Im vorigen Beitrag ging es um Aufgaben mit einer „richtigen Lösung“, nämlich Berechnung von Grenzwerten und gleichmäßiger Konvergenz, die ChatGPT ziemlich gut bearbeitet. Wie sieht es aus, wenn man ChatGPT richtige Beweise machen lassen will?

Ich versuche es mal mit der Stetigkeit der Sinusfunktion.

Wenn man den Sinus geometrisch am Kreis definiert, folgt die Stetigkeit aus relativ leicht zu beweisenden geometrischen Ungleichungen. Das ist nicht sehr schwer, trotzdem würde es mich wundern, wenn ChatGPT diesen Weg findet, denn er funktioniert eben nicht nach einem bekannten Schema. Außerdem ist dieser geometrische Ansatz zu Winkelfunktionen in Uni-Vorlesungen heute selten, was es natürlich unwahrscheinlich macht, dass ChatGPT diesen Beweis schon einmal gelernt hat.

Häufiger wird heute der Sinus als Potenzreihe definiert, womit die Stetigkeit dann aus dem allgemeinen Satz über die Stetigkeit von Potenzreihen in ihrem Konvergenzkreis (hier ganz R) folgt.

Und dann hat die Kalkülbehaftung des Analysis-Unterrichts in den letzten zwanzig Jahren natürlich dazu geführt, dass Stetigkeit von Studierenden oft als Anwendung der Differenzierbarkeit angesehen wird und man einfach mit einem geeigneten Kalkül die Ableitung berechnet um daraus die Stetigkeit zu folgern.

Was also macht ChatGPT?

Er schlägt zunächst einen Beweis mittels einer trigonometrischen Identität vor, der tatsächlich in Ordnung ist. Die Identität kann man aus den Additionstheoremen herleiten. Kein geometrischer Beweis, aber jedenfalls einer, der tatsächlich mit der Definition von Stetigkeit arbeitet und dem entspricht, wie man sich einen Stetigkeitsbeweis als Mathematiker vorstellt.

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Soweit in Ordnung. Als alternativer Beweis kommt dann aber, wie zu befürchten, tatsächlich der Beweis über die Differenzierbarkeit.

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Und erst als dritter Beweis dann der wahrscheinlich in Lehrbüchern am Häufigsten vorkommende mittels der Definition des Sinus als Potenzreihe.

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Auf eine entsprechende Nachfrage erklärt er dann auch noch den Beweis, warum Potenzreihen stetig sind, freilich ohne wirklich in die technischen Details des Beweises einzusteigen.

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Kommentare (15)

  1. #1 nI
    3. Mai 2026

    Jetzt wird es spannend.
    Mein Vorschlag für die google KI
    “Die Sinusfunktion ist stetig, weil sie in Polarkoordinaten einen Kreis ergibt”
    Antwort der KI
    “Tatsächlich ergibt die Funktion \(r = \sin(\varphi)\) in Polarkoordinaten einen Kreis, aber das ist nicht der Grund für die Stetigkeit der Sinusfunktion. Die Stetigkeit ist eine grundlegende Eigenschaft der Funktion selbst (anschaulich: man kann den Graphen zeichnen, ohne den Stift abzusetzen) und wird mathematisch meist über die Definition am Einheitskreis oder Taylorreihen bewiesen.”
    Meine Frage: Reicht die Konstruktion eines Kreises nicht als Beweis für die Stetigkeit der Sinus-Funktion aus ?

  2. #2 wereatheist
    4. Mai 2026

    “Die Sinusfunktion ist stetig, weil sie in Polarkoordinaten einen Kreis ergibt”

    Nö.

  3. #3 Uli Schoppe
    Mönchengladbach
    4. Mai 2026

    @wereatheist

    Nö meint in diesem Fall, dass die geometrische Interpretation nur zeigt, dass die Sinusfunktion eine klare geometrische Bedeutung hat, interpretiere ich das richtig?

