It’s really beautiful to observe, as you progress in your mathematical maturity, how everything is somehow connected.(Sylvia Serfaty in “The Beauty of Mathematics: It Can Never Lie to You”, Wired, März 2017)

Kein ICM

Der International Congress of Mathematicians, der alle vier Jahre stattfindende Weltkongreß der Mathematiker, sollte 2022 bekanntlich vom 6.-14. Juli in St. Petersburg stattfinden, was wegen zahlreicher Boykottdrohungen letztlich nicht realisiert wurde. Weil sich so kurzfristig kein anderer Veranstaltungsort organisieren ließ, wurde der Kongreß dann im Internet veranstaltet, was zweifellos einen enormen organisatorischen Aufwand bedeutete. Ein positiver Effekt war, dass nun jeder kostenlos und ohne Reisekosten dort teilnehmen konnte, man mußte sich nur registrieren. Offensichtlich wollten das auch viele, die Teilnehmerzahl übertraf die Erwartungen: obwohl es keinen Anmeldeschluß gab, war die Anmeldung wegen der hohen Nachfrage bald geschlossen. Wer sich rechtzeitig angemeldet hatte, bekam seit dem Abend des 3. Juli die abgebildete Begrüßungsseite zu sehen. Eigentlich kam es dann aber nicht darauf an, angemeldet zu sein, weil die Vorträge auch auf YouTube übertragen und gespeichert wurden.

Tatsächlich hatten viele der Vorträge vor einem Life-Publikum stattgefunden, weil sich Vortragende zusammengetan hatten, um an einem Ort mit größerem Publikum jeweils ihre Vorträge zu halten. So fanden etwa Vorträge zu Zahlentheorie und algebraischer Geometrie in Zürich statt, Vorträge zu Geometrie, Topologie und verwandten Gebieten in Kopenhagen, Vorträge zu Dynamik in Jerusalem, zu Wahrscheinlichkeit und mathematischer Physik in Helsinki, zu angewandter Mathematik in London und zu Lie-Theorie in Singapur. Während des ICM wurden dann in der Regel die vorproduzierten Videos abgespielt, was den Vortragenden die (freilich kaum genutzte) Möglichkeit gab, während des Vortrags Fragen auf Discord zu beantworten.

In einigen Fällen hatten Vortragende mit großem Aufwand Videos an verschiedenen Orten produziert. Frank Calegari sieht man während seines Vortrages abwechselnd in der Bibliothek, an der Tafel und auf dem heimischen Sofa. Es muß viel Arbeit (vermutlich mehrerer Leute) gewesen sein, das alles zu produzieren und zu schneiden.

Calegari hatte schon am 27. Februar (also unmittelbar nach der Entscheidung für einen virtuellen ICM) auf seinem Blog „Persiflage“ gefragt: “What should a good ICM talk look like?”

So an ICM of zoom talks (on a St Petersburg schedule in the middle of the night in Chicago) does sound a little uninspiring. But what would be better? pre-recorded zoom lectures sound even worse. The idea of a polished video presentation has some appeal, but possibly it is also unrealistic. The sound and audio quality of a standard zoom lecture are OK if you are interested enough in the material, but I think one should expect a general ICM audience to be a little less forgiving. (Yes, plenty of people give terrible colloquia, but at least there are usually cookies.) And even with access to high quality audio and video, is it just going to be someone standing in front of their blackboard?

Während die Antworten im Blog nicht sehr ergiebig waren, hat er aber offenbar genug Ideen gehabt, um ein sehr ansprechendes Video zu produzieren, mit wechselndem Hintergrund und streckenweise unterlegt mit dramatisierender klassischer Musik. Das Resultat kann man auf https://youtu.be/L0Z4Ng6ZJbY ansehen. In nur 45 Minuten erhält man eine Einführung in die Entwicklungen der algebraischen Zahlentheorie der letzten 30 Jahre seit dem Beweis von Fermats letztem Theorem.

Fields-Medaillen

In den Tagen vor dem Kongreß fand in Helsinki die Generalversammlung der Internationalen Mathematischen Vereinigung statt. Sie entschied, dass der nächste ICM 2026 in Philadelphia, USA stattfinden soll. Der in New York ansässige Blog “Not even wrong” kommentierte:

With the 2022 experience in mind, hopefully the IMU will for next time have prepared a plan for what to do in case they again end up having a host country with a collapsed democracy being run by a dangerous autocrat.

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Kommentare (3)

  1. #1 Fluffy
    16. August 2022

    Na da will ich doch mal jemanden sehen, der einen Kommentar schreibt, der länger als dieser Artikel ist.

  2. #2 echt?
    24. August 2022

    Da kommt sicher gleich etwas über die ruhmreiche Oktoberrevolution!

  3. #3 rolak
    24. August 2022

    die ruhmreiche Oktoberrevolution!

    Die existiert nicht, da kann die Propaganda tröten, wie sie will. Die Revolution fand im Februar 1917 statt, Lenin was not amused und startete, seines Zeichens strammer NichtDemokrat, als action directe einen kleinen Putsch, der in seiner Folge auch höchstens mehr als 12Millionen Opfer forderte…