Ergebnisse des Lauschangriffs: Funkstille aus Furcht vor Orcas. Kein Anti-Jamming.

Bei ihrer Abhöraktion fanden die Biologen keinen Hinweis, dass die individuelle Beute-Begegnungsrate (prey encounter rate) abhängig von der Gruppengröße ist.
Stattdessen lassen sich aus diesem Datensatz und Sonar-Untersuchungen von Schnabelwalen folgende Verhaltensweise ableiten:

  • Die Wal-Gruppe schwimmt im engen Verband und taucht gemeinsam ab. Beim synchronisierten Abtauchen herrscht zunächst Funkstille, um keine Orcas anzulocken.
  • Die Schnabelwale gleiten dann im flachen Winkel in durchschnittlich 800 Meter Tiefe.
  • Dort angekommen, fächert sich die Herde etwas auf, dann jagt jeder Wal für sich allein. So kommt es weder zu Störungen noch Profit von den Klicks der Artgenossen.
    Allerdings bleiben sie relativ nahe beieinander und schwimmen auch in die gleiche Richtung. Das haben sowohl die Daten aus den DTAGs als auch Sonaruntersuchungen vor einigen Jahren ergeben.
  • Es gibt keine Hinweise auf Anti-Jamming, um Interferenzen aktiv zu kompensieren.
  • Nach ihrem Seafood-Menu kommt die Gruppe wieder eng zusammen und unternimmt gemeinsam den Aufstieg. So müssen sie sich nicht zum Kontakt-Halten rufen (singen, pfeifen) und machen keine Orcas auf sich aufmerksam.
  • Durch das Auftauchen weit entfernt vom Ort des Abtauchens und dem Jagdgebiet erschweren sie die Ortung durch Orcas.

Damit unterscheiden sich Schnabelwale klar von anderen akustisch und in Gruppen jagenden Säugern wie Fledermäusen:
Fledermäuse betreiben ein aktives Anti-Jamming durch ein Unterbrechen ihres Echosignals – sie pausieren beim Klicken (Anti-Jamming: increasing periods of silence –  die Signal-Unterbrechung zur Vermeidung einer Störung). Das könnte zum Abbruch einer Verfolgungsjagd und letztendlich zum Verlust der Beute führen. Da die kleinen Flugsäuger aber die ganze Nacht zum Jagen nutzen können, ist dieser Verlust wohl verschmerzbar.

Die Schnabelwale hingegen müssen für ihren tiefen Tauchgang enorm viel Energie aufwenden, da könnte das Entkommen einzelner Beutetiere schon ein Problem darstellen. Darum unterbrechen die einzelnen Individuen Ihre Echolokationsklicks zur Ortung der Beute nicht. Die einzelnen Jagdphasen der Schnabelwale umfassen ja nur 20 bis 30 Minuten pro einer oder eineinhalbstündiger Tauchgänge. Da wäre der Energieverlust durch den Verlust einer avisierten Beute zu hoch.

Zwischen der Gruppengröße und der Klick-Produktionsrate besteht bei Schnabelwalen offenbar kein Zusammenhang. Ganz im Gegenteil zu Delfinartigen wie Orcas und Großen Tümmlern, wo eine direkte Korrelation zwischen den Klickraten und der Gruppengröße nachgewiesen ist:
Mit zunehmender Gruppengröße nimmt die Klickrate pro Individuum ab. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Individuen ihre Klick Produktion reduzieren und mehr den Klicks und Echos anderer Gruppenmitglieder lauschen und diese direkt für sich nutzen.

Diese unterschiedlichen Ergebnisse für Delfinartige und Schnabelwale können mit Unterschieden im Verhalten und ihrer trophischen Nische erklärt werden:
Die fischfressenden Orcas und Großen Tümmler (Tursiops truncatus) jagen meist in flachen Gewässern und koordinieren dabei oft ihre Jagd, etwa indem sie einen Schwarm Fische zusammentreiben oder auf den Strand treiben, um die einzelnen Fische dann leichter zu schnappen. Gerade im flachen Wasser ergeben Klicks noch mehr und lautere Echos – die Zahnwale könnten auch deshalb weniger klicken, um eine für sie ohrenbetäubende Kakaphonie zu vermeiden. Die vorhandenen Echos reichen auf jeden Fall aus, um genug Fische zu erkennen.

Die Schnabelwale hingegen jagen in kleinen Gruppen und großen Tiefen von 800 Metern oder mehr. Darum ist die Gefahr von zu viel Lärm dort eher unwahrscheinlich. Darum ist es dort sinnvoller, dass jeder Wal für sich klickt, um die größtmögliche Protein-Portion zu erbeuten.