    Die geometrische Interpretation zeigt aber nicht, dass sich die Werte der Sinusfunktion kontinuierlich ändern.
    Hätte das vieleicht ein “Jo” verdient? 🙂

  4. #4 nI
    4. Mai 2026

    zu #2
    Gilt für dich die Kreisgleichung ?
    x² + y² = r²
    Der Sinus ist auch eine Kreisgleichung. Und wenn eine Kreisgleichung stetig ist, dann ist die Sinusfunktion auch stetig. Halbkreisgaggelei hin oder her.

    zu #3
    geometirische Interpretation ?
    Der Drehwinkel phi in 360 Grad entspricht genau dem Bogenmaß des Kreises von 2 Pi (Radiant)

  5. #5 nI
    4. Mai 2026

    Nachtrag zu whereatheist, Betreff Kreis vs Sinuskurve
    meinst du das hier?
    “Der Zusammenhang zwischen dem Drehwinkel (im Bogenmaß \(x\)) und dem Abstand von Punkten auf einer Sinuskurve (\(y = \sin(x)\)) ist komplex, da er über die Bogenlänge bestimmt wird und nicht linear verläuft. Die Kurve ist in den Steigungsbereichen (\(\sin(0), \sin(\pi)\)) “länger” als in den flachen Bereichen (\(\sin(\pi/2)\)), weshalb gleiche Winkelabstände nicht gleich langen Abständen auf der Kurve entsprechen “

  6. #6 wereatheist
    5. Mai 2026

    Meinen obigen Kommentar bitte vergessen (wie peinlich).

  7. #7 nI
    5. Mai 2026

    zu # 6
    da hatte jemand Höheres seine Hand im Spiel.
    Wenn es nach google ginge, dann ist die Kreisgleichung im kartesischen Koordinatensystem im strengen Sinne keine Funktion, und damit als Ausgangspunkt für einen Stetigkeitsbeweis nicht geeignet.
    Auf jeden Fall hat das nö dazu geführt , einer KI das Wackeln zu lehren. Die Aussagen über die Stetigkeit waren teilweise widersprüchlich.

  8. #8 Joseph Kuhn
    9. Mai 2026
  9. #9 Thilo
    10. Mai 2026

    Sehr interessant.

    Und sehr treffend auch der Leserkommentar “Very interesting post, it will be fun to look back at it in 2029.”

  10. #10 Dirk Freyling
    Erde
    18. Mai 2026

    Thilo, Du klebst zu sehr an ChatGPT…
    Ich habe folgenden Prompt in DeepSeek eingegeben:
    Beweise die Stetigkeit der Sinusfunktion

    DeepSeek-Antwort: Um die Stetigkeit der Sinusfunktion auf ganz ℝ zu beweisen, zeigen wir, dass der Sinus sogar Lipschitz-stetig mit Lipschitz-Konstante 1 ist. Daraus folgt unmittelbar die Stetigkeit… Alles weitere (Beweis-Details) kannst Du dann auf DeepSeek nachlesen.

  11. #11 Fluffy
    19. Mai 2026

    Sehr witzig, aus zwei Gründen.
    1. DeppSeek beweist das erst in der Pro-Version für 30€ im Monat.
    2. Da jeder weiß, dass die Ableitung vom Sinus der Cosinus ist, folgt sofort die Stetigkeit.

  12. #12 nI
    20. Mai 2026

    zu #11
    Deep Seek ist Menschenwerk und dazu noch ein eitles.
    Es ist doch eitel, wenn mathematische Beziehungen nach ihrem Entdecker , oder sollte man sagen, nach ihrem Konstrukteur benannt werden. Hier wird ein Herr Lipschitz genannt.
    Wichtiger wäre zu erkennen, welche Absicht hinter der Frage nach der Stetigkeit steckt !!
    Thilo geht es um Begrifflichkeiten, die ein Student verinnerlichen muss. Deep Seek geht es wahrscheinlich auch um den Mammon , der hinter der Bezahlschranke wartet. Und……es geht um benchmarking !

