1927 ist „Die Zukunft einer Illusion“ von Sigmund Freud erschienen. Er beschrieb darin u.a. die Funktion der Religion als Mittel gegen die Erfahrung der Hilflosigkeit, etwa gegenüber der äußeren Natur oder gegenüber Krankheit und Tod. In Gott sah er eine Projektion menschlicher Bedürfnisse.

Freud entzog damit, wie schon andere vor ihm, Feuerbach, Marx, Nietzsche und viele mehr, dem Gottesbegriff das gegenständliche Wesen, die Substanz. Dieser Gedanke ist mehr als eine szientistische Religionskritik. Er eröffnet einerseits die Perspektive darauf, dass der Mensch seine Angelegenheiten in die eigenen Hände nimmt, Verantwortung übernimmt für seine Existenz. Auf Wunder sollten wir nicht hoffen. Nicht Gott wird das Klima retten, wir müssen es tun. Andererseits bleibt als Ausgangspunkt die menschliche Bedürftigkeit, vielleicht nicht unbedingt als Hilflosigkeit, aber als Eingeständnis, dass uns nicht alles verfügbar ist, so sehr wir auch durch unser Alltagstreiben einen Schleier der Verfügbarkeit über die Welt werfen mögen. Wir fliegen zum Mond, wir zerstören in Kriegen ganze Länder, wir überwachen unsere Körper auf molekularer Ebene, wir optimieren unsere Finanzanlagen (so wir genug Geld haben), unseren Schlaf und die Zahl unserer täglichen Schritte. Und trotzdem sind wir nicht allmächtig, auch Elon Musk nicht. Dieses Eingeständnis bewahrt vor Größenwahn, und es verweist uns aufeinander, darauf, uns gegenseitig beizustehen, bei den Dingen, die wir ändern können ebenso wie da, wo dem nicht so ist. Bei den alten Römern wurde es den siegreichen Feldherren als memento mori ins Ohr geflüstert.

Wenn man Gott nicht als Person sieht, als Wesen mit Ohren, das uns doch hören müsse, und mit Mund, das zu uns sprechen müsse, sondern als Inbegriff dessen, was uns verbindet, was Menschsein (!) in seinem Wesenskern ausmacht, sozusagen als Menschenebenbildlichkeit Gottes, ist es eigentlich nicht die schlechteste Idee, die die Menschen hatten. Dieses Abstraktum, ein mit Verständnis und Achtung füreinander angereichertes „Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“, als „Gott“ zu hypostasieren, bleibt gewissermaßen eine Illusion, aber in gutem Sinne eine notwendige Illusion, die es zu bewahren, nicht zu desillusionieren gilt. Und die natürlich erst recht nicht als Opium des Volkes dienen sollte, oder, wie so oft in der Geschichte gar als Motiv, uns gegenseitig zu hassen.

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Zum Weiterlesen:

• Blogbeitrag „Über Gott sprechen“
• Blogbeitrag „Was ist Gott – ein Streifzug durch das überstiegene Denken“
• Ronald Dworkin: Religion ohne Gott. Suhrkamp 2014.

Kommentare (39)

  1. #1 natürliche Intelligenz
    3. April 2026

    Zur Ilusion
    Projektion ist eine brauchbare Erklärung für Erscheinungen, die man nur deuten kann.
    Sigmund Freud entwickelte seine Theorie vom Menschen aus den schrecklichen Erlebnissen aus den psychiatrischen Kliniken. Friedrich Nietzsche standen diese Erlebnisse noch bevor.

    Im Gegensatz dazu Friedrich Bonhoeffer , der selbst in der Todeszelle am Gottesglauben festhielt.
    Im Gegensatz dazu die unzähligen Geistlichen, die auf Selbstverwirklichung verzichten und ihr Leben Gott widmen.

    Illusion ist negativ belegt, Die Kulturgeschichte der Menschheit zeigt, dass in allen Kulturen von „übermenschlichen „ Wesen ausgegangen wird, die die Erde , die Tiere und die Menschen erschaffen haben. Das lässt sich nicht beweisen aber auch nicht widerlegen. Deshalb unterscheidet man ja auch zwischen Wissen und Glauben.

