Ein Schwangerschaftsdiabetes ist eine Glucosetoleranzstörung oder (seltener) ein neu auftretender Diabetes in der Schwangerschaft. Lange war der Test auf Schwangerschaftsdiabetes etwas, was gesetzlich versicherte Schwangere selbst bezahlen mussten – mit der Folge, dass in bevölkerungsweiten Erhebungen zuweilen mehr Schwangere aus den oberen Sozialstatusgruppen einen Schwangerschaftsdiabetes aufwiesen als solche aus den unteren Sozialstatusgruppen, obwohl Studien gezeigt hatten, dass wie so oft auch hier das Risiko steigt, je niedriger der Sozialstatus ist. Seit einigen Jahren gehört ein Screening auf Schwangerschaftsdiabetes zum Routineangebot der Vorsorgeuntersuchungen und wird für alle gesetzlich Versicherten von den Krankenkassen bezahlt. Vermutlich ist jetzt der Sozialgradient auch in bevölkerungsweiten Erhebungen erwartungskonform, ich habe aber noch nicht in neuere Daten gesehen.

Bei etwa 4 % der Schwangeren* wird ein Schwangerschaftsdiabetes diagnostiziert, die Zahlen sind in den letzten Jahren mit zunehmender Sensibilisierung der Ärzte und der Schwangeren deutlich angestiegen.

Schwangerschaftsdiabetes

Das Screening auf Schwangerschaftsdiabetes wurde eingeführt, weil er mit gesundheitlichen Risiken für den Fötus und die Mutter verbunden ist. Beispielsweise kann es zu Reifungsstörungen wichtiger Organe kommen, häufiger ist ein unerwünschtes Größenwachstum des Kindes die Folge. Nach der Schwangerschaft verschwindet der Schwangerschaftsdiabetes in der Regel wieder, aber die Mutter hat z.B. ein erhöhtes Risiko, später einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln. Wird ein Schwangerschaftsdiabetes festgestellt, wird meist eine Ernährungsumstellung empfohlen, in nicht wenigen Fällen aber auch eine Insulinbehandlung.

Unter anderem daran, dass oft schon bei vergleichsweise geringen Überschreitungen der Grenzwerte des Blutzuckers eine Insulinbehandlung empfohlen und auch eingeleitet wird, entspinnt sich inzwischen, z.B. gestern in der ZDF-Sendung „Frontal 21“, neue Kritik am Screening auf Schwangerschaftsdiabetes, denn die Insulinbehandlung kann auch negative Effekte für den Fötus haben, z.B. Wachstumsverzögerungen. Eine „alte“ Kritik am Screening ist, dass es zu viele Schwangere zu Patientinnen macht, die Schwangerschaft weiter medikalisiert und ein Teil der betroffenen Schwangeren unnötig behandelt wird.

Ob hier also zu viel des Guten getan wird, und falls ja, was wäre stattdessen zu tun?

—-
* Nachtrag 9.2.2016:

Die Daten für 2015 sind, wie ich gerade sehe, beim IQTIG auch schon online: 4,95 %.

Kommentare (53)

  1. #1 Alisier
    8. Februar 2017

    Kurze Antwort aus eigener Erfahrung: Ja, es wird definitiv zu viel des Guten getan, und der Stress, der verursacht wird ist enorm.
    Bei unserem ersten Kind waren kurz vorher die Grenzwerte erheblich runtergesetzt worden, und da meine Frau die neuen Grenzwerte gerade mal überschritt, wurde eine Ernährungsberatung, tägliche Pieksbluttests zuhause usw. verordnet. Bis ich mich dann durch mehrere Studien durchgeackert hatte, und feststellen musste, dass das Risiko für das Kind aus meiner Sicht vernachlässigenswert war (für die Mutter sowieso), dass aber die empfohlene Insulinbehandlung mit einigen Risiken verbunden war. Der Stress immer wieder mit den natürlichen Blutzuckerschwankungen konfrontiert zu sein, und eine Beraterin zu haben, die immer gleich “Insulin” schrie, führte dazu, dass wir nach 10 Tagen beschlossen auf die Messungen zu pfeifen. Seitdem haben wir uns nie wieder verrückt machen lassen.
    Der Sache mit den Grenzwertverschiebungen könntest du mal nachgehen, denn meines Wissens sind die Risiken selbst bei mehrtägigen leichten Überschreitungen so gering, dass der verursachte Stress mehr Schaden anrichten dürfte. Und so zu tun, als könne man Risiken auf Null reduzieren ist eh so was von lächerlich.
    Dann scheint es auch noch so zu sein, als wären Überschreitungen der vorgegebenen Grenzwerte je nach ethnischer Herkunft verschieden. Differenziert wird aber immer noch nicht, soweit ich weiß.

  2. #2 anderer Michael
    8. Februar 2017

    Ich verstehe nicht, wieso eine adäquate Insulinbehandlung Probleme beim Kind verursacht. Insulin ist nicht plazentagängig. Vielleicht dadurch: im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel ist der Insulinbedarf der Mutter physiologisch erhöht. Bei Vorliegen eines Gestationsdiabetes und Insulinbedürftigkeit kann in einigen Fällen zu streng eingestellt werden und dadurch evtl Glucosedefizit beim Foetus vorliegen.

    Als erstes wird versucht zu therapieren mittels Diät und Lebensstiländerung. Auch das vermehrte Essen (“du must doch jetzt für zwei essen”) sollte nicht übertrieben werden.Die Mitarbeit ist entscheidend. Diese Compliance ist ein großes Problem, nicht nur bei Migranten oder Sozialschwachen, dort allerdings deutlicher.

    Nach meinem Kenntnisstand ( ich habe nochmal kurz die Leitlinie von 2011 , 91 Seiten ,überflogen) sehe ich in das Screening nicht als Problem. Es kann sogar im positiv Fall eine Chance bedeuten und zu einer Lebensstiländerung sorgen.Einschränken möchte ich, in der Schwangerschaft kann so ein Problem deutlich verunsichern.

    In der Tat Schwangerschaft bedeutet ein straffes Vorsorge-, Screening- und Vorbereitungsprogramm.Falls es je gegeben hat,” in anderen Umständen zu sein” und sich nur auf das Kind zu freuen, ist heute eine Seltenheit. Hoffentlich passiert nichts und das Kind ist gesund ( das ist keine Anklage, solche Gedanken hatte ich auch). Aber jedes Problem und jede Krankheit, die überprüft oder behandelt wird, hat für sich gesehen positive Auswirkungen. In der Gesamtheit stellt sich die Frage der Medikalisierung. Die Alternative wären mehr glückliche aber auch mehr unglückliche Eltern.

  3. #3 Alisier
    8. Februar 2017

    Da haben wir definitiv Dissens, anderer Michael. Ich schätze die unfassende medizinische Versorgung, aber ich denke, dass teilweise gewaltig übers hinausgeschossen wird, und im Namen der Risikominimierung den Eltern jede Schwangerschaft als schwere Krankheit dargestellt wird.
    Wenn die Eltern dann die Fähigkeit haben, sich umfasend zu informieren gehts noch, aber was glaubst du, wieviel heulenden Schwangeren ich wegen nichts schon Mut zusprechen musste? Manche sind der Schwangerenvorsorge komplett ausgeliefert, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes.
    Man kann Risiken nicht auf Null setzen! Und auch deswegen muss man nicht alle werdenden Eltern an den Rand des Wahnsinns treiben.
    Ich überspitze, aber ich meine es trotzdem ernst.

  4. #4 Ludger
    8. Februar 2017

    Es ist immer ein Dilemma, dass intensivere Vorsorge mehr objektive Sicherheit bringt aber auch mehr Angst auslöst.
    Die Empfehlungen zum Umgang mit dem Problem des Gestationsdiabetes sind nicht leichtfertig gegeben worden. Zur Information schaue man in die Leitlinien:
    https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/057-008l_S3_Gestationsdiabetes_2011-abgelaufen.pdf
    Eine Glukosetoleranzstörung mit Krankheitswert ist nicht entweder da oder fehlt. Es gibt Übergänge von gering bis katastrophal. Die Grenzwerte bei den Glukosetoleranztests sind deswegen so festgelegt, dass bei Überschreitung der Werte eine Therapie und Kontrolle der Glukosetoleranzstörung ausreichend viele der befürchteten Komplikationen (Präeklampsie der Mutter, Diabetische Fetopathie mit akuten und chronischen Folgen) verhindert werden können. Die Werte sind neu definiert aber nicht wie oben behauptet “erheblich runtergesetzt” worden.
    Das ideale biologische Alter für eine Schwangerschaft ist um das 20. Lebensjahr. Dann treten solche Komplikationen seltener auf und die Frauen sind auch unbefangener. In der von Joseph angesprochenen Sendung “Frontal21” kommen die Gefühle der Fernsehjournalistin zur Geltung, Einzelmeinungen von Medizinern und der persönlichen Hebamme. Die Materie ist komplexer und sollte nicht auf solche subjektiven Einzelerlebnisse heruntergebrochen werden. Immerhin haben sich die Autoren der Leitlinien auf 277 Studien gestützt und die Ergebnisse auf 99 Seiten veröffentlicht.
    Meiner Meinung ist es allerdings bisher ungelöst, wie man die Konsequenz aus den Studien und der Leitlinie so bespricht und umsetzt, dass man keine Angst auslöst und trotzdem eine optimale Sicherheit für Mutter und Kind hat.
    LG. Ludger, Gynaekologe im Ruhestand

  5. #5 Alisier
    8. Februar 2017

    “Das ideale biologische Alter für eine Schwangerschaft ist um das zwanzigste Lebensjahr. Dann treten solche Komplikationen seltener auf und die Frauen sind auch unbefangener.”
    Ja, ganz toll Ludger. Super Analyse, leider mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmend. Was machen wir denn da?
    Ah, ja, die Werte wurden “neu definiert”. Schöne Sprachregelung. Fakt ist: plötzlich waren von den Frauen um die 40 unglaublich viele betroffen. Blöd, dass sie nicht zwanzig waren, denn dann wären sie größtenteils ja nicht betroffen gewesen…….
    Ist es eigentlich zuviel verlangt sich auch mal mit realen Menschen auseinanderzusetzen, und nicht nur mit Statistiken?

