In einschlägig interessierten Kreisen wird gerade das Narrativ gefüttert, die Beschäftigten in Deutschland seien faul, würden zu viel blau machen und seien insgesamt durch den Sozialstaat in ihrer Leistungsbereitschaft gehemmt. Und manche fügen hinzu, dass sie auch deswegen so wenig arbeiten wollen, weil sie so viel Einkommenssteuer zahlen müssen.

Zum letzten Argument hat heute Daniel Stelter, Ökonom und Podcast-Partner von Ulf Poschardt, eine korrelative Grafik auf Linkedin gezeigt, verbunden mit einer Suggestivfrage:

Die erste Frage, die sich aufdrängt, ist, ob wir uns demnach ein Beispiel an Ländern wie Pakistan, Bangladesh, Vietnam oder Äthiopien nehmen sollen. Die Antwort wird vermutlich zumindest bei den meisten, die abhängig beschäftigt sind, lauten, lieber nicht.

Eine zweite Frage wäre, wie gut diese Darstellung gegen Confounding und andere Einflussfaktoren absichert ist. Die Antwort muss wohl lauten, gar nicht. In den genannten Ländern wird man sicher nicht deswegen mehr arbeiten, weil die Einkommenssteuer niedriger ist, sondern weil man sonst schlicht nicht über die Runden kommt. Die Grafik hat gute Voraussetzungen, in die Sammlung spurios correlations aufgenommen zu werden.

Eine dritte Frage wäre, ob der von Stelter insinuierte Zusammenhang angesichts interpersoneller Varianzen überhaupt sinnvoll auf der Ebene von durchschnittlichen Arbeitszeiten und durchschnittlichen Steuersätzen abzubilden ist, und falls ja, wie valide diese Daten z.B. in Äthiopien oder im Kongo ermittelt wurden.

Eine vierte Frage wäre, welche Vorstellungen Daniel Stelter von Arbeitsmotivation hat. Aus der Arbeitspsychologie weiß man, dass Geld insgesamt nur ein Teilaspekt ist. Ohne Geld geht es nicht, klar, man muss ja Miete und Essen zahlen, und noch ein paar Dinge mehr. Aber die Arbeitsmotivation ist ein ziemlich kompliziertes Ding, dazu gehört auch, dass Arbeitslosigkeit für viele keine attraktive Alternative ist, dass Arbeit zumindest in manchen Berufen die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung bietet, in manchen Berufen auch dadurch motiviert, dass man anderen Menschen hilft (nur für das Geld arbeiten vermutlich die wenigsten Pflegekräfte), oder dass man soziale Kontakte hat und noch das eine oder andere mehr. Es gibt ganze Bibliotheken dazu, die psychologische Motivationsforschung ist über 100 Jahre alt – man könnte sie zur Kenntnis nehmen.

Eine fünfte Frage wäre, Anschlussfrage an die vierte, warum Stelter ausgerechnet eine Verlustaversion so hervorhebt? Ob es ihm gar nicht um die Arbeitsmotivation geht, sondern um Kritik am Steuerstaat? Kann man machen, und z.B. fragen, ob das Steuersystem gerecht ist. Viele Fachleute sagen, dass Arbeit zu sehr besteuert wird und Kapital, z.B. Dividenden oder große Erbschaften, zu wenig. Aber das hat Daniel Stelter gewiss nicht gemeint. Dagegen agitiert er zusammen mit Ulf Poschardt nach Leibeskräften.

Eine sechste Frage wäre, wie frei die Beschäftigten in Deutschland oder auch international ihre Arbeitszeit überhaupt wählen können, also wie hoch die Elastizität der Arbeitszeit in Bezug auf die Einkommenssteuer ist.

Man könnte noch mehr fragen. Fragen über Fragen, die sich zum Eindruck verdichten, dass die Grafik und der darin nahegelegte Kausalzusammenhang doch zumindest sehr fragwürdig ist. Aber das ist eigentlich auch wieder egal, weil es in der aktuellen sozialpolitischen Auseinandersetzung gar nicht so sehr um Fakten geht, sondern mehr um Stimmungsmache in einem härter werdenden Verteilungskampf. Daten werden dabei zur Munition, sie dienen nicht zur gemeinsamen Verständigung in der Sache, sondern zum Einsatz im Gegeneinander.

——————-
Nachtrag: Makroskop hat den Blogbeitrag netterweise wieder übernommen: https://makroskop.eu/04-2026/daniel-stelter-die-arbeitszeit-und-die-arbeitsmotivation/

Kommentare (34)

  1. #1 Ludger
    24. Januar 2026

    Ich versuche mal einige Gedankengänge von “Entscheidern” zu erraten:

