Die Deepwater Horizon bei dem Brand 2010

Die Deepwater Horizon bei dem Brand 2010 (Wikipedia: Autor unbekannt – US Coast Guard – 100421-G-XXXXL- Deepwater Horizon fire (Direct link))

Am 20. April 2010 geschah der größte Ölunfall auf See, den es je gab: Durch menschliches Versagen kam es auf der BP-Bohrinsel „Deepwater Horizon“ zum Blowout: Ölschlamm und Gas schossen unkontrolliert aus der Tiefe empor. In wenigen Minuten brannte die turmhohe Stahlkonstruktion, explodierte schließlich und versank dann am 22.04.2010 im Golf von Mexiko.
Allerdings floss am Meeresboden immer noch Öl und Gas aus der Tiefsee-Bohrung – erst am 19. September konnten Experten nach mehreren vergeblichen Versuchen die Bohrung in 1500 Metern Tiefe versiegeln.

11 Ölarbeiter waren dabei gestorben, die anderen 99 konnten gerettet werden.
Ein gigantischer Ölteppich erreichte am 29. April die Küsten des nördlichen Golfs, besonders schwer getroffen waren die Bundesstaaten Louisiana, Texas und Mississippi sowie das Mississippi-Delta.
Wie viele Menschen in Folge der Kontamination mit Rohöl und den ölauflösenden Dispergenzien erkrankt oder gestorben sind, ist nicht bekannt.

Der Untersuchungsbericht für den US-Präsidenten Barrack Obama stellte BP und die Betreiberfirma Transocean klar als die Hauptschuldigen heraus, allerdings hatte es auch Versäumnisse bei den Aufsichtsbehörden gegeben.
Manager hatten aus finanziellen Überlegungen Wartungsarbeiten aufgeschoben oder ganz abgesagt. Diese Fehlentscheidungen führten zum Blowout, der katastrophalen Ölpest und dem Tod mehrerer Mitarbeiter. Konkret hatte der Blowout-Preventer versagt, ein gewaltiges Stahlkonstrukt mit mehreren Absperrventilen, was genau solche Katastrophen hätte verhindern sollen. Aufsichtsbehörden hatten blind darauf vertraut, dass die Industrie ihrer Verantwortung nachkommt, außerdem fehlten Notfallpläne.
2016 wurden BP und der Bohrinsel-Betreiber Transocean zu Rekordstrafen verurteilt.

Dark clouds of smoke and fire emerge as oil burns during a controlled fire in the Gulf of Mexico, 6 May 2010 (Wikipedia: Petty Officer 2nd Class Justin Stumberg – This Image was released by the United States Navy with the ID 100506-N-6070S-819 (next))

Gesetze und Richtlinien wurden geändert für eine restriktivere Vergabe von Tiefbohr-Lizenzen und mehr staatlicher Kontrolle (unter dem derzeitigen Präsidenten ist das natürlich rückgängig gemacht worden – Experten befürchten deshalb weitere Öl-Katastrophen).

2010 und in den Folgejahren sind Millionen von Tieren im Öl erstickt, verbrannt und ertrunken, noch mehr sind verküppelt, ein jahrelanges Monitoring zeigte den langsamen Erholungsprozess der Ökosysteme. Viele Arten und Lebensräume haben sich allerdings bis heute nicht vollständig erholt, auch in der Folgezeit habe ich immer wieder über Massensterben, kranke Tiere und Schäden in den marinen Ökosystemen als Folgen der Ölpest berichtet.
Jetzt habe ich im Auftrag der Zentrale für Politische Bildung des Landes Thüringen in einer 32-seitigen Broschüre an diese Ölpest erinnert: „Deepwater Horizon: Blowout! 20. April 2010“.
Die Broschüre kann hier (5,00 € Versandpauschale) oder über den Buchhandel bestellt werden (Es lohnt sich sehr, in den Publikationen einmal zu stöbern! Einige dürften auch als Lehrmittel für Schule und Studium geeignet sein).

