1927 ist „Die Zukunft einer Illusion“ von Siegmund Freud erschienen. Er beschrieb darin u.a. die Funktion der Religion als Mittel gegen die Erfahrung der Hilflosigkeit, etwa gegenüber der äußeren Natur oder gegenüber Krankheit und Tod. In Gott sah er eine Projektion menschlicher Bedürfnisse.
Freud entzog damit, wie schon andere vor ihm, Feuerbach, Marx, Nietzsche und viele mehr, dem Gottesbegriff das gegenständliche Wesen, die Substanz. Dieser Gedanke ist mehr als eine szientistische Religionskritik. Er eröffnet einerseits die Perspektive darauf, dass der Mensch seine Angelegenheiten in die eigenen Hände nimmt, Verantwortung übernimmt für seine Existenz. Auf Wunder sollten wir nicht hoffen. Nicht Gott wird das Klima retten, wir müssen es tun. Andererseits bleibt als Ausgangspunkt die menschliche Bedürftigkeit, vielleicht nicht unbedingt als Hilflosigkeit, aber als Eingeständnis, dass uns nicht alles verfügbar ist, so sehr wir auch durch unser Alltagstreiben einen Schleier der Verfügbarkeit über die Welt werfen mögen. Wir fliegen zum Mond, wir zerstören in Kriegen ganze Länder, wir überwachen unsere Körper auf molekularer Ebene, wir optimieren unsere Finanzanlagen (so wir genug Geld haben), unseren Schlaf und die Zahl unserer täglichen Schritte. Und trotzdem sind wir nicht allmächtig, auch Elon Musk nicht. Dieses Eingeständnis bewahrt vor Größenwahn, und es verweist uns aufeinander, darauf, uns gegenseitig beizustehen, bei den Dingen, die wir ändern können ebenso wie da, wo dem nicht so ist. Bei den alten Römern wurde es den siegreichen Feldherren als memento mori ins Ohr geflüstert.
Wenn man Gott nicht als Person sieht, als Wesen mit Ohren, das uns doch hören müsse, und mit Mund, das zu uns sprechen müsse, sondern als Inbegriff dessen, was uns verbindet, was Menschsein (!) in seinem Wesenskern ausmacht, sozusagen als Menschenebenbildlichkeit Gottes, ist es eigentlich nicht die schlechteste Idee, die die Menschen hatten. Dieses Abstraktum, ein mit Verständnis und Achtung füreinander angereichertes „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“, als „Gott“ zu hypostasieren, bleibt gewissermaßen eine Illusion, aber in gutem Sinne eine notwendige Illusion, die es zu bewahren, nicht zu desillusionieren gilt. Und die natürlich erst recht nicht als Opium des Volkes dienen sollte, oder, wie so oft in der Geschichte gar als Motiv, uns gegenseitig zu hassen.
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Zum Weiterlesen:
• Blogbeitrag „Über Gott sprechen“
• Blogbeitrag „Was ist Gott – ein Streifzug durch das überstiegene Denken“
• Ronald Dworkin: Religion ohne Gott. Suhrkamp 2014.




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