  6. #6 Laie
    8. Februar 2017

    @Alisier
    Die sich nach oben verschiebene Altersgrenze für reale Schwangerschaften soll nach derzeitige medizinischer Lehrmeinung zu mehr Schäden und Anfälligkeiten an sich entwickelndem Leben führen. In Erinnerung habe ich auch eine erhöhte Anfälligkeit für psychische Störungen.

    Vielleicht wäre es günstig, wenn die Politik dafür Sorge trägt, das durchschnittliche Alter für Schwangerschaften wieder soweit abzusenken (z.B. durch ordentliche Löhne) , ohne in eine Armutsfalle zu geraten.

  7. #7 Ludger
    8. Februar 2017

    @Alisier
    Wie soll man denn auf ein messbar erhöhtes Risiko einer 40-jährigen Schwangen reagieren? Ich meine: mit erhöhter Aufmerksamkeit, ganz real für Mutter und Kind. Scheint Dir aber nicht zu gefallen.

  8. #8 Alisier
    8. Februar 2017

    Es geht mir darum, die Reaktionen der Menschen mit in Betracht zu ziehen, und sie nicht wie defekte Autos zu behandeln, bei denen man an irgendwelchen Schrauben drehen muss.
    Das merken die Menschen nämlich sehr genau, wenn man sie wie unmündige Dummchen behandelt, und genau dann besteht die Gefahr, dass sie sich an homöopathische oder andere Scharlatane wenden, die ihnen Menschlichkeit vorgaukeln.

  9. #9 anderer Michael
    8. Februar 2017

    Ich habe mir den Beitrag angesehen.Wieso es bei korrekter Indikation und richtiger Gabe von Insulin Schäden geben soll , wurde nicht erläutert. Was mich stutzig macht, ist die hohe Zahl von 40% Insulin bei Schwangerschaftsdiabetes in Deutschland, im Vergleich 7-20% international. Ein wirklicher Diabetes sollte in der Schwangerschaft ideal eingestellt sein. Trotzdem mich erstaunen die 40%. Das ist ein Thema zum Nachlesen!

  10. #10 Ludger
    9. Februar 2017

    @ Alisier
    Ich stimme Dir insofern zu, dass das (von mir auch angesprochene ) Kommunikationsproblem ungelöst ist.

  11. #11 Joseph Kuhn
    9. Februar 2017

    Update:

    Ein Kollege hat mir den Hinweis auf einen Artikel geschickt, der das Thema Schwangerschaftsdiabetes insgesamt kritisch reflektiert, vielleicht zumindest für die mitlesenden “emeritierten” 🙂 Ärzte von Interesse:
    https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/dme.13200/full

  12. #12 Ludger
    9. Februar 2017

    anderer Michael :
    “40% Insulin bei Schwangerschaftsdiabetes”

    Das sind Entscheidungen der Diabetologen. Ziel ist es wohl auch, die Inzidenz von Typ II Diabetes im Erwachsenenalter zu senken. (Idee dahinter: Die Empfindlichkeit der Insulinrezeptoren des Kindes wird z.T. durch die durchschnittlichen Blutzuckerwerte der Mutter kalibriert.)

  13. #13 Alisier
    9. Februar 2017

    @ Ludger
    Inwieweit ist der Zusammenhang zwischen den Blutzuckerwerten der Mutter während der Schwangerschaft und der Entwicklung von Typ II Diabetes wirklich gesichert? Ich hatte beim Lesen der Studien öfters den Eindruck es handele sich immer noch um Spekulation.

  14. #14 Ludger
    9. Februar 2017

    @ Alisier
    Zitat aus der von Joseph verlinkten Arbeit:

    T. Cundy, R. I. G. Holt
    “In much of the recent gestational diabetes literature there is a definite subtext, either implied or made explicit, that by detecting and treating gestational diabetes and reducing birth weight, obesity in children and adolescents can be prevented. There are a number of reasons to be sceptical about this inference.”

    Es handelt sich offenbar um eine starke Vermutung der meisten Diabetologen und Epidemiologen, nicht um einen statistischen Nachweis (soweit das überhaupt geht). Den GynaekologInnen bleibt nichts anderes übrig, als die Leitlinien zu befolgen und die Schwangere mit auffälligem Glokosetoleranztest zum Diabetologen zu überweisen. Dort gibt es immer ein Blutzuckermessgerät und häufig Insulin. Nach der derzeit vorherrschenden Meinung ist das verständlich. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist, muss die Zukunft zeigen. Es ist aber zur Zeit “State of the Art”.
    @ Joseph:
    Die Arbeit ist eine gute Zusammenfassung der Vergangenheit und stellt kritische Fragen für die Zukunft. Die Leitlinie ist zur Zeit in Bearbeitung und wird mit der gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnis weiterentwickelt. Maßgeblich sind dabei Diabetologen und Epidemiologen, weniger Gynaekologen. Man wird sehen. Ungelöst bleibt das Problem der Kommunikation: Wenn in einer Gegend 20 Polizisten Streife gehen, kann ich mich sicher fühlen, weil die mich schützen? Oder habe ich Angst, weil es offenbar ein Sicherheitsproblem gibt? Brauchen wir also mehr oder weniger Polizisten, damit ich mich wohlfühle?

  15. #15 Ludger
    9. Februar 2017

    @ Alisier
    Ich habe Deine Frage aus #13 wohl nicht richtig verstanden.
    Also neu (Zitat aus der verlinkten Leitlinie Seite 12):

    Eine Nachbeobachtung von 174 schwedischen Frauen bis 5 Jahre nach einem GDM (Ekelund 2010 EK III) konnte neben einer erhöhten Nüchternglukose von >94 mg/dl (5,2 mmol/l) im 75-g oGTT (OR 2,1; p=0,038) erstmalig einen in der Schwangerschaft nach NGSP-Standard gemessenen HbA1c >5,7% als unabhängigen Prädiktor für einen manifesten Diabetes identifizieren (OR 2,6; p=0,012) – 30% der Frauen entwickelten in diesem Zeitraum einen manifesten Diabetes.

    Welches Risiko individuell zutrifft, hängt natürlich von den individuellen Gegebenheiten ab: BMI, Sport, familiäre Belastung, Alter, Ausprägung des Gestationsdiabetes.

  16. #16 Alisier
    9. Februar 2017

    Danke Ludger.
    Ich habe die Studien jetzt nicht zur Hand, aber einige suggerierten, dass es wohl auch ethnische Unterschiede gibt, was die Entwicklung einer Diabetes Typ II anbelangt.
    Konkret: bei einer Reihe von Frauen asiatischer Herkunft scheint ein leicht erhöhter Blutzuckerspiegel während der Schwangerschaft eher die Norm zu sein. Diese entwickeln aber nur in den seltensten Fällen eine Diabetes Typ II. Natürlich kann hier auch Ernährung eine Rolle spielen, aber allein dieses Beispiel weist für mich darauf hin, dass es wohl komplexer ist, als oft suggeriert wird.

  17. #18 Ludger
    9. Februar 2017

    @Alisier
    Ich habe über Jahre immer wieder mal Tamilinnen in der Schwangerschaft betreut. Die schienen mir (subjektiv) auffällig oft einen OGT oberhalb der Grenzwerte im Vergleich zur sauerländischen Urbevölkerung zu haben. Andere Volksgruppen fand ich diesbezüglich auch nicht auffällig. Ob es in der “kaukasischen” Bevölkerung des indischen Subkontinents ein Problem mit Typ II-Diabetes gibt, weiß ich nicht.

  18. #20 Alisier
    9. Februar 2017

    Ich hatte eher Daten aus Fernost beachtet: China und Japan.

  19. #21 Ludger
    9. Februar 2017

    Auch bei den Chinesen nehmen die Probleme zu:

    https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0121029
    “Results
    The adjusted prevalence of GDM by the 1999 WHO criteria was 8.1%, a 3.5-fold increase as in 1999. Using the IADPSG criteria increased the adjusted prevalence further to 9.3%. Advanced age, higher pre-pregnancy body mass index, Han-nationality, higher systolic blood pressure (BP), a family history of diabetes, weight gain during pregnancy and habitual smoking were risk factors for GDM. Compared to the 1999 survey, the prevalence of overweight plus obesity had increased by 1.8 folds, age≥30 years by 2.3 folds, systolic BP by 2.3 mmHg over the 12-year period.”

    [Hervorhebung durch mich]

  20. #22 Alisier
    9. Februar 2017

    Ja, ohne Zweifel nehmen die Probleme zu.
    Ich meinte aber, wenn das nicht klar geworden sein sollte, die Tendenz zu einem im Vergleich zu europäischen Frauen höheren Blutzuckerspiegel bei vielen Ostasiatinnen während der Schwangerschaft, und zwar schon vor der neuen, eher westlichen Lebensweise.
    Es kann durchaus sein, dass es relevante Unterschiede gibt, bezogen auf Ethnien.
    Einen allgemein gültigen Grenzwert in Deutschland zu postulieren, und zwar für alle Frauen, ohne dies zu berücksichtigen, könnte zu Fehleinschätzungen führen.

  21. #23 postit
    Augsburg
    9. Februar 2017

    Da ich zu diesem Thema sowohl privat als auch beruflich eine gewisse Nähe habe, gebe ich die bisherige Rolle des stummen Lesers dieser Seiten auf und räuspere mich dazu.

    Privates: Vor der Geburt meiner Tochter in den früher 80ern hat man mit den damaligen Methoden versucht, ihren Kopfumfang in utero zu bestimmen und meine Frau ein paar Wochen vor der Geburt mit der Nachricht überrascht, dass die Kleine voraussichtlich eine Mikrozephalie aufweisen werde. Dies hat in der Familie über die unangenehme Nachricht hinaus eine gewisse Missstimmung erzeugt, weil meine Frau meine Hinweise auf mögliche Messfehler (begreiflicherweise) mit wenig Verständnis aufgenommen hat. Dass der Assistenzarzt mich kurz vor der Geburt beiseitegenommen hat und mir erklärte, an der zu erwartenden Mikrozephalie habe die Geb/Gyn der Uniklinik keine Schuld, habe ich eher dem Unvermögen zum vernünftigen Dialog zugeschrieben als auf die Erwartungshaltung. Eine halbe Stunde später waren die Voraussagen Schall und Rauch; das Kind ist heute Fachärztin an der Charité.

