Europa ist ein kleiner Kontinent mit viel Küste(n). Ostsee, Nordsee, Mittelmeer, Europäisches Nordpolarmeer und ein schneller Zugang zum Nordatlantik; im Osten noch das Kaspische und Schwarze Meer.

Alle diese Meere werden seit Jahrtausenden intensiv befahren, befischt und anders (aus-) genutzt. Die Naturgeschichte ist hier eng verwoben mit der Kulturgeschichte, die Meere sind marine Kulturlandschaften. Welche Wale gab oder gibt es in den westeuropäischen Meeren? Und welche Beziehungen bestehen zwischen Walen und Menschen in Europa?
Ein Auftrag für „meertext“ – im Rahmen der Blogparade #DHMMeer „Europa und das Meer – Was bedeutet mir das Meer?“, ausgerichtet vom Deutschen Historischen Museum in Berlin und Tanja Praske.

Bildergebnis für shifting baselines

Dr. Daniel Pauly: Shifting Baselines (https://mission-blue.org/2012/03/shifting-baselines-daniel-paulys-ted-talk/)

Shifting Baselines

Oft wird behauptet, die kommerzielle Ausbeutung der natürlichen Ressourcen habe mit der Industrialisierung begonnen. Das trifft nicht so ganz zu und schon gar nicht auf die Wale, die Übernutzung ihrer Bestände geht wesentlich weiter zurück. Wir können es bloß schlecht nachweisen, denn für einen akzeptabeln Nachweis braucht es Zahlen. Und diese Zahlen gibt es nicht. Die gezielte Erforschung mit ihrer Benennung und Quantifizierung ist jünger als die Ausbeutung der Arten. Das bedeutet: Es gibt keine belastbaren Daten über Tierbestände vor 100, 500, 1000 oder 5000 Jahren. Je weiter es zurück in die Vergangenheit geht, desto dünner ist die Datenlage.
Eines dürfte für die Beziehung des Menschen zur Megafauna aber gewiss sein: Die Ausrottung vieler großer Säuger – ob an Land oder im Meer – und großer Vögel dürfte zu einem mehr oder weniger großen Teil auch auf menschliche Jäger (nicht nur in Europa) zurückgehen: ob Mammut  und Wisent in Europa, Steller´sche Seekuh im Nordpazifik oder Riesenmoa in Neuseeland.

Die Ökosysteme, die dann von der beginnenden Wissenschaft ab dem 18. und 19. Jahrhundert erfasst und beschrieben wurden, waren bereits reichlich überstrapaziert. Die Industrialisierung auch des Walfangs gab den Walbeständen dann den Gnadenstoß. Den einstigen Artenreichtum und die Individuenzahl der Fauna vor der Vermehrung der Menschen und ihrer Inbesitzname immer neuer Landstriche  können wir uns heute nicht mehr vorstellen. Ausgebeutet ist das neue „Normal“ – im Sinne der Shifting Baselines des Fischereibiologen Dr. Daniel Pauly (Sein Ted X-Talk dazu ist sehens- und hörenswert).
Aber was wissen wir über die historische Beziehung von Walen und Menschen in Europa?
In den letzten Jahren kam es im Zuge der Diskussion um historische Daten und der Rekonstruktion früherer Bestände neuen Wissenschaftszweigen: Die Historische Ökologie und die Historische Biogeographie. Sie werten alle erreichbaren archäologischen und historischen Daten aus, von der Höhlenmalerei über die Abfallgrube einer römischen Siedlung oder mittelalterlichen Latrine bis zu Schiffs-Logbüchern und Unterlagen von Fischmärkten zu Anlandungen (Nik Probst: K22 „Shifting baselines“ – Im Nebel der Vergangenheit; Erschienen im Fischerblatt 2013, Jahrgang 61(3): 18-20).

Im Folgenden zeige ich einige Beispiele, die die Ausbeutung der Wale in europäischen Gewässern bzw. durch europäische Staaten in archäologischer bzw. historischer Zeit plakativ abbilden. Gleichzeitig dokumentieren die Fangfahrten in immer weiter entfernte Gebiete den Niedergang der weltweiten Walbestände.
Im Anschluss geht es um die Veränderung der Beziehung zwischen Mensch und Wal und die Einstellung heutiger EU-Staaten zu Walen.

Atlantischer Nordkaper mit Kalb

Nordkaper (Wikipedia)


Römer auf Walfang?

Die Auswertung einiger Walknochen-Funde aus römischen und vorrömischen archäologischen Stätten in der Region der Straße von Gibraltar und einem Knochen von der asturischen Küste führte kürzlich zu einer sehr interessanten Publikation: Gab es in historischen Zeiten Vorkommen von Glatt- und Grauwalen im Mittelmeer? Gab es im antiken Rom einen strukturierten Walfang? (Ana S. L. Rodrigues et al: “ Forgotten Mediterranean calving grounds of grey and North Atlantic right whales: evidence from Roman archaeological records; Proceedings of the Royal Society; 2018; DOI: 10.1098/rspb.2018.0961).

