Immer wieder lustig sind Geschichten über in Fachzeitschriften (beinahe) veröffentlichte vom Zufallsgenerator computererzeugte Arbeiten. Diesmal hat es “Advances in Pure Mathematics” erwischt, eine Open-Access-Zeitschrift, bei der der Autor 500 Euro für die Veröffentlichung zahlen muß. Was den neuen Fall von anderen Vorgängern vielleicht unterscheidet: diesmal gab es sogar einen recht ausführlichen Referee-Report:

Dear Author,

Thank you for your contribution to the Advances in Pure Mathematics (APM). We are pleased to inform you that your manuscript:

ID : 5300285
TITLE : Independent, negative, canonically Turing arrows of equations and problems in applied formal PDE
AUTHORS :Marcie Rathke

has been accepted. Congratulations!

Anyway, the manuscript has some flaws are required to be revised :

(1) For the abstract, I consider that the author can’t introduce the main idea and work of this topic specifically. We can’t catch the main thought from this abstract. So I suggest that the author can reorganize the descriptions and give the keywords of this paper.
(2) In this paper, we may find that there are so many mathematical expressions and notations. But the author doesn’t give any introduction for them. I consider that for these new expressions and notations, the author can indicate the factual meanings of them.
(3) In part 2, the author gives the main results. On theorem 2.4, I consider that the author should give the corresponding proof.
(4) Also, for proposition 3.3 and 3.4, the author has better to show the specific proving processes.
(5) The format of this paper is not very standard. Please follow the format requirements of this journal strictly.

Please revised your paper and send it to us as soon as possible.

Das PDF der Arbeit ist hier.
Einem Nicht-Mathematiker wird man wohl nicht vermitteln können, warum es lustig ist, wenn der Abstrakt eines Papers mit “Let ρ = A. Is it possible to extend isomorphisms?” beginnt. Jedenfalls ist das Paper nicht nur Unsinn, die Zusammensetzung der Buzz-Worte ist auch wirklich lustig. “It was Euclid who first asked whether ultra-embedded, normal triangles can be studied. […] M. Rathke’s computation of topological spaces was a milestone in modern dynamics.” (M.Rathke heißt die angebliche Autorin.)
Oder: “Proposition 3.3. Let us suppose we are given an Atiyah monoid Ψ”. Then every everywhere normal, almost non-Riemann vector is regular.
Proof. This is obvious.
Proposition 3.4. Let D≤x be arbitrary. Let j” be a local number. Then Lindemann’s conjecture is false in the context of dependent hulls.
Proof. This is clear.”
Oder ganz nüchtern: “Suppose every quasi-reducible, Euclidean, multiplicative homeomorphism is globally Hadamard-Chern.”

Ziemlich gegen Ende kommen dann Brüller wie “In [24], the authors classified classes.” oder “Therefore here, smoothness is trivially a concern.” Im Literaturverzeichnis wird noch eine gemeinsame Arbeit von Atiyah und Leibniz zitiert (erschienen 1994 in den Estonian Mathematical Proceedings) und auch ein Buch von Euklid über Kommutative Zahlentheorie. (Gut, Euklid hat wirklich über kommutative Zahlentheorie gearbeitet, auch wenn er es nicht so genannt hätte.)

Das Paper wurde mit Mathgen geschrieben, ich nehme mal an, dass es der Einsender noch ein wenig bearbeitet hat – jedenfalls kann ich mir Fehler wie “Leibniz’s Theorem” oder “subalegebra” kaum als computererzeugt vorstellen, auch die Formeln sind ein bißchen zu wild, um zufällig generiert zu sein. Und dass gleich im ersten Satz von Gaußschen Anti-Gaußschen Matrizen die Rede ist, das wird wohl auch kaum Zufall sein.
Natürlich befördern solche Geschichten auch die Diskussion über das ‘Autor zahlt’-Modell.