    Berufliches: Vielleicht “getriggert” durch dieses Erlebnis habe ich meiner Diss zu Screeninguntersuchungen eine Publikation nachgeschoben, in der die Möglichkeit zur relativ genauen Schätzung der Spezifität von Früherkennungsuntersuchungen aus verhältnismäßig bescheidenen retrospektiven Daten gezeigt wurde. Diese Arbeit wird seither in den Niederlanden immer mal wieder zitiert, ab und zu auch in Kanada, weil man dort versucht, dieses Schätzverfahren zur Optimierung der Screeningverfahren zu verwenden. In Deutschland ist auf die Arbeit außer meinem Koautor nie irgendjemand eingegangen. Es mag ja sein, dass die Optimierung von Früherkennungsuntersuchungen hier nicht so wichtig ist. Herrn Kuhn sei gesagt, dass diese Arbeit “spill off” der Diss war und natürlich nie einen Förderer gefunden hat 😉

    Öffentliche Diskussion: Wenn so etwas Exotisches wie die Treffsicherheit von Früherkennungsuntersuchungen in Publikumsblättern wie etwa “Spiegel” oder “ZEIT” überhaupt einmal thematisiert wird, geht es fast immer um die Sensitivität, wo die “öffentliche Meinung” regelmäßig mit blankem Entsetzen darauf reagiert, dass nicht alle “Fälle” erkannt werden; die Spezifität kommt fast nie vor – Gesunde richtig identifizieren kann ja jeder 😀

    Meine Meinung: Die stimmt fast mit der von Alisier überein. Es wäre vor allen Dingen wichtig, dass Patienten bzw. Versicherte von ihren Ärzten besser informiert werden. Das ist natürlich alles andere als einfach. Ich habe aber auch den Verdacht, dass Ärzte dazu neigen, ein positives Screeningergebnis zu häufig mit einer Diagnose zu verwechseln.

  22. #24 anderer Michael
    9. Februar 2017

    Adipositas und Diabetes mellitus nehmen weltweit zu. Die Chinesen in den reichen Küstenregionen aber auch die Mexikaner “explodieren”. Das ist ebenso wie die Ursachen kein Geheimnis. ( Bewegungsmangel, falsche Ernährung). Bei ungefähr 700.000 Schwangerschaften gibt es bei um die 7% eine Diagnose Gestatiosdiabetes. (Mittelwert der mir zur Verfügung stehenden Daten). Von diesen werden 15-20% mit Insulin behandelt. Also um die 8.000 Fälle ( das sind laienhafte Berechnungen meinerseits). Also 0,01 % der Gesamtbevölkerung. Verfolgt man die Lebensgeschichte weiter ,entwickeln abhängig vom Lebensstil bis 50% der Frauen einen Diabetes mellitus II. Das sind die Zahlen.

    Man muss wissen, was man will. Ändert man seinen Lebensstil und hält das durch, hat man gute Chancen den Diabetes lange hinauszögern und abzuschwächen . Niemand ist gezwungen eine ärztliche Betreuung in Anspruch zu nehmen. Wer glaubt erhöhte Blutzuckerwerte während der Schwangerschaft für sich persönlich aufgrund von Vermutungen über die Harmlosigkeit diesen Umstandes zu akzeptieren, kein Problem für mich. Die Menschen werden auch nicht wie Maschinen behandelt, die Empfehlungen zur Änderung des Lebenstils gibt es zuhauf. Insulin ist die letzte Option. Dass nicht nur erhöhte BZ-Werte für Makrosomie verantwortlich sind, ist auch kein Geheimnis, das findet sich in der Populärliteratur dazu.

    Das klingt sehr schnoddrig und von oben herab. Ich verstehe das übergeordnete Problem
    Der Umfang von Vorsorge und Screening nimmt immer mehr zu . Dieser Trend beunruhigt und verunsichert. Gerade in der Schwangerschaft, einer körperlichen und seelischen Ausnahmesituation. Man hat sowieso viele Sorgen aber auch “gute Hoffnung “. Jeder Vorsorgetermin weckt beklemmende Ängste, ist alles inOrdnung, habe ich alles richtig gemacht.Und dann kommt noch der Befund Schwangerschaftsdiabetes wie eine Keule. Die Gefahren fürs Kind lasten auf der Seele und dann ” habe ich was falsch gemacht. Bin ich schuld, wenn mein Kind krank zur Welt kommt”.

    Ehrlich, ich weiß auch keine Patentlösung. Aber gerade im Fall des Schwangerschaftsdiabetes sehe ich auch Chancen.Kann die Frau ihren Lebensstil ändern profitiert sie langfristig davon körperlich und seelisch. Also gelassen bleiben (als Ärztin und Patientin),.Ich glaube nicht, das Schwangerschaften früher generell als beglückend empfunden wurden, allein die hohe Müttersterblichkeit dürfte dieses verhindert haben.

    • #25 Joseph Kuhn
      9. Februar 2017

      @ anderer Michael:

      Von welchen Ausgangsdaten kommen Sie auf 7 % diagnostizierte Fällen von Schwangerschaftsdiabetes? Die im Blogbeitrag angesprochenen 4 % sind die dokumentierten Fälle im Jahr 2013. Haben Sie neuere Daten? Eine Quelle wäre schön.

  23. #26 Alisier
    9. Februar 2017

    “Änderung des Lebensstils”???
    So’n Quatsch, anderer Michael. Aufgrund der sehr niedrigen Grenzwerte gehören plötzlich eine Menge Frauen zur Risikogruppe, die einen Lebensstil pflegen, der auch einer Beraterin kaum Möglichkeiten lässt, da noch positiv dran zu drehen.
    Das Problem ist, und das wurde von Ludger schon richtig bemerkt, dass viele Frauen eben nicht mit 18 schwanger werden, sondern wesentlich später. Und je später, desto schwangerschaftsdiabetischer.
    Der Vorteil ist, dass diese Frauen und ihre Partner oft erfahren und gebildet genug sind, selbst Entscheidungen zu treffen, und sich nicht durch risikominimierende Maßnahmen verrückt machen lassen.
    Ich verstehe ja, was du meinst. Aber ich denke dennoch, dass es manchmal sehr nötig ist, Befunde einfach zu ignorieren.
    Ein voll überwachtes und optimiertes Leben möchte ich nicht führen, und kann mir auch nicht vorstellen, dass es irgendjemandem Spaß macht.
    Ich denke wirklich, dass die Entwicklung inzwischen in eine falsche Richtung geht. Wie gesagt: Leben ohne Risiko gibts nicht, und ewiges Leben auch nicht. Das zu akzeptieren kann zu einer Gelassenheit führen, die einen Menschen sich auch wirklich gesund fühlen lässt, körperlich wie seelisch.
    Das, was die Totalüberwachung hauptsächlich generiert ist eine Menge Stress. Ich denke da auch an einen Freund, dem vor lauter angst, er könne eventuell Prostatakrebs haben (die Befunde waren nicht eindeutig) das Leben zur Hölle wurde.

  24. #27 Alisier
    9. Februar 2017

    Ich habe übrigens immer große Sympathie für den von mir sehr geschätzten Friedrich Dürrenmatt empfunden, der sich trotz seiner bereits früh aufgetretenen Diabetes kaum hat einschränken lassen. Der Mann hat wirklich gelebt und nebenbei noch ein literarisches Werk von Weltgeltung hinterlassen.
    Ich mag mir gar nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn er jeden Tag ängstlich auf irgendwelche Werte gestarrt hätte.
    Und klar, ohne Insulin und gute Medizin wäre er sicher sehr früh verstorben. Lebenskunst besteht aber meiner Meinung nach auch darin, sich nicht von Ängsten (auch von denen, eventuell etwas falsch zu machen) lähmen zu lassen.

  25. #28 anderer Michael
    9. Februar 2017

    Herr Kuhn
    ich habe querbeet gelesen und einfach den Mittelwert genommen von 5 Zahlen . Nicht sehr wissenschaftlich.Ich wollte nur mal die ungefähren absoluten Zahlen mir vor Augen führen.Als Bayern vertrauen wir natürlich dem bayerischen Ministerium, so wie man halt in Bayern der Obrigkeit vertraut. Dann wäre die Zahl der Betroffenen noch geringer.

    • #29 Joseph Kuhn
      9. Februar 2017

      @ anderer Michael:

      Die Daten in der Grafik sind Daten der externen Qualitätssicherung nach SGB V, hier die von den Kliniken gemeldeten Diagnosen. Die deutschlandweiten Daten wurden damals vom AQUA-Institut zusammengeführt, jetzt ist das neu errichtete IQTIG zuständig, die bayerischen Daten werden vom der BAQ Bayern vorgehalten. Habe gerade mal nachgesehen: Die Daten für 2015 sind online: Bayern 4,3 %, Deutschland 4,95 %.

  26. #30 anderer Michael
    10. Februar 2017

    Alisier

    Ich denke , wir sind mit unseren Anschauungen nicht sehr weit weg voneinander. Wir haben auch Kinder. Nach jeder Geburt war ich immer sehr erleichtert. Was alles passieren kann, habe ich nur verdrängt. Schwangerschaft und Geburt sind etwas natürliches ,aber früher mit hohem Risiko verbunden. Die moderne Medizin konnte durch einfache Hygiene die Letalität drastisch verbessern ( Ignaz Semmelweis, Kindbettfieber). Schwangere und die Familien fühlen sich nachvollziehbar in einer Art Vorsorgeschraubstock. Es wäre die Kunst der Medizin bzw seiner Akteure das positiv rüberzubringen. Das gelingt nicht immer und es resultiert entweder schlechtes Gewissen oder Widerstand. Wie gesagt, eine Patentlösung habe ich nicht.

    Nur mal ein weiteres Beispiel: Zytomegalieprimärinfektionen in der Schwangerschaft. Auf Deutschland hochgerechnet 700 -1400 Kinder mit bleibenden Schäden ,vor allem Gehör.
    Inzwischen wird bei Schwangerschaft eine Serodiagnostik empfohlen.Ist diese negativ aber die Frau hat mit Kinder zu tun, auch mit eigenen( diese könnten sich im Kindergarten asymptomatisch infiziert haben), sind gegenüber den eigenen Kindern umfangreiche Hygienestandards einzuhalten. Das meiste macht man sowieso instinktiv, aber auch nicht immer hundertprozentig. In Kenntnis der Situation wird daraus aber eine zwingende Notwendigkeit mit dem Damoklesschwert einer drohenden Infektion und nachfolgendem schlechten Gewissen.
    Wie will man es besser machen?