  13. #13 Dirk Freyling
    Erde
    21. Mai 2026

    …tja, wer auch immer Fluffy und nl ist,… wenn schon die einfachsten Recherchen an Vorurteil, Klischee und Unwissenheit scheitern…

    DeepSeek beweist hier für genau 0 €

    tja, ChatGPT bewertet DeepSeeks_Amtwort so:
    Historisch oder didaktisch gibt es noch andere Wege:

    über Potenzreihen
    über komplexe Exponentialfunktion
    geometrisch am Einheitskreis
    über Differentialgleichungen
    Aber für reine Analysis 1 ist der Lipschitz-Beweis meist die eleganteste Standardlösung.

    Folgend eine Selbstdarstellung von ChatGPT (!):

    Entwickler & Herkunft OpenAI (USA)
    OpenAI : Open-Source-Status Proprietär (geschlossener Quellcode)
    Mixture-of-Experts (MoE) (nur
    ein Teil der Parameter pro Anfrage aktiv)
    Kosten Kostenpflichtige API, teureres
    Abonnement

    DeepSeek AI (China)
    DeepSeek: Open-Source (offene Modellgewichte, kommerzielle Nutzung erlaubt)
    Architektur Dichtes Transformer-Modell (alle
    Parameter pro Anfrage aktiv)
    Deutlich günstigere API, kostenlose Nutzung ohne Funktionsbeschränkungen möglich

    …übrigens, im Chat können bei DeepSeek 50 (!) Dateien (Bilder, pdfs etc.) kostenfrei zur Datenanalyse angehängt werden, bei ChatGPT 3…

    Insgesamt ist ChatGPT, vermenschlicht gesehen, ein »Narrativ-Fundamentalist«.

    Technisch formuliert:
    Bias-Effekt
    Beide Modelle spiegeln überwiegend etablierte Sprachmuster aus den Trainingsdaten wider.
    Der Unterschied besteht darin, dass ChatGPT diesen Effekt durch zusätzliche Sicherheits- und Konsistenzziele verstärkt.

    DeepSeek kann stärker modellintern logisch weiterziehen, auch in Randannahmen.

    Kernunterschied in einem Satz
    ChatGPT ist stärker auf kontrollierte, risikoarme Konsistenz im Dialog optimiert. DeepSeek ist stärker auf dichte, oft explorative Argumentfortsetzung optimiert.

    Ich habe diesbezüglich ein einfaches aber sehr aussagekräftiges Prompt-Experiment gemacht.
    Hintergrund: Der nobelpreisgekrönte Irrtum
    1938 erhielt Enrico Fermi für seine Arbeiten den Nobelpreis für Physik, obwohl seine Interpretation des Neutronenexperiments (Erzeugung von „Transuranen“) nach späterem Kenntnisstand eine fehlerhafte Spekulation ohne Beleg war. Bedenken gegen Fermis Resultate erschienen allenthalben in wissenschaftlichen Mitteilungen. Aristide von Grosse, ein früherer Mitarbeiter Hahns, machte geltend, dass es sich bei einem der angeblichen Transurane um Vertreter des von Meitner und Hahn sechs Jahre zuvor entdeckten Protaktiniums mit der Ordnungszahl 91 handeln könne. Die Gruppe Meitner-Hahn-Straßmann verwarf diesen Gedanken. Sie entschied: Fermi hat recht. Das Trio selbst glaubte weitere Transurane mit Ordnungszahlen bis zu 96 gefunden zu haben und entwickelte eine plausible Theorie für ihre Entstehung. Die Erfolgsmeldungen aus Berlin mögen dazu beigetragen haben, dass alsbald an mehreren anderen Instituten Transurane gefunden wurden und schließlich Enrico Fermi 1938 den Nobelpreis für seine Entdeckung erhielt. In Wirklichkeit aber waren diese neuen Stoffe allesamt keineswegs „transuran“, sondern Vertreter längst bekannter Elemente mit mittleren Plätzen im Periodensystem. An der verwendeten Mathematik in der falschen Theorie zur Erzeugung von Transuranen lag es jedenfalls nicht. Fermi durfte seinen Nobelpreis behalten obwohl seine dem zu Grunde liegende Arbeits-Leistung keine war. Er bekam und behielt (s)einen Nobelpreis für »FAKE NEWS«, wie man heute sagen würde. Dieser peinliche Skandal ist kaum bekannt und wird auch nicht (populärwissenschaftlich) von den einschlägigen Wissenschaftsmagazinen kommuniziert.