    • #2 Joseph Kuhn
      3. April 2026

      @ natürliche Intelligenz:

      1. Eine “Projektion” ist in der Psychoanalyse ein Abwehrmechanismus, keine Erklärung für “Erscheinungen, die man nur deuten kann”, was immer das sein soll.
      2. Als Freuds Buch erschien, war Nietzsche schon ein Vierteljahrundert tot.
      3. Der Bonhoeffer in der Todeszelle hieß Dietrich, nicht Friedrich. Friedrich hieß der Nietzsche. Und Karl der Vater von Dietrich, ein renommierter Psychiater, nach dem z.B. eine Berliner Klinik benannt ist. Karl hat den Krieg überlebt. Nietzsche nicht, weil er ihn gar nicht erlebt hat. Kompliziert das alles.
      4. Dass übermenschliche Wesen alles erschaffen haben, mag man im strengen wissenschaftstheoretischen Sinn nicht falsifizieren können, aber zumindest spricht seit dem Urknall nichts dafür und was das Leben angeht, doch vieles für die Evolutionstheorie. Man kann auch nicht falsizieren, dass Trump durch einen tibetanischen Mönch mental manipuliert wird und eigentlich ein großer Menschenfreund ist. Aber Occam’s Razor spricht doch dafür, sich nicht für die absurdeste Erklärung der Welt zu entscheiden.

  2. #3 nI
    3. April 2026

    Konkret
    Eine Projektion macht man wenn man seine eigene Sicht auf Welt auf andere Menschen überträgt und glaubt, es wäre auch deren Sicht der Dinge.
    Das kann auch als Abwehr gebraucht werden. (als Diskussionstechnik)
    Die Evolutionstheorie wird nicht außer Kraft gesetzt,
    sie spricht eher für einen Gott und keinen Zauberer.
    Was die Vornamen der genannten Personen betrifft, die sind auf den Inhalt dieses Beitragen bezogen ganz unwichtig.

    • #4 Joseph Kuhn
      3. April 2026

      Sie haben völlig Recht. Was kümmert es Sigmund Valentin, wohin Karl Freud seine Gedanken prognostiziert.

  3. #5 Ludger
    3. April 2026

    @J.K.
    Laut Wikipedia (“Projektion”)

    In der Psychoanalyse nach Sigmund Freud versteht man unter Projektion einen Abwehrmechanismus, bei dem eigene, unerwünschte Impulse z. B. im Sinne von Gefühlen und Wünschen einem anderen Menschen (oder Gegenstand) zugeschrieben werden.[1] Freud schrieb[2]:
    „Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen.”

    Mit der Definition verstehe ich allerdings Freuds Formulierung nicht, Gott sei eine Projektion menschlicher Bedürfnisse.
    Menschen haben ein Kausalitätsbedürfnis. Sie haben aufgrund ihrer Evolution die Fähigkeit zur Selbstreflexion und sind egozentrisch. Sie brauchen eine Erklärung für grundlegende Fragen: wo kommen wir her, warum müssen wir sterben und so weiter. Und so entstehen verschiedene Hypothesen. Eine davon steht in der Hebräischen Bibel.
    Wo Freud dort einen Abwehrmechanismus gesehen hat, verstehe ich nicht.
    Ich glaube, dass er den Begriff “Projektion” manchmal breiter verstanden hat, als er heute in der Psychoanalyse nach Freud verwendet wird.

    • #6 Joseph Kuhn
      4. April 2026

      @ Ludger:

      “Wo Freud dort einen Abwehrmechanismus gesehen hat, verstehe ich nicht.”

      Es geht um die Abwehr von Gefühlen der Hilflosigkeit. Aber Sie haben Recht, die psychoanalytischen Begriffe sind nicht zeitlos, weder bei Freud selbst noch in der Psychoanalyse, und der Gottesbegriff bei Freud erschöpft sich auch nicht in der “Projektion”. Mehr kann ich dazu nicht beitragen, meine Freud-Lektüre ist 40 Jahre her. Hier genügt das Alltagsverständnis all dieser Begriffe.

  4. #7 nI
    4. April 2026

    Ludger zu #5
    Ludger
    zu Projektion
    Freuds Aussage ist eindeutig und passt in die damalige Zeit. Gott ist tot und verschönernd nur eine Vorstellung, , eine Projektion, abwertend eine Wunschvorstellung der Menschen.

    Dagegen spricht die Kulturgeschichte der Menschheit, selbst die Indianer, die Freud nicht kennen, sprechen von Manitu , dem Großen Geist.