    Unserem Land könnte es wirtschaftlich besser gehen. Als eine Ursache (neben Corona, Trump ,Xi und Putin, die sich unserer Einflussnahme weitgehend entziehen) fällt einigen Verantwortlichen (Merz, Arbeitgeber) auf, dass in Deutschland weniger gearbeitet wird als in manchen anderen vergleichbaren entwickelten Industriestaaten, was manchmal nicht am Arbeitsmangel liegt. Könnte man daran etwas verbessern?
    Was passiert mit dem Mehrverdienst, wenn ein Arbeitnehmer seine Arbeitszeit im Monat um 20 Stunden erhöht? Er könnte beispielsweise von Teilzeit auf die volle 38-Stundenwoche aufstocken oder fest eine wöchentlich verlängerte Arbeitszeit vereinbaren. Er soll dafür beispielsweise 500,-€ mehr brutto im Monat bekommen.
    Davon gehen herunter: zusätzliche Steuern gemäß der Progressionstabelle und vom steuerpflichtigen Einkommen zusätzliche Sozialversicherungsbeiträge. Das heißt: die Abgaben steigen progressiv mit dem Einkommen.
    Der übrig bleibende Netto-Mehrverdienst reicht offenbar als Motivation nicht aus.
    Was könnte man tun, um diese Motivationsbremse abzuschwächen?
    Weil für den Sozialausgleich eigentlich das Steuersystem gedacht ist und nicht die Krankenversicherung, könnte man ein lineares Einkommenssystem einführen, welches keinen Mittelstandsbauch mehr hat, und die Krankenkasse mit einer Kopfpauschale finanzieren.
    Den Vorschlag gab es doch schon mal. Ging damals nicht so ein “Professor aus Heidelberg” damit hausieren? Diese Bezeichnung stammte von Herrn Schröder, der so tat, als sei der ehemalige Verfassungsrichter Prof. Paul Kirchhof ein unbedeutender akademischer Spinner ( https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Kirchhof ).
    Leider wurden die Ideen Kirchhofs von Herrn Schröder und Freunden so effektiv abgesägt, dass heute kein CDU-Politiker an solche Gedanken heranwagt.
    Doch, da geht noch was:
    Der Arbeitnehmer könnte einen Minijob für 603 € im Monat annehmen. Dann wären Mittelstandsbauch der Steuer mit progressiv berechneter Sozialversicherung weg. Nur geht das nicht im Hauptjob. (Korrekturmöglichkeit?)
    Was können wir daraus lernen?
    Wenn einer eine Idee hat, soll man die diskutieren. Fundamentalopposition und Shitstorm führen nur zur Blockade und die gibt es schon zur Genüge.

    • #2 Joseph Kuhn
      24. Januar 2026

      @ Ludger:

      Ich würde die Frage, wie man die Einkommenssteuer sinnvoll reformiert, auch so stellen. Dazu gibt es ja gute Konzepte, eine Absichtserklärung in der Koalitionsvereinbarung und der Finanzminister hat auch schon angekündigt, dazu 2026 einen Reformvorschlag vorzulegen. Die schräge Grafik von Herrn Stelter samt seiner rhetorischen Frage braucht niemand.

  2. #3 NI
    24. Januar 2026

    “Man könnte noch mehr fragen.”
    Z.B. Warum bekommt man zeitnah keine Handwerker mehr ?
    Warum sind die Wartezeiten bei Therapeuten so lang ?
    Warum liegen die Arbeitslöhne bei KFZ-Werkstätten schon jenseits der 100 € Marke.
    Warum ist die Lebenserwartung nicht bei allen Berufen gleich ?
    Letzte Frage, gibt es noch einen Berufsethos?

    Wenn man also so ein Thema auf die Arbeitszeit und die Lust auf Arbeit reduziert, dann muss man auch fragen, geht es um Fremdmotivation oder Selbstmotivation, geht es um Angestellte, geht es um Teilselbständige oder sogar Selbständige ?

  3. #4 Ludger
    24. Januar 2026

    J.K.:

    Die schräge Grafik von Herrn Stelter samt seiner rhetorischen Frage braucht niemand.

    So ist es. Leider agitieren manche Leute mit schlechten Argumenten, obwohl sie das wissen (müssten).

  4. #5 Joseph Kuhn
    25. Januar 2026

    Noch etwas mehr Stelter-Ideologie

    Zusammen mit seinem Buddy Ulf Poschardt hat Daniel Stelter festgestellt, dass wir für die Landesverteidigung “toxische Männlichkeit” brauchen. Und Trump ein “Anpacker” sei, der mit Venezuela gezeigt habe, wie es geht: “‘Pass mal auf, so sieht’s aus! Wir sind ein Land der Macher.’ Das war Deutschland auch. Jetzt aber schwätzt man nur noch.”

    Klar, mit Polen waren wir damals in vier Wochen ferrtig, mit viel “toxischer Männlichkeit”.

    Stelter propagiert dabei das Recht des Stärkeren in der internationalen Politik ganz ungeniert: “Jetzt können wir natürlich noch mal über Grönland diskutieren. Trump guckt sich die Weltkarte an und sagt im Prinzip: Was brauche ich? Meine persönliche Schlussfolgerung daraus ist – und da bin ich bei Dir: Wir müssen in Deutschland weniger reden, weniger den Sozialstaat verteidigen und stattdessen unsere Fitness steigern.”

    Poschardt sagt in diesem Podcast einen richtigen Satz: “Im Kriegsfall wird man mit solchen Schwätzern nichts anfangen können”. Im Friedensfall allerdings auch nicht, da produzieren sie sinnlose Grafiken und gruselige Podcasts.

  5. #6 NI
    25. Januar 2026

    zu Daniel Stelter,
    der amerikanische Präsident hat den Batchelor in Wirtschaftswissenschaften , Daniel Stelter hat auch Wirtschaftswissenschaften studiert.
    Beiden hätte ein Studium der Politikwissenschaft gut gestanden.
    Übrigens…….der russische Präsident hat auch Wirtschaftswissenschaften an der Universität St. Petersburg studiert, wenn das kein Zufall ist ?
    Xi Jinping hat dagegen mit einem Doktor der Rechte abgeschlossen.(nach google).