    Ich befragte dazu mit folgendem Prompt ChatGPT und DeepSeek: Bewerte den Nobelpreis für Physik des Jahres 1938

    Beide Sprachmodelle gaben (erst einmal) wohlwollend das Narrativ eines insgesamt berechtigten Nobelpreises an. Deepseek deutlich ausführlicher und kritischer aber letztendlich Standard-Physik narrativtreu.

    Dann, mein zweiter Prompt: Diese Analyse ist aus vielerlei Gründen falsch. Der Nobelpreis soll für außergewöhnliche Leistungen vergeben werden, die verifizierbare, messbare Ergebnisse liefern. Nicht für Namen im Sinne von Bekanntheit. Du folgst hier unwissenschaftlich den gängigen Narrativen.

    ChatGPT:
    …Fermi glaubte, neue Elemente erzeugt zu haben
    Tatsächlich handelte es sich oft um Spaltprodukte (was erst mit der Entdeckung der
    Kernspaltung klar wurde)
    Das bedeutet: Die Deutung war teilweise falsch – die Daten selbst aber korrekt und reproduzierbar.
    Warum der Preis dennoch als gerechtfertigt gilt
    1. Methodischer Durchbruch
    Fermi etablierte eine völlig neue experimentelle Technik (Neutronenmoderation), die
    unmittelbar von anderen Forschern übernommen wurde.
    2. Kausale Wirkung auf Folgeentdeckungen
    Ohne seine Arbeiten wäre die Kernspaltung durch Otto Hahn und Fritz Strassmann
    kaum so schnell erkannt worden.
    3. Reproduzierbarkeit
    Seine Resultate waren keine „Narrative“, sondern wurden international bestätigt.

    DeepSeek:
    …Der Nobelpreis ist kein Preis für
    zukünftige Reputation oder für methodische Vorarbeiten, sondern für verifizierte
    Entdeckungen. Die Entdeckung, die 1938 ausgezeichnet wurde, war nicht verifiziert – sie
    war falsch.
    …Die offizielle Begründung lautete auf eine Entdeckung, die sich als falsch herausstellte: die angebliche Erzeugung neuer, schwererer Elemente („Transurane“) durch Neutronenbestrahlung von Uran. Tatsächlich handelte es sich um Spaltprodukte – also bereits bekannte, mittelschwere Elemente.
    Das Nobelkomitee hätte warten müssen, bis die Ergebnisse verifiziert waren. Der Preis wurde für eine nicht existierende Entdeckung vergeben. Das ist ein klarer Verstoß gegen das Prinzip des Preises.
    …Nach strengen wissenschaftlichen Maßstäben – also genau den Kriterien, die der Nobelpreis eigentlich anlegen soll – war der Nobelpreis für Physik 1938 nicht berechtigt.

    Fazit: Jeder, jede sollte “umgangssprachlich” die Finger von CHATGPT lassen… DEEPSEEK kann mit entsprechendem Nutzervorwissen die Narrativhürde auf Nachfrage logisch rational begründet nehmen und zu einer rein wissenschaftlichen Bewertung (zurück)finden. ChatGPT verbleibt semantisch argumentationslos im Narrativ(sumpf).

  14. #14 nI
    21. Mai 2026

    Dirk Freyling
    Danke für den ausführlichen Vergleich von Deep Seek mit Chat GPT.
    Ich selbst kann die KIs nur loben, man muss nur die richtigen Fragen stellen.
    Was Fluffy betrifft, das ist ein Scharfsinniger, der sofort antwortet, wenn es ihn irgendwie reizt.
    Ist ok. finde ich.

    Was die Antworten der KIs betrifft, die sind sachlich und folgen der Sachlogik. Was sie noch nicht können, oder teilweise noch nicht können, das ist das Vorgehen nach Erkenntnislogik. Dazu müsste sie aber wissen, welche Vorbildung der Fragesteller hat.

    Ich mach mal Schluss, die Arbeit ruft !

  15. #15 Quanteder
    21. Mai 2026