Kommentare (23)

  1. #1 rolak
    31. Oktober 2012

    Ganz abgesehen von der tieferliegenden Problematik des Themas ist das Pseudopaper wahrlich ungemein erheiternd…

  2. […] veröffentlichter Schwachsinn, Mathlog am 30. Oktober […]

  3. #3 Konko
    31. Oktober 2012

    Immerhin haben sie es doch noch bemerkt. Aber alle, die 2 Semester Mathe studiert haben würden sofort stutzig werden. Wer macht also Reviews fern von seinem Thema?

  4. #4 MX
    31. Oktober 2012

    Irgendwie erinnert das an die geplante Publikation der Masterarbeit zum Kozyrevspiegel:
    http://scienceblogs.de/naklar/2012/10/29/esoterische-wehleidigkeit-2/
    Ob das am Ende auch nur eine weitere Variante des Sokal-Scherzes ist?

  5. #5 TX
    31. Oktober 2012

    Schade eigentlich das solche zufallsgenerierten Schwachsinnsarbeiten immer im Bereich Mathematik/Informatik auftauchen. Ich glaube das verschiedene Geistes-“Wissenschaften” ein viel lohnenderes Ziel wären, zumal es den dort Verantwortlichen auch bei genauer Durchsicht wahrscheinlich schwer fallen würde (gute) Zufallsprodukte von echten Arbeiten zu unterscheiden.

  6. #6 MJ
    31. Oktober 2012

    Das ist interessant. Ich habe immer gefunden, dass die Sokal-Affaere, mit der Naturwissenschafter gerne einen angeblichen Blabla-Charakter kritisieren, der Geisteswissenschaften eigen sein soll, einen fahlen Beigeschmack hat. Nach diesem Fast-Paper und auch der Bogdanoff−Affaere frage ich mich, ob die Sokol-Affaere nicht viel simpler interpretiert werden sollte: dass man, mit etwas Geschick und Glueck unglaublichen Unsinn durch den peer-review bringen kann, ohne dass man daraus groassartige Schlussfolgerungen uber Sinn und Unsinn des betroffenen Forschungsbereich anstellen koennte.

  7. #7 MJ
    31. Oktober 2012

    *Sokal

  8. #8 Thilo
    1. November 2012

    Der Verleich der Bogdanoff- mit der Sokal-Affaere wird gerne mal gebracht, er ist aber nicht wirklich passend:
    1. handelte es sich im Hauptteil der Bogdanoff-Arbeiten um normale und korrekte Mathematik/Physik, nur eben eher auf dem Niveau einer Bachelor-Arbeit als einer Promotion. (Und die Spekulationen in den Schlussteilen sind eben was sie sind: Spekulationen. Den Hauptteil der Arbeit bildete aber “normale” Wissenschaft, nur halt nichts wirklich Neues.)
    2. erhielten die beiden die schlechtestmoegliche Note, die sonst fast nie vergeben wird (der eine war sogar zuerst durchgefallen und erstritt sich seine Promotion erst vor Gericht), es kann also keine Rede davon sein, dass den Gutachtern nicht aufgefallen waere, dass die Arbeit kein grosser Wurf ist, sie waren einfach nur relativ grosszuegig.
    3. war die Sokal-Arbeit eigentlich auch kein Fake, sondern sie besteht weitgehend aus Zitaten aus angesehenen Buechern angesehener Geisteswissenschaftler, die sich allerdings bei nuechterner Betrachtung als ziemlicher Nonsens herausstellen. (Zum Beispiel gibt es in Sokals Arbeit einen Abschnitt zur Topologie, der weitgehend aus Buechern von Lacan und Irigaray uebernommen ist.) Insofern besteht Sokals eigentliche Leistung darin, durch seine Zitatensammlung darauf aufmerksam gemacht zu haben, was fuer Unfug zum Teil schon seit Jahrzehnten in manch philosophischen Standardwerken schlummert. (Und eigentlich haette es auch aus Sicht der Zeitschrift keinen Grund gegeben, die Arbeit nicht zu veroeffentlichen, denn Sokal hat tatsaechlich nur korrekt rezipiert und wiedergegeben, was in den von ihm zitierten Buechern steht.)