    Ich verstehe auch deinen Einwand zum Lebensstil. Die Grenzwerte sind beim Gestationsdiabetes niedrig. Sie sind aber nicht aus der Luft gegriffen, weil viele Frauen in der Folgezeit einen manifestent Diabetes mellitus erleiden. Frauen , die trotz perfekter Ernährung und regelmäßiger körperlicher Betätigung, Diabetikerinnen vom Typ II werden, sind bestimmt nicht allzu häufig, da kann man nicht viel ändern. Bei vielen anderen schon. Ich bin zuwenig in der wissenschaftlichen Materie verankert ,um beurteilen zu können , ob minimale Erhöhungen des Blutzuckerspiegels negative Folgen für das Kind haben. Der erhöhte Insulinbedarf in der Spätschwangerschaft ist normal. Erhöhte Werte sind ein Warnsignal, dass eine Insulinresistenz und einer beginnende Erschöpfung der Langerhansschen Zellen im Pankreas droht. Durch Insulingabe kann man diesen Weg unterbinden.

  27. #31 PippiLotta
    10. Februar 2017

    In meinem Umfeld bekomme ich in Bezug auf die Screening Untersuchungen in der Schwangerschaft oft mit, dass es zu sehr viel Verunsicherung führen kann. Vor allem in den Diskussionen zwischen werdenden Müttern, wenn es darum geht, wer welche freiwilligen Zusatzuntersuchungen gewählt hat und wer nicht. Da werden dann gerne “Vorwürfe” gemacht, dass einem das Baby die x€ nicht wert sind die eine Untersuchung kostet. Oder dass viele Mütter am liebsten jede Woche einen Ultraschall hätten um auch ja sicher zu sein, dass das Baby auch wirklich noch in Ordnung ist. Entwicklungsschübe, die dazu führen, dass das Baby mal mit der Entwicklung vor oder zurück liegt führen tagelang zu schlaflosen Nächten.
    Die Kopfumfangsmessungen werden von den Ärzten dafür hergenommen um die Frauen von einem Kaiserschnitt zu überzeugen, weil sie doch selbst so schlank sind, etc. pp.

    In Bezug auf die Schwangerschaftsdiabetes gibt es ja zwei Untersuchungen, den sogenannten kleinen und den großen Zuckertest. Klassischerweise wird der kleine als Standard durch die Frauenärzte angeboten, dieser liefert aber anscheinend viel häufiger falsch positive Befunde. Diese Frauen müssen dann also noch den großen Test durchführen lassen.
    Das erscheint mit bspw. als ein Punkt der geändert werden sollte, würde immer gleich der große Test durchgeführt, würde man genauso viele Frauen “erkennen” die behandlungsbedürftig sind, aber sehr viel mehr Frauen die Sorgen zwischen den beiden Untersuchungen ersparen. Davon abgesehen, dass der kleine wie der große Test, eher unangenehm und belastend für den Kreislauf sein können und man froh ist wenn man nur einmal dadurch muss.

  28. #32 Alisier
    10. Februar 2017

    @ anderer Michael
    Ich stimme dir größtenteils zu, und das von dir Beschriebene ist fundiert und wohlbegründet.
    Und “Wie will man es besser machen?” ist sicher die richtige Frage.
    Eine kurze Bemerkung noch:
    Ignaz Semmelweis musste sich gegen die geltende Lehrmeinung durchsetzen und wurde lange Zeit nicht ernstgenommen, weil er kein Arzt war, wie du sicher weißt. Aber er sah, dass es so nicht funktionierte und zu viele Frauen starben. Die Gefahr, dass man immer so weitermacht, ohne genauer auf die betroffenen Menschen zu gucken besteht immer. Und dass man die Frage “Wie will man es besser machen!” vergisst, weil man ja schon das Richtige tut.

  29. #33 Ludger
    10. Februar 2017

    Ziel der Aktionen ist, das Baby im Milieu einer zuckergesunden Frau heranwachsen zu lassen. Das Kind muss sich sein Insulin selber herstellen. Weil nach den mütterlichen Mahlzeiten die Blutzuckerspiegel 1 zu 1 auf das Kind übergehen, muss die kindliche Bauchspeicheldrüse bei hohen Blutzuckerspiegeln Insulin am Anschlag produzieren, ohne eine Chance gegen die großen mütterlichen Blutzuckermengen zu haben. Die großen kindlichen Insulinmengen sorgen für eine maximale Aufnahme der hohen Glukosemengen in die Zellen des kindlichen Organismus. Außerdem ist Insulin ein starker Wachstumsfaktor. Die Folgen können im Einzelfall schwerwiegend sein. Es reicht aber, wenn das Kind mit der Krankheit Fetopathia diabetica zur Welt kommt.
    Inkaufnahme einer vermeidbaren kindlichen Krankheit mit Hinweis auf Herrn Dürrenmatt ist da leider keine Option.
    @ PippiLotta
    Der “kleine” Test mit 50Gramm Glukose wurde vom Bundesausschuss aus Kostengründen gegen den Wunsch der Ärzteschaft eingeführt. Die WHO rät zum “großen” Test über 2 Stunden (siehe Link).

  30. #34 Alisier
    10. Februar 2017

    @ Ludger
    Ich denke, dass du mich immer noch nicht verstehst. Das macht aber nichts.

  31. #35 anderer Michael
    10. Februar 2017

    Über Ignaz Semmelweis hat mir meine Großmutter schon als Kind viel erzählt. Eine tragische Figur, der zu seinen Lebzeiten nicht die Würdigung erhielt, die er verdient hatte.
    Mit dem nicht-Arzt-sein hast du mich verunsichert. Ich habe nachgelesen, er war Arzt.

    Ich finde die Erläuterungen von Ludger zu diesem Thema sehr verständlich und was PippiLotta zu Verunsicherungen schreibt , glaube ich gerne.

    Ich denke , dass Hauptproblem liegt darin , dass die Vorsorgeuntersuchungen wie eine Bedrohung wirken und Ängste sowie Schuldgefühle hervorrufen. Andererseits versprechen sich bzw wollen Schwangere und die Familien auch die Garantie für ein gesundes Kind durch Vorsorgeuntersuchungen. Das ist eine gesellschaftliche Erwartungshaltung. Ein Ultraschallbild ist ein Ultraschallbild , keine Offenbarung ( siehe das Beispiel von postit). Leider gibt es trotz bester Vorsorge Komplikationen und Mütter/Kindersterblichkeit. Das kann die theoretisch beste Vorsorgeuntersuchungen nicht verhindern.

    Vielleicht wäre ein Weg : etwas weniger missionarischer Eifer auf Seiten der Medizin und bessere Kommunikation (1) , weniger Garantieerwartung auf Seiten der Schwangeren (2), und beide Seiten mehr Gelassenheit.

    1. Die Leitlinien sind manchmal so schwer verständlich. Ich ließe diese durch Medizinjournalisten gegenlesen und sprachlich verbessern.
    2.Eigentlich wollte ich Anspruchshaltung schreiben. Aber erstens ist das Schuldszuweisung und inhaltlich nicht richtig. Das gesunde Kind wird gesamtgesellschaftliche eingefordert , nicht nur von der Mutter ( was natürlich nachvollziehbar ist).

  32. #36 Alisier
    10. Februar 2017

    @ anderer Michael
    Das kommt davon, wenn man Schriftstellern zuviel Glauben schenkt 🙂 Kurt Vonnegut hat mich bei Semmelweis auf die falschen Spur geführt. Du hast natürlich recht was sein Arztsein betrifft.
    Und ich finde deine Analyse überaus treffend und als Diskussionsgrundlage sehr geeignet.

  33. #37 Statistiker
    11. Februar 2017

    Nein, man tut nicht zuviel des Guten.

    Eine Krankheit ist bekannt ud wird bekämpft, das ist gut. Alisier kann da noch so sehr hetzen, er hat unrecht.

  34. #38 Alisier
    11. Februar 2017

    Ich möchte mich gegen den Vorwurf der Hetze ausdrücklich verwahren!
    Und wenn immer alles klar wäre, bräuchte man nicht zu diskutieren.

  35. #39 anderer Michael
    11. Februar 2017

    Statistiker
    Hetze ist nicht das richtige Wort.
    Hetze sind beschimpfende und herabwürdigende Worte ,um Hass,Angst oder Abscheu gegen Personen oder Gruppen hervorzurufen.
    Alisier hat sein Unbehagen und seine Kritik inhaltlich deutlich formuliert. Das ist gut.In dem Fall kann man konkret darauf eingehen.Leider habe ich zum wiederholten Male festgestellt, dass die Medizin nicht in der Lage ist, auch etwas schwierigere Zusammenhänge einfach und logisch zu erläutern. Das gibt leider Raum für viel Interpretation und Unsicherheit (auch bei Ärzten).
    Unrecht haben ist nicht schlimm. “Schlimm” ist verbohrt auf seiner Meinung zu verharren, auch wenn es bessere Gegenargumente gibt.

    Allerdings erweckt Alisier den Eindruck, dass er die Insulinbehandlung zu negativ darstellt. Ich erinnere mich an einen Oberarzt , als ich sehr junger Assistenzarzt war , der einmal komplett seine Contenance verlor und lauthals auf einen niedergelassenene Arzt und Eltern schimpfte. Diese wollten ein Kind (Diabetes mellitus I, also von Anfang an insulinabhängig)nicht mit Insulin behandeln. ” Der arme Junge muss spritzen und messen”,war das Argument. Sein Gegenargument:” Arm ist er ,wenn er blind ist und an die Dialyse muss !”