Nordkaper (Nördlicher Glattwal, Northern Right Whale, Eubalaena glacialis) sind im westlichen Nordatlantik durch den kommerziellen Walfang ausgerottet worden. Grauwale (Eschrichtius robustus) sind ebenfalls aus dem gesamten Nordatlantik verschwunden, ihr Verschwinden ist noch nicht vollständig geklärt. Beide Walarten leben und ziehen küstennah, beide sind recht langsam und beide Arten bringen ihren Nachwuchs in flachen warmen Küstengewässern, gern Lagunen, zur Welt. Das nordwestliche Mittelmeer mit seinen Etangs wäre dafür ideal gewesen.

Grauwal (Wikipedia)

Ana Rodrigues und ein Team von Archäologen und Ökologen hat aufgrund einiger Knochenfunde rekonstruiert, dass Grau- und Glattwale in römischen Siedlungen verarbeitet worden sind. Die Knochen stammen von fünf archäologischen Grabungen, vier aus der Gibraltar-Region und einer von der asturischen Küste (Spanien); drei davon waren Produktionsstätten für gesalzenen Fisch und die legendäre Fischsauce (Garum).  Nach der C 14-Datierung stammten die Knochen  aus der Zeit des römischen Imperiums bzw. aus der Zeit davor. Bisher ist die Verarbeitung von Walen aus dieser Zeit nicht bekannt.
Die zweite Frage war, ob diese Wale möglicherweise aus dem Mittelmeer stammten. Das wäre neu, denn das Mittelmeer gilt aufgrund fehlender Funde und Dokumentationen bisher nicht als historisches Verbreitungsgebiet der Glatt- und Grauwale.
Das Team hatte DNA und Kollagene analysiert, um 10 mutmaßlich von Walen stammende Knochenstücke taxonomisch zuzuordnen: drei Knochen stammten von Glattwalen und drei von Grauwalen. Jeweils ein weiterer stammte von einem Delphin und von einem Elefanten.
Rodrigues et al meinen, dass die großen Walarten sehr wahrscheinlich in der Nähe der Straße von Gibraltar gelebt haben. Da beide Bartenwale flache Lagunen oder Flachmeere als Kinderstube nutzen, könnte man die Funde dahingehend interpretieren. Die Funde weisen jedenfalls darauf hin, dass Grau- und Glattwale in historischen Zeiten eine noch weitere Verbreitung im Atlantik nach Süden hatten, als bislang vermutet wurde.

File:Apollonia 010717 Garum production facility 01.jpg

Garum production facility (WikiCommons)

Der Grund des Verschwindens der beiden Großwale aus dem Mittelmeer könnte mit den größeren ökologischen Veränderungen erklärt werden, die auch zum Verschwinden der Orcas und eine Reduzierung des Nahrungsangebots im Mittelmeer. Das Vorhandensein von Knochen dieser beiden küstennah lebenden, langsam ziehenden und somit erreichbaren Bartenwale wirft die Frage auf, ob das Römische Imperium möglicherweise schon eine Art Walfang-Industrie hatte, die historisch nicht überliefert ist.

Der Gedanke ist interessant, mir kommen die spärlichen Knochenfunde aber als Nachweis für ganze Wal-Populationen und -Kinderstuben etwas dünn vor.
Der Fund lässt nämlich mehrere Möglichkeiten offen:

  1. Die Wale können Irrläufer aus dem Nordatlantik gewesen sein. Dann wäre das Mittelmeer nicht ihr üblicher Lebensraum gewesen sein. Allerdings hätten sie dann noch erlegt werden müssen.
    2. Die Wale können Strandungen gewesen sein. Dann hätten die Römer keine echten Walfangaktivitäten haben müssen.
    In beiden Fällen wären sie willkommene Fleischberge gewesen, die sicherlich nicht ungenutzt geblieben wären.
    3. Die Römer können Wale oder Teile davon im Handel erworben haben.
    Dann müsste jemand anderes die Wale gejagt haben, der technisch auf keinem anderen Niveau gewesen sein dürfte.
Bildergebnis für vilbeler mosaik hlmd

Vilbeler Mosaik im Hessischen Landesmuseum Darmstadt

Rodrigues verweist darauf, dass die Römer nicht die notwendige Technologie hatten, um Hochseespezies zu bejagen.
Da stellt sich für mich die Frage, welche Technologie es braucht, um in flachen oder Küstengewässern Gewässern einen Wal zu erbeuten? Vor den Azoren sind über lange Zeit hinweg mit Kanus Pottwale gejagt worden und Inuit erlegen schon immer auch Nordkaper mit Kajaks und Handharpunen.
Das Argument wäre also eher kein Ausschlussgrund.

