In den Medien gibt es gerade viel Aufregung um einen Bericht des Bundesrechnungshofs „an den Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages nach § 88 Absatz 2 BHO über die Prüfung ausgewählter coronabedingter Ausgabepositionen des Einzelplans 15 und des Gesundheitsfonds (Abgabe von Schutzmasken an vulnerable Personengruppen, Ausgleichszahlungen an Krankenhäuser und Aufbau von Intensivbettenkapazitäten)“.

Ein Krimi wäre weniger sperrig betitelt, aber zu einem Krimi ist der Bericht geworden, und zwar in allen drei Schwerpunkten, die er behandelt: Die Maskenversorgung, die Ausgleichszahlungen an die Krankenhäuser für freigehaltene Kapazitäten zur Versorgung von Covid-19-Patient/innen und die Förderung des Aufbaus von Intensivbetten. Auf 42 Seiten hat der Bundesrechnungshof (BRH) dabei das Finanzmanagement des Bundesgesundheitsministeriums kritisiert. Dabei räumt der BRH ein, dass man zunächst rasch handeln musste – sieht aber Mängel bei der Kontrolle und Nachsteuerung – und bei den Leistungen an die Krankenhäuser bei den zugrunde gelegten Daten.

Ich kann bei vielen Punkten, die der Bericht anspricht, nicht wirklich mitreden, dazu braucht man konkretes Hintergrundwissen zu den jeweiligen Vorgängen. Ich will nur zwei Fragen aufwerfen:

1. Vor kurzem ist der Autorengruppe um Matthias Schrappe nach der Veröffentlichung ihrer ad hoc-Stellungnahme zur intensivmedizinischen Versorgung in der Covid-19-Epidemie ziemlich heftige Kritik entgegengeschlagen. Die Kritik hat sich zum einen an handwerklichen Fehlern des Papiers festgemacht, zum anderen aber auch daran, dass die Autorengruppe mit ihrem Papier die Eignung des DIVI-Zahlenwerks für die Bewertung der epidemiologischen Lage infrage gestellt hat. War die Kritik an der Autorengruppe also zumindest da voreilig? Sie selbst sieht es so und hat gestern einen Kommentar zum Bericht des BRH veröffentlicht.

2. Der BRH geht über die Kritik der Autorengruppe Schrappe et al. hinaus. Er sieht (S. 34) in den Leistungen an die Krankenhäuser „eine massive Überkompensation aus Steuermitteln: Bei sinkender Bettenauslastung um knapp 8 Prozentpunkte wuchsen die Zahlungen der Krankenkassen für Krankenhausbehandlungen im Jahr 2020 gegenüber 2019 um 1,7 %. Hinzu traten die Ausgleichszahlungen des Bundes, die allein im Jahr 2020 10,2 Mrd. Euro betrugen. Der Bund hat damit nicht überwiegend Zahlungen zur Aufrechterhaltung freier Krankenhauskapazitäten für COVID‐19‐Patientinnen und ‐Patienten geleistet, sondern vielmehr das betriebswirtschaftliche Risiko einer nicht ausreichenden Belegung der Krankenhäuser mitgetragen.“ Die Frage, ob dem so ist, ist, wie gesagt, ohne konkretes Hintergrundwissen kaum zu beantworten. Über die Frage, ob es politisch vertretbar ist, in der Krise die Krankenhäuser in besonderer Weise wirtschaftlich zu stützen, kann man dagegen auch ohne solches Hintergrundwissen diskutieren. Vertretbar? Nicht vertretbar?