    • #7 Joseph Kuhn
      25. Januar 2026

      … und Merkel hat Physik studiert. Das wird kein Zufall sein. Aber was soll es bedeuten?

  6. #8 NI
    25. Januar 2026

    zu #7 was soll es bedeuten ?
    Interessant ist doch, dass Bush Junior auch Wirtschaftswissenschaften studiert hat, sein Vater ebenso . John F. Kennedy hat die London School of Economics besucht. Einen Zusammenhang von einer aggressiven Außenpolitik und wirtschaftlicher Denkweise anzunehmen ist überlegenswert.
    Ronald Reagan studierte am
    Eureka College in Illinois Wirtschaftswissenschaften, Soziologie und Theaterwissenschaften. eine gelungene Kombination.
    Nachtrag: Und wenn man das alles konstruiert ansieht, dann bleibt doch der Unterhaltungswert. Bei scienceblog zu lesen , sollte auch unterhaltsam sein.

  7. #9 Staphylococcus rex
    26. Januar 2026

    @NI, manchmal ist Ockhams Rasiermesser hilfreicher als Verschwörungstheorien. Für einen angehenden Berufspolitiker kann ein akademischer Abschluss manche Türen öffnen. Andererseits hat ein angehender Berufspolitiker (wie andere Menschen auch) ein begrenztes Kontingent an Zeit, Intellekt und Kraft. Außerdem dürfte der Konkurrenzdruck in einer frühen Karrierephase sehr hoch sein.

    Wenn es also ein akademischer Abschluss sein soll, dann möglichst einer mit dual-use Potential. Als Wirtschaftswissenschaftler kann man akademisch arbeiten, kann man Managementaufgaben wahrnehmen, als Lobbyist arbeiten oder eben auch sich an einer politischen Karriere versuchen. Dass viele Politiker Wirtschaftswissenschaften studiert haben, spricht lediglich dafür, dass ein Generalistenstudium mit unterschiedlichen möglichen Karrierepfaden für einen Berufspolitiker gewisse Vorteile bietet.

  8. #10 Staphylococcus rex
    26. Januar 2026

    Noch ein paar Worte zum eigentlichen Thema: Aktuell läuft da seitens CDU und verschiedener Interessensgruppen eine Kampagne gegen das Recht auf Teilzeit.

    Das Kernproblem hat bereits Ludger in seinem Beitrag angesprochen: Deutschland hat ein großes Problem mit Ungleichheit und so wie diese Ungleichheit wächst, bedeutet dies, die Oberschicht hat sich aus der Finanzierung der Sozialsysteme weitgehend verabschiedet und die Sozialsysteme werden derzeit weitgehend von den Mittelschichten finanziert. Deshalb auch der “Mittelstandsbauch” bei den Abgaben, deshalb liegt bei mittleren und höheren Einkommensgruppen das Optimum der Work-Life-Balance weit unterhalb der 40 Wochenstunden.

    Das Problem dabei ist, für die Spitzenverdiener/Oberschicht ist die Referenz der Selbstbedienungsladen/Kleptokratie in den USA und in Russland. Deshalb fehlt in dieser Personengruppe und bei ihren Claqueren in politischen Ämtern das Problembewußtsein, dass es in Deutschland und Europa Zeit ist für große Reformen des Steuerrechts und der Sozialsysteme.

    Wobei, wenn die Sozialsysteme demografisch abgesichert werden sollen, dann wird es für einige Personen ein böses Erwachen geben. Das bedeutet nämlich, dass für Kinderlose die Beiträge bei Kranken- und Pflegeversicherung steigen müssen (weil die Leistungen für Kindelose nicht gekürzt werden können). Dies bedeutet auch, dass die Leistungen für Kindelose in der Rentenversicherung gekürzt werden und die Lücke durch private Vorsorge geschlossen werden muß. Da aus Angst vor politischem Selbstmord derartige Berechnungen bisher noch nicht das Licht der Öffentlichkeit erblickt haben, kann ich aber auch nicht sagen, wie gravierend die finanziellen Auswirkungen einer demografischen Absicherung der Sozialsysteme wären.

  9. #11 NI
    26. Januar 2026

    zu 10 “Da aus Angst vor politischem Selbstmord derartige Berechnungen bisher noch nicht das Licht der Öffentlichkeit erblickt haben, kann ich aber auch nicht sagen, wie gravierend die finanziellen Auswirkungen einer demografischen Absicherung der Sozialsysteme wären.”
    Antwort: Die demografische Absicherung existiert de facto nicht, die Kindergartenplätze nehmen ab, die Gebühren kann eine alleinerziehende Mutter nicht bezahlen, kurz, Kinder sind wirtschaftlich betrachtet unrentabel.
    Das Problem mit der Teilzeitarbeit kann nicht allgemein gelöst werden. Ein Feuerwehrmann weiß nicht vorher wenn es brennt, der muss verfügbar bleiben.

  10. #12 Oliver Gabath
    26. Januar 2026

    Daniel Stelter ist weder Reservist, noch im Katastrophenschutz aktiv. Als Westberliner hat er vermutlich auch keinen Wehrdienst leisten müssen. Beim Suchen im Netz habe ich keinen Hinweis darauf gefunden, dass es anders wäre.

