Übergewicht ist eine komplizierte Sache, darüber besteht weitgehend Konsens. Wie kompliziert, veranschaulicht ein Projekt „Foresight Tackling Obesities: Future Choices – Building the Obesity System Map“ der britischen Regierung. Der Bericht dazu beginnt ironisch mit einem Zitat von Luc Hoebeke: „Never confuse a model with the complex reality underneath”. Dann folgt eine weitere Erläuterung der Autoren zum allgemeinen Hintergrund des Vorhabens:
„A ‘system’ is one of the defining concepts in our Western, positivist worldview. It has been applied to establish an intellectual grip on natural, social, physical and abstract phenomena. Developing an understanding of how such phenomena are organised is essential if policy interventions are to be effective.”
Dieses Bemühen um Verständlichmachen führt z.B. zu solchen Darstellungen:

So ähnlich sieht vermutlich auch eine Grafik aus, die die verschiedenen Einflussfaktoren auf meine Entscheidung, beim Bäcker ein Brötchen zu kaufen, abbildet. Es muss einen Bäcker geben, der muss in der Nähe sein, ich muss Lust auf ein Brötchen haben, lieber vom Bäcker als aus dem Supermarkt, der Preis spielt eine Rolle, ob ich Geld dabei habe, ob Feiertag ist, wie das Brötchen aussieht, welche Alternativen es gibt (bestimmt 10 interagierende extra Kästchen in der Grafik) usw. usw. – wenn ich alles durchhabe, hat der Bäcker Feierabend. Wie gesagt, dass Übergewicht eine komplizierte Sache ist und nicht einfach die Folge von zu wenig Bewegung, ungünstiger Ernährung, einer insgesamt übergewichtsfördernden Umgebung und wie immer den Genen, ist nicht neu. Aber ob die Politik sich nicht besser darauf fokussieren sollte als auf die ganze Komplexität der Sache?
David Klemperer, der mich auf diese Grafik aufmerksam gemacht hat, fragt, ob das womöglich eine Fortsetzung der taz-Serie “Die wirrsten Grafiken der Welt“ sein könnte. Die Sammlung ist 2003 auch bei Hoffmann & Campe in Buchform erschienen, leider vergriffen. David Klemperers Frage, keine einfache Frage, sollte man zusammenhangsdurchdringungsundvermittlungswissenschaftlich unter Einbeziehung aller Denkmöglichkeiten grafisch analysieren. Vermutlich reicht die Umbeschriftung des Bildes oben. Oder, auch recht übersichtlich, man orientiert sich an den Biochemical Pathways von Gerhard Michal:

Vielleicht wird künftig die Künstliche Intelligenz solche Grafiken liefern, dann kommt zur Unverständlichkeit der Darstellung die Unverständlichkeit der Genese der Befunde hinzu. Die Klügeren von uns wissen, dass wir nichts wissen, wenn wir zu viel wissen. Luc Hoebeke hat schon recht, ganz unironisch, und ich würde ergänzen wollen: „Machen Sie es nicht zu einfach, aber verwirren Sie auch niemals die Menschen mit einem zu komplexen Modell, indem Sie jeden Aspekt der Landschaft in die Karte transformieren wollen.“ Es gibt es nicht nur ein „statistical overfitting“, sondern auch ein „grafic overfitting“.



Kommentare (3)