Wenn vertretbar, hätte man es m.E. transparent machen sollen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft weist, wenig verwunderlich, jede Datenmanipulation aus wirtschaftlichen Gründen “aufs schärfste“ zurück. In dem Zusammenhang macht aber ein Beispiel nachdenklich, das Reinhard Busse dem ZDF vorgerechnet hat. Zum Verständnis des Beispiels muss man wissen, dass eines der Kriterien für Ausgleichszahlungen für freigehaltene Intensivbetten war, dass der Anteil der freien betreibbaren Intensivbetten unter 25 % fällt. Reinhard Busse:

“Angenommen, Sie hätten 20 Intensivbetten, von denen zehn belegt sind. Wieviel Pflegepersonal würden Sie für die nächste Schicht bereithalten? Vermutlich nicht für alle 20 Betten, sondern vielleicht für 13 Betten. Sie würden dann – korrekt – drei freie betreibbare Betten melden, also 23 Prozent.”

Würde man vier Betten betreibbar halten, läge der Anteil bei 29 %, also keine Ausgleichszahlung. Bei vier Betten hat das Krankenhaus mehr Aufwand und bekommt kein Geld. Der Anreiz, dann nur drei Betten zu melden, ist zumindest betriebswirtschaftlich gesehen unübersehbar. Ob man mit Daten zeigen kann, dass dann auch in der Praxis betriebswirtschaftlich entschieden wurde, weiß ich nicht. Interessant dürfte in dem Zusammenhang aber sein, ob es hier signifikante Unterschiede zwischen privaten und anderen Krankenhäusern gibt. Das könnten die Daten vielleicht hergeben.

Und eine Buchempfehlung dazu gibt es auch: Jerry Z. Muller: The Tyranny of Metrics. Princeton University Press 2019. Der Autor, ein amerikanischer Historiker, setzt sich mit genau solchen Fehlanreizen auseinander.

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Ceterum Censeo: Wenn Querdenker immer noch behaupten, in der Merkeldiktatur gäbe es keine Kritik an den Maßnahmen der Regierung, müssten sie eigentlich nur den Bericht des BRH lesen (sobald er veröffentlicht ist).

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Nachtrag 13.6.2021, Frage Nr. 3: “Die Art der Abrechnung war eine Einladung zum Betrug”, so wird Karl Lauterbach in den Medien so zitiert. Und: “Der Zuschlag hätte auch nicht an einen Prozentsatz der belegten Intensivbetten geknüpft werden sollen. So sei der Anreiz für Krankenhäuser entstanden, die Zahlen der belegten Betten zu verringern.” Aber geht es bei der 25%-Schwelle um einen Anreiz zum Betrug oder um einen Anreiz zur Anpassung der Meldungen und somit um den Nutzen der auslastungsabhängig schwankenden Daten für die Bewertung der epidemiologischen Lage, also das Thema von Schrappe et al? Ökonomen an Bord?

Kommentare (19)

  1. #1 Volker Birk
    https://blog.fdik.org
    12. Juni 2021

    In den Medien, die Du vermutlich den “Querdenkern” zuordnest, wird seit ca. einem Dreivierteljahr vom Abrechnungsbetrug mit den Intensivbetten berichtet. Wie schön, dass es nach all der Zeit auch der Bundesrechnungshof entdeckt hat.

    Diesem Kommentar hier kann man sich nur anschliessen:

    https://www.stern.de/politik/deutschland/intensivbetten-betrug–das-ist-freiheitsberaubung-30567954.html

    • #2 Joseph Kuhn
      12. Juni 2021

      @ Volker Birk:

      Ich dachte, Sie wollten hier nicht mehr stören? Aber bitte, bevor Ihnen die RT-Bude auf den Kopf fällt … wir nehmen also zur Kenntnis: auf Intensiv war nie viel los und es gab auch nie eine Epidemie und Bhakdi wusste das schon immer. Und nicht zu vergessen: Hinter allem steht ein Plan.

      Die problematische Datenlage war übrigens hier schon Thema, bevor die Querdenker das Wort Intensivbetten überhaupt kannten, und die Frage, ob die Finanzierung der Krankenhäuser richtig gesteuert wird, einschließlich der Frage, ob die Krankenhäuser zu viel Geld bekommen, schon Thema im Deutschen Ärzteblatt, bevor die Querdenker überhaupt wussten, dass Krankenhäuser Geld brauchen, um arbeiten zu können, und ungute Vermutungen zum Umgang mit den Hilfen durch die Krankenhäuser haben Mainstream-Medien wie die ARD schon vor einem Jahr berichtet.