    Hier im blog geht es um den Begriff „Illusion“ , der eine falsche Vorstellung bezeichnet, also viel tiefgreifender ist, nämlich , kurz ,gibt es Gott oder gibt es ihn nicht.

    Statistisch gesehen gibt es ihn, fast alle Kulturvölker glauben an eine „übermenschliche Wahrheit“.
    In der christlichen Religion heißt es sogar, „wer Gott anruft, bekommt von ihm eine Antwort“.

    Und das ist fakt, viele Menschen berichten von ihren Gotteserlebnissen und Erfahrungen , man lese nur einmal in den Heimatkalendern im deutschsprachigen Raum, Beispiel : Reimmichls Volkskalender aus Innsbruck.

    • #8 Joseph Kuhn
      4. April 2026

      Das ist echt lustig, möge es zur allgemeinen Erheiterung dienen.

  5. #9 Ludger
    4. April 2026

    @J.K.

    Es geht um die Abwehr von Gefühlen der Hilflosigkeit.

    Da ist in der Hebräischen Bibel aber ein eifersüchtiger, jähzorniger kriegslüsterner und rachsüchtiger Gott dabei herausgekommen. Immerhin hat er nach Erkenntnis des Philosophiehistorikers Kurt Flasch [Warum ich kein Christ bin / Beck Verlag] in den Jahrhunderten seiner biblischen Entwickelung dazugelernt.
    Aber heute gilt immer noch die Drohung mit Fegefeuer und Hölle. So wurde die Hilflosigkeit durch Angst ersetzt.

    • #10 Joseph Kuhn
      4. April 2026

      @ Ludger:

      Ja, besonders humanistisch gesinnt waren die Götter früher nicht. Keine „woken“ Sozialarbeiter am Menschengeschlecht. Aber man konnte sie in der Regel durch Opfer und andere Rituale gnädig stimmen. So wie man es heute bei Trump versucht.

  6. #11 Dietmar Hilsebein
    4. April 2026

    @ Ludger -Kurt Flasch, Edgar Dahl

    Warum man sich nach Nietzsches Antichrist immer noch gemüßigt fühlt, diesbezügliche Bücher zu schreiben, erschließt sich mir nicht. Alles Narzißten. Ja auch Nietzsche kippte da um, schon die Überschriften im Ecce Homo sprechen Bände. Dennoch können die sogenannten neuen Atheisten ihm kaum das Wasser reichen.

  7. #12 nI
    4. April 2026

    #11 Dietmar Hilsebein
    Wenn man wissen will, was von Nietzsches Philosophie zu halten ist, der untersuche sein Verhältnis zu Frauen.
    Die berühmteste, Lou Andreas-Salomé hat seinen Heiratsantrag abgelehnt.
    Eine bezeichnende Episode, bei einer gemeinsamen Bootstour auf dem See ist sie aus dem Boot gesprungen und allein ans Ufer geschwommen. Orta San Giulio.

  8. #13 Ludger
    4. April 2026

    @Dietmar Hilsebein

    Warum man sich nach Nietzsches Antichrist immer noch gemüßigt fühlt …

    Herr Flasch beschreibt seine Motivation am Anfang seines Buches.
    Außerdem ist er Professor für die Geschichte der Philosophie und kein Kellner. Deshalb muss er auch niemandem das Wasser reichen können.

  9. #14 Dietmar Hilsebein
    4. April 2026

    @ Ludger

    Aha. Da wird der Herrgott aber jetzt kalte Füße bekommen, daß er es mit einem Herrn Professor zu tun bekommt und nicht mit einem Kellner.

  10. #16 Dietmar Hilsebein
    4. April 2026

    @ Joseph Kuhn

    Nein hätte er nicht. Er hätte es als gelehrten Müßiggang bezeichnet mit wissenschaftlichen Methoden Widersprüche der Bibel aufzeigen zu wollen. Der Mensch und das Erkenntnisvermögen ist geworden. Gesetzt, wir gehen von einem Gott aus, so kann er sich nur über jene Menschen äußern, die er vorfindet.

    • #17 Joseph Kuhn
      4. April 2026

      @ Dietmar Hilsebein:

      Das forsche Urteil war bei Nietzsche nicht nur eine forsche Geste, er hat gelesen, worüber er urteilte. Haben Sie mal was von Flasch gelesen?

  11. #18 Dietmar Hilsebein
    4. April 2026

    Nein hatte er nicht, sonst hätte er sich nicht so abfällig über Kant geäußert. Auch er las Sekundärliteratur. Um ehrlich zu sein, ich hatte und habe mit Kant, Schopenhauer und Nietzsche schon genug zu tun.