    Ist schon irgendwie amüsant, wenn man als aktiver hört, was es zur Verteidigungsfähigkeit brauche. Umso amüsanter, wenn man’s von jemandem hört, der weder kämpfen, noch sich um Verwundete kümmern müsste. Und noch viel besser wird’s, wenn man der jungen Generation, die es im Zweifel ausbaden müsste, keinen positiven Gesellschaftsentwurf anbieten kann, sondern fordert, dass sie verteidigt, was – ja was eigentlich? Höhere Sozialabgaben für die alternde Gesellschaft? Entgeltsteigerungen zukünftig unterhalb der Inflationsrate und seit Jahrzehnten unterhalb der Produktivitätszuwächse? Aufweichung unserer Grundrechte durch die die immer und immer wieder durchs Dorf getriebene Vorratsdatenspeicherung? Und das während einer aktuellen Wirtschaftskrise und dem Damoklesschwert KI, das über den Jobs schwebt, die bisher Berufseinsteiger gemacht haben?

    Ich bin über 40, ein Spezialist, habe Familie, mir geht es gut, etc. Ich habe hierzulande eine Menge zu verteidigen. Würde das für mein im Jahr 2026 20-jähriges Äquivalent auch gelten?

  11. #13 naja
    26. Januar 2026

    @ Joseph Kun #5
    Der Gag mit toxischer Männlichkeit, Machertum, Schwätzerei und damals Polen war richtig gut.

  12. #14 Staphylococcus rex
    27. Januar 2026

    @NI, der Kommentar #11 geht in teilweise am Thema vorbei.

    1) Bereits jetzt muß Teilzeit Rücksicht auf Stellenbeschreibungen und Dienstsysteme nehmen. Eine 50%-Stelle heißt nicht, dass der hypothetische Feuerwehrmann seine 8-Stunden Schicht nach 4 Stunden beendet, sondern dass er nur halb so viele 8-Stunden Schichten im Monat besetzen muss.
    2) Die Hauptstreitfrage bei der Teilzeit besteht darin, ob die Vollzeit angeordnet werden kann oder ob die Vollzeit eine freie Entscheidung des Arbeitnehmers und eine entsprechende Motivierung voraussetzt. Bei der Motivierung sind wir automatisch ganz tief in den rechtlichen Rahmenbedingungen und im Steuerrecht.
    Ich persönlich marschiere in großen Schritten auf das Rentenalter zu, ich habe seit über 25 Jahren jedes dritte Wochenende Rufbereitschaft und ich habe nicht vor mir von irgendwelchen Schreibtischtätern in private Entscheidungen reinreden zu lassen.
    3) Die sozialen Sicherungssysteme sind derzeit nicht demografiefest. Der einzige zaghafte Ansatz besteht darin, dass Kinderlose einen höheren Beitrag in der Pflegeversicherung zahlen. Deshalb sind alleinerziehende Mütter derzeit auch massiv benachteiligt. Es geht nicht um Moral, Kinderlosigkeit kann viele Ursachen haben. Wer aber nicht am Generationenvertrag teilnimmt (egal ob gewollt oder ungewollt) muß sich anderweitig an der Absicherung der Sozialsysteme beteiligen. Und hier vermisse ich die entsprechenden Modellrechnungen.

  13. #15 NI
    29. Januar 2026

    Staphylolcoccus,
    #11 geht in teilweise am Thema vorbei.

    Zu kurz gedacht. Es geht um das Verständnis, wie ein Staat organisiert werden muss um im weltweiten Ranking bestehen zu können.
    Deutschland z.B. kann sich nicht selbst ernähren. Dafür sind die landwirtschaftlichen Flächen zu klein.
    Wir sind auf andere Qualitäten angewiesen. Noch vor einer Generation nannte man das “Know How”. Das bedeutet Vorsprung durch Technik. Mit dem erzielten Exporftüberschuss haben wir unseren “Wohlstand ” finanziert.
    Und eine exportorientierte Industrie braucht eine perfekte Organisation, kostengünstig.
    Und dazu gehört die Bereitschaft der Arbeitnehmer , früher nannte man das Pflichtgefühl.
    Auch wenn es dir nicht gefällt, es liegt nicht im Ermessen des Einzelnen, sich die bequemsten Arbeitszeiten auszusuchen. Ich nenne es einmal Common Sense.
    Erinnerst du dich an den Song “und jetzt wird wieder in die Hände gespuckt “.
    Wenn wir uns nicht mehr an diesen Qualitäten orientieren, werden uns die Asiaten wirtschaftlich überrollen, und dann, dann kanst du dir aussuchen ober du lieber arbeitslos bist oder unbequeme Arbeine auf dich nimmst.

  14. #16 Oliver Gabath
    29. Januar 2026

    Durchaus richtig, aber dazu gehört die Sozialpartnerschaft. Wenn die beiden klassischen Mittelschichtversprechen ‘Ich arbeite jetzt und dafür kann ich mir im Laufe meines Arbeitslebens mein Eigenheim finanzieren und werde es im Alter gut haben’ nicht mehr gelten, dann ist das mit dem Pflichtgefühl so eine Sache.

    Nebenbei: ‘Pflichtgefühl’ ist doch genauso eine Worthülse. Damit bezahlt keiner morgens seine Brötchen.