    Was den Fall hier betrifft liegt das Problem wohl eher woanders: als Folge des “Autor zahlt”-Modells hat der Verlag ein Interesse an einer Veroeffentlichung, weshalb selbst zweifelhafte Arbeiten noch mit ein paar Korrekturen durchgewunken werden sollen. Dies jedenfalls meine Interpretation des obigen Gutachtens.

  9. #9 MJ
    1. November 2012

    Ja, ich habe selbst beim Nachlesen gesehen, dass meine Idee nicht gerade neu ist und da diverse Unterschiede schon aufgezeigt wurden. Was ich ausserdem uebersehen habe ist, dass im Falle Sokal ja gerade kein peer-review vorgelegen ist.

    Zu den Bogdanovs: Ich meinte nicht die Doktorarbeit, sondern dass sie offenbar inhaltsleere Artikel in ein paar Journals veroeffentlichen konnten.

    Zu Sokal: Nein, Sokal hat nicht “tatsaechlich nur korrekt rezipiert und wiedergegeben, was in den von ihm zitierten Buechern steht”, das ist falsch – er hat auch eine eigene Pseudo-Theorie als Thema konzipiert und Unsinn eingebaut, und das kann man auch bei Sokal selbst im Lingua Franca-Artikel, wo er den Hoax oeffentlich gemacht hat, nachlesen. Was er zeigen wollte oder “seine eigentliche Leistung” ist, sei dahin gestellt. Worauf ich hinaus wollte ist eine unter Naturwissenschaftern verbreitete Tendenz anzunehmen, man koenne Geistes- und Sozialwissenschaften im Zweifelsfall (ohne die Grundlagen zu kennen und meist auch noch ungelesen) als sinnleeres Gewabere abtun, weil Sokal! – ohne die recht spezifische Richtung zu beachten, die Sokal kritisiert hat – womit sie die Tragweite der Affaere weit ueberdehnen. (Es folgt etwa mitnichten aus der Affaere, dass feministische Studien generell Unsinn sind. Interessanterweise, siehe ebenfalls den Lingua France-Beitrag, ist das selbst laut Sokal nicht, was Sokal zeigen wollte.) Aber das ist ein privater Eindruck, und es ist gut moeglich, dass ich mich taeusche.

  10. #10 MX
    1. November 2012

    @ Thilo: … unheimlich, Dein Kommentar datiert von morgen, 1.November. Hast Du etwa wieder mit dem Kozyrev-Spiegel herumgespielt?

    Im Ernst: Was die Vorgänge verbindet, den Bogdanoff-Fall mal beiseite gelassen, sind offenkundige Schwächen in peer-review-Verfahren, die nur pro forma durchgeführt werden.

  11. #11 MX
    1. November 2012

    … ups, ich kann auch von morgen zurücksenden.

  12. #12 rolak
    1. November 2012

    In Südkorea ist es auch schon seit gut vier Stunden der 1.11. – da dürfte Thilo das blog auf seine Lokalzeit eingestellt haben.

  13. #13 MX
    1. November 2012

    @ rolak: Ich neige dazu, Deiner Erklärung zur Relativität von Raum und Zeit eine gewisse Plausibilität zuzugestehen.

    Man weiß eigentlich nicht, worüber man sich mehr wundern soll. Dass wissenschaftliche Zeitschriften immer wieder auf Nonsense-Artikel hereinfallen, weil sie den Inhalt nicht wirklich prüfen, oder dass Zeitschriften, die sich wissenschaftlich geben, Artikel wie die Masterarbeit zum Kozyrevspiegel abdrucken, weil alle Beteiligten aufrichtig an den Nonsense glauben.