  12. #19 Benjamin Metzig
    Soest
    5. April 2026

    Mich überzeugt am Text weniger die Freud-Vokabel selbst als die Trennung, die dahintersteht: Eine Vorstellung kann psychologisch und sozial sehr wirksam sein, ohne damit schon etwas über den metaphysischen Status ihres Gegenstands zu entscheiden. Genau deshalb greift das Argument „so viele Menschen glauben daran, also muss etwas dran sein“ zu kurz. Verbreitung zeigt Relevanz, nicht automatisch Wahrheit. Vielleicht wäre das die spannendere Anschlussfrage: Welche Formen von Religion machen Menschen verantwortlicher, solidarischer und kritikfähiger – und welche dienen eher dazu, Unsicherheit in Gewissheit umzuwandeln?

    Benjamin Metzig von http://www.wissenschaftswelle.de

  13. #20 DH
    5. April 2026

    Interessanter letzter Absatz.
    Immerhin steckt in manch religiösem Gedanken einiges von dem was wir heute als aufgeklärt bezeichnen würden, oder als Vorläufer davon, und solche Gedanken hatten lange Zeit keine Chance sich anders zu äußern als innerhalb der Reiligionen.
    Und umgekehrt sind auch im Namen der Religionsfeindlichkeit viele Verbrechen passiert, gerade im 20.Jhd.
    “Jesus was a punk” (irgendwo gelesen)

  14. #21 nI
    6. April 2026

    DH
    letzter Absatz
    Wäre hinter Illusion ein Fragezeichen, dann wäre es ein passendes Thema zum Osterfest.
    Wenn man schon Gott über menschliche Eigenschaften beschreibt, und bei den positiven bleibt, wie Nächstenliebe und Gewaltverzicht, dann ist das vorbildlich im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man aber beginnt die Fehler der Institution Kirche dem Glauben an Gott anzulasten, und einen Psychiater anführt , der Gott nur als menschliche Projektion begreift, dann muss Widerspruch erlaubt sein.

  15. #22 DH
    6. April 2026

    @nl
    Ob Kirche oder, davon getrennt, der Glaube an Gott, ist halt alles menschlich, positiv wie negativ.
    Kann nur aus meinen eigenen Erfahrungen berichten und da gibts immer wieder das gleiche Ergebnis- ob Gläubige, Atheisten oder Agnostiker, überall gibt es solche und solche, und alles dazwischen, in den gleichen Anteilen.
    Ohne Kirchen hätten sich die Verbrechen wohl ein anderes Spielfeld gesucht, was sie nicht entschuldigt, im 20.Jhd haben sie sich das Spielfeld der Pseudoreligionen gesucht.
    Meine Wenigkeit ist übrigens ein häufiges Ziel von diesen amerikanischen “Elders”, also Mormonen die hier unterwegs sind zum Missionieren. Warum auch immer…

  16. #23 schorsch
    8. April 2026

    Dein ‘Abstraktum’ – ist das nicht der Typ aus dem Gleichnis vom frommen Samariter? Der eine da, der den Besoffski aus dem Graben gezogen hat?

    • #24 Joseph Kuhn
      8. April 2026

      @ schorsch:

      Von mir aus kann auch der Samariter als Bild des Abstraktums dienen, warum nicht?

  17. #25 schorsch
    8. April 2026

    Barnherziger Samariter, Pardon. Fromm war ja der andere, der den Besoffski erst in den Graben geschubbst hat.

  18. #26 wereatheist
    8. April 2026

    Samaritaner.
    Sie glauben an ältere Teile des Tanach, aber eben nicht an jüngere Teile.
    Gewissermaßen Proto-Juden.
    Eigentlich hätten sich beide Fraktionen gegenseitig ermorden müssen, aber die persischen/griechischen/römischen Obrigkeiten waren nicht dafür (man wäre gekreuzigt worden).
    Die heutigen Samaritaner leben in Israel. weil ihre ex-Nachbarn in der West Bank zu doof waren, zu begreifen, dass die keine aechten Juden sind.