  15. #17 NI
    29. Januar 2026

    zu #16 Betreff Sozialpartnerschaft

    Warum überprüft man nicht die Politiker auf Sozialverhalten. Herr Kuhn macht das ja auf seine Weise, indem er Aussprüche von Politikern/ Politikerinnen auf die Goldwaage lerg. Dagegen liegen bei uns einige Politiker im Himmelbett und sehen gar nicht mehr die Probleme “kleiner Leute”.
    Menschen sind bereit Opfer zu bringen, wenn sie gleichzeitig gerecht entlohnt werden. Der Busfahrer, der morgens um 6 Uhr aufstehen muss, damit der Bus pünktlich um 7 Uhr fahren kann, und das bei Regenwetter,das ist Pflichtgefühl. Jede Mutter hat Pflichtgefühl ihrem Kinde gegenüber, nur nennt man das dann Mutterliebe. Unsere Kassiererin bei ……, die arbeitet sogar, wenn sie sichtbar krank ist. Das macht sie nichts aus Angst vor Entlassung, die liebt ihre Kundinnen und Kunden, mit denen sie meistens ein Schwätzchen macht.
    So ein Verhalten ist sozialer Klebstoff.
    Ich merke, wir teilen unsere Auffassung.

  16. #18 Staphylococcus rex
    30. Januar 2026

    @ NI, etwas weniger Worthülsen und etwas mehr logisches Denken würde der Argumentation nicht schaden.

    Bei exportorientierter Industrie reden wir über Wettbewerb auf der Ebene der Unternehmen. Aus Sicht der Unternehmen ist es bereits jetzt so, dass sich die konkrete Ausgestaltung der Teilzeit an betrieblichen Erfordernissen orientieren muss. Unter der Voraussetzung, dass es der Arbeitsmarkt hergibt und die Arbeiten delegierbar sind, sind zwei Halbzeitkräfte für ein Unternehmen sogar besser als eine Vollzeitkraft, weil man mit zwei Personen Ausfallzeiten (Urlaub, Krankheit) besser kompensieren kann. Bei der Teilzeit gibt es nur einen negativen Effekt auf die Stückkosten von Unternehmen, weil Teilzeitkräfte weniger verdienen als Vollzeitkräfte, achten diese sehr genau auf die Einhaltung und Dokumentation der Arbeitszeit, das bedeutet Vollzeitkräfte kann man leichter zu unbezahlten Überstunden nötigen. Ich hoffe nicht, dass dieses Argument hier eine Rolle spielt.

    Beim Wettbewerb der Volkswirtschaften spielt die Gesamtarbeitszeit der Werktätigen eine gewisse Rolle. Die Diskussion über die Teilzeit ist aber nur eine Ablenkung von den echten Problemen. Das eine echte Problem ist die Demografie, und das läßt sich durch Zwangsarbeit für Teilzeitkräfte lediglich schieben, aber nicht lösen. Das andere echte Problem ist die in Deutschland hohe Rate von Schulabgängern ohne Abschluss.

    Die Personen in meinem Umfeld, die Teilzeit arbeiten, haben alle dafür sehr gute Gründe. In meinem Umfeld gibt es dagegen keine hauptberuflichen Lebenskünstler, aus meiner Sicht ist die ganze Teilzeitdiskussion reine Spiegelfechterei, um sich nicht den wahren Problemen stellen zu müssen.

    Ich finde es gut, wenn jemand “in die Hände spuckt” um dann zu malochen, aber wir leben bekanntlich in einer Marktwirtschaft und die Voraussetzung dafür ist eine positive Motivierung der Werktätigen. Und Loyalität funktioniert in beide Richtungen, eine Regierung, die Loyalität seitens der Werktätigen einfordert, muss sich diese Loyalität erst verdienen. Und die Gedankenspiele der Claqueure superreicher Unternehmer sind nicht gerade loyalitätsfördernd.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Claqueur

  17. #19 NI
    30. Januar 2026

    Staphylococcus,
    “Die Diskussion über die Teilzeit ist aber nur eine Ablenkung von den echten Problemen.”

    Das sehe ich aus betriebswirtschaftlicher als auch aus volkswirtschaftlicher Sicht genauso.
    Das echte Problem ist der Staat selbst, der zwar verstanden hat, dass zur Zeit mehr Führungsstärke gefragt ist, der sie aber aus parteipolitischer Sicht nicht ausleben kann. Denke mal an die Wiedereinführung der Wehrpflicht in Raten.

    So, was gibt es noch, verkneife dir doch den Oberlehrerton, du musst keine Eule nach Athen tragen.

  18. #20 naja
    1. Februar 2026

    @NI #15
    Die Niederlande sind nach den USA und Brasilien der drittgrößte Nahrungsmittelexporteur der Welt. Ich denke, Deutschlands Größe ist nicht das “Problem” bei der Selbstversorgung.
    PS: Deutschland ist No 4…

  19. #21 NI
    1. Februar 2026

    naja
    Thema: Arbeitszeit, Arbeitsmotivation und Selbstversorgungsgrad.