      Und Sie kommen jetzt, und meinen, die Querdenker seien da irgendwo Vordenker gewesen? Sie haben Zeitung gelesen und Ferngesehen, mehr nicht.

      Nur nebenbei: Der Rechnungshof hat die Sache nicht “nach all der Zeit” entdeckt, er prüft normalerweise, wenn ein Haushaltsjahr abgeschlossen ist.

  2. #3 Kurt Schumacher
    12. Juni 2021

    Die Argumentation mit den betriebswirtschaftlichen Anreizen finde ich einleuchtend. Es mag sein, dass Krankenhäuser in bestimmten Konstellationen ihre Schichtplanung angepasst haben, um den 25%-Schwellenwert nicht zu überschreiten.

    Eine andere Frage ist es, ob ich mich jetzt den Querdenkern anschließe, die mit dem BRH-Bericht belegen wollen, dass sie ja ohnehin immer Recht gehabt hätten — und sich hier auch gleich wieder melden. Das sehe ich anders: Wenn am 3.1.2021 über das DIVI-System 5.761 intensiv behandelte Coronpatienten gemeldet werden (Quelle: Spiegel-Online), taugte das der Politik als realer und dringender Grund zur Besorgnis. Derselbe Wert liegt jetzt nur noch bei 1.345. Das ist erfreulich und vermutlich ein Erfolg von Abstands-, Impf- und anderen Maßnahmen.

    Mit Meldungen zur Zahl der frei betreibbaren Intensivbetten, die man mit Hilfe der Schichtplanung optimieren kann, hat diese Meldung der intensiv behandelten Corona-Patienten nichts zu tun. Von daher ist es auch falsch, wenn der Stern solche Formen der Abrechnungsoptimierung qua Schichtplanung mit “Freiheitsberaubung” in Verbindung bringt.

    Die Frage, ob man die Regeln und Kriterien für Ausgleichszahlungen anders hätte gestalten sollen, kann man selbstverständlich diskutieren.

  3. #4 PDP10
    13. Juni 2021

    Mir scheint das ganze Thema auch insgesamt ein bisschen zu kompliziert zu sein um zu sagen “der Bundesrechnungshof hat aber gesagt!”.

    Im Letzten Jahr in der zweiten Jahreshälfte sah die Einschätzung des BRH und auch Anderer noch ein bisschen anders aus:

    Im September:

    https://www.zdf.de/nachrichten/wirtschaft/krankenhaus-finanzen-rechnungshof-spahn-100.html

    “Ein Zehntel der Krankenhäuser vor der Insolvenz? In einem unveröffentlichten Bericht schlägt der Bundesrechnungshof Alarm. Und kritisiert Spahns jüngstes Krankenhaus-Gesetz.”

    Ende des Jahres:

    https://www.berliner-zeitung.de/mensch-metropole/droht-vielen-krankenhaeusern-nach-corona-die-pleite-li.122932

    “Berlins Kliniken sind mit Covid-Patienten voll belegt, doch die Finanzierung sei nicht mehr sichergestellt, kritisiert Caritas-Präsidentin Ulrike Kostka.”

  4. #5 Joseph Kuhn
    13. Juni 2021

    @ Kurt Schumacher:

    Der Kolumnist des STERN ist Frank Schmiechen, bis vor kurzem BILD-Chefredaktion. Manche halten das für niveauvoll.

    Noch ein Nachtrag zu den 25 %: Dass die Krankenhäuser nicht zu viele Intensivbetten vorhalten, ist natürlich auch im Interesse der Kostenträger, die ja keine unnötigen Ressourcen finanzieren wollen.

