Das Buch
Carlo Masala hat im letzten Jahr ein „hypothetisches Zukunftsszenario“ veröffentlicht, so die Literaturgattung laut Klappentext. 10 Auflagen gibt es schon. Das Buch beschreibt auf 119 Seiten, was geschieht, wenn Russland in der Ukraine gewinnt. In einer Art Tagebuch wird aus den Märztagen 2028 berichtet, als russische Truppen in Estland eindringen, die Stadt Narwa an der Ostsee einnehmen, und die Insel Hilumaa, die zweitgrößte Insel des Landes. Russland führt als Begründung den Schutz der russischen Bevölkerung an, die von Estland drangsaliert würde, wiederholt also das Ostukraine-Spiel. Da die Europäer nach dem Ukrainekrieg ihre eigentlich geplante Aufrüstung haben schleifen lassen, Putin war zurückgetreten und der neue russische Präsident Obmantschikow hatte Entspannungssignale gesendet, fühlt sich Russland ermutigt, zu testen, was bei so einer Provokation passiert. Dazu hatte es für den Fall einer militärischen NATO-Reaktion mit dem Atomkrieg gedroht.
Es kommt, wie es viele befürchten, dass es so kommen musste: Die USA wollen für eine estnische Kleinstadt keinen Weltkrieg riskieren, das wollten sie früher schon für Hamburg nicht, der amerikanische Präsident hat sogar Verständnis für Russlands Argumentation, und auch die Europäer sind sich nicht einig, was zu tun ist. Art. 5 des NATO-Vertrags wird nicht aktiviert. Wenn Russland gewinnt, hat Russland gewonnen.
Masalas Szenario endet mit dem Eintrag für den 30. März 2028. Obmantschikow ruft den chinesischen Präsidenten Xi an, der ihn fragt, wie es ihm gehe. Obmantschikow sagt, „es könnte mir nicht besser gehen“ – und dass Obmantschikow das Lächeln Xis nicht sehen könne. „Xi fühlt sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. (…) Die Macht der USA ist gebrochen und die chinesische Vorherrschaft über die Welt zum Greifen nahe.“ Xi sieht, wer Zukunft hat und wer nicht.
Das letzte Kapitel
Masala entwirft ein realistisches Szenario. Aus mir unbekannten Gründen ist das letzte Kapitel der Geschichte nicht Teil des Buchs, man muss in den Buchläden extra danach fragen. Es umfasst drei Tage im Mai 2028.
„1. Mai 2028
Trump hat die Wahlen am 7. November 2028 abgesagt. Er hätte sie verloren. Die Proteste in einigen Städten, von linksradikalen Woken und kanadischen Drogendealern angezettelt, wie er erklärte, hat die ICE mit großer Brutalität niedergeschlagen. Um sich ohne Wahlen die Zustimmung der Mehrheit der Amerikaner zu versichern, hat Trump nach dem NATO-Debakel um Estland noch im April 2028 Grönland besetzen lassen, King-Trump-Land, wie es nun heißt. Ländern, die das nicht anerkennen, droht er mit Strafzöllen von 5000 %. Die russische Aggression in Estland habe gezeigt, so Trump, dass er Maßnahmen zum Schutz der nationalen Sicherheit der USA ergreifen müsse, die NATO sei ersichtlich nicht dazu in der Lage. Die EU äußert Verständnis, Kanada erklärt sich bereit, den USA Überflug- und Durchmarschrechte nach Grönland zu gewähren und einen Beitritt zu den USA zu prüfen. Macron will weiter „Grönland“ sagen. Trump erklärt, Macron sei ein Trottel, der nicht mal in den Epstein-Files erwähnt würde, und er freue sich sehr, dass seine Freundin Ällis Weidel, eine richtig gute Freundin, im Herbst den Merz mit seinem lächerlichen Kleinflugzeug ablöse. Er käme gerne zu ihrer Amtseinführung nach Brüssel.
3. Mai 2028
Turksprachige und kaukasische Nationalisten haben in den Grenzregionen Russlands blutige Unruhen entfacht. Obmantschikow schafft es nicht, für Ruhe sorgen. Im Afrika wird zeitgleich sein Afrikacorps, die frühere Wagnergruppe, durch den wiedererstarkten IS aufgerieben. China kündigt an, sein Verhältnis zu den USA neu ordnen zu wollen, nach der Wiedervereinigung mit Taiwan, dem Abzug der USA aus Südkorea und der Anerkennung des chinesischen Protektorats über die Philippinen durch die USA gebe es keine Streitpunkte mehr mit den transpazifischen Freunden. Man bedauere den kurzen militärischen Schlagabtausch in Australien. Man werde Russland nicht weiter unterstützen. Modi lässt mitteilen, man habe gerade andere Sorgen als russisches Öl und droht Pakistan wegen Kaschmir mit dem Atomkrieg.
8. Mai 2028
Die Schwäche der Moskauer Zentrale wird von schon lange lauernden Kräften ausgenutzt. Das Riesenland war immer nur durch Stärke nach innen und Aggression nach außen zusammenzuhalten. Jetzt kommt es auch in Zentralrussland zu Aufständen. Man munkelt, Xi habe seine Finger im Spiel und wolle Ostsibirien übernehmen, wegen des Zugangs zum strategisch wichtigen Polarmeer und um verwandte Ethnien vor den Unruhen zu schützen. Obmantschikow stürzt, die „Stunde der Raubtiere“ triumphiert auch in Moskau, das Ende der „regelbasierten Weltordnung“ macht vor Russland nicht halt. Das Riesenland bricht in Tagen auseinander. Russische Militärs der alten Schule, chinesische und US-amerikanische Kräfte sichern die Atom-Waffen des Landes. Man gibt im Pekinger Memorandum Sicherheitsgarantien für das Land, das schon nicht mehr existiert, wenn es seine Atomwaffen abgibt.
In Peking jubeln die Massen Xi bei einer öffentlichen Kundgebung auf dem Platz des himmlischen Friedens zu. Ein alter Mann, manche meinen den Dalai Lama zu erkennen, aber der würde sich doch sicher nicht nach Peking wagen, murmelt „Respice post te, hominem te esse memento”.
Der Blick in die Geschichte lässt keine Reiche von Dauer erkennen. Die Pharaonen, über Jahrhunderte gottgleiche Herrscher am Nil, haben ihre Macht verloren, das Reich Alexander des Großen ist untergegangen, ebenso das römische Imperium, das Weltreich Karls V., in dem die Sonne nicht unterging, das britische Empire, in dem sie auch nicht unterging, der deutsche Griff zur Weltmacht ist gescheitert, nun auch das Kolonialreich der Zaren. Noch ist Xis Macht ungebrochen. Aber an allem nagt der Zahn der Zeit.“
Ende.



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