    Die Diabetologie versucht, die Angst vor Spritzen und Messen zu nehmen. Das Ziel ist es, dass Betroffene nicht ängstlich ständig auf die Werte starren , sondern nach Schulung mit Spritzen und Messen ihr Leben souverän und selbstständig meistern

  36. #40 Alisier
    11. Februar 2017

    @ anderer Michael
    Wie gesagt, ich bin froh, dass es Insulin gibt, und man Menschen damit sehr gut helfen kann. Und ich bin auch froh, dass Gentechnikgegner das Feld nie wirklich beackert haben, und es deswegen recht einfach ist, Insulin in ausreichender Menge herzustellen.
    Jemandem eine Diabetes einzureden, wenn er noch keine hat ist aber was anderes. Und genau das passiert zuweilen, wenn Werte die zeitlich begrenzt minimal über dem Grenzwert liegen automatisch als Krankheit diagnostiziert weden. Ich hoffe doch, dass ich mich verständlich genug ausgedrückt hatte. Es geht mir mitnichten ums Insulin.
    Und dass Statstiker mich angreift hat wie beim wb Gründe, die in der Vergangenheit liegen. Ich bin halt schon lange dabei, und auch nicht zimperlich, wie du weißt. Ich würde es aber sehr schätzen, wenn man sich aufs Inhaltiche konzentriert, selbst wenn man meint mit mir ein Hühnchen zu rupfen zu haben.

  37. #41 anderer Michael
    11. Februar 2017

    Alisier
    Das habe ich nicht gewusst.

    Zu Thema: jetzt ist mir insgesamt von der Diskussion hier einiges klarer.

    Der Gestationsdiabetes ist nicht als manifester Diabetes mellitus definiert. Er ist eine Stoffwechsellage mit erhöhten Blutzuckerwerten, die erstmals in der Schwangerschaft auftreten. Theoretisch kann es sich auch um einen bislang unerkannten oder nun in dieser Situation sich manifestierenden Diabetes mellitus handeln. Bereits bekannte Typ I Diabetikerinnen werden nicht unter Gestationsdiabetes eingeordnet. Im
    Langzeitverlauf entwickelt sich je nach Risikoprofil (Adipositas, Übergewicht, familiäre Belastung) überprozentual ein manifester Diabetes mellitus.

    Du hattest von deiner Familie als Beispiel geredet. Das Vorgehen dort werde ich nicht kommentieren , das steht mir nicht zu.

    Mir scheint aber, dass zuwenig betont wurde, dass es sich nicht um einen Diabetes mellitus handelt. Es wird in den Augen der Betroffenen alles zu sehr in einen Topf geworfen . Daraus resultiert vielleicht viel der Ablehnung, und die Intention des Filmes wird mir klarer .Hier müsste die Ärzteschaft aber auch die Diabetesberaterinnen viel deutlicher auf die Unterschiede hinweisen und gerade die Chancen ,die sich damit eröffnen. Nämlich durch Lebensstiländerung einen Diabetes mellitus hinauszuzögern oder abzumildern. Es ist doch zumeist Adipositas der Hauptrisikofaktor. Dass davon unbeeinflusst auch schlanke und aktiv Freizeitsport treibende Frauen einen Diabetes mellitus II bekommen können, möchte ich auch erwähnen. Nicht umsonst sprach man früher von einem Diabetes mellitus Typ IIa ohne Übergewicht, IIb mit Übergewicht.

    Eine andere Frage ist die der Insulinbehandlung.
    Ludger hat bereits darauf hingewiesen, dass das aktuelle Vorgehen “state of the art”, also Standard, ist. Deswegen ist die Leitlinie dazu von 2011 kein Heiligtum und wir werden sehen, welche Änderungen sich ergeben.

    Insgesamt hast du in einem Punkt recht. Der Gestationsdiabetes darf nicht als Diabetes mellitus verstanden werden und Frauen damit verängstigt werden. Eine solche Diagnose bereitet erstmals sehr viel Sorgen . Postit hat bereits geschrieben ,dass Screeningergebnisse nicht automatisch mit der Diagnose einer Krankheit gleichzusetzen sind. Die Diagnose ist die Zusammenschau und Interpretation von Anamnese , Klinik und Befunden.

    Eines möchte ich nochmal betonen. Erhöhte BZ-Werte sind ein Warnsignal. Die Bauchspeicheldrüse schafft es nicht mehr genügend Insulin bereit zu stellen. Je mehr sie sich anstrengt, um so eher erschöpft sie sich ( das ist sehr einfach und unwissenschaftlich von mir , aber soll ich jetzt mit Dawnphänomen und ähnliches protzen?). Mit Insulingabe kann man die Bauchspeicheldrüse unterstützen. Ob die Grenzwerte wirklich zu niedrig sind?Dazu fehlt mir der wissenschaftliche Einblick.

    Das war lang , der Kommentar ,und mit Wiederholungen. Wissen muss man auch ,ich bin seit 16 Jahren nicht mehr ärztlich aktiv. Ich lasse mich gerne fachlich korregieren.

    • #42 Joseph Kuhn
      11. Februar 2017

      @ anderer Michael:

      “Bereits bekannte Typ I Diabetikerinnen werden nicht unter Gestationsdiabetes eingeordnet.”

      Bekannte Typ-2-Diabetikerinnen auch nicht. Ein vorher bestehender Diabetes wird in den Daten der externen Qualitätssicherung sogar getrennt ausgewiesen. Zur Bewertung der Screeening-Debatte sei noch einmal auf den in Kommentar #11 verlinkten Artikel verwiesen, der eine Reihe guter Argumente versammelt, z.B. auch im Hinblick auf die Frage, was man eigentlich vermeiden will und ob die Fokussierung auf die Glukosetoleranzstörung dabei wirklich sinnvoll ist. Bei manchen der dort angesprochenen Punkte fehlt mir zur Einordnung aber schlicht das medizinische Hintergrundwissen.

  38. #43 Ludger
    12. Februar 2017

    Die Grenzwerte, die eine Maßnahme auslösen, waren vor 20 Jahren unscharf (z.B. 1-Stundenwert des OGT 160 bis 180 mg/100ml) und sind jetzt genau festgelegt: einer der 3 Werte (0′, 60′, 120′ des OGT) über der Grenze, die bei dem Einstundenwert bei 180mg% liegt. Die individuellen Grenzwerte sind nämlich von Mensch zu Mensch etwas unterschiedlich. Das genaue Kriterium für ja oder nein wäre die Insulinmessung aus dem Fruchtwasser. Die genaue Lösung verlangt also Fruchtwasserpunktionen und ist daher als Screening nicht praktikabel. Also hat man als Kompromiss die derzeitigen Werte festgelegt, mit denen man die meisten betroffenen Frauen erwischt. Die oben angesprochenen Maßnahmen sind Diätberatung, Verhaltensberatung (leichter Ausdauersport), Beschränkung der Gewichtszunahme, weitere Blutzuckerüberwachung und Insulintherapie bei Bedarf. Diese Maßnahmen tun jedem Menschen gut. Und eine Insulintherapie gibt es erst, wenn die Blutzuckerwerte bei fortschreitender Schwangerschaft zu miese werden. Wenn es sich um individuell zu niedrige Grenzwerte gehandelt haben sollte, bleibt der mütterliche Blutzuckerspiegel auch mit einer milden Diät 1 Stunde nach dem Essen unter 140 mg% und alles ist gut. Gibt es Ausreißer nach oben, wird man im Gespräch nach Diätfehlern suchen und gegebenenfalls auch über Insulin nachdenken. Die von Alisier befürchtete unnötige Behandlung von Frauen mit “falsch-positiven” Befunden spielt deswegen in der Realität keine Rolle. Die “Falsch-Positiven” müssen schlimmstenfalls in der Schwangerschaft auf gezuckerte Nahrungsmittel verzichten und die Mahlzeiten regelmäßig über den Tag verteilen. Das tut jeder Schwangeren gut, auch den werdenden Vätern.

  39. #44 Ludger
    12. Februar 2017

    Joseph Kuhn:
    “[…] ob die Fokussierung auf die Glukosetoleranzstörung dabei wirklich sinnvoll ist.

    Dazu die verlinkte Arbeit:

    “It is not clear from the intervention studies whether the between-group differences in birth weight and hypertension were primarily attributable to lower maternal blood glucose values or to lesser weight gain, as neither the ACHOIS nor MFMU studies reported between-group differences in achieved blood glucose measurements [15, 16].”

    Dazu die abschließende Conclusio:

    “Again, future research examining the potential effects of gestational diabetes on the offspring needs to take a more holistic approach, rather than remain narrowly focused on glucose.”

    Die zur Bewertung der Schädlichkeit des Gestationsdiabetes herangezogenen leicht messbaren Endpunkte Schulterdystokie und Schwangerschaftsbluthochdruck werden wesentlich auch durch massive Gewichtszunahme der Mütter innerhalb der Schwangerschaft ausgelöst. Rechnet man die Wirkung der Gewichtszunahme auf diese beiden Parameter heraus, scheint der Blutzucker für diese Parameter gar nicht mehr so wichtig zu sein. Klar: diese Gewichtszunahmen von mehr als 30 kg sind eine Plage mit einer erheblichen Morbidität. Ein gutes Ziel wäre eine Gewichtszunahme von 11 kg (bis 16 kg). Das bedeutet nicht, dass die Blutzuckerwerte unwichtig sind. Es bedeutet, dass wir auch die excessive Gewichtszunahme im Auge behalten müssen: “holistic approach”. Es bedeutet nicht, dass man das vermeidbare Risiko der Fetopathia diabetica vernachlässigen soll. Eine Frau mit günstigen geburtsmechanischen Voraussetzungen kann nämlich sehr wohl ein Kind mit einer Fetopathia diabetica ohne Schulterdystokie zur Welt bringen. Eine zierliche Frau kann bei der Geburt eines kräftigen Kindes geburtsmechanische Komplikationen haben, obwohl die Gewichtszunahme in der Schwangerschaft nur 10 kg war und kein Gestationsdiabetes vorliegt. Es kommt also nicht nur auf statistische Endpunkte an sondern auf eine Gesamtbeurteilung. Dazu brauchen wir auch die Stellungnahme der Kinderärzte, die in dem von Joseph Kuhn verlinkten Artikel komplett fehlt.

  40. #45 anderer Michael
    12. Februar 2017

    Ludger
    bitte einige Verständnisfragen meinerseits.

    1.
    Wieso kann eine sehr große mütterliche Gewichtszunahme eine Schulterdystokie, auch wenn kein Gestationsdiabetes vorliegt, hervorrufen ?

    Liegt es daran , dass die Adipositas die Geburtsmechanik oder den Geburtskanal negativ beeinflusst?