    @ PDP10:

    “Im Letzten Jahr in der zweiten Jahreshälfte sah die Einschätzung des BRH (…) noch ein bisschen anders aus”

    Nein, da ging es um einen anderen Sachverhalt. Wenn man die damalige Feststellung des BRH zur Finanzlage der Krankenhäuser und seine aktuelle Kritik zusammendenkt, versteht man etwas mehr.

  5. #6 Volker Birk
    https://blog.fdik.org
    13. Juni 2021

    XXX

    [Edit: Kommentar gelöscht. Wenn Sie sich nicht als Gast des Blogs benehmen können und hier nur in den Thread urinieren wollen, dann bleiben Sie doch bitte einfach weg. Danke. JK]

  6. #7 hto
    13. Juni 2021

    XXX

    [Edit: Kommentar gelöscht. Hier ist keine Missionsstation zum Abladen der immer gleichen christlich-kommunistischen fundamentalistischen Sprechblasen. Gerne Konkretes zum Thema. Danke, JK]

  7. #8 RPGNo1
    13. Juni 2021

    @Kurt Schumacher

    Kurt Schmiechen hat eine Kolumne geschrieben. Es ist also seine persönlich Meinung, nicht die der stern-Redaktion.

    • #9 Joseph Kuhn
      13. Juni 2021

      @ RPGNo1:

      Der eine Kurt heißt Kurt, der andre Kurt heißt Frank 😉

  8. #10 RPGNo1
    13. Juni 2021

    Es heißt bei n-tv auch:

    SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach kritisiert, wie zuvor der Bundesrechnungshof, das Vorgehen des Bundesgesundheitsministeriums bei der Krankenhausfinanzierung während der Pandemie. Es habe Abrechnungsbetrug in einzelnen Fällen gegeben. Viele Intensivstationen seien aber tatsächlich durch die Corona-Patienten überlastet gewesen.

    Die hervorgehobenen Aussage sollte bei aller berechtigten aktuellen Kritik nicht unter den Tisch

    https://www.n-tv.de/panorama/Lauterbach-vermutet-Abrechnungsbetrug-in-Kliniken-article22615147.html

    Was die Autorengruppe um Schrappe angeht, so äußert sich das ZDF zurückhaltend

    Ein Autorenteam um Schrappe hatte Mitte Mai ein Thesenpapier veröffentlicht, worin sie die Datenqualität des RKI zur Intensivauslastung problematisierten. Die Veröffentlichung wurde – auch von ZDFheute – für ihre methodischen Mängel kritisiert.

    Nun stellt sich heraus, dass die Autoren dennoch auf teils valide Punkte aufmerksam gemacht haben könnten. “Der Bundesrechnungshof hat unsere Beobachtungen bestätigt und er geht sogar noch einen Schritt weiter”, sagt Schrappe.

    https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona-intensivbetten-bundesrechnungshof-divi-100.html

    Es steht also Aussage gegen Aussage, und als Steuerzahler erwarte ich, dass der Sachverhalt gründlich geklärt wird.

  9. #11 RPGNo1
    13. Juni 2021

    @JK

    Sorry, das war eine echte Freud’sche Fehlleistung. 🙂

  10. #12 borstel
    13. Juni 2021

    Warum hat eigentlich die Schrappe-Gruppe offenbar Zugang zu dem Rechnungshofbericht, und ich als Teil des Pöbels nicht? Na gut, vielleicht gerade deswegen, aber es irritiert mich schon, daß alle Welt (oder doch eher die BILD?) darüber diskutiert, und ich ihn nicht lesen kann.