  19. #27 Staphylococcus rex
    8. April 2026

    Bei dieser Diskussion sind aus meiner Sicht Details der Formulierungen durchaus relevant. Ich fange einfach mal an bei meinem persönlichen Verhältnis zu Gott. Brauche ich Gott zur Bewältigung meines Alltags? Klares Nein. Brauche ich Gott zur Erklärung des beobachtbaren Universums. Ebenfalls Nein. Quälen mich Kognitive Dissonanzen aufgrund von Wundern/Anomalien? Auch hier Nein. Die Schlussfolgerung lautet deshalb, für mein persönliches Weltbild ist das Konzept Gottes überflüssig. Auf die Frage, ob Gott existiert, ist die Antwort dagegen deutlich komplexer.

    Wenn man den Gottesbegriff sehr weit fasst, dann könnte ein höheres Wesen außerhalb des beobachtbaren Universums existieren. Da ich dort weder etwas beobachten kann noch durch Experimente prüfen kann, habe ich auf diese Frage keine Antwort und verschwende auch keine Energie auf fruchtlose Grübeleien. Wenn man den Gottesbegriff sehr eng fasst i.S. der Formulierungen des alten Testaments, dann wage ich die Behauptung, dass im beobachtbaren Universum ein Gott im alttestamentarischen Verständnis mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht existiert.

    Die Götterwelt der Griechen ist ein Abbild der menschlichen Welt, die griechischen Götter zeigen ein problematisches Sozialverhalten, sind aber nicht allmächtig und zumindest partiell lernfähig. Der Gott des alten Testaments benimmt sich dagegen wie ein völlig verzogenes Einzelkind, rücksichtslos, selbstbezogen, unfähig zu Empathie und mit Null Frustrationstoleranz. Im alten Testament geht es auch nicht um Monotheismus, sondern um Monolatrie:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Monolatrie

    Das heißt aber nicht, dass es unmöglich ist, mit Menschen einer anderen Weltanschauung auszukommen. Der entscheidende Punkt ist hier der Verzicht auf gegenseitige Bekehrungsversuche.

    Wenn ich akzeptiere, dass andere Menschen ein Gotteskonzept zur Bewältigung ihres Alltags benötigen, dann ist dies die persönliche Entscheidung der anderen Person, die es zu respektieren gilt. Auf die Frage, ob Gott existiert, habe ich keine pauschale Antwort (siehe oben) und die Frage, ob jemand Gott benötigt, ist eine rein persönliche Entscheidung. Ich muss also niemanden bekehren.

    Auch von der anderen Seite sind Bekehrungsversuche nicht zwingend erforderlich. Ohne die Behauptung der Nichtexistenz Gottes beschränken sich die Meinungsverschiedenheiten auf Anomalien/”Wunder” im beobachtbaren Universum. Wenn man zusätzlich die Allmacht Gottes postuliert, sollte Gott in der Lage sein, seine Spuren bei “Wundern” gut zu verwischen. Offensichtliche Anomalien haben praktisch immer eine einfache und materielle Erklärung. Unwahrscheinliche Ereignisse sind dagegen unwahrscheinlich aber nicht unmöglich und die Bewertung als Wunder ist eine Frage des persönlichen Standpunkts.

    Im Alltag kann man auch mit unterschiedlichen Weltanschauungen gut miteinander auskommen. Das Rezept dazu lautet 75% gegenseitige Wertschätzung und 25% Pragmatismus. Ob darunter auch noch ein paar Prozentpunkte Heuchelei versteckt sind, darüber kann man streiten, aber wie es so schön heißt, nur wer frei ist von Schuld, der werfe den ersten Stein.

    Dieses Herangehen hat seine Grenzen, mit bibeltreuen Christen dürfte ein Auskommen schwierig sein. Ich habe in meinem Umfeld einige tiefgläubige Personen, mit denen ich bisher immer eine gemeinsame Sprache gefunden habe.

  20. #28 Dietmar Hilsebein
    8. April 2026

    @ Staphylococcus rex

    Was Sie schreiben hört sich gut an. Da wir jetzt bei den Glaubens -und Nichtglaubensbekenntnissen angekommen sind, schreibe ich auch einen Kommentar dazu. Mich gehen die Widersprüche der Bibel nichts an -s.o. Auch nicht, ob der psychologische Typus des Erlösers heute noch möglich wäre. Was mich angeht, ist das Wort, welches durch den Menschen spricht. Ich mache zwischen dem Mann aus Nazareth und dem, was man Christus nennt, durchaus einen Unterschied. Was gehen mich Konzile an?