  14. #14 rolak
    1. November 2012

    Eigentlich ist beides nicht verwunderlich, MX: Ersteres ein systembedingter Fehler, dessen Auftritts-Wahrscheinlichkeit bestenfalls minimiert werden kann – letzteres ein völlig legitimes Ergebnis der hierzulande geltenden Meinungsfreiheit und als solches in Ordung. Wenn auch nicht ernstzunehmen bzw analog zum Realitätsbezug des ‘Wachturm’s der Zeugen Jehovas.

  15. #15 Thilo
    1. November 2012

    Man kann sich Sokals Arbeit ja auf http://www.physics.nyu.edu/sokal/transgress_v2/transgress_v2_singlefile.html ansehen: mit Ausnahme der Eineitung besteht sie praktisch komplett aus Zitaten, teils wörtlichen, aber meist in indirekter Rede, jeder Abschnitt ist mit Quellenangaben durchsetzt, teilweise bis zu 10 Quellen für einen Abschnitt.

  16. #16 MJ
    2. November 2012

    @ Thilo

    Ja, aber das ist etwas ganz anderes als die urpruengliche Aussage, dass “Sokal hat tatsaechlich nur korrekt rezipiert und wiedergegeben, was in den von ihm zitierten Buechern steht.” und damit seine eigentliche Leistung darin besteht “durch seine Zitatensammlung darauf aufmerksam gemacht zu haben, was fuer Unfug zum Teil schon seit Jahrzehnten in manch philosophischen Standardwerken schlummert.”
    Erstens macht Sokal nicht “nur” das (vor allem die korrekte Rezeption wuerde voraussetzen, dass er alles im intendierten Kontext wiedergegeben hat, was er ganz offensichtlich und beabsichtigt nicht getan hat).
    Zweitens folgt aus dem Zusammenfuegen von Zitaten zu einem sinnlosen Ganzen keineswegs eine Sinnlosigkeit der einzelnen Zitierungen (auch wenn sie im manchen Faellen selbsevident ist) – ansonsten waere ich ueberrascht, dass Sokal gezeigt haette, dass etwa Heisenbergs “The Physicist’s Conception of Nature.” oder Hobsbawms “The new threat to history” Unsinn gleichauf mit Lakan enthaelt. Sprich: Viele dieser vielen Fussnoten referenzieren einfach (u.a.) physikalische Werke und Papers – daraus ergibt sich nicht, dass diese Unsinn sind.
    Drittens wuerde ich gerne wissen, welche Werke von Lacan oder Irigaray angeblich “philosophische Standardwerke” darstellen. Wer sagt das? Das geht in Zussammenhang mit Sokals Kritik weit uebers Ziel hinaus: Sokal hat nicht “Philosophie” kritisiert und das auch nicht behauptet. Die Kritik war von Anfang bis Ende an Ideen und Autoren, die dem Poststrukuralismus zuzuordnen sind. Lacan und Irigaray sind noch nicht einmal primaer Philosophen.

    Der Clou and er Sache war ein anderer:

    “Throughout the article, I employ scientific and mathematical concepts in ways that few scientists or mathematicians could possibly take seriously. For example, I suggest that the “morphogenetic field” — a bizarre New Age idea due to Rupert Sheldrake — constitutes a cutting-edge theory of quantum gravity. This connection is pure invention; even Sheldrake makes no such claim. I assert that Lacan’s psychoanalytic speculations have been confirmed by recent work in quantum field theory. Even nonscientist readers might well wonder what in heavens’ name quantum field theory has to do with psychoanalysis; certainly my article gives no reasoned argument to support such a link.”

