Beim Thema Pflegebedürftigkeit hat man, wenn es nicht gerade um die Pflege im Krankenhaus geht, fast unweigerlich alte Menschen vor Augen, dement, gebrechlich und vielleicht im Heim. Die Gründe sind naheliegend: Von den gut 4,1 Mio. Pflegebedürftigen, die die Pflegestatistik 2019 verzeichnet, waren fast 70 % im Alter 75 Jahre und mehr (im Heim war allerdings auch in dieser Altersgruppe nur ca. ein Viertel der Betroffenen).

In der gesundheitspolitischen Diskussion werden dadurch pflegebedürftige Kinder und Jugendliche leicht übersehen, obwohl ihre Zahl nicht wirklich vernachlässigbar ist. 2019 waren ca. 210.000 Kinder und Jugendliche im Alter unter 20 Jahren pflegebedürftig. Gegenüber 1999, dem Beginn der Pflegestatistik, sind es 125 % mehr geworden. Besonders ausgeprägt war der Anstieg 2019 gegenüber 2017 mit fast 40 %. Im gleichen Zwei-Jahreszeitraum hat die Zahl der Pflegebedürftigen insgesamt „nur“ um ca. 20 % zugenommen.

Ursache einer Pflegebedürftigkeit bei Kindern und Jugendlichen sind meist Behinderungen bzw. chronische Krankheiten. Mehr als 90 % der Betroffenen erhalten Pflegegeld, d.h. sie werden zuhause von ihren Angehörigen mit Unterstützung von Fachkräften gepflegt. Stationär betreut wurden 2019 nur 0,2 % der pflegebedürftigen Kinder und Jugendlichen.

Unabhängig vom Schweregrad der Pflegebedürftigkeit geht es immer auch darum, den Kindern und Jugendlichen eine Teilhabe am Leben in den Familien und in der Gesellschaft zu ermöglichen. Dieses Ziel wiederum eint trotz aller Unterschiede die Situation der Pflegebedürftigen in allen Altersgruppen – ein Ziel, das in der Coronakrise und der damit verbundenen Isolation pflegebedürftiger Menschen vielfach auf der Strecke blieb.

Vor kurzem ist der „Pflege-Report 2022“ von Jacobs et al. erschienen. Er hat spezielle Versorgungslagen von Menschen in der Langzeitpflege zum Thema, darunter auch die von Kindern und Jugendlichen. Weitere Schwerpunkte sind Kinder, die pflegen, die Pflege am Lebensende und die Pflege von Menschen mit körperlichen und psychischen Behinderungen. Der Report ist kostenfrei online zugänglich und er ist wie seine Vorgänger wieder als Kombination aus Fachartikeln zu den Schwerpunktthemen und einem umfangreichen Statistikteil angelegt. Grundlage des Statistikteils sind die Abrechnungsdaten der AOK, also Daten der Sozialen Pflegeversicherung. Sie liegen etwas aktueller vor als die Daten der oben verwendeten amtlichen Pflegestatistik – nämlich für 2020 – und sind auf die GKV-Versicherten insgesamt hochgerechnet.

Zusammen mit den anderen Report-Reihen, etwa dem „Fehlzeiten-Report“, dem „Krankenhaus-Report“ oder dem Arzneiverordnungs-Report“, stellt das Wissenschaftliche Institut der Ortskrankenkassen in jährlicher Aktualisierung einen breitgefächerten Daten- und Wissensfundus bereit, dem mehr gesundheitspolitische Aufmerksamkeit nur zu wünschen wäre. Es gehört wohl zu den Paradoxien im Gesundheitswesen, dass auf der einen Seite entscheidungsrelevante Daten fehlen, auf der anderen Seite eben solche Daten mitunter wenig Beachtung finden.

Kommentare (1)

  1. #1 Intensivpfleger
    2. August 2022

    Der Report zeigt ganz gut auf, dass die sich weiter verbessernde Medizin immer mehr Menschen in einem Zustand überleben lässt, der aufwändige Pflege nach sich zieht. Allerdings ist die Förderung und Entwicklung des Pflegesektors nach wie vor eine Baustelle, an die sich niemand heranwagt. Immer noch wird Pflege als Kostenfaktor gesehen, den es klein zu halten gilt.
    Ändert sich nichts grundsätzlich an dieser Haltung, muss die Gesellschaft sich endlich der Tragweite des Zögerns bewußt werden und eine Diskussion führen, die die Limitierung der vorhandenen Ressourcen thematisiert. Wenn endliche Mittel verteilt werden sollen, muss geklärt werden, wem diese Mittel zustehen.

    Ich bin schon sehr gespannt, wer diese Büchse der Pandora öffnen wird.
    Ist natürlich politischer Selbstmord, aber irgendjemand muss sich mal positionieren…