Projekt Aufklärung können wir uns sparen, das wird demnächst von der Wirklichkeit überholt, wenn einem großen Teil der Berliner die Wohnung wegen Eigenbedarf gekündigt. wird.

  10. #10 Jemand
    18. April 2019

    Ich verstehe nicht was diese Sammlung aus kontextfreien Zitaten und Informationsfragmenten bezwecken soll. Um zu verstehen worauf sich das eingehende Zitat überhaupt bezieht musste ich nach dem (unerklärlicherweise nicht verlinktem) Deutschlandfunkartikel suchen.

    Immerhin hat die Sache dazu geführt daß ich mich ein wenig mit John Stuart Mill beschäftige, besonders gefiel mir diese Stelle:

    There is a class of persons (happily not quite so numerous as formerly) who think it enough if a person assents undoubtingly to what they think true, though he has no knowledge whatever of the grounds of the opinion, and could not make a tenable defence of it against the most superficial objections. Such persons, if they can once get their creed taught from authority, naturally think that no good, and some harm, comes of its being allowed to be questioned. Where their influence prevails, they make it nearly impossible for the received opinion to be rejected wisely and considerately, though it may still be rejected rashly and ignorantly; for to shut out discussion entirely is seldom possible, and when it once gets in, beliefs not grounded on conviction are apt to give way before the slightest semblance of an argument. Waving, however, this possibility—assuming that the true opinion abides in the mind, but abides as a prejudice, a belief independent of, and proof against, argument—this is not the way in which truth ought to be held by a rational being. This is not knowing the truth. Truth, thus held, is but one superstition the more, accidentally clinging to the words which enunciate a truth.

    Und diese scheint irgendwie relevant

    […] opinion ought, in every instance, to determine its verdict by the circumstances of the individual case; condemning every one, on whichever side of the argument he places himself, in whose mode of advocacy either want of candour, or malignity, bigotry or intolerance of feeling manifest themselves; but not inferring these vices from the side which a person takes, though it be the contrary side of the question to our own: and giving merited honour to every one, whatever opinion he may hold, who has calmness to see and honesty to state what his opponents and their opinions really are, exaggerating nothing to their discredit, keeping nothing back which tells, or can be supposed to tell, in their favour.

    Voller Text hier.

  11. #11 Thilo
    18. April 2019

    Der Kontext des Eingangszitats wird doch im darauf folgenden Abschnitt erklärt.

  12. #12 Thilo
    18. April 2019

    Über die Gründe für die zitierten Meinungen würde man ohnehin nur spekulieren können solange Jongen oder Schönecker sich da nicht deutlicher äußern. (Ich habe da durchaus starke Vermutungen, aber wie gesagt: das wäre Spekulation.)

  13. #13 Thilo
    18. April 2019

    Es hilft jedenfalls nicht weiter, pathetisch über Meinungsfreiheit zu reden und dafür berühmte Philosophen zu zitieren. Der Punkt bei Jongen und Schönecker ist ja gerade, dass sie statt ihre Meinungen wirklich klar und für jeden verständlich auszuführen, lieber im Unklaren bleiben und stattdessen abstrakte Debatten über Meinungsfreiheit loszutreten versuchen, wobei sie natürlich die eigentlich nur von Ihnen angestrebte Einschränkung der Meinungsfreiheit dann aber all jenen unterstellen, die es wagen, zu Ihren vagen und interpretierbaren Zitaten irgendeine Kritik zu äußern.

  14. #14 Dirk Freyling
    Erde
    18. April 2019

    Die, die hier Meinungen Anderer kritisieren, sollten sich erst einmal einen Überblick verschaffen, „wie und wo Meinungen“ mehrheitlich entstehen. Insbesondere im akademischen Umfeld ist die Meinungs-Ausrichtung derzeit klar festgelegt. Wie problematisch die aktuelle Situation ist, wenn »Links« das Sagen hat, verdeutlicht Niall Ferguson in einem sehr lesenswerten Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung vom 20.3.2019 (sieheNZZ-Interview https://www.nzz.ch/feuilleton/niall-ferguson-als-rechter-bist-du-ein-potenzieller-nazi-sozialisten-und-kommunisten-hingegen-sind-moralisch-einwandfreie-sozialdemokraten-ld.1467954 )