  21. #29 Staphylococcus rex
    10. April 2026

    Die Frage, ob Gott eine Person (mit einer Persönlichkeit) und ein gegenständliches Wesen ist, so wie oben in der Einleitung beschrieben, ist aus meiner Sicht wesentlich älter und wurde bereits vor Freud, Nietzsche oder Feuerbach gestellt.

    Die Götter der Bronzezeit (egal ob aus Griechenland oder den fruchtbaren Halbmond) wurden nach meiner Kenntnis alle als Personen beschrieben, die die Alltagsrealität prägten. Gebetet, Gelobt, Gestraft, Gerichtet wurde ausschließlich im Diesseits. Für die Seelen der Verstorbenen gab es zwar eine Abladestelle, diese war aber unabhängig von den Leistungen oder Verfehlungen im realen Leben.

    Die Schwachstelle dieses Gotteskonzepts besteht darin, wenn alte Hochkulturen von fremden Mächten erobert werden und deren Bewohner unter Fremdherrschaft geraten oder versklavt werden, dass sich die Gläubigen einer Frage stellen müssen: Was ist ein Gott wert, der sein auserwähltes Volk nicht vor Fremdherrschaft oder Versklavung bewahren kann? Kurzzeitige Ereignisse kann man als Prüfung oder als Strafe nach Verfehlungen interpretieren. Langfristige Ereignisse führen zu einer kognitiven Dissonanz (=Glaubenskrise), die irgendwie aufgelöst werden muss.

    Die offensichtliche Folge ist die Wandlung des Gotteskonzepts von einer Person hin zu einem transzendenten Wesen. Wenn das Leben im Diesseits nur eine Prüfung ist und das ewige Leben nach dem Tode das wahre Ziel ist, dann ist die Gottheit von der Pflicht zur Einmischung im Diesseits befreit und die o.g. kognitive Dissonanz ist aufgelöst. Dies hat aber weitere Umbauten am Gotteskonzept zur Folge. Eine Prüfung muss natürlich auch Konsequenzen haben, plötzlich wurden anschauliche Beschreibungen für Himmel und Hölle notwendig.

    Die Verschiebung des Gotteskonzepts von einer Person hin zu einem transzendenten Wesen hat aber noch weitere Konsequenzen, nämlich die Frage nach dem Aufenthaltsort dieses transzendenten Wesens. Früher waren es heilige Berge (Olymp, Sinai), aber wo befindet sich Gott jetzt? Und wenn man diese Frage weiter verfolgt, ist die Frage Freuds, ob Gott nur eine Illusion ist, durchaus berechtigt.

  22. #30 Dietmar Hilsebein
    10. April 2026

    @ Staphylococcus rex

    “aber wo befindet sich Gott jetzt?”

    “Das Reich Gottes ist inwendig in euch…” (Lk 17,21 Übersetzung M. Luther, Berlin 1888)

    • #31 Joseph Kuhn
      10. April 2026

      @ Dietmar Hilsebein:

      “Das Reich Gottes ist inwendig in euch”

      Die Formel gefällt mir gut, man kann sie auch so auslegen, wie ich es oben vorgeschlagen habe. Sie ist auch moralisch anspruchsvoller als pantheistische Vorstellungen, wie manche sie im Gefolge der Probleme des traditionellen Gottesbegriffs (allmächtig, allwissend, allgütig) angestellt haben, z.B. Hans Jonas mit Blick auf Auschwitz.

      @ Staphylococcus rex:

      “Person (mit einer Persönlichkeit) … gegenständliches Wesen … transzendentes Wesen … Aufenthaltsort”

      Was ist ein “transzendentes Wesen”, das nicht “gegenständlich” ist, aber einen “Aufenthaltsort” braucht? Und warum sollte man es “Gott” nennen, wenn es keine “Person” ist, also ansprechbar?

      Ich fürchte, mit solchen Spekulationen bewegt man sich im weiten Feld des überstiegenen Denkens über “Gott”: https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2017/01/05/was-ist-gott-ein-streifzug-durch-das-ueberstiegene-denken/

  23. #32 Dietmar Hilsebein
    10. April 2026

    Stehen wir auf den Schultern von Giganten? Und wenn man in der Zeit zurückgeht, findet sich schon vieles bei den alten Griechen. (Antisthenes entgegnet Platons Ideenwelt: ich sehe ein Pferd und keine Pferdheit). Und wenn man noch weiter zurückgeht, stehen wir dann nicht auf einer Schulter, auf der Schulter des Wortes, das in uns spricht?