    Was Sokal, und er sagt es selbst, gezeigt hat, ist nicht per se der Unsinn der referenzierten oder zitierten Passagen (auch wenn diese im Falle Lacans etwa selbstevident scheint), sondern dass ein Wirrwarr aus zusammengeschmissenen Buzzwords und Zitaten mit schlicht von ihm selbst erfundenen Pseudo-Zusammenhaengen vom Journal akzeptiert wurde – mit Implikationen uber die Standards dort und weniger offensichtlichen Implikationen fuer “poststrukturalistische” Methoden, die seither diskutiert werden. Das alles ist im uebrigen 100 Prozent kompatibel mit dieser Aussage:

    “But it is important to understand exactly what I did. My article is a theoretical essay based entirely on publicly available sources, all of which I have meticulously footnoted. All works cited are real, and all quotations are rigorously accurate; none are invented;”

    Beide Zitate hieraus: http://www.physics.nyu.edu/sokal/lingua_franca_v4/lingua_franca_v4.html

    Und mit diesem Hintergedanken habe ich auch den Zusammenhang zum beinahe publizierten Mathematik-Paper gesehen. So wie auch mit Artikeln der Bogdanovs, die in Journals erschienen sind, und bei denen sich offenbar nicht wenige fragen, wie das passieren konnte (dass ihre Doktorarbeiten schlecht bis negativ beurteilt wurden, hat damit nicht das geringste zu tun). Wenn ueberhaupt, kann man darauf Hinweisen, dass in letzteren Faellen das ganze durch den peer-review gekommen ist, Sokal nicht.

  17. #17 Thilo
    2. November 2012

    Also, der Abschnitt ueber Lacan im Wortlaut:

    Unbeknownst to most outsiders, theoretical physics underwent a significant transformation — albeit not yet a true Kuhnian paradigm shift — in the 1970’s and 80’s: the traditional tools of mathematical physics (real and complex analysis), which deal with the space-time manifold only locally, were supplemented by topological approaches (more precisely, methods from differential topology52) that account for the global (holistic) structure of the universe. This trend was seen in the analysis of anomalies in gauge theories53; in the theory of vortex-mediated phase transitions54; and in string and superstring theories.55 Numerous books and review articles on “topology for physicists” were published during these years.56

    At about the same time, in the social and psychological sciences Jacques Lacan pointed out the key role played by differential topology:

    This diagram [the Möbius strip] can be considered the basis of a sort of essential inscription at the origin, in the knot which constitutes the subject. This goes much further than you may think at first, because you can search for the sort of surface able to receive such inscriptions. You can perhaps see that the sphere, that old symbol for totality, is unsuitable. A torus, a Klein bottle, a cross-cut surface, are able to receive such a cut. And this diversity is very important as it explains many things about the structure of mental disease. If one can symbolize the subject by this fundamental cut, in the same way one can show that a cut on a torus corresponds to the neurotic subject, and on a cross-cut surface to another sort of mental disease.57 58

    As Althusser rightly commented, “Lacan finally gives Freud’s thinking the scientific concepts that it requires”.59 More recently, Lacan’s topologie du sujet has been applied fruitfully to cinema criticism60 and to the psychoanalysis of AIDS.61 In mathematical terms, Lacan is here pointing out that the first homology group62 of the sphere is trivial, while those of the other surfaces are profound; and this homology is linked with the connectedness or disconnectedness of the surface after one or more cuts.63 Furthermore, as Lacan suspected, there is an intimate connection between the external structure of the physical world and its inner psychological representation qua knot theory: this hypothesis has recently been confirmed by Witten’s derivation of knot invariants (in particular the Jones polynomial64) from three-dimensional Chern-Simons quantum field theory.65

    Analogous topological structures arise in quantum gravity, but inasmuch as the manifolds involved are multidimensional rather than two-dimensional, higher homology groups play a role as well. These multidimensional manifolds are no longer amenable to visualization in conventional three-dimensional Cartesian space: for example, the projective space , which arises from the ordinary 3-sphere by identification of antipodes, would require a Euclidean embedding space of dimension at least 5. 66 Nevertheless, the higher homology groups can be perceived, at least approximately, via a suitable multidimensional (nonlinear) logic.67 68