Blowout – der „perfekte Sturm“ für die Golf-Delphine

2010 begann ich gerade damit, Meertext zu schreiben, die Deepwater Horizon-Ölkatastrophe war damals mein erstes großes Thema. Mein Fokus lag auf den Großen Tümmlern und anderen Walen, mehrere Jahre in Folge ist es zu Delphinmassensterben gekommen.
Öl enthält viele toxische Verbindungen, seine toxische Wirkung auf Lebewesen kommt durch Hautkontakt, Verschlucken oder Einatmen (Meertext: Ölpest: Wie schadet Erdöl den Meerestieren? 2. Mai 2011).
Der eindeutige Nachweis, dass ein Tier oder ein Mensch an den Öltoxinen gestorben ist, ist allerdings extrem schwierig.

So hat BP immer wieder jegliche Verantwortung dafür zurückgewiesen, manchmal offenbar sogar Gegengutachten von Universitäten finanziert. Über den Fall einer solchen Gefälligkeits-Publikation habe ich in mehreren Artikeln geschrieben:

“Zusammenhang zwischen der Ölpest in 2010 und Delphinsterben in 2011 im Golf von Mexiko?” (30. Juli 2012)
Zu Beginn des Jahres 2011 strandeten an der Küste des Golfs von Mexiko ungewöhnlich viele tote Delphine: Zwischen Januar und April 2011 waren es 186 Große Tümmler (Tursiops truncatus), davon waren 86 perinatale Kälber („Perinatal“ ist der Zeitpunkt um den Geburtstermin herum.)
“Jetzt kommt eine erste wissenschaftliche Aufarbeitung: Were Multiple Stressors a ‘Perfect Storm’ for Northern Gulf of Mexico Bottlenose Dolphins (Tursiops truncatus) in 2011?von Carmichael et al im Online-Wissenschaftsmagazin PLoS. („Waren multiple Stress-Faktoren der „Perfekte Sturm“ für Großen Tümmler des Nördlichen Golf von Mexiko?“)” – weiterlesen.

Striped dolphins (Stenella coeruleoalba) observed in emulsified oil on 29 April 2010 (Wikipedia: NOAA’s National Ocean Service – Flickr: Striped Dolphins; (Original source: Deepwater Horizon Incident Image Gallery)

„Der perfekte Sturm“ für die Delphine des Golfs von Mexiko: Kritische Diskussion der Publikation” (30. Juli 2012)
“Die Publikation “Were Multiple Stressors a ‘Perfect Storm’ for Northern Gulf of Mexico Bottlenose Dolphins (Tursiops truncatus) in 2011?” von Carmichael et al im Online-Magazin PLoS untersucht das Delphin-Massensterben von 2011.
Massensterben von Walen kamen und kommen immer wieder vor.
[…]
Aber dieses Mal ist die Zahl der toten Delphinkälber extrem hoch.
Nur durch langjährige Studien und interdisziplinäre Untersuchungen können die Ursachen solcher Massensterben erkannt werden. Für die Auswertung der Datensätze ist viel Erfahrung nötig. Im vorliegenden Fall ist eine Delphin-Population betroffen, die bereits seit Jahrzehnten intensiv wissenschaftlich untersucht wird und über deren Lebensraum sehr viel bekannt ist.
Damit besteht hier eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit, die Ursachen der Wal-Katastrophe herauszufinden.
Die Publikation “Were Multiple Stressors a ‘Perfect Storm’ for Northern Gulf of Mexico Bottlenose Dolphins (Tursiops truncatus) in 2011?” enthält allerdings einige fragwürdige Schlussfolgerungen, die im Folgenden diskutiert werden.”
weiterlesen

