In einschlägig interessierten Kreisen wird gerade das Narrativ gefüttert, die Beschäftigten in Deutschland seien faul, würden zu viel blau machen und seien insgesamt durch den Sozialstaat in ihrer Leistungsbereitschaft gehemmt. Und manche fügen hinzu, dass sie auch deswegen so wenig arbeiten wollen, weil sie so viel Einkommenssteuer zahlen müssen.
Zum letzten Argument hat heute Daniel Stelter, Ökonom und Podcast-Partner von Ulf Poschardt, eine korrelative Grafik auf Linkedin gezeigt, verbunden mit einer Suggestivfrage:

Die erste Frage, die sich aufdrängt, ist, ob wir uns demnach ein Beispiel an Ländern wie Pakistan, Bangladesh, Vietnam oder Äthiopien nehmen sollen. Die Antwort wird vermutlich zumindest bei den meisten, die abhängig beschäftigt sind, lauten, lieber nicht.
Eine zweite Frage wäre, wie gut diese Darstellung gegen Confounding und andere Einflussfaktoren absichert ist. Die Antwort muss wohl lauten, gar nicht. In den genannten Ländern wird man sicher nicht deswegen mehr arbeiten, weil die Einkommenssteuer niedriger ist, sondern weil man sonst schlicht nicht über die Runden kommt. Die Grafik hat gute Voraussetzungen, in die Sammlung spurios correlations aufgenommen zu werden.
Eine dritte Frage wäre, ob der von Stelter insinuierte Zusammenhang angesichts interpersoneller Varianzen überhaupt sinnvoll auf der Ebene von durchschnittlichen Arbeitszeiten und durchschnittlichen Steuersätzen abzubilden ist, und falls ja, wie valide diese Daten z.B. in Äthiopien oder im Kongo ermittelt wurden.
Eine vierte Frage wäre, welche Vorstellungen Daniel Stelter von Arbeitsmotivation hat. Aus der Arbeitspsychologie weiß man, dass Geld insgesamt nur ein Teilaspekt ist. Ohne Geld geht es nicht, klar, man muss ja Miete und Essen zahlen, und noch ein paar Dinge mehr. Aber die Arbeitsmotivation ist ein ziemlich kompliziertes Ding, dazu gehört auch, dass Arbeitslosigkeit für viele keine attraktive Alternative ist, dass Arbeit zumindest in manchen Berufen die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung bietet, in manchen Berufen auch dadurch motiviert, dass man anderen Menschen hilft (nur für das Geld arbeiten vermutlich die wenigsten Pflegekräfte), oder dass man soziale Kontakte hat und noch das eine oder andere mehr. Es gibt ganze Bibliotheken dazu, die psychologische Motivationsforschung ist über 100 Jahre alt – man könnte sie zur Kenntnis nehmen.
Eine fünfte Frage wäre, Anschlussfrage an die vierte, warum Stelter ausgerechnet eine Verlustaversion so hervorhebt? Ob es ihm gar nicht um die Arbeitsmotivation geht, sondern um Kritik am Steuerstaat? Kann man machen, und z.B. fragen, ob das Steuersystem gerecht ist. Viele Fachleute sagen, dass Arbeit zu sehr besteuert wird und Kapital, z.B. Dividenden oder große Erbschaften, zu wenig. Aber das hat Daniel Stelter gewiss nicht gemeint. Dagegen agitiert er zusammen mit Ulf Poschardt nach Leibeskräften.
Eine sechste Frage wäre, wie frei die Beschäftigten in Deutschland oder auch international ihre Arbeitszeit überhaupt wählen können, also wie hoch die Elastizität der Arbeitszeit in Bezug auf die Einkommenssteuer ist.
Man könnte noch mehr fragen. Fragen über Fragen, die sich zum Eindruck verdichten, dass die Grafik und der darin nahegelegte Kausalzusammenhang doch zumindest sehr fragwürdig ist. Aber das ist eigentlich auch wieder egal, weil es in der aktuellen sozialpolitischen Auseinandersetzung gar nicht so sehr um Fakten geht, sondern mehr um Stimmungsmache in einem härter werdenden Verteilungskampf. Daten werden dabei zur Munition, sie dienen nicht zur gemeinsamen Verständigung in der Sache, sondern zum Einsatz im Gegeneinander.



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