    Aber unabhängig davon: Meine Erfahrungen mit den Intensivbetten sind nur eminenzbasiert, weil ich ja lediglich die Entwicklung in meinem kleinen Haus am Rande der etwas größeren Stadt teilen kann. Sei es drum: Wir hatten kaum Möglichkeiten, neue Betten zu schaffen (das ging lediglich, indem der Aufwachraum des Ops zu einem ITS-Platz umgewidmet wurde). Allerdings mußten die ITS-Betten freigehalten werden. Die Folge waren abgesagte Elektiveingriffe (z.B. Gelenkersatze), die unserem Haus einen massiven Einnahmeverlust beschert haben trotz Corona-Schirm. Weiterhin war zeitweilig das qualifizierte Personal für die ITS knapp, und zwischenzeitlich konnten nicht alle Betten offen gehalten werden. In der Hochphase der zweiten Welle waren wir sehr froh, daß es Absprachen mit Schwerpunktkrankenhäusern gab, in die wir die Patienten verlegen konnten, die so krank waren, daß sie fachlich nicht mehr gut bei uns aufgehoben waren. Zudem konnte damit wieder Platz geschaffen werden, um akut verschlechterte Patienten auf ITS zu verlegen, die sich schon in unserem Haus befanden (oder auch völlig überlasteten Nachbarhäusern abzunehmen).

    Zumindest bei uns gab es keinen Anlaß, die Bettenzahl willentlich zu reduzieren.

    • #13 Joseph Kuhn
      13. Juni 2021

      @ borstel:

      “Warum hat eigentlich die Schrappe-Gruppe offenbar Zugang zu dem Rechnungshofbericht, und ich als Teil des Pöbels nicht?”

      Wer mit dem genauen Titel des Berichts googelt, wird ihn finden. 😉

  11. #14 hto
    13. Juni 2021

    Heh Jupp, #8 ist bestenfalls ein leichtfertig-naives Glaubensbekenntnis, wenn er nicht das systemrationale Sandmännchen ist 🙂

  12. #15 stone1
    13. Juni 2021

    Der eine Kurt heißt Kurt, der andre Kurt heißt Frank

    Der ohne Helm und ohne Gurt? Der heißt Zander, aber ich glaub jetzt hab ich mich ein bisschen verwirren lassen. ; )

  13. #16 borstel
    13. Juni 2021

    @ JK: https://cdn.businessinsider.de/wp-content/uploads/2021/06/19-8745-BRH-Bericht-uber-Prufung-ausgewahlter-coronabedingter-Ausgaben-1.pdf – es gibt halt schon seltsame Wege, an den Bericht zu gelangen

    Was mir beim raschen Durchlesen des “ITS-Teils” (mit den Masken habe ich mich auch nicht beschäftigt) auffält, ist eine Vermengung zweier unterschiedlicher Komplexe: Möglicher Betrug durch falsch gemeldete Bettenzahlen bzw. bewußter Abbau vorhandender Kapazitäten und Subventionierung unrentabler Krankenhäuser. Überdies noch ein eigenartiger Verweis auf das Aushebeln der dualen Krankenhausfinanzierung durch den Bund.
    Ich verstehe, daß der Rechnungshof dieser Versuchung nicht widerstehen konnte. Aber beurteilen zu wollen, wie viele Krankenhäuser unser Land braucht, ist ein heißes Eisen, vorsichtig gesagt. Und wenn der Rechnungshof die duale Finanzierung (https://de.wikipedia.org/wiki/Duale_Finanzierung) anspricht, dann sollte er zumindest erwähnen, daß die Länder Länder diesbezüglich in der Kritik schon seit längerem stehen.