Etwas ganz anderes spricht gegen die Vorstellung der römischen Großwal-Jagd:
Die Archäologin  Dr. Erica Rowan, Royal Holloway, University of London, hat bei einem Interview zu dieser Publikation im “The Guardian” gesagt: Wären Grau- und Glattwale dort in großer Zahl vorhanden gewesen und hätten die Römer eine Walfangindustrie gehabt, würde es darüber sicherlich Aufzeichnungen geben. Schließlich wurde im Römischen Imperium eine große Bandbreite von Meerestieren verspeist und auch beschrieben (“I think that if these whales were present in such numbers and were being caught on an industrial scale that we would have more evidence, perhaps not in the zoo archaeological record but in the ceramic record and in the literary sources,” she said. “The Romans ate and talked about an enormous variety of fish and seafood, and if whale was widely exploited and exported, then it is strangely absent from many discussions.”

Da stimme ich Rowan zu: Auf römischen Mosaiken sind Delphine, verschiedene Fische und anderes Meeresgetier detailliert abgebildet, ein Beispiel dafür ist etwa das Vilbeler Mosail im Hessischen Landemsuseum Darmstadt. Ein größerer Wal als ein Delphin taucht nirgendwo auf. Die Römer haben ihre Umgebung sehr genau abgebildet, in Worten und Texten. Wenn sie nichts über Wale und Walfang geschrieben haben, dann dürfen wir davon ausgehen, dass es keine Bestände großer Meeressäuger und eine strukturierte Jagd auf diese aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gab. Das bedeutet nicht, dass nicht vereinzelt Glatt- und Grauwale aus der Nordatlantik-Population auch Abstecher ins Mittelmeer gemacht haben.

(Ein herzliches Dankeschön an Tanja Praske für die Einladung zur Blogparade #DHMMeer Europa und das Meer!)

Teil 2 folgt in einigen Tagen…

 

 


Kommentare (6)

  1. #1 Tanja Praske
    www.tanjapraske.de
    25. Juli 2018

    Liebe Bettina,

    wie wunderbar – ich mag diese fast schon kriminologischen Untersuchungen. Sehr spannend, wie Kunstwerke als Ausschlussprinzip funktionieren können. Als du das Szenarium maltest, dass wegen der Funde, diese Tierart im Mittelmeer gelebt haben könnte, dachte ich umgehend an den Handel. Außerdem hätte man doch noch viel mehr Fundstücke auch an anderen Orten haben müssen, oder?

    Bin supergespannt auf deinen zweiten Teil – gib Bescheid, wann er kommt, dann halte ich dir den Slot noch frei!

    Herzlich,
    Tanja von KULTUR – MUSEUM – TALK

    • #2 Bettina Wurche
      25. Juli 2018

      Liebe Tanja, ja gerade bei Walen ist es schnell “CSI Whale” – und in der Paläontologie noch viel mehr, eines der Standardwerke für die Rekonstruktion von Todesumständen ist “Leichenschau am Unfallort” : )
      Der 2. Teil wird erst am Wochenende kommen, das schaffe ich heute leider nicht mehr. Ich fürchte, dann wird es zu spät sein für #DHMMeer . Aber vielen Dank für Dein Angebot.

  2. #3 RPGNo1
    25. Juli 2018

    Wären Grau- und Glattwale dort in großer Zahl vorhanden gewesen und hätten die Römer eine Walfangindustrie gehabt, würde es darüber sicherlich Aufzeichnungen geben.

    Das sehe ich als interessierter Laie an der römischen Geschichte (sowie Besitzer eines “großen Latinums” :) ) ebenso. Die Römer haben uns dankenswerterweise eine sehr große Anzahl von Dokumenten und auch archäologischen Hinterlassenschaften beschert. Es gibt u.a. römische Kochbücher, deren Rezepte von Experimentalarchäologen und Enthusiasten nachgekocht werden.
    Wenn Wale in großem Maßstab gefangen, verwertet und verspeist worden wären, dann wäre es auch entsprechend dokumentiert gewesen und sei es beispielweise in simplen bürokratischen Listen.

  3. […] Blogs: „#DHMMeer: Europa und die Wale – eine unnatürliche Naturgeschichte (1)“ […]

  4. #5 roel
    25. Juli 2018

    @Bettina Wurche schöner Beitrag, ich beschäftige mich seit dem Hybriden wieder mehr mit Walen, da kommt dieser Beitrag gerade recht.

    Einen kleinen Fehler habe ich entdeckt (das letzte Wort): “Grauwale (Eschrichtius robustus) sind ebenfalls aus dem gesamten Nordatlantik verschwunden, ihr Verschwinden ist allerdings noch nicht vollständig ungeklärt.”

    • #6 Bettina Wurche
      25. Juli 2018

      @roel: Danke – facepalm