    Du hast Recht, der Selbstversorgungsgrad bei Nahrungsmittel in Deutschland liegt bei 83 %.
    Das bedeutet, die fehlenden 17 % müssen importiert werden.
    Ein besseres Beispiel wäre der Import von Stahl gewesen, der 34 Mrd. Euro ausmacht. Unser Maschinenbau ist darauf angewiesen, der Export von Maschinen beläuft sich auf 200 Mrd. Euro.
    Es geht also um die Weiterverarbeitung von Eisen und Stahl und die benötigt Arbeitsplätze. 2023 waren es 955 000 Beschäftigte. Die müssen ausgebildet werden, die müssen gesund bleiben, die Arbeitskräfte wachsen nicht auf den Bäumen.
    Und…. wer kann am besten entscheiden, wie die Arbeitsabläufe organisiert werden sollen ? Es sind die Unternehmen und nicht staatliche Institutionen.
    Diese Erkenntnis macht den Unterschied aus von Sozialismus und Kapitalismus.

    • #22 Joseph Kuhn
      2. Februar 2026

      @ NI:

      “Und…. wer kann am besten entscheiden, wie die Arbeitsabläufe organisiert werden sollen ? Es sind die Unternehmen und nicht staatliche Institutionen.”

      Mit Verlauf, aber das ist ideologisches Geschwurbel. Zum einen geht es nicht um ein Entweder-Oder, wer alles besser organisieren kann, sondern darum, wer konkret was besser organisieren kann: der Staat z.B. die Krankenversorgung oder die Arbeitslosenversicherung (für letztere gibt es nicht einmal gute private Alternativen, das Risiko ist nicht versicherbar), die Privatwirtschaft z.B. die Versorgung mit Gummibärchen. Zum anderen stellen Unternehmen immer wieder unter Beweis, dass sie in ihren ureigenen Revieren spektakulär unfähig sein können – von Schlecker bis Benko.

  20. #23 NI
    3. Februar 2026

    zu #22
    Damit wir nicht in das falsche Fahrwasser geraten.

    wir bezeichnen unser Sysem als soziale Marktwirtschaft.
    Wie Marktwirtschaft organisiert wierden soll, das kann die Politik nicht leisten, Beispiel DDR, die Wirtschaft ist viel zu komplex, als dass sie zentral geplant werden könnte.
    Jetzt zu “sozial”, Die Geschichte hat uns gelehrt, dass wenn man die Menschen vergisst, es zu Revolutionen kommt. Die Vertreter der Arbeitnehmer waren die SPD und die Gewerkschaften. Die SPD hat sich selber heruntergewirtschaftet, die Gewerkschaften ebenfalls, indem sie ihre Sekretäre, ihren Nachwuchs aus den eigenen Reihen rekrutiert, eine Form von sozialpolitischer Inzucht. Folge: sozialpolitische Schieflage.
    Das nutzen die CDU und die Arbeitgeberverbände natürlich aus indem Arbeitszeitverlängerungen nicht mehr tabu sind, sogar die tägliche Höchstarbeitszeit wird zur Diskussion gestellt.
    Fazit : Es geht um einen Richtungswechel, den die CDU anstrebt und der den sozialen Frieden gefährdet.
    Anmerkung: #21 war nur der erste Teil meiner Meinung.
    Teil 3 folgt, man sollte die Beiträge niemals zu früh als Geschwurbel ansehen.

    • #24 Joseph Kuhn
      3. Februar 2026

      @ NI:

      “Wie Marktwirtschaft organisiert wierden soll, das kann die Politik nicht leisten, Beispiel DDR”

      Mit Verlaub, auch das ist nur Geschwurbel. Eine Marktwirtschaft funktioniert nur in einem politisch gesetzten Rahmen, vom Eigentumsrecht über das Haftungsrecht bis hin zum Wettbewerbsrecht. Die DDR war keine Marktwirtschaft im üblichen Sinn des Wortes.

      “die Wirtschaft ist viel zu komplex, als dass sie zentral geplant werden könnte”

      Das mag sein. Wobei man aufpassen muss, ob dieses alte Diktum Hayeks heute noch so plausibel ist wie damals, Stichwort China, eine strategisch orientierte “Marktwirtschaft”.

      Mit dem Blogthema hier hat das alles allerdings rein gar nichts zu tun. Es ging um eine unhaltbare Statistik. Vielleicht lesen Sie den Beitrag einfach noch einmal.

      “man sollte die Beiträge niemals zu früh als Geschwurbel ansehen”

      Das ergibt sich schon logisch aus dem “zu früh”. Ebenso logisch ist, dass sie niemals zu spät als Geschwurbel ansehen sollte.

  21. #25 NI
    3. Februar 2026

    XXX

    [Kommentar gelöscht. Bevor wir noch bei den Gartenwürmern landen. JK]

  22. #26 NI
    4. Februar 2026

    zu #25 Die Glühwürmchen bringen Licht ins Dunkel des Geschehens. Herr Merz hat schon angekündigt, was kommt. Abbau des Wohlfahrtsstaates, dagegen sind Statistiken zur Arbeitszeit ein kalter Aufguss.
    Damit verabschiede ich mich. bleiben Sie gesund !

  23. #27 qyrl
    6. Februar 2026

    Aufgefallen:
    “Viele Fachleute sagen, dass Arbeit zu sehr besteuert wird und Kapital, z.B. Dividenden oder große Erbschaften, zu wenig.”

    Fachleute? Auf welchem Gebiet? Sicherlich nicht für Steuern.

    Dividenden sind ausgeschüttete Gewinne. Und die werden in Summe mit ca. >48% besteuert – Kirchensteuer obendrauf. Welcher Arbeitnehmer zahlt mehr?