    Den ersten und letzten Absatz hat Sokal selbst geschrieben (die geben im Prinzip aber nur Standard-Wissen aus Mathematik und Physik wieder), im Hauptteil dieses Abschnittes ist aber mit Ausnahme des letzten Halbsatzes (ueber die Bestateigung durch Witten) alles eine, teils sogar woertliche und nach meinem Eindruck korrekte, Wiedergabe dessen, was von diesen Autoren tatsaechlich gesagt wird. Das einzige, was Sokal erfunden hat, ist die Bestaetigung durch Witten. (Immerhin origineller als wenn er sich auf “Schwache Quantentheorie” o.ae. berufen wuerde,)

    Lacans Werk gilt laut http://de.wikipedia.org/wiki/Jacques_Lacan als “fuer die Geisteswissenschaften in FRankreich ausserordentlich einflussreich” und er hat sich tatsaechlich auf Topologie und Mengenlehre berufen. Auf Witten konnte er sich nicht mehr berufen, weil er da schon nicht mehr lebte, aber das wird ja in Sokals Text auch nicht behauptet. Jedenfalls wuerde ich jetzt erst mal konkret ausgefuehrt sehen wollen, warum die woertlichen Zitate von Lacan und Althusser nicht dem von ihnen intendierten Kontexten entsprechen sollen.

    (Und dass die in den Fussnoten zitierten Arbeiten zum Teil kein Unsinn sind, sondern einfach Referenzen auf die jeweiligen Begriffe, das ist ja klar.)

  18. #18 MJ
    3. November 2012

    1) “fuer die Geisteswissenschaften in FRankreich ausserordentlich einflussreich” ist nicht “Standardwerke der Philosophie”. Seit wann sind Geisteswissenschaften und Philosophie ident? Selbst sein Einfluss in Frankreich wird auf Wikipedia spezifiziert, siehe einen Absatz weiter unten, oder oben, oder den ganzen Artikel. Die Spezifikation ist relevant, denn ansonsten kann man alles behaupten. Niemand wuerde folgenden Aussage akzeptieren:”Linus Pauling und Kary Mullis sind fuer die Naturwissenschaften ausserordentlich einflussreich, wie nicht zuiletzt an ihren Nobelpreisen deutlich wird. Ersterer hatte einen Sockenschuss bezueglich Vitamin C-Therapien und letzterer ist ein AIDS-Leugner (beide mit recht ausgedehnten Theorien darueber). Naturwissenschaften im allgemeinen und die Evolutionstheorie im speziellen sind daher Unsinn.” Auf der anderen Seite ist diese Art der Generalisierung ueber Geisteswissenschaften und die Uebertragung von kritisierten Autoren auf ganz andere Gebiete ist (wohl nicht erst seit Sokal) aus Sicht von Naturwissenschaften aber voellig OK. Voellig egal, was Sokal spezifisch getan hat – irgendwie zeigt es, wie schlampig (franzoesische) Geisteswissenschaften sind oder was fuer Blasebalge Philosophen sind.

    2) Nirgends zeigt Sokal, dass Lacans Zitat Unsinn ist (wohl moeglich, dass er darauf abzielt, dass es als solcher evident ist, aber das ist etwas anderes.) Ob er die urspruengliche Intention richtig wiedergegeben hat, weiss ich nicht, ich habe Lacan nicht gelesen. Allerdings ist das auch voellig irrelevant, nicht Sokals Ziel, und die Sokal-Exegese unnoetig – er hat selbst gesagt was er getan hat:”First, I quote some controversial philosophical pronouncements of Heisenberg and Bohr, and assert (without argument) that quantum physics is profoundly consonant with “postmodernist epistemology.” Next, I assemble a pastiche — Derrida and general relativity, Lacan and topology, Irigaray and quantum gravity — held together by vague rhetoric about “nonlinearity”, “flux” and “interconnectedness.” Er hat also – zumindest behauptet er selbst das nicht – nicht gezeigt, dass die zitierten Passagen Unfug sind (wenn doch, muss ja zitierbar sein, wo er das gezeigt hat), sondern dass er wild und unargumentiert Unzusammenhaengendes zusammenschmeisst, ohne des es die Editoren gemerkt haetten. Unsinn oder nicht per se, die Dinge haben miteinander nichts zu tun, es steht einfach unmotiviert nebeneinander. Das geht quer durch den ganzen Artikel. Das Journal hat es dennoch angenommen, das ist ein Problem.