    Des Weiteren das Zitieren und Interpretieren der Äußerungen vergangener Denker ist meist einseitig und reduziert überliefert. Beispiel: Plato drohte allen Männern, die kein rechtschaffenes Leben führen, sie würden bei ihrer zweiten Geburt zur Strafe als Frau auf die Welt kommen. Hippokrates forderte: “Die Frau bedarf eines Zuchtmeisters, denn sie hat von Natur das Zügellose an sich.” Seine Meinung über die Gebärmutter (hystera) der Frau: “Wenn sie nicht oft genug durch den Samen des Mannes aufgerüttelt wird, tritt eine übermäßige Verschiebung des Blutes nach oben ein, die den Frauen die Sinne benimmt und sogar die Atmung erschweren kann.” Damit hatte er die noch im 19. Jh. häufigste Frauenkrankheit erfunden: die Hysterie. Quelle: https://www.klinikschuetzen.ch/files/events/20080521142240_Sexualitaet_im_Laufe_der_Jahrhunderte.pdf

    Da solche Äußerungen nicht mehr gewünscht sind, wird zwar Plato gerne und häufig bemüht, aber seine Frauenverachtung ist heute nahezu unbekannt. Warum immer soweit in die geschichtliche Ferne schweifen, Gustave Le Bon’s Ausführungen zur Psychologie der Masse sollte jeder/jede gelesen haben. Im Internet an diversen Orten als pdf-Dokument frei verfügbar.

    Übrigens: Es stellt sich grundsätzlich die Frage, warum jemand einen Artikel generiert und warum jemand einen Artikel kommentiert. Fernab von idealisierter Wissensvermittlung, als eine Art gemeinschaftsnützlichen Dienstes, ist das Hauptmotiv realistischer gesehen nicht selten „schlicht“ Egozentrik und Ideologieverbreitung. Herr T möchte auch mal etwas schreiben, Herr S möchte auch mal etwas kommentieren. Egal was. Hauptsache es ist öffentlich wahrnehmbar und passt bei Scilogs und Scienceblogs zur „Hauptstrommeinung“.

  15. #15 Thilo
    18. April 2019

    Eigentlich hatte ich hier ja gar nichts bewertet oder gar kritisiert, sondern nur Marc Jongen mit (ausgewählten) Originalzitaten zu Wort kommen lassen. Ist es jetzt schon linke Propaganda, wenn man einen Rechten zitiert? Dass Herr Jongen das dritte Reich als eine übermütige Zeit bezeichnet, habe jedenfalls nicht ich behauptet, sondern er.

  16. #16 Thilo
    18. April 2019

    Zweifellos gibt es Dinge wie die offensichtlich hysterischen Diskussionen um den Politologen Herfried Münkler an der Humboldt-Uni https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/ein-jahr-nach-blooger-angriff-auf-herfried-muenkler-14072301.html Die Diskussionen über Marc Jongen fallen aber nicht in diese Kategorie. Den bezeichnet selbst sein ehemaliger Chef Sloterdijk als akademischen Hochstapler und seine vorgeblich philosophischen Thesen sind nur notdürftig kaschierte Romantisierungen des Nationalsozialismus.

  17. #17 Markus Termin
    Nürnberg/Prag
    18. April 2019

    @ Thilo: Gehe ich richtig in der Annahme, dass von den Diskursteilnehmern hier keiner weder eine Zeile von Sloterdijk, noch von Jongen gelesen hat?

    Wer Jongens Reden im Bundestag verfolgt, kann Deine Vorwürfe kaum bestätigt finden. Der Mann ist – im Gegensatz zu Dir – weitgehend vernünftig, hier z.B.:

    https://www.youtube.com/watch?v=BcE8oWkLEmk

    Jongen hat vor langer Zeit als junger Autor ein ganz ausgezeichnetes Buch geschrieben (“Das Wesen spiritueller Erkenntnis”, Dieterichs) und viele Jahre später in Karlsruhe ein weiteres – “Wo sind wir, wenn wir im Raum sind?” herausgegeben, das insbesondere alle sehr genau lesen sollten, die “schwarze Löcher” sehen.