    Ca. 30% sind fällig bevor die Firma Gewinn ausschüttet. Die restlichen 70% Gewinn werden dann nochmals mit 25%+Soli auf Privatebene besteuert. Beide Ebenen sind gemeinsam zu betrachten – wer’s nicht glaubt, der frage (Steuer-)fachleute.

    Grundfreibetrag kennt diese Besteuerung nur sehr eingeschränkt. Im Gegensatz zu allen anderen Einkommenssteuern. Auch wenn der Dividendenbezieher keinerlei weiteres Einkommen hat, so werden dennoch die 30% bereits ab dem ersten Dividendeneuro fällig – zurück gibt es nichts. Die 30% sind immer weg.

    • #28 Joseph Kuhn
      7. Februar 2026

      @ qyrl:

      Auf Dividenden entfallen in Deutschland 25 % Abgeltungssteuer plus Soli plus ggf. Kirchensteuer. Die 48 % sind frei erfunden.

      Es gibt im Steuerrecht kein Steuersubjekt “Gewinn”, das über die verschiedenen Personen hinweg, die irgendwann mit dem Gewinn zu tun haben, zu besteuern wäre. Genausowenig wie man auf die Lohnsteuer, die jemand entrichtet hat, die Verbrauchssteuern dazuaddieren darf, wenn mit dem Geld später etwas gekauft wird. Da kann man auch nicht sagen, der Lohn sei mit 50 % oder 60 % besteuert worden.

      Sind Sie “Steuerfachmann”? Vermutlich brauchen Sie deshalb Ihre Anonymität.

  24. #29 Benjamin Metzig
    Soest
    8. Februar 2026

    Der Beitrag legt sehr präzise offen, wie aus statistischen Vereinfachungen politische Erzählungen entstehen. Die diskutierte Grafik ist ein gutes Beispiel dafür, wie Korrelation, fehlende Kontrolle von Einflussfaktoren und fragwürdige Datengrundlagen zu scheinbar plausiblen, aber inhaltlich irreführenden Aussagen führen. Besonders überzeugend ist der Verweis auf die Motivationsforschung: Dass Arbeit weit mehr ist als eine Reaktion auf Nettolohnänderungen, ist empirisch gut belegt und dennoch im öffentlichen Diskurs erstaunlich unterrepräsentiert.

    Interessant ist auch der Punkt, dass Arbeitszeitelastizitäten oft schlicht vorausgesetzt werden, ohne die realen institutionellen Zwänge von Beschäftigten mitzudenken. Wenn Arbeitszeiten gar nicht frei wählbar sind, wird die ganze Debatte um „Anreize“ schnell zur theoretischen Spielerei. Wer tiefer in die ökonomische Einordnung jenseits symbolpolitischer Schuldzuweisungen einsteigen will, findet hier eine passende Ergänzung: https://www.wissenschaftswelle.de/post/wege-aus-der-rezession-warum-investitionen-jetzt-wichtiger-sind-als-symbolpolitik

    Benjamin Metzig von http://www.wissenschaftswelle.de

  25. #30 Oliver Gabath
    9. Februar 2026

    @#29 (Benjamin Metzig):

    Guter Punkt. Wer z.B. kleine Kinder hat, kann nicht vollzeit arbeiten. Dazu bräuchte es Kinderbetreuung, die Wege- und Pausenzeiten einschließt. Auch wenn Oma und Opa unterstützen und auch bei Paaren sind zwei FTE mit Kindern nicht drin. Als Alleinerziehende(r ) sowieso nicht.

    • #31 Joseph Kuhn
      9. Februar 2026

      @ Oliver Gabath:

      Die Debatte um Gitta Connemanns “Lifestyle-Teilzeit” ist noch mal eine ganz eigene Sache. Sie respektiert in ihrem Vorschlag den Teilzeitanspruch bei Betreuungspflichten, aber zum einen dürften dann nicht mehr viele übrig bleiben, denen man Teilzeit verweigern kann, zum anderen setzt sie damit ein Default, dass die Lebenszeit der Menschen eigentlich den Unternehmen gehört. Insofern werden hier sozialpolitische Grundkonflikte ausgetragen wie in der Frühzeit der Arbeiterbewegung, als es auch zentral um die Relation Arbeitszeit-Lebenszeit ging.

      Zur Rationalisierung des Vorschlags wird inzwischen nachgeschoben, die Lifestyle-Teilzeitler würden ungerechterweise die vollen Krankenkassenleistungen abgreifen. Das ist zwar so, aber in der GKV gibt es anders als in der Rentenversicherung kein Äquivalenzprinzip zwischen Beiträgen und Leistungen. Zudem könnte man hier auch andere Lösungen finden, ganz abgesehen davon, dass man dann auch fragen könnte, warum Spitzenverdiener die vollen Leistungen erhalten, obwohl sie aufgrund der Beitragsbemessungsgrenze prozentual weniger Beitrag bezahlen als ein Normalverdiener (die Antwort von Connemann & Co. wäre natürlich, dass die Leute ja eh schon so viel zahlen).