    Zur Frage der zu schaffenden ITS-Betten bzw. Umwandelung von Low-Care- zu High-Care-Betten und offenbar fehlender Nachvollziehbarkeit, ob das so stattgefunden hat: Daß es Bund und Länder nicht schaffen, klare Definitionen der Kategorien von Intensivbehandlungsplätzen vorzugeben, und daß eine Kontrolle der Krankenhausträger nicht immer erfolgt ist, ist in der Tat nicht nachvollziehbar. Dennoch erlaube ich mir, auf die FAQ des Intensivregisters zu verweisen, in denen machen Unklarheit ausgeräumt werden dürfte.
    Ein weiterer Punkt: Wenn der Rechnungshof kritisiert, daß auch Intensivbetten von Spezaileinrichtungen (konkret: Herzzentren) gemeldet und gefördert worden sind, obwohl sie nicht zur Behandlung von Covid-Patienten geeignet waren, dann stellt das aus meiner Sicht nicht nur einen kleinen Anteil von Betten dar, sondern geht auch ein Stück weit am Problem vorbei, da ja auch solche Betten zur Entlastung anderer Krankenhäuser genutzt werden können, indem Nicht-Covid-Patienten dorthin verlegt werden.

  14. #17 Staphylococcus rex
    13. Juni 2021

    Dieser Artikel wirft bei mir mehr Fragen als Antworten auf. Auf der Webseite des BRH ist der Bericht noch nicht zu finden, gleichzeitig werden einzelne Sätze in die Öffentlichkeit lanciert. In meinen Augen ist dies eine politische Kampagne und hat einen ziemlichen Beigeschmack. Der BRH hat ein hohes politisches Ansehen, die Berichte des BRH sollte man unbedingt ernst nehmen, umso bedauerlicher finde ich es, dass die Diskussion hier mangels Originalquelle ausgebremst wird.

    @JK: Bei der ad hoc Stellungnahme von Prof. Schrappe gibt es eine Ergänzungsdatei, die von Ihnen zitiert wurde:
    https://corona-netzwerk.info/wp-content/uploads/2021/06/sn3_erg1_210606_endfass.pdf
    Außerdem gibt es die Basisdatei direkt bei Prof. Schrappe:
    http://www.matthias.schrappe.com/index_htm_files/thesenpapier_adhoc3_210516_endfass.pdf

    Aufgefallen ist mir dies, weil ich mich bereits vor einiger Zeit intensiv mit dem Thesenpapier von Prof. Schrappe auseinandergesetzt habe und mir dabei auch handwerkliche Fehler in der Basisdatei aufgefallen sind:
    https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/123892/Coronakrise-Heftige-Debatte-um-Belegung-von-Intensivbetten

    Nur zum Allgemeinen Verständnis, warum brauchen Krankenhäuser überhaupt Ausgleichszahlungen? Ich kann jetzt nicht pauschal über alle Krankenhäuser reden, über den Bereich, den ich persönlich überschaue, aber schon. Covid ist nicht vergleichbar mit MRSA, seit Beginn der Pandemie wurden die Hygienemaßnahmen drastisch verstärkt, um zusätzliche Barrieren zu schaffen. Allein die Diagnostik kostet (in meinem Bereich) pro Woche pro Planbett ca. 50€, dazu kommen Kosten für persönliche Schutzausrüstung etc. Das sind Basiskosten unabhängig vom konkreten Patientenaufkommen. Dafür wäre eine Hygienepauschale notwendig.

    Wenn Covid-Patienten aufgenommen werden, beginnen die strukturellen Verwerfungen im Krankenhaus erst richtig. Es gibt wenige internistische Elektivpatienten, also werden planbare chirurgische OP’s heruntergefahren. Gleichzeitig füllt sich die ITS mit Covid-Patienten, aus räumlichen Gründen bietet es sich an die chirurgische ITS in eine Covid-ITS umzuwandeln. Damit fehlt den verbleibenden chirurgischen Stationen die Möglichkeit der post-Op Nachsorge ihrer Patienten auf ITS. Das wiederum bedeutet, jeden Morgen feilschen die Chefärzte Innere und Chirurge um jedes einzelne ITS-Bett auf der Inneren ITS. Eine gemischte ITS-Belegung (Covid+non-Covid) wäre auf dem Papier möglich, wäre aber sehr riskant, wenn zwischen Gang und ITS-Bett kein Schleusenbereich besteht. Die wenigsten Krankenhäuser in Deutschland sind durch ihre Bauplanung auf eine Seuche vorbereitet, bauliche Defizite können nur durch hohen Personaleinsatz kompensiert werden.