Allerdings, so Alcazar-Trevino, könnten diese unterschiedlichen Ergebnisse aber auch ein Artefakt aus den unterschiedlichen Untersuchungsmethoden sein, die sich bei der Erforschung von Flachwasser- und Tiefwasser-Jägern signifikant unterscheidet.

Schnabelwale jagen also nicht als miteinander agierendes Rudel wie etwa Große Tümmler oder Orcas, sondern jeder für sich allein. Dennoch sind sie als Gruppe unterwegs und koordinieren ihr Verhalten. Darin könnte der Grund für ihre relativ kleinen Familiengruppen liegen, denn in einer größeren Gruppe wäre dieses Verhalten nicht praktikabel – die Gruppe würde zu unübersichtlich.

1 / 2 / 3 / 4

Kommentare (4)

  1. #1 Kerberos
    12. Januar 2021

    Hmmmm,
    wie genau funktionieren eigentlich Hörorgane und vor allem
    Stimme bei diesen tieftauchenden Walen?
    Was das Hören betrifft, sehe ich geringere Probleme,
    da vermutlich der gesamte Hörgang bis zur Schnecke mit
    Seewasser oder einer Hilfsflüssigkeit gefüllt sein dürfte.
    Amboss und Steigbügel sind überflüssig, da die Akkomodation
    von Luft- auf Flüssigschall entfällt.
    Schwieriger finde ich die Schallerzeugung, beim Surfen fand
    ich nur Beispiele für Bartenwale, da werden wohl im Atemapparat
    die “Gesänge” erzeugt.
    Aber bei 1000 m Tiefe (=100 bar) ist das Restvolumen der
    Atemluft auf 1/100 stel des Volumens an der Oberfäche
    komprimiert.
    Oder ist das entscheidend, um die sehr hohen Frequenzen
    erzeugen zu können?
    Funktioniert das nur in der Tiefe, und sind diese
    Klicks an der Oberfäche gar nicht möglich?
    Ratlos

  2. #3 Kerberos
    14. Januar 2021

    Hallo Fr. Wurche,
    vielen Dank für die ausführliche Antwort die Links.
    Es ist mir aber immer noch nicht klar, ob da Reste
    von “Atemluft” bei der Schallerzeugung in großen
    Tiefen eine Rolle spielen.
    Evtl. wird Flüssigkeit zwischen den Stimmlippen
    der Pottwale durchgepresst?

    • #4 Bettina Wurche
      14. Januar 2021

      @Kerberos: Nach allem, was ich dazu weiß, nehmen Pottwale (wohl auch andere Wale) nur in der knorpelig verstärkten Luftröhre (Trachea) einen Rest Luft mit. Der muss dann wohl zum Klicken reichen.
      Auch in der Tiefe. Pottwale und Schnabelwale haben sich seit über 30 Mio Jahren an diese spezielle Tieftauch-Situation angepaßt.

      Haben Sie von den links etwas gelesen?
      In den Atemwegen ist NIEMALS Flüssigkeit – daran würde ein Säugetier ertrinken.
      Die phonic lips funktionieren mit dem Luftstrom.

      Die Erforschung des Atemtrakts geschieht überwiegend an toten Walen. Da wüssten gern eine Reihe von Leuten, welche Rolle der Rest Atemluft spielt. Huggenberger/Oelschläger haben den konservierten Kopf eines gestrandeten Pottwal-Baby in Scheiben geschnitten und dann die Gewebe untersucht und in 3 D rekonstruiert. Das ist nach meinem Wissen die neueste und ausführlichste Arbeit dazu, der Spektrum-Artikel ist die einfache Version von Dr. Huggenbergers Doktorarbeit. Herr Prof. Oelschläger ist allerdings ein ausgewiesener Wal-Anatom, darum messe ich dieser Arbeit viel Gewicht bei.

      Hier ist eine frei zugängliche Abbildung:
      https://www.semanticscholar.org/paper/The-nose-of-the-sperm-whale%3A-overviews-of-design%2C-Huggenberger-Andr%C3%A9/8d52f140cf69b87d6864ba1eabd1acd733078a6d/figure/6

      Das Problem bei dieser Forschung ist: niemand kann die Bewegungen direkt beobachten bzw. am lebenden klickenden Pottwal eine CTD machen. Über die DTAGs wissen wir aber, dass die Wale in der Tiefe klicken. Es muss also funktionieren.
      Mehr haben wir bisher nicht.