    2.
    Diesen Satz verstehe gar nicht
    it is the weight gain that has the dominant effect on fetal growth
    Die Adipositas ist nicht vom Himmel gefallen, die vermehrte Nahrungsaufnahme der Mutter beinflusst irgendwie doch das Größenwachstum des Feten, auch bei normalen BZ -Werten?

    3.Der verlinkte Artikel bestreitet doch nicht , dass erhöhte BZ-Werte negativ auf den Foeten wirken können, sondern führt an , dass auch andere Faktoren eine Rolle spielen können?

    Meta-analyses of these trials conclude that the main effect of detection and treatment of gestational diabetes was a small reduction in babies weighing >4 kg at birth (10 vs 13% in the ACHOIS and 6 vs 7% in the MFMU trial). Presumably related to the lower birth weight, there was also a reduction in the (already low) rates of shoulder dystocia (1.4 vs 3.2% in the ACHOIS and 1.5 vs 4.0% in the MFMU trial).

    Als nicht Gynäkologie von mir ganz laienhaft gefragt: Eine so große Erkenntnis ist das doch nicht ?

    Ich finde es sehr gut, dass du als Fachmann hier mit Geduld sehr sachlich die Zusammenhänge erläuterst.

    Interessant finde ich folgendes: In der Leitlinie wird beschrieben, dass man mittels Messung des fetalen Abdomenumfanges (Bauchumfang) Rückschlüsse auf die Notwendigkeit einer mütterlichen Insulinbedürftigkeit ziehen kann. Ist dieser Umfang normal und die BZ-Werte akzeptabel, könnte auf Insulingabe aus Sicht auf den Feten verzichtet werden (ob dieses Vorgehen für die Mutter das richtige langfristig ist, ist eine ganz andere Frage). Kritisiert wurde , dass nur der Bauchumfang, aber nicht der Oberschenkel und der Kopfumfang gemessen wurden.

  41. #46 Ludger
    12. Februar 2017

    @anderer Michael
    Auf die Fragen 1 bis 3 sind meine Antworten jeweils: ja.
    zu 1.: Dicke Mütter mit starker Gewichtszunahme bekommen gerne auch kräftige Kinder. Dazu braucht es offensichtlich keine Glukoseverwertungsstörung seitens der Mutter.
    Eine vermehrte Fetteinlagerung an den Wänden des Geburtskanals kann im Einzelfall bei extremer Fettleibigkeit ein Geburtshindernis darstellen (kommt selten vor).
    zu 2.: Die Autoren reduzieren die Probleme der Diabetischen Fetopathie aus Gründen der statistischen Erhebung auf die fetale Hypertrophie. Reifungsprobleme kommen nicht zur Sprache. Es sind ja auch keine Kinderärzte.
    zu 3.: Aussage der Studie: Weil die fetale Hypertrophie häufiger durch extreme mütterliche Gewichtszunahme in der Schwangerschaftsdiabetes ausgelöst werde, müsse die Fokussierung auf die Glukosewerte infrage gestellt werden. Dabei vergessen sie, dass die regelmäßige Gewichtskontrolle mit entsprechender Beratung mit zur Schwangerenvorsorge gehört aber leider nicht sehr effektiv ist.
    Die ideale Gewichtszunahme ist: bis zur 20.Schwangerschaftswoche 2kg, bis zur 30. SSW weitere 3kg, dann bis zum Endtermin wöchentlich 500 Gramm. Das macht zusammen 10kg. Davon wiegt das Kind 3,5 kg, (Zahlenangaben aus dem Kopf) die Plazenta 500 Gramm, das Fruchtwasser 1000 Gramm, die vergößerte Gebärmutter 1500 Gramm, das größere Blutvolumen und die vermehrte Wassereinlagerung 2000 Gramm, die vergrößerte Brustdrüse 1000 Gramm. Das macht zusammen weniger als 10 kg. Es gibt Frauen, die in der Schwangerschaft 35kg zunehmen. Das entspricht in den letzten 10 Wochen einer Speckansammlung von mehr als 2kg pro Woche.
    Klar, dass das Probleme machen kann, auch wenn kein Gestationsdiabetes vorliegt.
    Man findet übrigens nicht jeden Gestationsdiabetes durch den oralen Glukosetoleranztest in der 24. bis 28.SSW. Wenn also bei den Ultraschallkontrollen das kindliche Bäuchlein nach der 30.SSW schneller wächst als der kindliche Kopf, das Kind ständig eine volle Harnblase hat, die Plazenta sehr dick erscheint, die kindliche Haut oedematös aussieht und die Fruchtwassermenge übernormal ist, dann sollte man den oralen Glukosetoleranztest wiederholen.

  42. #47 anderer Michael
    23. Juni 2017

    Deutsches Ärzteblatt 24 “Prävalenz des Gestationsdiabetes”
    GDM -Prävalenz mit 13,2% höher als die Prävalenzschätzung aus dem Qualitätsbericht Geburtshilfe 2015.
    Schätzung für Europa 13%

    Wir hatten damals bei vorliegenden Werten um 5% diskutiert. Jetzt liegt die Prävalenz bei 13.2%, altersabhängig steigend von 8 %(kleiner 20 Jahre) – 26% (größer 45%).

    • #48 Joseph Kuhn
      23. Juni 2017

      @ anderer Michael:

      Danke. Bin gespannt, wie das von den Fachleuten kommentiert wird. Es zeigt auf jeden Fall einmal mehr, wie unsicher oft die Datenlage ist und dass Daten aus dem Abrechnungssystem immer wieder für Überraschungen gut sind.

      Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, dass die Fachgesellschaften noch einmal die 5 % publiziert haben: DDG-Praxiempfehlung, Diabetologie 2016; 11 (Suppl 2): S182–S194

  43. #49 Caroline
    Kaiserslautern
    21. Oktober 2017

    Schade, dass das Thema nicht weiter diskutiert wurde und: Lustig, dass es nur Männern waren, die das Drama Gestationsdiabetes diskutieren:)
    Schweift man in den Weiten der zahlreichen Foren, in denen sich geplagte werdende Mütter austauschen, liest man erschreckende Berichte – vor allem scheint ein Problem bei der Diagnose sehr oft der durch Ernährung nicht beeinflussbare Nüchternwert zu sein. Da ist der Nüchternblutzucker mal 97, mal 101, mal 100, dann wieder 95. Und schwupps, ist die Diagnose Schwangerschaftsdiabetes gesichert, völlig irrelevant, was die anderen Werte so nach den Mahlzeiten machen. Der Nüchternwert darf bei Schwangeren die 95 nicht übersteigen und nahe an der Grenze ist auch nicht gut, denn da droht schon der Gestationsdiabetes!
    Ein generelles, unumstrittenes da wissenschaftlich belegtes “zu hoch” wäre ja noch einzusehen. Ein zu hoher Blutzucker in der Nacht wäre eben nicht gut. Aber, was heißt zu hoch? Warum wird der Normal-Nüchternblutzucker begrenzt auf unter 95, nicht wie bei unschwangeren Personen auf unter oder gleich 100? Warum ist eine Frau unschwanger völlig gesund mit einem Nüchternzuckerwert von 97 und eine Schwangere auf einmal mit Gestationsdiabetes gesegnet?
    Daraus ergibt sich ja die Frage: Kann der ungeborene Fötus NICHT mit den Werten umgehen, die für ihn später, nach der Geburt, hingegen gesund/ unproblematisch wären? Nach den unterschiedlichen Richt-Blutzuckerwerten Schwanger/nicht-schwanger müsste man diese Frage eigentlich mit “nein, das kann der Fötus noch nicht” beantworten, ansonsten unlogisch. Habe ich aber noch nie gelesen, dass Föten nur mit Zuckerwerten unter 95 klarkommen, nicht aber mit 97, 98, 100.
    Was generell absolut nicht zu finden ist, nicht zu erfragen ist: Inwieweit wird das Baby denn durch leichte Überschreitungen dieser Werte denn geschädigt? Welche Risiken steigen denn tatsächlich an?

    Folge der so oft vorkommenden “zu hohen” Nüchternwerte ist heute oft: Es wird Basalinsulin für die Nacht gespritzt. (Insulin spritzen bedeutet unter anderem eine Verschlimmerung der Insulinresistenz!)

    Oder aber, bevor es ans Insulin geht: Da werden Empfehlungen ausgesprochen wie: Man solle Nachts eben noch n Snack essen, das verhindert dass der Körper durch Glukoneogenese im Fastenmodus sich ein wenig selbst mit Zucker versorgt. Wieder ein großes Fragezeichen bei mir, denn: Von ca 2.00 Uhr bis zum Aufstehen, also vllt 5 Stunden lang produziert die vermeindliche Schwangerendiabetespatientin statt der vom Arzt gewünschten unter 95 vllt 98. oder sogar 100. Sagen wir 5 Zähler zu viel. 5 Stunden lang. Dagegen lautet die Therapie: Baue einen weiteren Zuckerpeak in der Nacht/späten Abend durch eine zusätzliche Mahlzeit ein?? Hmmmmmm. Mein Verstand sagt hier: Nicht logisch!
    Es riecht schon sehr nach Geldmacherei, Schwangere 5 Zähler im Nüchternwert runterzusetzen. Verdammt viele eigentlich Gesunde befinden sich zwischen diesen 5 Zählern und holla, da klingeln auf einmal die Kassen, sollte dieser Personenkreis schwanger werden! zu diesem Schluss komme ich vor allem, weil es wie gesagt absolut keine wissenschaftlichen Artikel, Beweise, Studien gibt, die genau erklären, weshalb der Blutzucker bei einer Schwangeren diesen kleinen Tick niedriger sein soll, als zu dem Zeitpunkt, an dem sie nicht schwanger war.

    Und was mir noch so durch den Kopf schwirrt: Das Risiko eines Kindes, deren Mutter Diabetes hatte, steigt an was die eigene Diabetesgefahr angeht – so sagt man. Wie konnte das bisher denn schlüssig bewiesen werden? Gestationsdiabetische Schwangere sind nicht selten übergewichtige Schwangere, die sich weniger gut ernähren. So ernähren sie auch später ihre Kinder. Die werden statistisch gesehen auch eher übergewichtig. Man sehe den Zusammenhang? Wie kann man diesen Zusammenhang denn vom anderen Zusammenhang trennen?