    Und ich gebe hier im uebrigen nur Sokals eigene Auffassung ueber den Hoax wieder – er hat weder behauptet, “Philosophie” oder “Geisteswissenschaften” angegriffen zu haben, noch, dass sein Artikel eine reine Exposition von Poststrukturalisten qua Zitierung ist. Er hat gesagt, dass sein Artikel ein unargumentiertes Mischmasch aus Positionen grosser Namen ist und ist der Frage nachgegangen, ob das alleine schon reicht, ob das Journals sowas akzeptieren wuerde. Ich meine, woertlich:”So, to test the prevailing intellectual standards, I decided to try a modest (though admittedly uncontrolled) experiment: Would a leading North American journal of cultural studies — whose editorial collective includes such luminaries as Fredric Jameson and Andrew Ross — publish an article liberally salted with nonsense if (a) it sounded good and (b) it flattered the editors’ ideological preconceptions?” Das Objekt seiner Kritik:”Social Text’s acceptance of my article exemplifies the intellectual arrogance of Theory — meaning postmodernist literarytheory — carried to its logical extreme.” “Social Text’s acceptance of my article exemplifies the intellectual arrogance of Theory — meaning postmodernist literarytheory — carried to its logical extreme.” Nicht Geisteswissenschaften, nicht Philosophie.

  19. #19 Thilo
    3. November 2012

    Es kann ja sein, dass Sokal in seiner Nachbereitung der Affaere etwas anderes geschrieben hat. Aber jedenfalls bleibt doch die Tatsache, dass seine Zitate aus Originalquellen stammen und wohl nicht aus dem Kontext gerissen sind. Jedenfalls habe ich Lacans Thesen zur Topologie des Gehirns auch andernorts schon so interpretiert gesehen und in Irigarays Buch findet man noch sehr viel steilere Thesen, als sie von Sokal zitiert wurden. (Unter anderem ist die Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit ihrer Meinung nach darauf zurueckzufuehren, dass Wissenschaftler immer irgendjemanden oder irgendetwas als den Groessten oder eben Schnellsten auszeichnen muessen.)

  20. #20 MJ
    3. November 2012

    Wir sind voellig einer Meinung, dass diese Sachen Unsinn sind, aber das ist nicht, was Sokal mit diesem Artikel gezeigt hat. Jemand, der Irigaray oder Lacan super findet, hat nach dem Artikel keinen Grund, es nicht weiterhin zu tun: der Artikel gibt keine Kritik an den zitierten Passagen. Jemand, der die Passagen als Unfug identifiziert, wuerde das aber auch tun, wenn er gleich das Original lesen wuerde. Der Artikel macht diesbezueglich keinen Unterschied. Der Hoax sollte ein System zeigen, das keinerlei objektive Qualitaetskontrollen hat und daher jeden Unsinn durchlaesst. Die interessante Frage danach ist, ob es am Poststrukuralismus selbst liegt, dass solche Qualitaetskontrollen prinzipiell nicht moeglich sind, oder ob da einfach die Editoren gepatzt haben. Ich sehe nicht, wie der Hoax diese Frage beanworten koennte. Sokal selbst gesteht ja ein, dass sein Experiment unkontrolliert war, weswegen er dann ja noch weitere Beitraege zum Thema geliefert hat, die poststrukutralistische Positionen direkt kritisieren. Die Tatsache, dass es auch dem im Blogeintrag besprochenen Schwachsinns-Artikel (fast) gelungen ist (wenn es auch eine andere Art Schwachsinn ist) in einem Journals veroeffentlicht zu werden, haelt mE dazu an Sokals Hoax alleine mit etwas mehr Vorsicht zu geniessen. Jedem, der glaubt mit “Sokal!” das letzte Wort gesprochen zu haben, kann nun mit “Rathke!” geantwortet werden (dem Hinweis, dass sehr wohl eine objektive Berwertung des Artikels moeglich ist, kann man entgegen halten, dass ein positiver Review vorliegt. Fuer einen Aussenstehenden, der ihn nicht beurteilen kann, gibt es keinen Grund, dies nicht als Argument zu akzeptieren.)

