Der Krankenstand ist eine Kennziffer, in der sich gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche Aspekte zugleich widerspiegeln: der Gesundheitszustand der Beschäftigten, der soziale Umgang mit Krankschreibungen und die ökonomischen Folge der Krankschreibungen, vor allem bei der Lohnfortzahlung und beim Produktionsausfall.
Das macht den Krankenstand zu einer sozialpolitisch hochbrisanten Zahl. Insofern kommt es nicht unerwartet, dass in der aktuellen Debatte um die wirtschaftliche Lage in Deutschland auch der Krankenstand einmal mehr auf die Agenda gesetzt wurde. Der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitsgeberverbände, Rainer Dulger, hat nun eine „radikale Reform“ der Lohnfortzahlung gefordert. Sie solle auf 6 Wochen pro Jahr insgesamt, nicht je Krankheitsfall, beschränkt werden. Danach würde dann, sofern die versicherungsrechtlichen Voraussetzungen vorliegen, das Krankengeld der Krankenkassen greifen.
Der Krankenstand hängt von unterschiedlichen Einflussfaktoren ab. Der Gesundheitszustand der Beschäftigten spielt eine Rolle, hier auch saisonale Infektionswellen, die gesundheitlichen Belastungen am Arbeitsplatz, Geschlecht und Alter der Beschäftigen, die Branche, die Betriebsgröße, die soziale Absicherung in Krankheitsfall und andere Faktoren. Bei den Krankheiten stehen Atemwegserkrankungen, psychische Störungen und Muskel-Skeletterkrankungen im Vordergrund, je nach Kassenart mit etwas unterschiedlichen Anteilen am Krankenstand. Bei praktisch allen Kassenarten nehmen die psychischen Störungen seit vielen Jahren zu. Ausführliche Analysen dazu liefern die regelmäßigen AU-Berichte der Krankenkassen, z.B. der Fehlzeiten-Report der AOK.
Was die Höhe des Krankenstands angeht, so ist er in Deutschland seit 2022 verglichen mit den Vorjahren recht hoch. Es gibt unterschiedliche Erfassungsweisen und Datenquellen. Nimmt man die Daten des Bundesgesundheitsministeriums aus der KM 1/13-Statistik auf Basis der GKV-Meldungen, lag der Krankenstand 2024 bei 5,8 % und er könnte 2025, die Monatswerte Januar bis November zugrunde gelegt, bei 5,6 % liegen. Den höchsten Wert hatte er 2023 mit 6,07 %.

Der Krankenstand ist in den letzten zwei Jahren also wieder leicht rückläufig, aber er hat das Niveau der Vor-Coronajahre noch nicht wieder erreicht. Für 2025 liegen die Jahresdaten noch nicht vor, in den meisten Monaten lag der Krankenstand 2025 etwas unter den Werten von 2024, was somit auch im Gesamtergebnis der Fall sein dürfte.

Anfang der 1990er Jahre, als der Krankenstand ebenfalls vergleichsweise hoch war und sich die Wirtschaft in der Krise befand, mit sehr hohen Arbeitslosenzahlen, hatte man häufig disziplinarisch angelegte „Krankenrückkehrgespräche“ als Problemlösung propagiert. Erst Hype, dann Flop. Aber die Grundlinie wiederholt sich jetzt: Neben der Kürzung der Lohnfortzahlung fordert Rainer Dulger auch ein Ende der telefonischen Krankschreibung und mehr Kontrollen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen.
Bei diesen Maßnahmen ist unklar, ob sie einen relevanten Effekt auf den Krankenstand haben. Die Kürzung der Lohnfortzahlung würde vor allem Langzeitkranke treffen, von denen viele eher keine „Blaumacher“ sein dürften, dafür viele mit psychischen Störungen, und der Effekt der telefonischen Krankschreibung besteht nach bisherigen Erkenntnissen eher in der vollständigeren Datenerfassung der Kurzzeit-Fälle als in erschwindelten Krankschreibungen. Abgesehen davon würde ihre Abschaffung die Wartezeiten beim Arzt noch etwas erhöhen. Und mehr Überprüfungen von Arbeitsunfähigkeitsmeldungen? Ob sich „Blaumacher“ davon abschrecken lassen? Die, die wirklich krank sind, dürften sich jedenfalls für das ihnen entgegengebrachte Misstrauen bedanken.
Die Maßnahmen fügen sich in die aktuelle sozialpolitische Gefechtslage: mehr Druck auf die Beschäftigten und ihnen vorzuhalten, zu wenig zu leisten, leistungsunwillig zu sein. Diese Mentalität könnte allerdings einen Teufelskreis befeuern. Schon in den 1960er Jahren hatte der Management-Professor Douglas McGregor zwei grundlegende Menschenbilder in der Unternehmensführung unterschieden: eine Theorie X, nach der die Beschäftigten unwillig sind, kontrolliert und sanktioniert werden müssen, und eine Theorie Y, die davon ausgeht, dass die Beschäftigten unter den passenden Rahmenbedingungen von sich aus motiviert und leistungsbereit sind.
Behandelt man Menschen nach der Theorie X, so McGregor, werden sie sich früher oder später auch so verhalten. Man darf wohl hinzufügen: Sie werden dann auch häufiger krank. Arbeitsbedingungen, unter denen man leidet, machen leidend. Insofern stellt sich die Frage, ob Rainer Dulger nicht gut beraten wäre, bei den Gründen, die krank oder arbeitsunwillig machen, etwas genauer hinzuschauen, weil davon der richtige Umgang mit dem Krankenstandsproblem abhängt. Dass in Ländern mit guten Lohnfortzahlungsregelungen der Krankenstand höher ist, wie er sagt, mag durchaus sein, er hat dazu hoffentlich belastbare Daten, aber das ändert nichts daran, dass eine solche Moral Hazard-Situation zunächst einmal den Arbeitsbedingungen ein schlechtes Zeugnis ausstellt. Es sei denn, man glaubt, dass alle Menschen grundsätzlich faul und unwillig sind, abgesehen natürlich von denen im Management.



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