    Um es auf den Punkt zu bringen, wenn der Anteil der Covid-Patienten in einem Krankenhaus den Wert von 5-10% übersteigt, dann beginnt ein Transformationsprozeß, der vergleichbar ist der Transformation einer Friedenswirtschaft in eine Kriegswirtschaft. Wenn VW anstatt PKW am Fließband zu produzieren plötzlich Panzerwagen per Hand zusammenbaut, dann fällt natürlich die Produktivität und natürlich braucht es dafür Ausgleichszahlungen. Wenn der BRH feststellt: „Bei sinkender Bettenauslastung um knapp 8 Prozentpunkte wuchsen die Zahlungen der Krankenkassen für Krankenhausbehandlungen im Jahr 2020 gegenüber 2019 um 1,7 %.“ Dann haben wir hier genau den gleichen Effekt. Der Begriff Freihaltepauschale ist schlecht gewählt, die Krankenhäuser benötigen eine Kompensation für die covid-bedingten strukturellen Verwerfungen. Und natürlich ist die Gießkanne für derartige Pauschalen ungeeignet, weil unterschiedliche Regionen unterschiedlich stark betroffen sind und weil private und kommunale Träger den Versorgungsauftrag unterschiedlich interpretieren.

    Eine Ausgleichszahlung für unter 25% freie ITS-Betten ist aus meiner Sicht grober ökonomischer Unfug, weil damit der Anreiz besteht, die ITS mit postoperativen Elektivpatienten zu füllen und Covid-Patienten nach extern zu verlegen. Wenn schon 25%, dann kann man sagen, bei über 25% Covid-Patienten an der ITS-Kapazität hat man im Hintergrund strukturelle Verwerfungen der Arbeitsabläufe, die durch normale DRG-Abrechnung nicht mehr gedeckt werden können.

    Der BRH hat eine Kontrollfunktion. Wenn es aber um die Suche nach Schuldigen geht, dann sollte zuerst das Regelwerk auf seine Funktionsfähigkeit geprüft werden und nicht diejenigen bestraft werden, die unter der Epidemie und unter dem Aktionismus von Herrn Spahn besonders zu leiden haben. Für das Regelwerk der Berechnung und Verteilung der Ausgleichszahlungen ist Herr Spahn voll verantwortlich. Soweit ich es einschätzen kann, hat sich Herr Spahn zwar als Macher, nicht dagegen als Denker profiliert.

  15. #18 Staphylococcus rex
    13. Juni 2021

    Sorry für den einen kleinen Gedankensprung: Der Transformationsprozess im Krankenhaus beginnt meist damit, dass eine Station mit vielen Elektivpatienten, also meist eine chirurgische Station, in eine Covid-Normalstation umgewandelt wird. Dies wiederum hat Konsequenzen bei der Wahl der Covid-ITS, bei der Umverteilung des Personals innerhalb des Hauses und durch die fehlenden Op-Erlöse bei der Gesamtbilanz.

  16. #19 Joseph Kuhn
    17. Juni 2021

    Die Diskussion geht munter weiter:

    1. Die Verteidigung der Deutschen Krankenhausgesellschaft: https://www.dkgev.de/dkg/presse/details/fakten-widerlegen-vorwuerfe-zur-intensivbettenfrage/

    2. Ein Artikel in der FAZ, mit vielen Daten, leider hinter der Bezahlschranke: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/krankenhaeuser-in-der-corona-pandemie-das-goldene-jahr-2020-17391985.html

    3. Hartmut Reiners in Makroskop mit einer gesundheitspolitischen Kritik, leider auch hinter der Bezahlschranke: https://makroskop.eu/22-2021/jens-spahn-als-sponsor-von-apotheken-und-krankenhaeusern/