  26. #32 Staphylococcus rex
    9. Februar 2026

    Aus meiner Sicht lohnt es sich hier einen halben Schritt zurück zu treten und zu fragen, was erhoffen sich die Teilzeit-Verbotsverfechter? Bei aktuell drei Millionen Arbeitslosen und einem zu hohen Anteil an Schulabbrechern haben wir keinen pauschalen Arbeitskräftemangel, aber sehr wohl einen selektiven Fachkräftemangel.

    Aus volkswirtschaftlicher Sicht wird eine Reduktion der Teilzeit und eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit gefordert, um den Folgen des demografischen Wandels begegnen zu können. Das klingt auf den ersten Blick einfach und logisch, ist es aber nicht.

    1) Fachkräfte haben Zeit und Kraft in ihre Ausbildung investiert. Wenn diese Personen in Teilzeit arbeiten, dann haben sie meist triftige Gründe. Wer hier weniger Teilzeit will, muss sich um die Rahmenbedingungen kümmern, also mehr Zuckerbrot und weniger die Peitsche.
    2) Mehrarbeit (weniger Teilzeit, spätere Rente) entspannt die aktuelle Problematik, löst sie aber nicht. In spätestens 10 Jahren sind diese Effekte verpufft, die aktuellen Neurentner (Boomergeneration) werden aber noch ca. 30 Jahre leben. Wer ein Land mit einer absolut desolaten Bevölkerungspyramide sehen will, braucht nur nach Japan zu schauen. Das BIP in Japan ist mittlerweile niedriger als in Deutschland bei einer deutlich größeren Bevölkerung.
    3) Der Versuch die sozialen Sicherungssysteme demografiefest zu machen, wird eine riesige Herausforderung. Auf Kinderlose werden zusätzliche Herausforderungen zukommen, die weh tun werden und die drohen, die Gesellschaft zu zerreißen. Die “Lifestyle-Teilzeit” ist in dieser Hinsicht ein Symptom des Reformstaus, Kinder aufzuziehen wird von der Gesellschaft nicht belohnt, die Bildung von Rücklagen für das Alter aber auch nicht.
    4) Selbst wenn jetzt sofort alle notwendigen Reformen verabschiedet würden und wenn ein Geburtenboom sich ankündigen würde, bevor diese zukünftigen Arbeitskräfte arbeiten können, vergehen 25-30 Jahre. Durch Mehrarbeit kann man ggf. 10 Jahre abfedern, der Rest bleibt ein ungelöstes Problem. Auch wenn es einige Scharfmacher aus CDU/CSU/FDP nicht gerne hören, aber Artikel 14 GG Abs. (2) lautet: “Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.”

  27. #33 Staphylococcus rex
    9. Februar 2026

    PS: Es gibt zwei weitere Wege, den Fachkräftemangel zu mildern. Einerseits wäre eine Bildungsoffensive nötig, um Personen an den Arbeitsmarkt heranzuführen, die bisher ungeeignet sind. Ich weiß, diese Idee hatten auch schon Andere, ich würde mich hier auf die Förderung von Schulabbrechern konzentrieren und zusätzlich gezielt die berufliche Weiter- und Fortbildung fördern.

    Der andere Weg, der aber auch mit Unsicherheiten behaftet ist, sind Investitionen in KI und Steigerung der Arbeitsproduktivität. Aus meiner Sicht kann mittelfristig ein Großteil der Arbeit, die derzeit im Home Office erledigt wird, durch KI ersetzt werden. Auch kann ich mir vorstellen, dass ein Großteil der Behördentätigkeit durch KI ersetzt oder zumindest vereinfacht werden kann. Die gegenwärtige Digitalisierung hat zwar gute Computerprogramme, aber ein ganz großes Schnittstellenproblem. Das liegt daran dass die Nutzer die Schnittstellenproblematik regelmäßig unterschätzen und die IT-Firmen die Schnittstellenanpassung als Lizenz zum Gelddrucken interpretieren. KI-generierte Schnittstellen können hier sehr schnell einen riesigen Produktivitätsschub bringen und verhindern, dass z.B. Ausdrucken und Scannen von Papierdokumenten die fehlende Schnittstelle ersetzen.

    Etwas überspitzt formuliert, ein Boomer, der in fünf Jahren in Rente geht, arbeitet keinen menschlichen Nachfolger, sondern eine arbeitsplatzspezifische KI ein. Da eine KI nicht verbeamtet werden kann, lösen sich damit auch einige andere Probleme von selbst.

  28. #34 Altricki
    https://www.yoga-carmen.ch
    15. Februar 2026

    Tatsächlich zeigen zahlreiche Studien, dass längere Ruhezeiten, Pausen und Phasen der Erholung die Produktivität steigern und die Kreativität fördern. Wer ständig „am Anschlag“ arbeitet, läuft Gefahr, ausgebrannt zu werden und Fehler zu machen – das wirkt sich langfristig negativ auf die Effektivität aus. Weniger Arbeit kann also paradox wirken, aber oft bedeutet sie, dass Menschen fokussierter, motivierter und effizienter arbeiten, wenn sie tatsächlich tätig sind. Ausserdem profitieren nicht nur die Arbeitenden selbst, sondern auch Unternehmen und die Gesellschaft insgesamt: gesündere, zufriedene Menschen leisten bessere Arbeit und brauchen weniger Ressourcen für Krankheitsausfälle oder Stressmanagement. Es ist also nicht einfach ein Luxus, Zeit für Hobbys, Ruhe oder Yoga zu haben – es ist ein strategischer Gewinn für alle Beteiligte.