    Einen “philosophischen Hochstapler” – falls Sloterdijk das wirklich gesagt haben sollte – Quellenangabe bitte – kann man ihn nicht nennen. Sloterdijk, unser bester Sophist, ist selbst eigentlich “nur” Kompilator – wurde als Autor der “Kritik der zynischen Vernunft” vom Zynismus eingeholt – und ist wohl insgesamt vom Kulturbetrieb kaputt-umarmt.

    Das Beste, was man von Sloterdijk lesen kann, ist seine kurze kunsthistorische Schrift aus den 80gern: “Kopernikanische Mobilmachung und ptolemäische Abrüstung” SV.

  18. #18 Markus Termin
    Nürnberg/Prag
    18. April 2019

    Ach so, damit keine Missverständnisse aufkommen: in Schland wähle ich üblicherweise und mangels Alternativen die Linke (Grundeinkommen, Liberalisierung, Pazifismus) und nächstes mal taktisch FDP (Liberalisierung/Umweltschutz ohne Gülle-Verklappung/kleines Herz für kleine Selbstständige) …

  19. #19 Dirk Freyling
    Erde
    18. April 2019

    Thilo,

    ich findes es sehr bezeichnend daß es keine Partei in Deutschland gibt, die sich primär sachorientiert mit gegenwärtigen Aufgaben beschäftigt. Daß die Altparteien Probleme seit Jahrzehnten nur „managen“ statt diese zu lösen, müsste eigentlich jedem klar sein.
    Nicht nur bei der AFD sollte zwischen Parteiprogramm und „führenden“ Personen unterschieden werden. Ich kenne ausser mir kaum Menschen, die Parteiprogramme je gelesen haben. Das Konzept Partei als ideologiebasierende Volksvertretung halte ich persönlich für komplett überholt. An den Beispielen Sarah Wagenkencht und Boris Palmer kann nachvollzogen werden, daß nicht einmal kontroverse Argumente innerhalb einer Partei möglich sind.

    Plakativ-praktisch gesehen: Der „Sinn“ der AFD als demokratisch gewähltes “Instrument” besteht nicht darin, daß Land zu führen, sondern auf Mißstände und Fehlinformationen sowie das Weglassen von Informationen zur Meinungsbildung hinzuweisen. Die Art und Weise wie die Medien mit der AFD umgehen, zeigt wie ideologisiert der Journalismus ist. Es wird sehr deutlich, daß die Protagonisten der „etablierten“ Parteien keine Konkurrenz dulden. Zwangsfinanzierter Rundfunk- und Fernsehen werden mittels Parteimitglieder zum Sprachrohr. Siehe exemplarisch : ARD und ZDF: Die Verstrickung von Politik und öffentlich-rechtlichen Medien (https://www.heikoschrang.de/de/neuigkeiten/2017/05/31/ard-und-zdf-die-verstrickung-von-politik-und-oeffentlich-rechtlichen-medien/)

    Insgesamt habe ich nicht verstanden, wie man von »isomorphen Objekten« in Teil I Philosophische Mathematik zur AFD in Teil II kommt. Was anderes als ideologisches Sendungsbewusstsein des Autors könnte dahinter stecken?

    Übrigens: Da ich mich intensiv mit den theoretischen Ausführungen respektive theoretischen Implikationen der Standardmodelle (Lambda-CDM-Modell und SM) beschäftige, sind die philosophischen Aspekte der Mathematik, wie: Mathematik kann nicht zwischen Staub und Staubsauger unterscheiden, Mathematik hat auch „intern“ schwerwiegende Aussageprobleme, siehe Banach-Tarski-Paradoxon, …) interessant, haben aber mit der AFD rein gar nichts zu tun.