    Einen Hinweis zu Eurer Diskussion über das Zunehmen in der Schwangerschaft. ihr seid da alle sehr männlich, logisch rangegangen. Es stimmt, Fruchtwasser, Baby Plazenta und all der Kram wiegen zusammen ca 10 kg.
    Aber: Durch die Hormonumstellung schafft es der Körper, normalerweise noch ca 3-4 kg Fett zu bunkern für die Stillzeit. Das kann der mit der ungefähr gleichen Nahrungsmenge, er ist ein schlauer Fuchs, er kann seinen Stoffwechsel sehr gut auf die Situation einstellen.
    Und dann: Wasser. Ein nicht zu verachtender Faktor. Es gibt Frauen, die nehmen noch 5 kg Wasser im Gewebe zu . Oder mehr. Dann haben wir also eine Frau, die 16, 17, 18 kg zugelegt hat, aber das trotzdem im völlig normalen Rahmen liegt.
    Die 30kg von denen ihr spracht sind natürlich völlig indiskutabel!

  44. #50 Nathalie Mailänder
    Deutschland
    8. Dezember 2017

    Liebe Caroline, ich danke dir für die Analyse! Nach all den vorherigen Kommentaren war ich kurz davor wieder durchzudrehen. Deiner hat mich wieder an meine eigenen Zweifel erinnert wie dieses ganze System funktioniert. DANKE

  45. #51 Michaela
    Deutschland
    28. Januar 2018

    Was mich bei der ganzen Diskussion auch mal interessieren würde wäre, ob es bereits Studien darüber gibt wieviele Kinder aufgrund einer Gestationsdiabetes-Diagnose fälschlicherweise als makrosom eingestuft und daraufhin völlig unnötig zum oder vor Termin nach Einleitung oder gar mit Kaiserschnitt zur Welt gebracht werden mussten.

    Wenn man schon nicht messen kann welcher psychische Stress auf die große Anzahl an werdenden Müttern wirkt, die die Diagnose erhalten weil sie geringfügig über den Grenzwerten liegen wäre das vielleicht eine Art zu ermitteln in wie fern dieses Screening objektiv schaden kann.

    Nur das nicht der falsche Eindruck entsteht, ich bin nicht dafür das Screening ab zu schaffen, ich würde sogar für ein generelles OGT 75 Screening plädieren, aber ich bin ebenso der Meinung die Grenzwerte sind aktuell zu niedrig. Außerdem erschleicht sich mir der Eindruck dass die Art der “Behandlung” in starker Abhängigkeit zum behandelnden Arzt steht. Mit gleicher Vorgeschichte und gleichen Werten muss man laut mancher Ärzte regelmäßig Insulin spritzen bei anderen sind die exakt gleichen Werte während der Ernährungsumstellung nicht weiter therapiebedürftig. Das führt im Grund genommen ja auch alle aufbauenden Studien ad absurdum und verunsichert die Patientinnen noch zusätzlich.

  46. #52 Jenny
    8. Juli 2019

    Zunächst möchte ich Danke sagen für die vielen Verlinkungen zu Studien etc.! Leider habe ich diese Diskussion erst ganz zu Schluss meiner Recherchen entdeckt.

    Für mich ist das Thema sehr persönlich, da nachdem der kleine Test bei mir minimal die Grenzwerte überschritt, ich mit der Aussicht auf den folgenden Test und den eventuellen Konsequenzen erst einmal einem Nervenzusammenbruch nahe war. Der ganze Stress ging soweit, dass ich mich nicht einmal mehr über die Bewegungen meines kleinen Schätzchens freuen konnte; stattdessen brach ich in Tränen aus, sobald es sich rührte.

    Der erste Test scheint mir (wie auch Caroline) äußerst überflüssig. Zu diesem Zeitpunkt hat man sich in der Regel noch nicht mit Blutzuckerwerten und den ganzen Zusammenhängen befasst. Der Test wird teilweise nüchtern, teilweise nicht nüchtern durchgeführt, wobei sehr oft (bei mir auch) weder nach dem zuvor Gegessenem gefragt, noch der vorherige Blutzucker überhaupt gemessen wird. Wie soll denn bei einem solchen Vorgehen irgendeine reliable und reproduzierbare Aussage getroffen werden?! Heute weiß ich, hätte ich knapp eine Stunde bevor ich die 50g-Zuckerlösung schlucken musste, keinen Schokocino (ich weiß, ungesund) und ein ganzes Brötchen verdrückt, wäre der Test eindeutig unauffällig gewesen. Zum Höchstand des Blutzuckers nach dem Essen also gleich die nächste Zuckerdröhnung hinterherzuschieben, kann meines Erachtens nicht zu aussagekräftigen Ergebnissen führen. Zudem wird der 75g-Test schon seit 2011 von DDG und DGGG aufgrund der vielen falsch positiven Ergebnissen (25 %) des 50g-Tests empfohlen.

    Der Termin für den zweiten Test (vorerst fügte ich mich in mein Schicksal) sollte erst zwei Wochen nach dem auffälligen Ergebnis sein. Die äußeren Umstände waren zu diesem Zeitpunkt wie folgt: durchschnittlich 30°C Außentemperatur, kein Bluthochdruck noch sonst irgendwelche Indizien z.B. im Ultraschall (bisher sogar eher als minimal kleiner eingeschätzt…), oder Voraussetzungen für Gestationsdiabetes. Am Telefon (Diabetologe) teilte man mir dann mit, ich dürfte ab 12 Stunden vor dem Test nichts (!) trinken und essen, noch nicht einmal Zähne putzen. Nach dem ersten Schock darüber, begann ich mich zu informieren. Hier fielen mir die ersten Ungereimtheiten auf: Je nach Diabetologe differierten die Nüchternzeiten von 8-12 Stunden und ob bzw. wie viel Wasser man zu sich nehmen darf während der Nüchternzeit. Wenn bereits ein Glas Wasser angeblich die Ergebnisse verfälschen kann, so sind mir diese Unterschiede in der Durchführung desselben Tests nicht ersichtlich. Mein Mann machte dann noch salopp den Kommentar, dass der Test ja anscheinend jahreszeitenabhängig ist, da eine Dehydrierung im Sommer selbstverständlich das Ergebnis verfälschen kann. Auch dieser Aspekt kommt mir bzgl. der Durchführung des großen Tests mehr als fragwürdig vor. Der Einfluss von Stress, Dehydrierung, unterschiedlichen Nüchternzeiten und Schlafmangel beeinflusst das Testergebnis angeblich immens. Doch warum fragt dann niemand nach, warum es diese extremen Unterschiede gibt??? An dieser Stelle bleibt mir kein anderer Schluss, als dass volle Wartezimmer und die Gewinne von Pharmaunternehmen anscheinend wichtiger sind als eine verlässliche Vorgehensweise bei der Feststellung von Schwangerschaftsdiabetes. Ein positiver Test darf nicht mit der Diagnose gleichgesetzt werden, wie es leider nur zu oft vorzukommen scheint. Die Diagnose sollte erst nach weiteren Beobachtungen (z.B. Tagebuch) gestellt werden. So bliebe vielen Schwangeren die „Risikoschwangerschaft“ und viele weitere Besuche beim Diabetologen erspart.

    Bei uns ging es, nachdem wir den Termin beim Diabetologen gemacht hatten, wie folgt weiter: Nach zwei Tagen Hilflosigkeit nahmen ich und mein Mann unser Schicksal selbst in die Hand und kauften ein Messgerät, denn nichts ist schlimmer als Ungewissheit, wie mir vielleicht der/die ein oder andere zustimmen kann. Minutiös notierte ich, wann und was ich aß (inkl. der Kalorien und der Aufteilung in Kohlenhydrate, Eiweiß, und Fett), wie auch den Blutzucker vor und nach 1, wie auch nach 2 Stunden. Mit jeder Messung beruhigte ich mich mehr und die Werte wurden mit jeder weiteren Messung besser. An dieser Stelle sei gesagt, dass die Werte tatsächlich nie so „schlecht“ waren, dass sie die empfohlenen Grenzwerte für Gestationsdiabetikerinnen überschritten. Kurze Zeit später lagen die Werte sogar unter den angestrebten Optimalwerten. Von Insulinresistenz also absolut keine Spur! Bessere Blutzuckerwerte bei Stressabnahme: eindeutig! Ein weiterer Nebeneffekt des Stress bestand darin, dass ich über ein Kilo innerhalb dieser einen Woche abgenommen hatte, was mit Sicherheit ebenfalls nicht gut für das Kind sein kann.

    Unsere Konsequenz aus den Messungen und Recherchen bestand darin den großen OGT wieder abzusagen und mir und unserem Schätzchen die damit verbundenen Strapazen zu ersparen. Stattdessen werden wir regelmäßig weiter messen und bei einer Veränderung der Werte können wir die Überweisung an den Diabetologen immer noch wahrnehmen.

    Die Recherche zu Gestationsdiabetes gestaltete sich aus meiner Sicht als äußerst schwierig und bestand zu 90% aus Panikmache. Um mir überhaupt eine Überblick verschaffen zu können, fertigte ich eine regelrechte Hausarbeit inkl. Quellen an, da ich als nicht-Mediziner mit diesem sehr komplexen Thema zugegebenerweise ansonsten komplett überfordert gewesen wäre.

