Gerade erleben wir eine Renaissance des Klassenkampfes von oben. Am Sozialstaat soll gespart werden, damit sich die Wohlhabenden nicht stärker an den öffentlichen Aufgaben beteiligen müssen. Die Menschen in Deutschland sind angeblich zu faul, machen zu viel blau, gehen zu oft zum Arzt und zu früh mit zu viel Geld in Rente. Der Sozialstaat sei mit dem, was wir erwirtschaften, nicht mehr bezahlbar, sagt sogar der christdemokratische Kanzler Friedrich Merz.
Vermutlich kennen die meisten das biblische Gleichnis vom armen Lazarus (Lukas 16,19–31):
„19 Es war einmal ein reicher Mann, der sich in Purpur und feines Leinen kleidete und Tag für Tag glanzvolle Feste feierte. 20 Vor der Tür des Reichen aber lag ein armer Mann namens Lazarus, dessen Leib voller Geschwüre war. 21 Er hätte gern seinen Hunger mit dem gestillt, was vom Tisch des Reichen herunterfiel. Stattdessen kamen die Hunde und leckten an seinen Geschwüren. 22 Es geschah aber: Der Arme starb und wurde von den Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche starb und wurde begraben. 23 In der Unterwelt, wo er qualvolle Schmerzen litt, blickte er auf und sah von Weitem Abraham und Lazarus in seinem Schoß. 24 Da rief er: Vater Abraham, hab Erbarmen mit mir und schick Lazarus; er soll die Spitze seines Fingers ins Wasser tauchen und mir die Zunge kühlen, denn ich leide große Qual in diesem Feuer. 25 Abraham erwiderte: Mein Kind, erinnere dich daran, dass du schon zu Lebzeiten deine Wohltaten erhalten hast, Lazarus dagegen nur Schlechtes. Jetzt wird er hier getröstet, du aber leidest große Qual. 26 Außerdem ist zwischen uns und euch ein tiefer, unüberwindlicher Abgrund, sodass niemand von hier zu euch oder von dort zu uns kommen kann, selbst wenn er wollte. 27 Da sagte der Reiche: Dann bitte ich dich, Vater, schick ihn in das Haus meines Vaters! 28 Denn ich habe noch fünf Brüder. Er soll sie warnen, damit nicht auch sie an diesen Ort der Qual kommen. 29 Abraham aber sagte: Sie haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören. 30 Er erwiderte: Nein, Vater Abraham, aber wenn einer von den Toten zu ihnen kommt, werden sie umkehren. 31 Darauf sagte Abraham zu ihm: Wenn sie auf Mose und die Propheten nicht hören, werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn einer von den Toten aufersteht.“
Der arme Lazarus war von Geschwüren übersät, heißt es. Man wusste schon vor 2000 Jahren, dass Armut krank macht. Das sieht man, wenn man es sehen will, dazu braucht es keine Sozialepidemiologie.
Das führt auch zur Hauptbotschaft dieser Geschichte. Viele von denen, die mehr als genug haben, interessieren sich nicht für die, denen es hinten und vorne fehlt. Und die Politik predigt nur zu oft nach dem Muster der Trickle-Down-Theorie, dass man denen, die haben, noch mehr geben muss, dann würden schon ein paar Brosamen für den Rest abfallen. Ansonsten sollen sie halt den Gürtel enger schnallen.
Das biblische Gleichnis kommentiert das unmissverständlich und verspricht Gerechtigkeit im Jenseits. Auch viele Superreiche heute, ob sie nun Elon Musk oder Theo Müller heißen, leben in ihrer eigenen Welt, es interessiert sie nicht, wie es den „Loosern“ geht, es interessiert sie auch nicht, was Studien dazu sagen, es würde sie auch nicht interessieren, wenn deswegen die Toten auferstehen würden. In manchen nicht ganz so reichen Milieus wird diese Kultur des Wegsehens und der Verachtung von Menschen, denen es schlecht geht, ebenfalls gepflegt. Auch hier sind Appelle, für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, sinnlos, schließlich, so heißt es, hätten die Bedürftigen ihr Schicksal in der Regel selbst verschuldet und die Erfolgreichen das ihre selbst erarbeitet. Dass Reichtum häufiger egoistisch und mitleidlos macht, zeigen sogar empirische Studien. Nicht erst heute. Aber wie gesagt, selbst wenn die Toten auferstehen würden …
Deswegen reicht das Vertrauen auf Barmherzigkeit nicht, deswegen reicht Sloterdijks aus freien Stücken „gebende Hand“ nicht, deswegen braucht es den Sozialstaat, wenn man im Diesseits etwas mehr Gerechtigkeit haben will.



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