  24. #33 aristius fuscus
    10. April 2026

    @S.rex, #29: es ist nicht ganz richtig, dass bronzezeitliche Kulturen ihre Götter personifizierten. Zumindest für das bronzezeitliche Italien scheint das nicht zu gelten, wenn man Rüpke glauben darf (J. Rüpke: Pantheon). Götter zeigen sich hier in ihrer Wirkung auf das Alltagsleben und Religion ist im wesentlichen eine Abfolge von Ritualen, Erzählungen über die Götterwelt oder Tempel, die einem bestimmten Wesen gewidmet sind, gibt es nicht. Das änderte sich erst mit dem Ausgreifen der griechischen Kultur auf Italien, so ca. 7./6. Jhdt.
    Wer an archaischen Göttervorstellungen interessiert ist, sollte sich das Buch unbedingt antun, mir hat es den Glauben an die Religionswissenschaft als eine seröse Disziplin wiedergegeben (vorher kannte ich eigentlich nur, was unter Scilogs als Religionswissenschaft läuft -hat mit Wissenschaft halt gar nichts zu tun).

  25. #34 Staphylococcus rex
    10. April 2026

    @ JK, für einige Ihrer Fragen bin ich der falsche Ansprechpartner. Mir war es wichtig darzustellen, dass der Gottesbegriff aus der Bronzezeit mit dem Ende der antiken Hochkulturen in einer schwere Krise geriet und diese kollektive kognitive Dissonanz nur durch einen anderen Gottesbegriff aufgelöst werden konnte. Der Schritt vom Polytheismus hin zum Monotheismus hat für mich nachvollziehbare historische Gründe.

    Außerdem war es mir wichtig darzustellen, dass ein anderer Gottesbegriff umfangreiche Umbauten am Gesamtkonzept erfordert. Es ist aber nicht meine Aufgabe, alle kognitiven Dissonanzen dieses neuen Gottesbegriffs aufzulösen. Die Frage nach dem Aufenthaltsort Gottes bitte ich als rhetorische Frage zu betrachten. Da ich persönlich Gott nicht benötige, ist die Frage nach seinem Aufenthaltsort für mich nicht von direktem Interesse. Ich habe lediglich ein indirektes Interesse an diesen Fragen, um Unschärfen im Gesamtkonzept dazu zu nutzen, um mit gläubigen Menschen kommunizieren zu können, ohne gleich eine Konfrontation heraufzubeschwören.

    • #35 Joseph Kuhn
      10. April 2026

      @ Staphylococcus rex:

      “JK, für einige Ihrer Fragen bin ich der falsche Ansprechpartner.”

      Nichts für ungut, aber Sie haben von “gegenständlich”, “transzendent” und “Aufenthaltsort” gesprochen, da sind Sie schon der richtige Ansprechpartner für Nachfragen, was damit gemeint ist.

      “Da ich persönlich Gott nicht benötige, ist die Frage nach seinem Aufenthaltsort für mich nicht von direktem Interesse.”

      Dann würde ich auch nicht nach seinem Aufenthaltsort fragen. Aber sei’s drum: Angeblich hat das Postamt Himmelspforten seine Adresse.

  26. #36 n I
    10. April 2026

    Hilsebein, Kuhn, aristius, …rex Betreff: Gottesbegriff
    Eine anschauliche Erklärung liefert Ludwig Wittgenstein.
    “Gott ist für Wittgenstein kein rational beweisbares Objekt, sondern eine existentielle Erfahrung, die Sinn verleiht und den Menschen „anspricht“. Der Glaube an Gott ist eine Grundhaltung zur Welt („Sehen, dass das Leben einen Sinn hat“), kein theoretisches Fürwahrhalten von Fakten. Religion ist für ihn zwar „wahnsinnig schwierig“, aber möglich, und oft jenseits der sagbaren Logik.” (aus google)

  27. #37 Dietmar Hilsebein
    10. April 2026

    @ Kuhn
    “Transzendental” sicher nur ein Verschreiber Ihrerseits.

    • #38 Joseph Kuhn
      10. April 2026

      @ Dietmar Hilsebein:

      Danke, ja, Verschreiber, vielleicht zu viel Kant im Hinterkopf gewesen. Habe es korrigiert.

  28. #39 Dietmar Hilsebein
    10. April 2026

    Alles gut.