In Deutschland ist die Frage, wie man mit der Wiederkehr des nationalistischen, ausgrenzenden, rechten Denkens und Fühlens umgehen soll, derzeit auf der tagespolitischen Agenda wie selten zuvor. Kein Wunder, auch hierzulande kehren auf dem Rücken aktueller Probleme – Zukunftssorgen, soziale Ungleichheit, Wohnungsnot, Migration usw. – böse Geister der Vergangenheit wieder. Und sie werden, da und dort, tastend, testend, positiv konnotiert:
„Unsere Vorfahren waren keine Verbrecher!“
„Unsere Vorfahren waren große Männer und Frauen, es waren Helden, es waren Vorbilder und jeder von uns ist aufgerufen, daran zu arbeiten, dass er den Maßstäben unserer Vorfahren gerecht wird!“
Der Mann, der das gesagt hat, Maximilian Krah, ist soeben mit 44,2 % der Erststimmen im Wahlkreis Chemnitzer Umland – Erzgebirgskreis II als Direktkandidat für die AfD in den Bundestag gewählt worden.
Seine Sätze ein Skandal? Ein Skandal, keine Frage. Er verharmlost den Nationalsozialismus nicht, er ruft zu seiner Wiederholung auf. Aber wenn seine Aussage ein Skandal ist, dann doch auch diese:
„Dachau zu schützen und dich / zogen die Helden ins Feld /Dank gebührt dafür / groß wie das Opfer einst war“.
Das ist erschreckend ähnlich zu Krahs Aussage. Auch in diesen Zeilen werden die, die Hitlers Angriffskrieg mit all seinen Kriegsverbrechen und Massenmorden mitgemacht haben, manche unfreiwillig, viele aber auch überzeugt, nicht wenige Täter, pauschal zu „Helden“ und damit Vorbildern verklärt. Kein Wort zu ihren Opfern. Die zitierte Sentenz steht, wie vor einem Jahr hier im Blog schon einmal thematisiert, kommentarlos auf einem Denkmal in Dachau, dem Sockel eines Kreuzes vor einer Kirche.
Die Inschrift wird in Dachau nicht beachtet und nicht diskutiert. Wenn man Leute in Dachau darauf anspricht, erntet man so gut wie immer verständnisloses Achselzucken. Freising, ein Städtchen nicht weit von Dachau, zeigt, wie es besser geht. Dort steht ein Kriegerdenkmal, das vor einiger Zeit neugestaltet wurde, mit mehreren mahnenden Tafeln.
Im Wahlkampf habe ich auch ein paar Lokalpolitiker:innen in Dachau an ihren Wahlkampfständen auf die Inschrift angesprochen. Mein Vorschlag war, am Denkmal eine kommentierende Infotafel anzubringen. Sie kann ja klein sein, aber sie sollte nicht fehlen.
Bei den Grünen hat einer der Funktionäre, dem die Inschrift ebenfalls noch nicht aufgefallen war, versprochen, die Anregung im Stadtrat zur Diskussion zu bringen, man plane ohnehin einen Ausbau von Infotafeln zur nationalsozialistischen Vergangenheit in Dachau. Ein Besucher am Infostand, der sehr engagiert vor den Gefahren der Kernenergie warnte, war deutlich distanter. Das sei doch alles lange her, und dann ein Standardargument, das man immer wieder hört: „Es waren doch nicht alles Verbrecher“. Eine kleine Nuance gegenüber der Aussage von Maximilian Krah, in der Sache korrekt, aber spricht das dafür, die Inschrift unkommentiert stehen zu lassen, wie sie seit Jahrzehnten dasteht?
Am CSU-Stand, vielleicht 300 Meter von dem Denkmal entfernt, waren zwei nette junge Leute ganz überrascht davon, was da stehen soll. Das haben sie nie wahrgenommen. Auch hier trat ein Bürger am Stand vehement dafür ein, doch anzuerkennen, dass nicht alle Verbrecher waren. Kein Problem, warum sollte man das nicht tun. Und das andere auch.
Dann war ich noch am SPD-Stand. Das war insofern ein Erlebnis, weil dort eine Lokalpolitikerin der Partei mir durch ihre ganze Körperhaltung signalisiert hat, dass ich sie doch mit solchen Sachen in Ruhe lassen soll. Dass ich das Thema nicht aggressiv oder anklagend angesprochen habe, sei daher eigens dazugesagt. Ihre Linie war eine andere: „Da müsste man ja in ganz Deutschland etwas tun“. Ich weiß nicht, ob sie später noch einmal über diesen Satz nachgedacht hat. Aber sie hat natürlich völlig recht. Nur sollte man diesen Konjunktiv nicht als einen zur Rechtfertigung des Wegsehens, sondern als Aufruf zum Hinsehen und Handeln verstehen. In Dachau mit seiner besonderen Geschichte ohnehin, und in „ganz Deutschland“ ebenso.
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