    Sokals Verdienst beschraenkt sich ja nicht auf den Hoax alleine – er ist ja wie gesagt danach in eine viel breitere Debatte eingestiegen. Aber sich nur auf den Hoax alleine zu beziehen (wie man das oft sieht) war, glaube ich, bisher schon etwas duenn – und in Anbetracht von Rathke ist es umso weniger stichhaltig. Ich meine nicht, dass die argumentative Position Irigarays oder Lacans jetzt irgendwie gestaerkt ist, weil auch in NaWis und Mathematik Unfug durch den peer review schluepfen kann (warum auch immer konkret). Ich will auch nicht sagen, dass es keinen objektiven Unterschied zwischen Mathematik und Poststrukturalismus gibt. Oder eine pseudo-relativistische Position besetzen, dass, weil die meisten ohnehin weder das eine, noch das andere ausreichend durchschauen, man da agnostisch bleiben sollte. Aber ich meine, das die Demonstrationskraft von Sokals Hoax gesunken ist.

  21. #21 Thilo
    3. November 2012

    Wie gesagt sagt die “Rathke”-Geschichte hier weniger ueber das Peer Review aus, sondern eher etwas ueber Zeitschriften, die aus oekonomischen Gruenden ein Interesse daran haben, jeden eingereichten Artikel moeglichst auch zu veroeffentlichen – weil sie ja von den Autoren bezahlt werden.

  22. #22 Joseph Kuhn
    4. November 2012

    In ihrem Buch “Eleganter Unsinn – Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen” beschreiben Sokal und Bricmont, wie Lacan, Irigaray und andere postmoderne Autoren naturwissenschaftliche und mathematische Versatzstücke benutzen, die sie nicht verstanden haben und kritisieren dies unzweideutig als Schaumschlägerei: “Diese Autoren sprechen mit einem Selbstbewusstsein, das ihre wissenschaftliche Kompetenz bei weitem übersteigt (…). Vielleicht glauben sie, sie könnten das Prestige der Naturwissenschaften benutzen, um ihren eigenen Diskursen den Anstrich der Exaktheit zu geben. Und sie scheinen darauf zu vertrauen, daß niemand ihre falsche Verwendung wissenschaftlicher Begriffe bemerkt (…).” (Seite 21).

    Der Schwafelfaktor mancher philosophischer bzw. geisteswissenschaftlicher Abhandlungen ist in der Tat recht groß und nicht immer sind schwer verständliche Texte auch wirklich gehaltvoll. Dass man sich davon trotzdem oft genug blenden lässt, das verbindet vielleicht die verschiedenen Dinge, die hier diskutiert wurden. Interessant, dass auch mathematische Zeitschriften gegen Blendwerk nicht gefeit sind, wie die “Rathke-Geschichte” zeigt, obwohl in mathematischen Abhandlungen Brüche der Gedankenführung ja doch schneller auffallen sollten – wo alles gut definiert ist, gibt es weniger Interpretationspielräume und gedankliche Grauzonen. Kann sein, dass bei der Zeitschrift kommerzielle Interessen eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben, aber diese Blamage hätten die Herausgeber sicher gerne vermieden. Daher wäre es schon interessant, welche Kompetenz der Reviewer hatte und ob er überhaupt erkennen konnte, dass ihm hier purer Nonsens vorgesetzt wurde.

  23. […] }); } }); Ich bin heute eher zufällig auf diesen wundervollen Artikel von scienceblogs gestoßen, in dem vom mathematischen  Bullshit-generator […]