    An dieser Stelle nur soviel… Wenn Euklid noch nach plausibler Anschauung für mathematische Grundlagen suchte und somit eine interdisziplinäre Verbindung herstellte, die man als richtig oder falsch bewerten konnte, so stellt sich in der modernen Mathematik die Frage nach richtig oder falsch nicht.Euklids Definitionen sind explizit, sie verweisen auf außermathematische Objekte der „reinen Anschauung“ wie Punkte, Linien und Flächen. “Ein Punkt ist, was keine Breite hat. Eine Linie ist breitenlose Länge. Eine Fläche ist, was nur Länge und Breite hat.” Als David Hilbert (1862 – 1943) im 20. Jahrhundert erneut die Geometrie axiomatisierte, verwendete er ausschließlich implizite Definitionen. Die Objekte der Geometrie hießen zwar weiterhin „Punkte“ und „Geraden“ doch sie waren lediglich Elemente nicht weiter explizierter Mengen. Angeblich soll Hilbert gesagt haben, dass man jederzeit anstelle von Punkten und Geraden auch von Tischen und Stühlen reden könnte, ohne dass die rein logische Beziehung zwischen diesen Objekten gestört wäre.

    Doch inwieweit axiomatisch begründete Abstraktionen an realphysikalische Objekte ankoppeln, steht auf einem ganz anderen Blatt. Mathematik schafft keine neuen Erkenntnisse, auch wenn das Theoretische Physiker im Rahmen der Standardmodelle der Kosmologie und Teilchenphysik gerne glauben. Es ist immer zu fragen, was das Symbolisierte in den Symbolen ist. Beispielsweise treten quantenfeldtheoriebasierend Felder und differenzierbare Mannigfaltigkeiten an die Stelle des euklidischen Raums.

    Schon Ernst Mach bemerkte: “Wer Mathematik treibt, den kann zuweilen das unbehagliche Gefühl überkommen, als ob seine Wissenschaft, ja sein Schreibstift, ihn selbst an Klugheit überträfe, ein Eindruck, dessen selbst der große Euler nach seinem Geständnisse sich nicht immer erwehren konnte.” Ernst Mach (1838-1916), Vortrag, Sitzung der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften zu Wien am 25. Mai 1882

  20. #20 Thilo
    18. April 2019

    Es gibt viele politische Themen über die man kontrovers diskutieren kann, aktuell zum Beispiel die Impfpflicht oder die Mietpreoisbremse. Die AfD und „Philosophen“ wie Jongen wollen den Diskurs allerdings grundsätzlich verschieben: weg von Sachdiskussionen, hin zu Diskussionen darüber, welche Bevölkerungsgruppen an Problemen schuld sind.

  21. #21 hto
    21. April 2019

    Ja ja, der herrliche Tanz um den heißen Brei, kommt gleich nach dem Tanz um das goldene Kalb, da bleibt die zweifelsfrei-eindeutige Wahrheit immer hübsch auf der Strecke die nur …!?

    Ich sage immer: Wenn das Leben wahrhaftig nur eine Wirklichkeit in zufälliger Einmaligkeit ist, oder “wie im Himmel all so auf Erden” einfach nur ein Spruch für einmaliges “Individualbewusstsein”, dann haben Selbstmörder die stärkste Moral und das größte Verantwortungsbewusstsein, egal ob bewusst oder unbewusst.

  22. #22 Beobachter
    22. April 2019

    Osterhase gerät wahlkampf-politisch in sachlich-filosofische Diskussion … 😉 🙂 :

    https://www.fr.de/meinung/afd-spitzenkandidat-guido-reil-vereinnahmt-ferrero-wahlkampf-schokohasen-12207165.html

    “AfD-Politiker Guido Reil und der Hasenmissbrauch
    … ”

    Fazit:

    ” … Bis dahin bleibt zum Trost eine Erkenntnis: immerhin bleibt die AfD sich im Wahlkampf treu und setzt auf hohle, braune Figuren, nicht nur zu Ostern – und nicht nur aus Schokolade.”

  23. #24 Thilo
    30. Juni 2019

    Schon einige Wochen alt, aber noch der Vollständigkeit halber: https://marcjongen.de/daseinswille-der-deutschen-als-volk-soll-gebrochen-werden/ (Das ist keine Empfehlung.)