„Der perfekte Sturm“ für die Delphine des Golfs von Mexiko: Kommentar” (30. Juli 2012)
“[…]
Mit viel Understatement, Verharmlosung und Relativierung. Und reichlich Daten und graphischen Darstellungen, die vom zentralen Punkt ablenken. In diesem Fall lenkt das kalte Wasser von der Ölpest ab. Das Wort “Ölpest“ oder andere Öllobby-unfreundliche Termini fehlen im Manuskript ganz. Stattdessen wird die Katastrophe in das Mäntelchen einer technokratischen Abkürzung gehüllt, was sich sehr viel weniger schlimm anhört: „DWHOS“ statt Oilspill. Abkürzungen wirken professionell, abstrahierend und sehr sachlich.
Auch der Einsatz vieler Statistiken kann unliebsame Fakten verschleiern:
Durch Statistiken werden Leser/Hörer mit Zahlen und Daten überschüttet, die sachlich und korrekt sind. Die meisten Menschen sind dann mit der Datenverarbeitung so beschäftigt, dass sie nicht merken, dass wesentliche Fakten fehlen oder nicht in die Schlussfolgerungen einbezogen werden.
Das Resultat „Our data suggest, cold temperature were not the sole cause of death […]“ (S. 11) ist ein verbaler Eiertanz.
Ich vermisse die Schlussfolgerung:
„Mit hoher Wahrscheinlichkeit hätte es ohne die Deepwater Horizon-Ölpest diese extrem erhöhte Sterblichkeit in 2011 nicht gegeben.“
Die Daten hätten diese Schlussfolgerung gerechtfertigt.” – ganzen Artikel lesen


Wann ist eine Ölpest zu Ende?

Für BP ist die Ölpest längst beendet. Die Gelder für die Untersuchung der Folgen auf Tiere und Ökosysteme sind aufgebraucht, die Wissenschaftler in den USA sind auf solche Mittel aber zwingend angewiesen. Das Forschungsprojekt zur Dokumentation der ökologischen Folgen der Ölpest lief bis 2014, dann gab es dafür keine Förderung mehr. Nur die empfindlichen Kaltwasser-Korallen, die ohne Sonnenlicht in 1500 Metern Tiefe des Golfs Riffe bilden, wurden bis 2017 beobachtet – sie hatten sich bis dahin nicht erholt.
BP hatte 2015  postuliert, dass die Tiefsee-Habitate sich regeneriert hätten – „the Gulf was healing itself and “returning to pre-spill conditions”. Wissenschaftler der NOAA und anderer Institutionen waren zu einem anderen Ergebnis gekommen und widersprachen BP vehement.

Ohne Finanzierung können die Wissenschaftler ihre Arbeit nur in wenigen Ausnahmefällen und in kleinem Umfang fortsetzen. Einige Tiefseeforscher, die den Golf und seine Ökosysteme schon sehr lange können, haben allerdings an der Unglücksstelle nachgeschaut. Gefunden haben sie dicke Ölschichten auf dem Meeresboden, statt der gewohnten Tiefseefauna aus zarten Weichkorallen, bunten Würmern, Seegurken und anderen Tiefseearten krochen nur noch verkrüppelte Krebse über den Ölschlamm.
Was diese Zombiekrebse mit dem Öl zu tun haben, ist hier zu lesen: Deepwater Horizon Oilspill: 10 Jahre nach dem Blowout (2. November 2019).

 

Kommentare (3)

  1. #1 Rüdiger Hengl
    Mering
    20. April 2020

    Korrigieren Sie bitte das Datum 22.02.2010 .

    Ansonsten – Super Artikel! (Y)

    • #2 Bettina Wurche
      20. April 2020

      @Rüdiger Hengl: Danke. Ja, die derzeitige Berichterstattung hat sich so auf Covid19 konzentriert, dass andere Themen völlig untergehen. Wie eben der gesamte Meeres- und Klimaschutz. Trump hat so viele Gesetze zurückgedreht, dass mir ständig die Galle hochkommt und die deutschen Medien konzentrieren sich nur auf sein irrlichterndes Streufeuer, anstatt mal die Fakten dahinter zu suchen. Eine weitere Ölpest, dann vielleicht noch viel schlimmer, etwa in der Arktis, ist nur eine Frage der Zeit. Das ist schon sehr bitter.

  2. […] Spätfolgen. Über diese Öl-Katastrophe habe ich ausführlich gebloggt: Eine Übersicht gibt es hier. Über das Delphin-Massensterben habe ich hier und  hier berichtet, hier und hier diskutiere und […]