    → Die ersten Informationen bestanden in der Regel darin, was man seinem ungeborenen Kind alles antut. Wer mir da erzählen möchte, dass die Angst von Schwangeren nicht als Mittel zum Zweck gezielt hervorgerufen wird, lügt.
    → In zweiter Instanz fielen mir die Grenzwerte auf, die sich von denen von nicht-Schwangeren deutlich unterschieden. Macht eine Schwangerschaft eine Frau plötzlich krank, obwohl sie vorher als gesund galt? Bedenkt man jetzt noch, dass die Schwangerschaftshormone die Insulinproduktion hemmen können, so ist ein leicht erhöhter Blutzuckerspiegel bei Schwangeren doch erst recht nicht mehr ungewöhnlich. Wie ist das mit noch geringeren Grenzwerten vereinbar? An dieser Stelle gab es auch oft keine eindeutige Unterscheidung zwischen Grenz- und Optimalwerten (i.d.R. 140, 120 u. <93 mg/dl nach 2 h, 1h u. als Nüchternwert), welche oft gleich sind einmal bei der Diagnose und dann als Zielwert für die Gestationsdiabetikerin. Für mich besteht da eindeutig ein Unterschied zwischen Grenz- und Optimalwerten.
    → Grenzwerte und die Behandlung sind offensichtlich sehr praxis-/arztabhängig. An dieser Stelle müsste dringendst mehr Aufklärung bei den Betroffenen geleistet werden, damit sie sich nicht aus Unwissenheit (u.a. vllt. weil sie es einfach nicht können) in eine Therapie begeben, die ihnen mehr schadet als nützt. Wie zuvor erwähnt, fiel es mir (sogar als Universitätsabsolventin) schwer an aussagekräftige Informationen zu kommen.
    → 75g-OGT: Die Grenzwerte für Diabetes unabhängig von einer Schwangerschaft liegen deutlich über denen von Schwangeren und wurden ohne harte Daten empfohlen. Das ein einzelner Belastungstest keine ausreichende Aussage über eine Gestationsdiabetes bietet, wurde längst in größeren und kleineren Studien nachgewiesen. Gemäß der Studien von Crowther (2005) und Landon (2008) müssten z.B. 43 Frauen behandelt werden, um eine Schwangerschaftskomplikation zu vermeiden. Wieder wird mit einer Minimalisierung von Risko die Behandlung begründet. Hier zeigt sich deutlich, dass viele Frauen (hier umgerechnet 97,67 %) ohne reellen Nutzen einer Behandlung unterzogen werden.
    → Dann: Warum wird Insulin so bereitwillig verschrieben (meist mit Begründungen wie „es ist ja nur für einen kurzen Zeitraum“), obwohl es nachgewiesenerweise insulinresistent macht? Dies mag für einen Dauer-Diabetiker ja vielleicht nicht von Interesse sein, aber für jemanden, dessen Diabetes sich nach der Geburt eigentlich wieder geben müsste, scheint mir dies, vorausgesetzt die Werte schießen in der Schwangerschaft nicht durch die Decke, eine unnötige Belastung für die Zukunft zu sein, da es die eigentlich zu vermeidende Krankheit offensichtlich begünstigt. Und besagte Extremfälle sind doch äußerst selten; eine konsequente Ernährungsumstellung reicht meist vollkommen aus.
    → Formulierungen, wie von der International Diabetes Federation, dass bei 16,2 % aller Schwangerschaften eine Form von Hyperglykämie diagnostiziert werden kann (hierbei handelt es sich immerhin um eine Schätzung), ebnen Diabetologen und der Pharmaindustrie den Weg, Schwangere leichter in eine Gestationsdiabetes einzustufen; dieses „kann“ sagt noch lange nichts über die Feststellungsweise der Hyperglykämie aus, da jedes auffällige Testergebnis in diese Statistik einspielt, auch wenn es sich später als fälschlich erweist.
    → Jeder Test gibt immer nur ein sehr punktuelles Ergebnis, dessen Aussagekraft höchstens als Indiz betrachtet werden sollte. Für genauere Erkenntnisse ist ein längerer Beobachtungszeitraum des Blutzuckers unabdinglich. Hier darf nie das Verzehrte unterschätzt werden; z.B. können Fett und Eiweiß bis zu 8 Stunden zu einem Anstieg des Blutzuckerspiegels führen. Verzögert aufgenommene Lebensmittel, wie Vollkornprodukte etc., führen zwar zu einem langsameren Blutzuckeranstieg, allerdings muss noch immer eine bestimmte Menge an Zucker verarbeitet werden, was entsprechend etwas länger dauert. Solche Lebensmittel verhindern also nur die als schlecht geltenden Zuckerspitzen. Natürlich sollte man extreme bzw. hohe Zuckerspitzen vermeiden, gelegentlich stellen sie allerdings keine nachweisliche Bedrohung für die Gesundheit dar.

    Ich vertrete nicht die Meinung, blind durch die Schwangerschaft zu gehen, allerdings kommt mir die Vorgehensweise besonders in Bezug auf die Feststellung und Einstufung von Gestationsdiabetes äußerst suspekt vor. Hier besteht dringend Handlungsbedarf, der Diabetologen in ihrer willkürlichen Behandlung einschränkt, die Interessen von Pharmaunternehmen in den Hintergrund stellt und (potenziell) Betroffenen eine umfassende Informationsbeschaffung – basierend auf erwiesenem Wissen und nicht auf Empfehlungen – bezüglich aller Fakten, Vor- und Nachteile, wie auch Behandlungsweisen leichter ermöglicht.

    Letztendlich kann ich nur sagen, dass der mit der ganzen Aktion verbundene Stress für mich und unser Schätzchen mehr Schaden als Nutzen gebracht hat. Für eine Schwangere ist Gestationsdiabetes oder die Aussicht darauf ein hochemotionales Thema, mit dem viel Schindluder betrieben wird. Wer sich nicht kritisch damit auseinandersetzt oder auseinandersetzen kann, wird schnell zu einem Opfer von vollen Wartezimmern und Pharmariesen. Der Kontrollwahn in der Schwangerschaft (z.B.: „Das Kind ist fünf Tage kleiner, als erwartet.“) zehrt insgesamt stark an den Nerven und wird mittlerweile komplett übertrieben. Iss und trink dieses nicht, schlaf nicht so, steh nicht so auf usw. Man sollte viel mehr auf sich und seinen Körper achten, dann ergibt sich das Meiste von selbst. Und wie zuvor in der Diskussion erwähnt: Es gibt keine absolute Sicherheit. Nie. Warum sollten wir uns also von Angst beherrschen lassen, statt diese kurze und unvergesslich schöne Zeit einfach nur zu genießen?

  47. #53 Mary
    29. Juli 2020

    Es ist zwar schon etwas her – aber dennoch: Danke für die Beiträge hier im Forum. Ich stimme Caroline und Jenny 100%ig zu. Die Vorsicht der Ärzte ist verständlich und ein starker Gestationsdiabetes sollte definitiv behandelt werden, da er anscheinend wirklich viele Risiken für das Kind bedeutet. Allerdings sprechen auch meine Erfahrungen dafür, dass definitiv zu viel des Guten getan wird:

    Wie bei so vielen waren meine Nüchternwerte – und ausschließlich diese – minimal erhöht. Sowohl beim großen Zuckertest als auch bei der Selbstmessung zuhause, die ich anschließend täglich durchführen musste. Alle anderen Werte nach dem Essen waren nicht ein einziges Mal über den (eh schon niedrigen) Grenzwerten. Es ging also nur um den Nüchternwert, mit einer Erhöhung von 2 Punkten, manchmal 3 oder 4. Nicht mehr. Und das, obwohl ich als Asthma-Patientin regelmäßig Kortison ennehmen muss, was vor allem die Nüchternwerte erhöhen kann! Und trotzdem stand die Diagnose, über Nacht wurde ich zur Risikoschwangeren. Im Mutterpass wurde nicht unterschieden zwischen schwerem oder leichtem Gestationsdiabetes, sondern alles in einen Topf geworfen. Bis heute zweifle ich diese Diagnose an. Dennoch habe ich mich aus Unsicherheit (und weil man dem Kind ja nicht schaden will) zu Anfang in die Maschinerie begeben, die mit auffälligem großen Zuckertest einhergeht: tägliche Messungen, ständige Termine beim Diabetologen, vermehrte Vorsorgeuntersuchungen, Ernährungsumstellung etc etc. In den ersten 5 (!) Wochen wurde ich nicht ausreichend informiert, man gab mir eine 30-minütige Ernährungsberatung (“machen Sie alles wie zuvor, Sie ernähren sich ja schon sehr gesund”) und drückte mir ein Infoblatt in die Hand, in dem die schlimmsten Konsequenzen bis hin zur Todgeburt aufgelistet waren. Immer hatte ich Angst, irgendwann doch Insulin spritzen zu müssen (was bedeutet hätte, dass ich meinen Platz in meinem Wunschkrankenhaus mit meiner Wunschhebamme verliere). Erst nach 5 Wochen klärte mich der Diabetologe auf, dass Insulin nicht zur Debatte stünde mit meinen niedrigen Werten. Sehr erstaunt übrigens, dass mir das vorher niemand gesagt hätte. Bis zu diesem Punkt lagen Wochen voller Angst hinter mit, nächtliche Panikattaken, Weinanfälle mitten am Tag, ich habe fast 2 kg an Gewicht durch den Stress und die Angst vor Essen verloren, selbst mein Mann war irgendwann nervlich völlig am Ende. Auch wenn der Diabetologe recht entspannt schien: Aufgrund dieser katastrophalen Betreuung habe ich die weitere “Behandlung” dankend abgelehnt und jeden weiteren Besuch beim Diabetologen abgesagt. Ich habe selbstständig weiterhin meine Werte morgens kontrolliert. Und manchmal lagen sie bei 97-102, meisten jedoch unter den geforderten 95. Denn ab dem Zeitpunkt der Entscheidung, mein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen, wurde mein Schlaf besser, der Stress weniger – und die Nüchternwerte automatisch niedriger. Wäre es deutlich angestiegen, hätte ich einen anderen Diabetologen gesucht.

    Leider vergessen Frauen oft, dass sie diese Entscheidungsmöglichkeiten haben. Auch eine Einleitung müssen sie nicht akzeptieren, wenn sie das nicht möchten und sich zutrauen, das Risiko selbst abzuwägen. Bezüglich Gestationsdiabetes verstehe ich nicht, warum es nicht eine Art “Vorstufe” wie bei regulären Diabetikern gibt: Man schaut zwar etwas genauer hin und ist achtsamer, die Frau wird aber nicht gleich abgestempelt und gleich den schweren Fällen gesetzt. Das würde zumindest der Psyche dieser von nur leichten Werterhöhungen betroffenen Frauen sehr helfen. Ich konnte dank Uniabschluss, Ausbildung in Statistik, Englischkenntnissen irgendwann eine selbstbestimmte Entscheidung treffen. Aber selbst für mich war nicht einfach, und längst nicht immer verständlich. Wie soll es da anderen Frauen gehen?

    Für mich steht jedenfalls fest: den kleinen Zuckertest mache ich nie wieder, völlig unnötig. Und dem großen werde ich, sollte ich wieder schwanger werden, wenn überhaupt nur zustimmen, sollten meine Werte zuhause tatsächlich deutlich auffällig sein. Ansonsten nein, danke.